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Radfahren in Berlin: Überleben im Straßenverkehr und die besten Sharing-Anbieter

Berlin liebt seine Radfahrer, auch wenn es manchmal eine toxische Liebe ist. Wir zeigen dir, wie du ohne Schrammen durch den Großstadtdschungel kommst und welcher Leihrad-Anbieter dich nicht im Stich lässt.

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Zwischenablage

Wer in Berlin ankommt und Bilder von Amsterdam oder Kopenhagen im Kopf hat, wird schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. Oder besser gesagt: auf den rauen Asphalt der Hauptstadt. Berlin nennt sich gerne Fahrradstadt. Das ist ein schönes Label, das sich Politiker gerne an das Revers heften, wenn wieder einmal ein paar Meter gelbe Farbe auf eine viel zu enge Straße gepinselt wurden. Die Realität ist komplexer, dreckiger und deutlich lauter. Wenn du dich hier auf den Sattel schwingst, bist du nicht einfach nur Verkehrsteilnehmer. Du bist Teil eines organischen, oft chaotischen Systems, das seine ganz eigenen Regeln hat.

Es riecht nach Abgasen, nach Dönerfett an den Ecken und im Frühling überraschend süß nach Lindenblüten. Der Lärmpegel schwankt zwischen dem aggressiven Hupen genervter Taxifahrer und dem entspannten Surren von E-Bike-Motoren. Berlin ist riesig. Die Distanzen werden oft unterschätzt. Mal eben von Kreuzberg nach Mitte zu radeln, klingt nach einem Katzensprung, kann aber je nach Route und Ampelschaltung zu einer halbstündigen Expedition werden. Die Infrastruktur ist ein Flickenteppich. Es gibt sie, die traumhaften, breiten Fahrradstraßen, auf denen man nebeneinander fahren und über das Leben philosophieren kann. Und dann gibt es den plötzlichen Abbruch, wo der Radweg im Nichts endet und man sich zwischen einem parkenden Lieferwagen und einer heranrauschenden Tram wiederfindet.

Faszinierend ist dabei, dass trotz dieser Widrigkeiten gefühlt halb Berlin auf dem Rad sitzt. Es ist das schnellste Verkehrsmittel, zumindest auf Strecken bis zu fünf Kilometern. Du stehst nicht im Stau, du wartest nicht auf die S-Bahn, die wegen einer "Signalstörung" mal wieder ausfällt. Du bist frei. Diese Freiheit muss man sich allerdings erkämpfen.

Kurz & Kompakt
  • Sicherheit geht vor: Rechne immer mit Fehlern der anderen, besonders bei rechtsabbiegenden Lkws und Autos. Trage einen Helm, auch wenn es keine Pflicht ist – der Berliner Asphalt ist hart.
  • Die richtige Wahl: Für kurze Strecken und kleines Budget ist "Nextbike" (oft via BVG-App) ideal. Wer nicht schwitzen will, greift zu E-Bikes von Lime oder Bolt, muss aber auf die Kosten achten.
  • Kopfsteinpflaster-Alarm: Viele Nebenstraßen in Mitte und Prenzlauer Berg sind historisch gepflastert. Bei Regen extrem rutschig! Plane deine Route lieber über Hauptstraßen mit Radstreifen.
  • Diebstahlschutz: Lass dein eigenes teures Rad niemals nachts draußen stehen. Nutze massive Bügelschlösser und schließe den Rahmen immer an festen Objekten an.

Die Hardware: Sharing-Anbieter im Härtetest

Wer kein eigenes Rad dabei hat oder wem seines gerade geklaut wurde (dazu später mehr), ist auf die Flotte der Sharing-Anbieter angewiesen. Der Markt in Berlin ist in den letzten Jahren explodiert und hat sich dann wieder etwas gesundgeschrumpft. Überall stehen, liegen oder hängen die bunten Räder herum. Doch nicht alles, was zwei Räder hat, bringt dich auch entspannt ans Ziel.

Der Platzhirsch ist und bleibt Nextbike. In Berlin sind die Räder oft noch unter dem alten Label "Deezer" bekannt oder tragen das silberne Gewand der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Sie sind die Panzer unter den Leihrädern. Schwer, robust und mit einer 7- oder 8-Gang-Schaltung ausgestattet, die manchmal etwas hakelt. Wer hier in die Pedale tritt, spart sich das Fitnessstudio. Der Vorteil ist unschlagbar: Sie sind günstig und wirklich an fast jeder Ecke zu finden. Über die App lassen sie sich schnell scannen. Das Schloss springt mit einem satten "Klack" auf, ein Geräusch, das jedem Berliner vertraut ist. Manchmal klemmt der Sattel, manchmal schleift das Schutzblech, aber sie fahren. Man kann sie an Stationen oder in definierten Zonen abstellen.

Dann gibt es die neue Generation der E-Bikes von Anbietern wie Lime, Bolt oder Tier. Diese Räder sind meist schwerer als die Nextbikes, haben aber den entscheidenden Vorteil der elektrischen Unterstützung. Gerade wenn man im Sommer nicht verschwitzt beim Termin ankommen will oder der Wind – und in Berlin weht oft ein straffer Wind – von vorne kommt, ist der Elektromotor ein Segen. Diese Bequemlichkeit hat ihren Preis. Die Entsperrgebühr plus der Minutenpreis läppern sich schnell zusammen. Eine zwanzigminütige Fahrt kann da teurer werden als ein Einzelticket der BVG. Zudem sind die Geofencing-Zonen streng. Wer versucht, das Rad außerhalb des Geschäftsgebiets abzustellen, wird von der App gnadenlos zur Kasse gebeten oder kann die Miete gar nicht erst beenden.

Ein sympathischer Außenseiter ist Donkey Republic mit seinen orangenen Rädern. Sie setzen weniger auf "Free Floating" (also das wilde Abstellen überall), sondern mehr auf feste Abhol- und Rückgabepunkte, was der Ordnung im Stadtbild guttut. Die Räder fahren sich oft etwas sportlicher als die schweren Nextbikes. Die App-Verbindung zum Bluetooth-Schloss funktioniert meistens gut, kann aber bei schwachem Handyakku zum Geduldsspiel werden. Dafür mietet man diese Räder oft für längere Zeiträume günstiger.

Überlebenstraining: Verhalten im Verkehr

Kommen wir zum eigentlichen Kern der Sache: Wie überlebt man das? Berliner Autofahrer sind nicht per se böse, sie sind nur oft gestresst und an ein gewisses Maß an Anarchie gewöhnt. Der "Schulterblick" ist für viele eher eine vage Empfehlung als eine Pflicht. Als Radfahrer musst du für alle anderen mitdenken. Das klingt anstrengend, wird aber schnell zur zweiten Natur. Wenn ein Taxi rechts blinkt, geh davon aus, dass es dich nicht gesehen hat. Wenn eine Autotür aufgeht, rechne nicht damit, dass der Fahrer vorher in den Spiegel geschaut hat. "Dooring" ist eine der häufigsten Unfallursachen.

Ein besonderes Phänomen sind die Touristen auf den Leihrädern. Man erkennt sie an der wackeligen Fahrweise und dem unsicheren Blick auf das am Lenker befestigte Smartphone. Einheimische Radler hingegen fahren oft zügig, manchmal rücksichtslos. Wer auf dem Radweg bummelt, wird schnell angeklingelt oder mit einem murrenden "Mensch, pass doch uff!" überholt. Das ist selten böse gemeint. Es ist einfach der berlinerische Weg zu sagen: "Ich habe es eilig."

Ampeln werden von Radfahrern in Berlin oft sehr kreativ interpretiert. Das soll keine Aufforderung zum Rechtsbruch sein, sondern eine Beobachtung. Wenn die Fußgängerampel grün wird, starten viele Radler schon durch. Die Polizei kontrolliert das sporadisch an Schwerpunkten, und dann wird es teuer. Besonders heikel sind Kreuzungen mit Rechtsabbiegern. Hier gilt die eiserne Regel: Niemals auf sein Vorfahrtsrecht pochen, wenn vierzig Tonnen Stahl neben einem abbiegen wollen. Der Lkw gewinnt immer.

Infrastruktur: Zwischen Pop-up und Dauerbaustelle

Die Corona-Pandemie hat Berlin die sogenannten "Pop-up Radwege" beschert. Gelbe Markierungen, die plötzlich ganze Fahrspuren für Autos wegnahmen und den Radlern schenkten. Viele davon sind inzwischen verstetigt worden, also dauerhaft eingerichtet. Das Fahren auf der Kantstraße oder am Kottbusser Damm ist dadurch deutlich angenehmer geworden. Man fühlt sich nicht mehr wie Freiwild, sondern hat seinen eigenen Raum. Poller trennen den Radstreifen von der Fahrbahn. Das ist ein riesiger Fortschritt.

Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn nicht irgendwo eine Baustelle wäre. Oft enden diese schönen neuen Radwege unvermittelt vor einem Bauzaun. Das Umleitungsschild "Radfahrer absteigen" ist der natürliche Feind des Berliner Radlers. Niemand steigt ab. Man schiebt sich irgendwie an den Fußgängern vorbei oder wechselt waghalsig auf die Autospur. Auch der Untergrund ist tückisch. In den östlichen Bezirken wie Prenzlauer Berg oder Mitte liegt in den Nebenstraßen oft noch altes Kopfsteinpflaster. Das sieht historisch wertvoll aus, ist aber der Tod für jede Felge und jeden Rücken. Bei Nässe verwandeln sich diese Steine in eine Rutschbahn, die Seife Konkurrenz macht. Hier hilft nur: Tempo runter und Lenker festhalten.

Diebstahl: Dein Rad gehört dir nur temporär

Ein trauriges Kapitel, das nicht verschwiegen werden darf. Fahrraddiebstahl ist in Berlin Volkssport. Wer sein 2000 Euro teures Gravelbike mit einem billigen Spiralschloss an eine Laterne bindet, kann eigentlich gleich einen Zettel mit "Zu verschenken" dranhängen. Es verschwinden Sättel, Vorderräder oder eben ganze Fahrräder. Profi-Tipp: Das Schloss sollte etwa zehn Prozent des Fahrradwertes kosten. Ein massives Bügelschloss oder ein schweres Kettenschloss schreckt Gelegenheitsdiebe ab. Und: Das Rad immer an einen festen Gegenstand anschließen, nicht nur abschließen. Nachts gehören teure Räder in den Hinterhof oder besser noch in die Wohnung, auch wenn der Partner oder die Mitbewohner über den Dreck im Flur meckern. Wer ein Sharing-Bike nutzt, ist hier fein raus. Die Sorge um den Diebstahl ist im Mietpreis inklusive – beziehungsweise nicht dein Problem, solange du die Miete korrekt beendet hast.

Wo es wirklich schön ist

Nach all den Warnungen: Radfahren in Berlin kann herrlich sein. Es gibt Strecken, da geht einem das Herz auf. Das Tempelhofer Feld ist so ein Ort. Ein riesiger, stillgelegter Flughafen mitten in der Stadt. Hier gibt es keine Autos, nur endlose Weite, Wind und glatten Asphalt. Man teilt sich die Bahnen mit Skatern, Kitern und Spaziergängern. Wenn hier die Sonne untergeht und den Fernsehturm in goldenes Licht taucht, vergisst man den Stress der Leipziger Straße sofort.

Auch der Mauerweg ist eine Empfehlung. Er folgt dem ehemaligen Grenzverlauf, ist meist gut asphaltiert und historisch hochinteressant. Man fährt durchs Grüne, vorbei an alten Wachtürmen und Gedenkstätten, und spürt die Geschichte der Stadt unter den Reifen. Oder man radelt am Landwehrkanal entlang, durch Kreuzberg und Neukölln, unter Weidenbäumen hindurch, wo im Sommer die Leute am Ufer sitzen und Bier trinken. Hier ist das Tempo gemächlich, die Stimmung entspannt.

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