Hamburg

StadtRAD und E-Scooter: Wie du Hamburg flexibel auf zwei Rädern eroberst

Schnapp dir eines der allgegenwärtigen roten Fahrräder oder einen elektrischen Tretroller und spür den Fahrtwind direkt im Gesicht.

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Zwischenablage

Wenn du in Hamburg ankommst, wirst du sie fast augenblicklich bemerken. Sie stehen an fast jeder Kreuzung, vor U-Bahn-Stationen und manchmal in endlos wirkenden Reihen an touristischen Hotspots. Die Rede ist von den knallroten Fahrrädern des Systems StadtRAD. Es handelt sich hierbei nicht nur um irgendein Verleihsystem, sondern um eine Institution, die zum Stadtbild gehört wie der Michel oder das Franzbrötchen. Betrieben von der Deutschen Bahn, ist die Flotte riesig und die Verfügbarkeit dementsprechend hoch.

Das Fahrgefühl auf diesen Rädern ist allerdings speziell. Man muss ehrlich sein: Es sind Panzer. Die Konstruktion ist massiv, die Reifen sind breit und das Eigengewicht ist beachtlich. Wer hier leichtfüßiges Dahingleiten erwartet, wird vielleicht überrascht sein. Doch genau diese Robustheit macht sie perfekt für den rauen Hamburger Alltag. Sie liegen satt auf der Straße, und selbst wenn du mal über eine Bordsteinkante rumpelst, nimmt das Rad es dir nicht übel. Ein kleines Display am Lenker zeigt dir alles Nötige an, und die Gangschaltung, meist eine simple Nabenschaltung, reicht für das flache Hamburger Terrain völlig aus. Berge sucht man hier vergeblich, die einzige wirkliche Steigung ist der Köhlbrand, und da willst du mit dem StadtRAD eh nicht hin.

Der eigentliche Clou an der Sache ist das Preismodell. Hier wird es interessant für den Geldbeutel. Die ersten dreißig Minuten jeder Fahrt sind komplett kostenlos. Das ist kein Lockangebot, sondern Dauerzustand. Du kannst also theoretisch den ganzen Tag durch die Stadt fahren, solange du das Rad alle halbe Stunde an einer Station andockst, kurz wartest und ein neues ausleihst. Die Einheimischen machen das ständig. Es erfordert ein wenig Planung, aber die App zeigt dir zuverlässig die nächste Station an. Nach der halben Stunde fallen Gebühren an, die aber im Vergleich zu anderen Städten moderat bleiben. Eine jährliche Gebühr, die fast komplett als Fahrtguthaben verrechnet wird, macht den Einstieg leicht.

Kurz & Kompakt
  • StadtRAD-Trick: Die ersten 30 Minuten jeder Fahrt sind kostenlos. Wenn du das Rad an einer Station zurückgibst und ein paar Minuten wartest, kannst du ein neues Rad leihen und hast wieder 30 Freiminuten. Die Jahresgebühr von 5 Euro wird oft komplett als Startguthaben verrechnet.
  • Geofencing beachten: E-Scooter können nicht überall abgestellt werden. In der App sind rote Zonen markiert (z.B. Parks, Reeperbahn am Wochenende, direkt am Wasser). Dort lässt sich die Miete nicht beenden, und die Kosten laufen weiter.
  • Vorsicht Schienen: Hamburg hat viele eingelassene Gleise im Straßenbelag. Überquere diese immer in einem möglichst stumpfen Winkel, um Stürze zu vermeiden – besonders bei Nässe sind sie extrem rutschig.

Der elektrische Summens: Die Scooter-Invasion

Neben der roten Fahrrad-Armee hat sich in den letzten Jahren eine zweite Spezies auf den Gehwegen breitgemacht. E-Scooter von Lime, Tier, Bolt oder Voi stehen an vielen Ecken bereit. Während die StadtRäder feste Stationen haben, funktionieren die Scooter nach dem Free-Floating-Prinzip. Zumindest theoretisch. In der Praxis hat die Stadtverwaltung mittlerweile Zonen eingerichtet, in denen das Abstellen verboten ist, um das Chaos auf den Bürgersteigen einzudämmen. Besonders in der Innenstadt und rund um die Binnenalster gibt es nun feste Parkflächen, die in den Apps markiert sind. Wer versucht, den Roller außerhalb dieser Bereiche abzugeben, dem läuft die Gebührenuhr gnadenlos weiter.

Das Fahren selbst macht Laune, das muss man zugeben. Man steht auf dem Trittbrett, drückt den Daumenhebel nach unten und surrt fast lautlos davon. Es hat etwas Futuristsches, wenn man an den im Stau stehenden Autos vorbeizieht. Doch Vorsicht ist geboten. Die kleinen Räder der Scooter sind anfällig für Schlaglöcher, und davon hat Hamburg einige. Besonders tückisch sind die nassen Blätter im Herbst, die das Bremsmanöver schnell in eine Rutschpartie verwandeln können.

Preislich spielen die Scooter in einer anderen Liga als das StadtRAD. Meist fällt eine Gebühr zum Entsperren an, danach wird minutengenau abgerechnet. Eine entspannte Fahrt von der Reeperbahn zur Elbphilharmonie kann da schnell so viel kosten wie ein Fischbrötchen mit Extra-Krabben. Man sollte die Kosten im Blick behalten oder nach Tagespässen in den jeweiligen Apps Ausschau halten, wenn man plant, viel zu fahren.

Tücken des Terrains: Kopfsteinpflaster und Schienen

Hamburg ist eine alte Stadt, und das spürt man unter den Reifen. Wer sich in die historische Speicherstadt wagt, wird schnell merken, was gemeint ist. Das dort verlegte Kopfsteinpflaster sieht auf Fotos romantisch aus, ist aber der natürliche Feind jedes E-Scooter-Fahrers. Es rüttelt einen so sehr durch, dass man Angst um seine Zahnfüllungen bekommt. Mit dem StadtRAD und seinen ballonartigen Reifen ist das erträglicher, aber immer noch kein Vergnügen. Hier lohnt es sich, langsam zu fahren oder auf die asphaltierten Streifen auszuweichen, sofern vorhanden.

Ein weiteres Hindernis sind die allgegenwärtigen Schienen, nicht nur von der Bahn, sondern auch Reste alter Hafenbahnen, die noch im Boden eingelassen sind. Besonders bei Nässe – und in Hamburg regnet es statistisch gesehen doch recht häufig – werden diese Metallstreifen zu Glatteisbahnen. Überquere sie immer in einem möglichst stumpfen Winkel. Wer parallel in eine Schiene gerät, liegt schneller auf der Nase, als er "Moin" sagen kann.

Vom Winde verweht: Das Wetter als Mitfahrer

Man kann über Hamburger Mobilität nicht schreiben, ohne das Wetter zu erwähnen. Der Wind kommt hier meist von vorne, egal in welche Richtung man fährt. Das ist ein Naturgesetz im Norden. An der Alster oder direkt an der Elbe kann eine steife Brise das Vorankommen mühsam machen. Auf dem E-Scooter stehst du nur und lässt den Motor arbeiten, was bei Gegenwind durchaus angenehm ist. Auf dem schweren StadtRAD hingegen musst du ordentlich in die Pedale treten. Sieh es als kostenloses Workout an.

Regen gehört dazu. Die Sättel der StadtRäder sind oft nass. Ein Taschentuch oder ein Ärmel zum Abwischen sollte immer parat sein. Manche Profis haben sogar einen Sattelschoner dabei. Die Griffe der Scooter können rutschig werden, und die Sicht durch eine verregnete Brille ist eingeschränkt. Die Hamburger ziehen sich dann einfach die Kapuze tiefer ins Gesicht und fahren weiter. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung, heißt es hier so schön. Und tatsächlich hat eine Fahrt durch den Nieselregen am Hafen eine ganz eigene, melancholische Schönheit, die man im trockenen Taxi niemals erleben würde.

Die schönsten Strecken für zwei Räder

Wo soll es nun hingehen? Eine klassische Runde ist die Außenalster. Der Weg ist fast durchgehend flach, gut ausgebaut und bietet Ausblicke auf weiße Segelboote und teure Villen, die man sich im nächsten Leben vielleicht leisten kann. Hier teilst du dir den Weg allerdings mit vielen Joggern, Spaziergängern und anderen Radlern. Rücksichtnahme ist oberstes Gebot. Klingeln hilft, aber ein freundliches Rufen ist oft effektiver.

Etwas rauer und urbaner geht es im Schanzenviertel und auf St. Pauli zu. Hier schlängelst du dich durch enge Straßen, vorbei an Graffitis und Kneipen. Der Geruch von Falafel und Bier liegt in der Luft. Aber Achtung: Auf der Reeperbahn selbst ist das Fahren oft eingeschränkt, besonders an Wochenenden. Außerdem liegen hier oft Glasscherben, die den Reifen gefährlich werden können. Besser ist es, die Nebenstraßen zu nutzen.

Für eine längere Tour bietet sich der Elberadweg Richtung Övelgönne an. Vorbei am Fischmarkt, immer am Wasser entlang. Der Blick auf die Hafenkräne auf der anderen Elbseite ist gigantisch. Irgendwann kommt man zum Museumshafen, wo alte Kähne vor sich hin dümpeln. Hier muss man teilweise absteigen und schieben, da es eng wird, aber der Charme dieser Ecke ist unschlagbar. Weiter westlich wird es dann grün und fast schon dörflich.

Regeln und Realität

Deutschland ist das Land der Regeln, und auch in Hamburg gilt die Straßenverkehrsordnung. Gehwege sind für Fahrräder und E-Scooter tabu, es sei denn, sie sind ausdrücklich freigegeben. Die Polizei kontrolliert das, besonders zu Saisonbeginn, recht streng. Und es wird teuer. Nutze die Radwege oder die Straße. Viele Straßen in Wohnvierteln sind mittlerweile als Fahrradstraßen ausgewiesen, wo Radler Vorrang haben und nebeneinander fahren dürfen. Autofahrer wissen das meistens, aber blind darauf verlassen sollte man sich nicht.

Alkohol am Lenker ist ebenfalls ein heikles Thema. Die Promillegrenzen für E-Scooter sind dieselben wie für Autofahrer. Wer nach einer Kieztour betrunken auf den Roller steigt, riskiert seinen Führerschein. Beim Fahrrad sind die Grenzen etwas lockerer, aber wer Schlangenlinien fährt, wird auch hier aus dem Verkehr gezogen. Nimm im Zweifel lieber den Nachtbus oder ein Moia-Sammeltaxi.

App-Chaos und Anmeldung

Bevor es losgeht, steht der digitale Hürdenlauf an. Für das StadtRAD musst du dich einmalig registrieren. Das geht fix über die App, erfordert aber eine Kreditkarte oder Bankverbindung. Für die Scooter brauchst du die App des jeweiligen Anbieters. Da man nie weiß, welcher Roller gerade vor der Nase steht, enden die meisten Besucher damit, drei oder vier verschiedene Apps auf dem Handy zu haben. Ein kleiner Tipp: Manche Apps wie "Free Now" bündeln verschiedene Anbieter, was den Bildschirm etwas aufräumt.

Die Verfügbarkeit ist selten ein Problem. Eher das Gegenteil. Manchmal stolpert man fast über die Dinger. Wenn du einen Roller oder ein Rad abstellst, achte darauf, dass es niemanden behindert. Nichts ärgert die Hamburger mehr als Touristen, die den Gehweg blockieren. Stell das Gefährt an den Rand, parallel zur Straße, und alle bleiben entspannt.

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