Man muss sich das Dresden des späten 19. Jahrhunderts als einen Ort vorstellen, an dem die Milchversorgung eher ein Glücksspiel war. Paul Pfund, ein Landwirt aus Reinholdshain, hatte die Nase voll von ungekühlter Ware und zweifelhaften Transportwegen. Er zog 1879 mit sechs Kühen und seiner Frau direkt in die Stadt. Was heute nach einem hippen Startup-Move klingt, war damals eine Revolution der Sauberkeit. Pfund wollte, dass die Dresdner sehen, woher ihr weißes Gold kam. Transparenz war sein Steckenpferd, noch bevor das Wort in jedem Management-Seminar totgeritten wurde. Der Laden an der Bautzner Straße, der 1891 eröffnete, war das Aushängeschild eines Imperiums, das bald die ganze Stadt mit Kondensmilch, Butter und Säuglingsnahrung versorgte.
Beim Betreten des Ladens schlägt einem nicht etwa der Geruch von alter Molke entgegen, sondern eher eine kühle, fast sakrale Atmosphäre. Das liegt an den Fliesen. Jede Wand, jeder Millimeter der Decke und sogar der Tresen sind mit handbemalten Majolika-Kacheln verkleidet. Die Gebrüder Pfund ließen sich nicht lumpen und engagierten die Künstler von Villeroy & Boch, um eine Welt aus Fabelwesen, floralen Ornamenten und kindlichen Milchartisten zu erschaffen. Es funkelt in Gold, Tiefblau und Ocker. Wer den Kopf in den Nacken legt, entdeckt Putten, die mit Girlanden hantieren, als gäbe es kein Morgen. Manchmal fragt man sich, ob die Kunden damals vor lauter Gucken überhaupt dazu kamen, ihren Käse zu bezahlen.
Kurz & Kompakt - Adresse: Bautzner Straße 79, 01099 Dresden. Am besten mit der Straßenbahnlinie 11 bis zur Haltestelle "Pulsnitzer Straße" fahren, die Bahn hält fast direkt vor der Tür.
- Kulinarik: Unbedingt die hausgemachte Milchmischgetränke oder eine Käsevariation im Café im ersten Stock probieren. Die Aussicht nach unten in den Laden ist von der Treppe aus am besten.
- Mitbringsel: Die Milchseife ist ein Klassiker, aber die Grappa-Spezialitäten und regionalen Senfsorten sind die eigentlichen Geheimtipps für den Heimweg.
- Zeitplan: Plant etwa 30 bis 45 Minuten ein, wenn ihr nur den Laden besichtigen wollt. Mit einem Besuch im Café oben wird daraus ein entspannter Vormittag.
Zwischen Kitsch, Kunst und Käsetheke
Der Laden ist nicht groß, aber die visuelle Dichte ist enorm. Man steht sich oft gegenseitig auf den Füßen, besonders wenn Reisegruppen versuchen, das perfekte Foto von der Decke zu schießen, ohne den Gegenverkehr umzureißen. Interessant ist dabei die handwerkliche Präzision der Kacheln. Das sind keine billigen Drucke, sondern Reliefs, die eine haptische Tiefe besitzen. Man möchte eigentlich ständig mit den Fingern über die Wände fahren, was das Personal verständlicherweise nicht so gerne sieht. Es klappert an der Kasse, die Verkäuferinnen tragen Hauben, die so halb-authentisch wirken, aber das gehört zum Spiel dazu. Dresden liebt seine Inszenierungen, und Pfunds Molkerei ist vielleicht die am besten erhaltene Kulisse der Stadt.
In der Luft hängt eine Mischung aus dem Duft von kräftigem Bergkäse und der feinen Süße von Milchschokolade. In den Vitrinen stapelt sich handgeschöpfte Seife, die aussieht wie Butterblöcke, daneben lagern Weine aus der Region und natürlich der Klassiker: die Dresdner Kondensmilch. Früher war das Zeug ein Überlebenselixier, heute ist es eher ein nostalgisches Mitbringsel. Man merkt schnell, dass der Laden zweigeteilt ist. Auf der einen Seite die Touristen, die mit offenem Mund die Wandbilder von spielenden Kindern und grasenden Kühen studieren. Auf der anderen Seite das Sortiment, das versucht, den Spagat zwischen Souvenirshop und Feinkostladen zu meistern. Dass man hier tatsächlich noch ein Stück Käse kaufen kann, wirkt fast wie ein Alibi für das Museumsdasein.
Die Überlebenskunst einer Institution
Es grenzt an ein Wunder, dass dieser Laden heute noch so aussieht. Die Luftangriffe von 1945, die das Zentrum Dresdens in Schutt und Asche legten, ließen die äußere Neustadt und damit auch die Bautzner Straße weitgehend intakt. In der DDR-Zeit wurde der Betrieb verstaatlicht, und man hätte die prunkvollen Fliesen fast hinter Rigipsplatten oder dicken Farbschichten verschwinden lassen, weil so viel bürgerlicher Pomp nicht ins sozialistische Weltbild passte. Erst in den 1990er Jahren erinnerte man sich an den Schatz und putzte die Kacheln wieder heraus. Heute ist der Laden als "schönster Milchladen der Welt" im Guinness-Buch der Rekorde verewigt. Ein Titel, der natürlich ordentlich zieht und die Kassen klingeln lässt.
Ein kurzer Blick hinter die Kulissen offenbart die Logistik des 19. Jahrhunderts. Paul Pfund war ein Kontrollfreak im besten Sinne. Er baute eine eigene Schmiede für die Pferdewagen, eine Druckerei für die Etiketten und sogar eine eigene Wäscherei für die Kittel der Mitarbeiter. Die Molkerei war ein geschlossenes Ökosystem. Wenn man heute durch den Laden geht, spürt man diesen Geist der Perfektion. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Die Kacheln erzählen Geschichten von Reinheit und Fortschritt. Dass heute eher Postkarten als frische Vorzugsmilch über den Tresen gehen, ist der Lauf der Zeit. Trotzdem bleibt das Gefühl, in einer Zeitkapsel gelandet zu sein, in der Milch noch ein heiliges Gut war.
Praktisches für den Besuch und kleine Fluchten
Wer den Laden ohne Ellbogencheck genießen will, sollte entweder direkt zur Öffnung am Morgen da sein oder die späten Nachmittagsstunden nutzen. Wenn das Licht schräg durch die Fenster fällt, leuchten die Goldverzierungen der Kacheln besonders intensiv. Ein wichtiger Hinweis: Fotografieren ist im Laden offiziell verboten oder zumindest nicht gern gesehen, um den Fluss der Kunden nicht komplett zu stoppen. Aber mal ehrlich, das Handy zückt sowieso jeder zweite. Wer es diskret macht und niemanden behindert, kommt meistens ungeschoren davon. Aber eigentlich ist es schöner, die Kamera mal stecken zu lassen und die Details mit den eigenen Augen zu scannen. Es gibt so viele versteckte Symbole in den Fliesenbildern, dass man Stunden bräuchte, um alles zu entschlüsseln.
Direkt über dem Laden befindet sich das Restaurant. Es ist der perfekte Fluchtweg, wenn es unten zu trubelig wird. Hier kann man sich eine Käseplatte gönnen und den Blick auf die Bautzner Straße genießen. Die Preise sind moderat, wenn man bedenkt, in welcher Immobilie man sitzt. Oft wird vergessen, dass die Neustadt um die Molkerei herum noch viel mehr zu bieten hat. Wenn man aus dem Laden tritt, sollte man nicht direkt wieder in die Straßenbahn steigen. Ein paar Schritte weiter finden sich kleine Hinterhöfe, die den Charme des alten Dresdens atmen, ohne so poliert zu sein wie die Kachelwand bei Pfund. Die Neustadt ist das raue Gegenteil zur barocken Altstadt, und die Molkerei bildet die goldene Brücke dazwischen.
Ein Schluck Geschichte aus der Flasche
Man kann von dem Rummel halten, was man will, aber Pfunds Molkerei ist ein Zeugnis davon, wie man aus einem simplen Lebensmittel ein Gesamtkunstwerk macht. Es ist diese sächsische Eigenart, Dinge entweder gar nicht oder mit einer absurden Liebe zum Detail anzugehen. Paul Pfund hätte wahrscheinlich gelacht, wenn man ihm gesagt hätte, dass Menschen aus Japan oder den USA 150 Jahre später seine Fliesen anstarren. Er wollte Milch verkaufen, keinen Kunstpalast führen. Doch genau diese Zweckentfremdung macht den Reiz aus. Es ist ein Ort für Leute, die sich gerne in Details verlieren und kein Problem damit haben, dass die Realität manchmal ein bisschen zu schön aussieht, um wahr zu sein.
Was nimmt man mit? Vielleicht ein Stück "Dresdner Bergbauernkäse" oder eine dieser nostalgischen Metalldosen. Aber eigentlich bleibt der visuelle Nachhall. Wenn man später durch einen sterilen Supermarkt geht und auf die Tetra-Packs im Kühlregal starrt, wirkt das alles plötzlich sehr farblos. Pfunds Molkerei erinnert uns daran, dass Konsum früher ein Ereignis war. Ein teures, glänzendes und handbemaltes Ereignis. Es ist ein bisschen so, als würde man in einer Pralinenschachtel spazieren gehen. Man sollte es nicht jeden Tag machen, aber einmal im Leben gehört es zum Dresden-Programm dazu, wie der Zwinger oder die Eierschecke.