Berlin

Neukölln Unplugged: Wo die Nächte lang sind zwischen Hipster-Cafés und Sonnenallee

Neukölln ist laut, dreckig und dabei unwiderstehlich lebendig. Wer hierher kommt, sucht keine Postkartenidylle, sondern das pralle Berliner Leben zwischen klebrigem Baklava und herbem Craft Beer. Mach dich bereit für einen Stadtteil, der dich fordert und niemals schläft.

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Zwischenablage

Du steigst aus der U7 am Hermannplatz und wirst sofort von einer Wand aus Geräuschen getroffen. Es ist selten still hier. Autos hupen in einer Frequenz, die fast schon musikalisch wirkt, während Marktverkäufer ihre Waren anpreisen. Der Platz selbst gewinnt sicher keinen Schönheitspreis. Beton dominiert die Szenerie. Doch genau hier beginnt das Verständnis für diesen Bezirk. Man steht zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite das imposante Karstadt Gebäude, ein Überbleibsel alter Warenhausarchitektur, auf der anderen Seite der wilde Mix aus Imbissbuden und hektischen Passanten. Die Luft riecht oft nach einer Mischung aus Abgasen und gebrannten Mandeln. Es ist dieser spezielle Neuköllner Duft, den man entweder liebt oder der einen sofort wieder in die U Bahn treibt.

Wenn du den Blick hebst, siehst du die Diversität Berlins in ihrer reinsten Form. Hier schiebt die türkische Großmutter ihren Einkaufstrolley neben dem Studenten aus Spanien, der gerade sein erstes WG Zimmer bezogen hat. Keiner achtet wirklich auf den anderen, und doch funktioniert das Chaos irgendwie. Es ist ein Organismus. Rempeleien gehören dazu, ein kurzes Murren, weiter geht es. Wer hier stehenbleibt, verliert.

Kurz & Kompakt
  • Beste Aussicht: Der Klunkerkranich auf dem Dach der Neukölln Arcaden bietet, wenn man die Schlange am Eingang überwindet, den wohl entspanntesten Blick über die Dächer der Stadt bei Sonnenuntergang.
  • Kulinarik Tipp: Verlasse die Hauptstraßen. In den unscheinbaren Seitenstraßen der Sonnenallee verstecken sich oft die besten syrischen Konditoreien und sudanesischen Imbisse, die noch wirkliche Geheimtipps sind.
  • Markttag: Der Wochenmarkt am Maybachufer ist zwar touristisch voll, aber gegen 17 Uhr, kurz vor Abbau, kann man dort die besten Schnäppchen bei Obst und Gemüse machen, wenn die Händler alles raushauen.

Kreuzkölln und das Landwehrkanal Idyll

Nur ein paar hundert Meter weiter nördlich ändert sich die Atmosphäre schlagartig. Du läufst Richtung Landwehrkanal, hinein in das Gebiet, das Immobilienmakler gerne Kreuzkölln nennen. Die Grenzen zwischen Kreuzberg und Neukölln verschwimmen hier am Maybachufer. Dienstags und freitags drängen sich die Massen über den Türkenmarkt. Es wird gefeilscht. Stoffbahnen flattern im Wind. Die Händler rufen Preise für Avocados und Fladenbrot, die so niedrig sind, dass man kurz stutzt. Dazwischen versuchen Touristen krampfhaft, das perfekte Foto für Instagram zu schießen, ohne von einem der ruppigen Lieferwagen überrollt zu werden.

An den kanalfreien Tagen wirkt das Maybachufer fast friedlich. Man sitzt auf den Pollern am Wasser, die Beine baumeln über der Kaimauer. Ein Schwan zieht aggressiv seine Runden und wartet auf Brotkrumen. Im Rücken hast du eine Reihe von Cafés, die exemplarisch für den Wandel des Bezirks stehen. Statt der klassischen Berliner Eckkneipe, wo das Bier schon morgens um zehn über den Tresen geht, dominieren hier Hafermilch und Laptop Nomaden. Die Wände sind oft unverputzt, das Mobiliar sieht aus wie vom Sperrmüll gerettet, kostet aber ein Vermögen. Man trinkt hier keinen Filterkaffee, sondern Hand Brew. Das Publikum ist international. Englisch ist die eigentliche Amtssprache in diesen Blocks. Manchmal fühlt es sich an, als sei man gar nicht mehr in Deutschland, sondern in einem globalisierten Hipster Dorf, das zufällig in Berlin gelandet ist.

Die Weserstraße: Neuköllns langes Wohnzimmer

Biegt man in die Weserstraße ein, wird es abends interessant. Früher war das eine ruhige Wohnstraße, heute reiht sich Bar an Bar. Das Phänomen ist bemerkenswert. Tagsüber wirkt die Straße fast verschlafen, mit heruntergelassenen Rollläden und grauen Fassaden. Sobald die Sonne untergeht, öffnen sich die Türen. Kerzenlicht flackert auf den Gehsteigen. Man sitzt draußen, egal wie kalt es ist. Die Berliner Decke, jener graue Hochnebel, der oft über der Stadt hängt, scheint hier niemanden zu stören.

Die Bars hier haben Namen, die oft keinen Sinn ergeben oder absichtlich skurril klingen. Man trinkt lokales Bier oder komplizierte Cocktails mit Kräutern, von denen man noch nie gehört hat. Spannend ist dabei, dass trotz der Gentrifizierung noch Reste der alten Welt existieren. Zwischen den veganen Restaurants und den Vintage Läden findet sich hie und da noch eine Spielhalle mit verklebten Fensterscheiben. Ein alter Mann führt seinen Dackel spazieren und schimpft leise über die Glasscherben auf dem Weg. Diese Reibung macht den Reiz aus. Es ist noch nicht alles glattpoliert. Der Putz bröckelt tatsächlich, er ist nicht nur Designelement.

Sonnenallee: Ein Fest für die Sinne

Ganz anders die Sonnenallee. Sie ist die Hauptschlagader des arabischen Lebens in Berlin. Wer Hunger hat, ist hier richtig. Es duftet intensiv nach Holzkohlegrill, Kardamom und frittierten Kichererbsen. Die Dichte an Restaurants ist absurd hoch. Bei Azzam oder Al Andalos steht man oft Schlange, um einen Teller Hummus zu bekommen, der so cremig ist, dass er fast als Suppe durchgeht. Die Preise sind stabil geblieben, während sie anderswo explodieren. Für wenig Geld wird man hier nicht nur satt, sondern glücklich.

Der Lärmpegel ist hoch. Autos parken in zweiter oder dritter Reihe, die Warnblinkanlage ist das wichtigste Feature am Fahrzeug. Hochzeitskonvois blockieren gerne mal die Kreuzung, Hupkonzerte inklusive. Man muss diese Energie mögen. Wer Ruhe sucht, ist auf der Sonnenallee falsch. Die Schaufenster sind voll mit goldenen Möbeln, Brautkleidern, die mehr Glitzer tragen als eine Diskokugel, und Bäckereien, in denen sich Baklava Berge türmen. Ein Bissen davon, und der Zuckerwert im Blut schießt in ungeahnte Höhen. Es ist klebrig, süß und verdammt lecker. Hier spürst du die Dynamik der Migration, die diesen Stadtteil seit Jahrzehnten prägt und am Leben hält.

Zeitreise in Rixdorf

Nur wenige Schritte entfernt liegt ein Ort, der wirkt, als hätte jemand die Zeit angehalten. Rixdorf rund um den Richardplatz ist das historische Herz Neuköllns. Kopfsteinpflaster, das so uneben ist, dass jeder Fahrradfahrer flucht. Kleine Häuser, die eher an ein brandenburgisches Dorf erinnern als an eine Metropole. Tatsächlich war dies früher ein böhmisches Dorf, gegründet von Glaubensflüchtlingen. Die Stimmung ist gedämpft, fast andächtig.

In der alten Schmiede am Platz glüht manchmal noch das Feuer. Es gibt hier keine Leuchtreklamen. Stattdessen findet man Gaslaternen, die am Abend ein gelbliches, warmes Licht werfen. Man erwartet fast, dass eine Pferdekutsche um die Ecke biegt. Ein Highlight ist der Comenius Garten, eine kleine Oase der Philosophie und Botanik. Hier setzt du dich auf eine Bank und hörst plötzlich Vögel zwitschern, ein Geräusch, das am Hermannplatz völlig undenkbar wäre. Rixdorf ist der Beweis dafür, dass Berlin Neukölln viele Gesichter hat. Es ist der Rückzugsort für die Anwohner, wenn ihnen der Trubel auf der Karl Marx Straße zu viel wird.

Der Schillerkiez und das weite Feld

Bewegt man sich weiter Richtung Westen, landet man im Schillerkiez. Breite Straßen, Bäume, Altbauten mit Stuck. Früher war das eine Einflugschneise, der Lärm des Flughafens Tempelhof war ohrenbetäubend. Seit der Flughafen dicht ist, sind die Mieten hier durch die Decke gegangen. Die Cafés sind voll mit jungen Eltern, die Kinderwagen sehen aus wie Geländewagen. Doch der eigentliche Star ist das Tempelhofer Feld direkt vor der Haustür.

Wenn du das Feld betrittst, spürst du eine Freiheit, die in einer so dicht bebauten Stadt eigentlich unmöglich sein sollte. Der Himmel ist riesig. Der Wind pfeift ungebremst über die ehemaligen Startbahnen. Skater ziehen ihre Bahnen, Leute grillen (manchmal legal, oft im Graubereich), Gärtner pflegen ihre Parzellen in den Gemeinschaftsgärten. Es riecht nach trockenem Gras und Sommerregen. Hier draußen fällt der Stress der engen Gassen von dir ab. Man sieht den Fernsehturm in der Ferne wie einen Leuchtturm stehen. Es ist der perfekte Ort, um den Sonnenuntergang zu beobachten, mit einem billigen Bier vom Späti in der Hand. Das ist vielleicht der ehrlichste Luxus, den Berlin zu bieten hat: Platz.

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