Hamburg

Marktzeit in der Rindermarkthalle: Schlemmen und Shoppen unter einem Dach

In der alten Rindermarkthalle dampfen heute die Töpfe der Welt und der Wocheneinkauf wird zum gesellschaftlichen Ereignis. Hier gibt es keine weiße Tischwäsche, sondern ehrliches Futter auf die Hand.

Hamburg  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Du stehst vor diesem massiven Klotz aus rotem Backstein am Neuen Kamp und fühlst dich erst einmal klein. Die Rindermarkthalle ist kein filigranes Bauwerk. Sie ist ein Statement. Stahl, Stein und eine Geschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, prägen den ersten Eindruck. Wer hier herkommt, sucht selten nach absoluter Stille. Die U-Bahn der Linie U3 rattert fast im Minutentakt oberirdisch an der Fassade vorbei, Autos drängen sich Richtung Schanze, und Radfahrer versuchen, auf den engen Spuren nicht unter die Räder zu kommen. Es ist laut. Es ist wuselig. Es ist typisch Hamburg, wenn die Stadt nicht schläft.

Sobald sich die großen gläsernen Schiebetüren öffnen, ändert sich die Atmosphäre schlagartig. Der Straßenlärm weicht einem diffusen Grundrauschen aus Stimmengewirr, klapperndem Geschirr und Musikfetzen. Der Geruch ist das Erste, was dich wirklich packt. Es riecht nicht nach einem sterilen Einkaufszentrum. Es riecht nach gebratenem Fleisch, nach süßen Waffeln, nach exotischen Gewürzen und starkem Kaffee. Deine Nase ist sofort überfordert, aber auf eine angenehme Art. Die Halle ist hoch, die Deckenkonstruktion lässt die industrielle Vergangenheit durchblicken. Früher wurde hier mit Vieh gehandelt. Tausende Rinder und Schafe wechselten hier die Besitzer, bevor sie im benachbarten Schlachthof endeten. Heute geht es unblutiger zu, auch wenn Fleisch immer noch eine Rolle spielt.

Kurz & Kompakt
  • Adresse & Anfahrt: Neuer Kamp 31, 20359 Hamburg. Am besten erreichbar mit der U-Bahn Linie U3 (Haltestelle Feldstraße) oder dem Bus der Linie 3. Parkplätze sind vorhanden (kostenpflichtig, erste Stunde oft frei bei Einkauf), aber oft knapp.
  • Öffnungszeiten: Die Kerneinkaufszeiten sind Montag bis Samstag von 8:00 bis 21:00 Uhr (Edeka & Co). Die Gastronomie hat teilweise abweichende, teils längere Öffnungszeiten, besonders am Wochenende. Sonntags ist die Halle in der Regel geschlossen (Ausnahmen bei Sonderveranstaltungen).
  • Besonderheiten: Neben dem großen Edeka gibt es einen "Unverpackt"-Laden für nachhaltiges Einkaufen, diverse internationale Food-Stände und regelmäßig saisonale Events auf dem Vorplatz (z.B. Nachtflohmarkt oder Winteraktionen).

Der Kampf um die Halle

Bevor du dich auf das Essen stürzt, lohnt ein kurzer gedanklicher Rückblick. Dass wir hier heute entspannt Currywurst essen oder Bio-Möhren kaufen können, war lange nicht selbstverständlich. Nach der Schließung des Viehmarktes in den siebziger Jahren dümpelte das Areal vor sich hin. Es gab Zeiten, da war hier ein gigantischer Supermarkt einer einzigen Kette drin, fensterlos und wenig charmant. Als dieser auszog, entbrannte ein Streit um die Zukunft. Investoren wollten abreißen und neu bauen, vielleicht Büros, vielleicht schicke Wohnungen für Leute mit zu viel Geld.

Die Anwohner aus St. Pauli und dem Karoviertel hatten da aber, wie man hier sagt, "n büschen was gegen". Es wurde protestiert, diskutiert und geplant. Die Angst vor Gentrifizierung war groß. Das Ergebnis ist der heutige Zustand: Ein Kompromiss. Die historische Hülle blieb stehen und wurde saniert. Innen zogen zwar große Ketten ein, aber das Konzept sah auch Platz für lokale Händler, Start-ups und soziokulturelle Projekte vor. Wenn du genau hinsiehst, merkst du diesen Spagat. Da ist der riesige Edeka, der gefühlt die halbe Fläche einnimmt, und direkt daneben kleine Stände, die handgemachte Pasta oder unverpackte Linsen verkaufen.

Kulinarische Weltreise im Erdgeschoss

Das Herzstück der Halle ist zweifellos der Food-Court im Erdgeschoss. Anders als in typischen Shopping-Malls sind die Stände hier nicht an den Rand gedrängt, sondern bilden Inseln im Raum. Es gibt keine strengen Grenzen. Du holst dir dein Essen an einem Stand und suchst dir dann einen Platz an den langen Holztischen und Bänken in der Mitte. Das hat etwas von einer modernen Kantine, aber ohne das grelle Neonlicht. Man sitzt zusammen. Oft teilt man sich den Tisch mit völlig Fremden. Ein Banker im Anzug sitzt neben einer Studentin mit Jutebeutel, eine türkische Großfamilie neben einem Touristenpaar, das verzweifelt versucht, den Stadtplan zu falten.

Das Angebot wechselt gelegentlich, da manche Stände als Pop-ups konzipiert sind, aber einige Klassiker bleiben. Wer auf Burger steht, wird meist fündig. Aber es wäre schade, sich nur an das Gewohnte zu halten. Es gibt Stände mit fantastischer indischer Küche, wo das Naan-Brot frisch im Ofen klebt. Ein paar Meter weiter werden italienische Teigwaren produziert. Man kann dabei zusehen. Das Mehl stiebt, die Maschine rattert, und am Ende landen frische Tagliatelle im Topf. Für den schnellen Hunger gibt es oft Stände mit "Brot & Stulle" Konzepten. Dick belegte Sauerteigbrote mit allem, was der Kühlschrank hergibt. Das ist einfach, aber verdammt lecker.

Spannend ist dabei, dass der Trend stark in Richtung Nachhaltigkeit geht. Viele Anbieter werben mit regionalen Zutaten. Du findest hier keine der üblichen amerikanischen Fast-Food-Ketten. Das würde auch nicht zum Publikum passen. Die Leute hier schauen genau hin, was auf dem Teller landet. Natürlich ist das Preisniveau nicht ganz unten angesiedelt. Für ein Mittagessen bist du schnell mehr als zehn Euro los, aber die Qualität stimmt in der Regel.

Einkaufen abseits des Mainstreams

Wer satt ist, geht shoppen. Der riesige Supermarkt im Hintergrund zieht natürlich die Massen an. Er ist bekannt für seine gigantische Auswahl, besonders bei Craft-Beer und internationalen Spezialitäten. Aber der wahre Reiz liegt in den kleineren Läden. Ein Highlight ist der Unverpackt-Laden. Hierhin bringen die Leute ihre eigenen Gläser und Dosen mit. Nudeln, Reis, Müsli, aber auch Putzmittel werden hier grammgenau abgezapft. Das spart Plastik und sieht in den großen Spendern an der Wand auch noch ziemlich gut aus. Es ist ein bisschen wie im Tante-Emma-Laden von früher, nur in modern und ökologisch korrekt.

Auch Blumen, Gewürze und Tee finden ihren Platz. Eine kleine Bäckerei, die nicht zu einer Großkette gehört, verkauft Franzbrötchen, die diesen Namen auch verdienen: klebrig, zimtig und plattgedrückt. Ein Tipp für Besucher, die ein Mitbringsel suchen, ist der Gewürzstand. Hamburg war und ist eine Stadt der Gewürzhändler. Hier gibt es Mischungen, die man im normalen Supermarkt vergeblich sucht. Der Geruch von Curry, Kreuzkümmel und Pfeffer weht oft bis in den Sitzbereich hinüber.

Draußen vor der Tür: Der Vorplatz

Die Rindermarkthalle endet nicht an der Drehtür. Der große Vorplatz ist besonders im Sommer ein wichtiger Treffpunkt. Palettenmöbel stehen herum, oft findet man hier Food-Trucks, die keinen Platz mehr in der Halle gefunden haben. An lauen Abenden sitzen hier Hunderte Menschen, trinken ein Bier vom Kiosk oder aus dem Supermarkt und schauen dem Treiben auf der Straße zu. Es ist ein Sehen und Gesehenwerden, aber ohne den Zwang, sich aufzubrezeln. Jogginghose geht hier genauso klar wie das kleine Schwarze.

Im Winter verwandelt sich dieser Platz manchmal. In vergangenen Jahren gab es hier den "Wintergarten St. Pauli" mit Eisstockschießen und Glühwein. Ob das in jedem Jahr stattfindet, hängt von den Betreibern ab, aber wenn, dann ist es eine gemütliche Alternative zum überfüllten Weihnachtsmarkt auf dem Rathausmarkt. Hier stehen sie dann, die Hamburger, in ihren dicken Jacken, die Hände um den heißen Becher geklammert, und schnacken über das Wetter oder den FC St. Pauli, dessen Stadion nur einen Steinwurf entfernt liegt.

Wenn der Dom leuchtet

Ein besonderes Schauspiel bietet sich, wenn auf dem benachbarten Heiligengeistfeld der Hamburger Dom stattfindet. Das ist dreimal im Jahr der Fall: Frühling, Sommer und Winter. Dann mischt sich das Publikum der Rindermarkthalle noch stärker. Familien mit Zuckerwatte-verklebten Kindern strömen herein, um eine Pause vom Karussellfahren zu machen. Von der oberen Parkdeck-Ebene der Rindermarkthalle hast du dann einen recht passablen Blick auf die blinkenden Lichter des Riesenrads und der Achterbahnen. Das ist der Moment für ein Foto, das nicht jeder im Album hat. Der Kontrast zwischen dem dunklen Backstein der Halle und dem bunten Geblinke des Volksfestes ist herrlich skurril.

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