Hamburg

Das Portugiesenviertel: Mediterranes Urlaubsflair und frischer Fisch direkt am Hafen

In den engen Gassen unterhalb des Michels wartet ein Stück Portugal, das so lebendig und laut ist, dass man die norddeutsche Zurückhaltung für ein paar Stunden an der Garderobe abgeben darf.

Hamburg  |  Essen, Trinken & Nachtleben
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Zwischenablage

Wer an den Landungsbrücken steht und den Blick von den dicken Pötten auf der Elbe abwendet, muss nur einmal die breite Straße überqueren. Schon verändert sich die Stadt. Es ist kaum hundert Meter Luftlinie vom dröhnenden Hafenverkehr entfernt, doch die Atmosphäre kippt augenblicklich. Hier in der südlichen Neustadt scheint die Sonne gefühlt immer ein paar Grad wärmer zu sein. Das Portugiesenviertel ist kein Ort für leise Töne oder sterile Fassaden. Es ist ein lebender Organismus. Kellner balancieren riesige Tabletts mit Meeresfrüchten durch die eng gestellten Tischreihen auf den Gehwegen. Stimmengewirr hallt von den fünfstöckigen Ziegelbauten wider. Man hört Teller klappern. Es ist laut. Es ist eng. Und genau das macht den Reiz aus.

Du wirst hier keine riesigen Sehenswürdigkeiten finden, die man auf einer Liste abhaken muss. Das Viertel selbst ist das Ereignis. Man kommt hierher, um zu essen, zu trinken und vor allem, um zu schauen. Es ist ein bisschen wie in einem Theaterstück, bei dem das Publikum auf der Straße sitzt und die Kulisse aus Restaurants und Cafés besteht. Besonders an lauen Sommerabenden platzt das Viertel aus allen Nähten. Wer hier einen Platz in der ersten Reihe ergattern will, braucht Geduld oder gute Beziehungen zum Oberkellner. Aber auch im Winter hat der Kiez seinen Charme, wenn die Scheiben beschlagen sind und es drinnen nach warmem Puddingtörtchen duftet.

Kurz & Kompakt
  • Lage und Anfahrt: Das Viertel liegt in der südlichen Neustadt, direkt oberhalb der Landungsbrücken. Am besten erreichbar ist es mit der U Bahn oder S Bahn bis zur Station Landungsbrücken oder Baumwall. Parkplätze sind extrem rar und sollten gar nicht erst gesucht werden.
  • Beste Zeit: Wer die volle Atmosphäre will, kommt an einem lauen Sommerabend ab achtzehn Uhr. Für entspannte Genießer empfiehlt sich der Vormittag unter der Woche für Kaffee und Gebäck, wenn die Gassen noch den Lieferanten gehören.
  • Kulinarisches Pflichtprogramm: Unbedingt den Vinho Verde aus der Schale probieren und zum Nachtisch ein Pastel de Nata essen. Beim Fisch gilt: Je einfacher die Zubereitung, desto frischer meist die Ware.
  • Besonderheit: Achte auf die nordischen Seemannskirchen in der Ditmar Koel Straße. Sie bilden einen faszinierenden kulturellen Kontrast zur mediterranen Gastronomie ringsum.

Wo der Norden auf den Süden prallt

Es mag paradox klingen, aber mitten in diesem südländischen Trubel schlägt das religiöse Herz Skandinaviens. Das ist so eine typische Hamburger Eigenart, über die man leicht hinwegsieht, wenn man nur auf die Speisekarten schielt. In der Ditmar Koel Straße reihen sich die Seemannskirchen der nordischen Länder aneinander. Da stehen die dänische Benediktekirken, die norwegische und die schwedische Kirche sowie die finnische Seemannskirche fast Schulter an Schulter. Backsteinarchitektur trifft auf Azulejos, die typischen portugiesischen Fliesen. Das ist kein Zufall der Stadtplanung, sondern historisch gewachsen. Früher war dies das Viertel der Seeleute, die im Hafen ankerten und geistlichen Beistand oder einfach nur ein Stück Heimat suchten.

Wenn du genau hinschaust, siehst du die feinen Unterschiede. Die skandinavischen Kirchen wirken oft nüchterner, fast trutzig, während ein paar Meter weiter das südländische Leben tobt. Spannend ist dabei, dass diese Kirchen heute weit mehr sind als nur Museen oder Gotteshäuser. Sie sind Kulturzentren. Besonders die schwedische Kirche ist berühmt für ihren Weihnachtsmarkt, und in der finnischen Kirche saunieren die Leute tatsächlich im Keller. Diese Mischung aus nordischer Kühle und mediterranem Temperament auf so engem Raum gibt es wohl nur hier. Man kann quasi Grünkohl essen und danach für einen Espresso nach Lissabon spazieren, ohne mehr als drei Häuserblocks zu durchqueren.

Die Geschichte hinter dem Knoblauchduft

Warum eigentlich Portugiesen? Und warum gerade hier? Die Geschichte beginnt in den siebziger Jahren. Portugiesische Einwanderer kamen als Gastarbeiter nach Hamburg und suchten bezahlbaren Wohnraum. Die südliche Neustadt war damals alles andere als schick. Die Häuser waren alt, der Hafenlärm allgegenwärtig und die Mieten niedrig. Viele arbeiteten im Hafen oder in der Gastronomie. Irgendwann eröffnete das erste portugiesische Lokal, eigentlich eher als Treffpunkt für die Landsleute gedacht, um Nachrichten aus der Heimat auszutauschen und Fußball zu schauen. Der Rest ist Legende.

Die Hamburger entdeckten, dass man hier für wenig Geld exzellent Fisch essen konnte. Es sprach sich herum. Aus einem Lokal wurden zwei, dann drei, dann viele. Heute ist die Dichte an portugiesischen und spanischen Restaurants hier vermutlich die höchste in ganz Deutschland. Kritische Stimmen unken manchmal, das Viertel sei Opfer seines eigenen Erfolgs geworden. Ja, es ist touristisch. Ja, am Wochenende schieben sich Reisegruppen durch die Rambachstraße. Aber wer behauptet, das Viertel habe seine Seele verloren, der war lange nicht mehr morgens um acht hier, wenn die Lieferanten kistenweise frische Doraden ausladen und die alten Männer ihren ersten Bica, den starken portugiesischen Espresso, am Tresen trinken.

Kulinarische Strategien für Genießer

Lass uns über das Essen reden, denn sind wir ehrlich, deswegen bist du hier. Die Auswahl kann erschlagen. Es gibt Dutzende Restaurants, und auf den ersten Blick sehen alle gleich aus. Überall liegen Fische auf Eis in den Vitrinen, überall stehen Weinflaschen auf den Tischen. Ein kleiner Tipp unter Freunden: Meide die Läden, wo die Speisekarten laminiert sind und Bilder von Schnitzeln neben den Tapas kleben. Das ist meistens ein Zeichen für Massenabfertigung. Suche stattdessen nach den Orten, wo es laut ist, wo die Tische wackeln und wo das Personal kaum Deutsch, dafür aber lautstark Portugiesisch spricht.

Der Klassiker ist natürlich frischer Fisch. Gegrillte Sardinen sind einfach, aber ehrlich. Sie kommen oft nur mit etwas grobem Meersalz, Zitrone und vielleicht ein paar runzligen Kartoffeln. Mehr braucht es nicht. Dazu gehört zwingend ein Vinho Verde. Dieser junge, leicht moussierende Weißwein wird hier nicht in feinen Kelchen, sondern oft in Keramikschalen serviert. Das trinkt sich gefährlich leicht weg wie Limonade. Vorsicht ist geboten.

Wer nur für einen Snack kommt, sollte sich an die Tapas halten. Pimientos de Padrón, also diese kleinen grünen Paprikaschoten, die meistens mild sind, aber hin und wieder höllisch scharf sein können, gehören zum Standard. Chorizo in Rotwein, Gambas in brutzelndem Knoblauchöl. Man bestellt einfach den Tisch voll und teilt alles. Das ist kommunikatives Essen. Man kommt ins Gespräch, kleckert mit dem Öl auf die Papiertischdecke und ist glücklich.

Süße Sünden und der perfekte Start in den Tag

Das Portugiesenviertel kann aber auch Frühstück. Und wie. Vergiss das klassische Brötchen mit Mett. Hier startet der Tag süß und cremig. Das Zauberwort heißt Galao. Das ist die portugiesische Antwort auf den Milchkaffee, serviert im Glas, heiß und milchig. Dazu gehört fast zwangsläufig ein Pastel de Nata. Diese kleinen Blätterteigtörtchen mit Puddingfüllung, oben leicht karamellisiert und mit Zimt bestreut, machen süchtig. Es gibt Hamburger, die fahren quer durch die Stadt, nur um sich in der Milchstraße oder der Ditmar Koel Straße ihren morgendlichen Zuckerstoß zu holen.

Manche Cafés hier backen die Törtchen mehrmals täglich frisch. Wenn du Glück hast und eines erwischt, das noch warm ist, verstehst du sofort, warum diese Dinger Weltruhm erlangt haben. Der Blätterteig kracht leise beim Reinbeißen, die Creme ist noch weich. Es ist ein Gedicht. Setz dich damit ans Fenster, schau dem Treiben auf der Straße zu und fühl dich kurz wie in Porto, auch wenn draußen das Hamburger Schmuddelwetter regiert.

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