Dresden

Dresdner Striezelmarkt: Unterwegs auf Deutschlands ältestem Weihnachtsmarkt

Der Duft von gerösteten Mandeln mischt sich mit dem herben Aroma der Fichte. Auf dem Dresdner Altmarkt wird Tradition nicht nur zelebriert, sondern gelebt. Wer hierher kommt, sucht keine Plastikwelt, sondern sächsisches Handwerk und das perfekte Stück Stollen.

Dresden  |  Aktivitäten & Erlebnisse
Lesezeit: ca. 9 Min.
Kommentare
Teilen
Facebook
Pocket
E-Mail
0
Kommentare
Facebook
Pocket
E-Mail
Zwischenablage

Es klappert und wuselt auf dem Kopfsteinpflaster, während der kalte Wind von der Elbe heraufzieht. Wer den Striezelmarkt betritt, landet nicht einfach nur auf einem Verkaufsplatz, sondern in einer Institution, die ihre Wurzeln im Jahr 1434 hat. Damals war das Ganze eigentlich nur ein Fleischmarkt für den Sonntag vor Weihnachten. Dass daraus über die Jahrhunderte ein Mekka für Gebäckliebhaber werden würde, ahnte damals wohl niemand. Heute dominiert die gewaltige Stufenpyramide das Bild. Sie ist mit ihren knapp 15 Metern Höhe ein echtes Ungetüm aus Holz, das sich behäbig dreht und die Figuren aus dem Erzgebirge zur Schau stellt. Es ist dieser Mix aus Bodenständigkeit und einer gewissen barocken Wucht, der den Markt so typisch dresdnerisch macht.

Man merkt dem Markt an, dass er seinen Stolz aus der Beständigkeit zieht. Während andernorts moderne LED-Shows und Fahrgeschäfte dominieren, setzt man hier auf die klassische Optik der Holzbuden. Jede Hütte ist aufwendig dekoriert, oft mit Szenen aus dem Bergbau oder der Weihnachtsgeschichte. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man an den Giebeln der Stände kleine mechanische Welten, die sich unermüdlich bewegen. Das wirkt manchmal fast schon ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber genau darin liegt der Reiz. Es riecht nach verbranntem Zucker und dem speziellen, leicht rußigen Duft der Holzkohlegrills, auf denen die Thüringer Rostbratwürste vor sich hin brutzeln. Dass diese hier ebenso beliebt sind wie die sächsischen Spezialitäten, nimmt man in Dresden gelassen hin.

Kurz & Kompakt
  • Anreise und Timing: Unter der Woche ist der Markt deutlich entspannter als am Wochenende. Wer den Hauptbahnhof als Startpunkt nutzt, kann den Besuch mit einem Spaziergang über die Prager Straße verbinden und spart sich die hoffnungslose Parkplatzsuche im Zentrum.
  • Kulinarische Must-Haves: Ein echter Dresdner Christstollen mit dem goldenen Siegel ist Pflicht. Wer es lieber herzhaft und skurril mag, sollte nach dem Pflaumentoffel Ausschau halten oder ein frisch gebackenes Handbrot direkt aus dem Holzofen probieren.
  • Perspektivwechsel: Der Aufstieg auf den Turm der Kreuzkirche bietet den besten Überblick über das Lichtermeer des Marktes. Es ist der ideale Ort, um dem Trubel für einen Moment zu entfliehen und die Symmetrie der Budenstadt von oben zu bewundern.
  • Handwerkskunst: In der Schauwerkstatt kann man den erzgebirgischen Schnitzern bei der Arbeit zusehen. Hochwertige Schwibbögen und Herrnhuter Sterne sind teure, aber authentische Souvenirs, die nichts mit industrieller Massenware zu tun haben.

Das Herzstück aus Teig und Butter

Ohne den Stollen geht hier gar nichts. Das Wort Striezelmarkt leitet sich schließlich vom Striezel ab, wie der Dresdner Christstollen hier früher genannt wurde. Es ist faszinierend zu beobachten, wie ernst die Einheimischen ihr Gebäck nehmen. Ein echter Dresdner Stollen muss das goldene Siegel tragen, sonst ist er für den Kenner wertlos. Der Teig ist schwer, reich an Butter, Rosinen, Zitronat und Orangeat. Wer sich ein Stück gönnt, merkt schnell, dass man danach eigentlich für den Rest des Tages satt ist. Am zweiten Adventssamstag findet das Stollenfest statt, bei dem ein riesiger Riesenstollen durch die Altstadt gezogen wird. Das Spektakel ist ein wenig verrückt, zieht aber Massen an, die alle ein Stück von dem Giganten ergattern wollen. Das Messer, mit dem der Stollen angeschnitten wird, ist übrigens eine originalgetreue Kopie des historischen Geräts von August dem Starken.

Abseits des großen Trubels findet man an den Rändern des Marktes oft die kleineren Bäckerstände. Dort wird der Stollen manchmal noch warm angeschnitten, was eigentlich gegen die Regel verstößt, dass er erst wochenlang reifen muss, aber himmlisch schmeckt. Die Puderzuckerschicht auf dem Gebäck sieht aus wie eine frisch gefallene Schneedecke, die auch dann liegen bleibt, wenn es in Dresden mal wieder nur regnet. Überhaupt ist das Wetter oft so eine Sache. Wenn der Matsch auf dem Boden dominiert, retten nur die Lichterketten die Stimmung. Aber die Dresdner sind hart im Nehmen und halten ihr Glühweinglas einfach fester umschlungen.

Vom Pflaumentoffel und hölzernen Bergmännern

Ein besonders skurriles Symbol des Marktes ist der Pflaumentoffel. Das kleine Männchen aus getrockneten Backpflaumen stellt einen Schornsteinfegerjungen dar und gilt als Glücksbringer. Früher wurden diese Figuren von Kindern auf der Straße verkauft, was eine eher düstere soziale Komponente hatte. Heute sind sie reine Dekoration und ein beliebtes Mitbringsel, auch wenn kaum jemand sie wirklich essen möchte, da sie nach einer Weile auf dem Kaminsims doch recht staubig werden. Trotzdem gehört der Pflaumentoffel zum Inventar wie die Frauenkirche zum Stadtbild. Es ist diese Liebe zum Detail, die man an fast jedem Stand findet. Da hängen Herrnhuter Sterne in allen Größen und Farben, deren geometrische Perfektion einen fast hypnotisieren kann, wenn sie sacht im Wind schaukeln.

Das Erzgebirge ist geografisch zwar ein Stück entfernt, aber auf dem Striezelmarkt ist es allgegenwärtig. Schwibbögen, Räuchermännchen und Nussknacker stehen in Reih und Glied. Es ist kein billiger Plastikkram aus Fernost, sondern echte Handwerkskunst, was sich natürlich im Preis niederschlägt. Wer hier ein Original kauft, legt ordentlich Scheine auf den Tresen. Aber dafür bekommt man Holzfiguren, die Generationen überdauern. Besonders schön ist das Schauwerkstatt-Haus. Dort kann man den Schnitzern und Drechslern über die Schulter schauen. Es hat etwas Beruhigendes, zuzusehen, wie aus einem einfachen Stück Holz langsam eine feingliedrige Figur entsteht, während draußen der Lärm der Menge nur gedämpft zu hören ist. Man riecht das frische Holz und den Leim, ein herber Kontrast zum süßen Duft der gebrannten Mandeln direkt vor der Tür.

Kulinarische Expeditionen jenseits des Zuckers

Natürlich lebt der Striezelmarkt vom Süßkram, aber wer es herzhaft mag, wird nicht enttäuscht. Das Handbrot ist ein Klassiker, der immer geht. Frisch aus dem Holzofen, gefüllt mit Käse und Schinken oder Champignons, dampft es in der Kälte. Man verbrennt sich regelmäßig den Gaumen, weil man nicht warten kann, bis der geschmolzene Kern abgekühlt ist. Dazu passt ein dunkles Bier aus einer der lokalen Brauereien oder eben der klassische Glühwein. Interessant ist, dass Dresden eine eigene Glühweinkultur pflegt. Es gibt nicht nur das rote Standardgetränk, sondern auch weiße Varianten aus den Weinbergen von Radebeul oder Meißen. Diese sind oft filigraner und nicht so extrem gezuckert, was den Kopf am nächsten Morgen schont.

Ein echter Geheimtipp für Hartgesottene ist die Pulsnitzer Pfefferkuchenspitze. Pulsnitz liegt nicht weit weg und die dortigen Pfefferküchler bewahren ihre Rezepte wie Staatsgeheimnisse. Die Pfefferkuchen sind nicht mit den typischen Lebkuchen aus Nürnberg zu vergleichen; sie sind würziger, oft mit einer kräftigen Kakaonote oder mit Fruchtfüllungen versehen. Wenn man so ein Paket kauft, sollte man es nicht sofort aufessen. Die Dinger werden besser, wenn sie ein paar Tage liegen. Aber wer hat schon diese Selbstbeherrschung, wenn der Duft in der Tasche aufsteigt? Man knabbert dann doch im Stehen, während man die Leute beobachtet, die sich am großen Christbaum drängeln, um das perfekte Foto für die Daheimgebliebenen zu schießen.

Zwischen Budenzauber und Barockkulisse

Die Lage des Striezelmarktes ist strategisch perfekt. Auf der einen Seite ragt die Kreuzkirche auf, deren Turm man besteigen kann. Von oben sieht der Markt aus wie eine Modelleisenbahnlandschaft. Die kleinen Lichter flackern, die Menschenmassen wirken wie winzige Ameisen und die Symmetrie der Gänge wird erst aus der Vogelperspektive richtig deutlich. Es lohnt sich, diese paar Euro für den Aufstieg zu investieren, allein schon wegen der Ruhe da oben. Man hört das dumpfe Gemurmel des Marktes nur noch von fern, unterbrochen vom Schlagen der Kirchenglocken, das einem Mark und Bein gehen kann, wenn man direkt daneben steht.

Geht man über den Markt hinaus, landet man schnell in der restlichen Dresdner Altstadt. Das ist das Schöne hier: Alles ist kompakt. Man kann vom Striezelmarkt direkt zum Stallhof schlendern, wo der Mittelalter-Weihnachtsmarkt stattfindet. Dort ist die Stimmung ganz anders. Es gibt keine elektrischen Lichter, nur Fackeln und Öllampen. Die Handwerker dort tragen grobe Gewänder und man trinkt seinen Met aus Tonbechern. Dieser Kontrast zwischen der bürgerlichen Pracht des Striezelmarktes und der rustikalen Atmosphäre im Stallhof macht den Reiz eines Dresden-Besuchs im Dezember aus. Man pendelt zwischen den Welten und verliert irgendwann das Zeitgefühl, was in der Vorweihnachtszeit ja durchaus ein erstrebenswerter Zustand ist.

Praktisches für den stressfreien Bummel

Wer den Striezelmarkt ohne Ellenbogencheck genießen will, sollte die Wochenenden meiden. Ab Freitagmittag schieben sich die Touristenbusse in die Stadt und es wird eng in den Gängen. Unter der Woche, besonders am Vormittag oder am frühen Nachmittag, ist es deutlich entspannter. Man bekommt ohne langes Warten einen Platz an einem der Stehtische und kann in Ruhe mit den Händlern plaudern. Die meisten Verkäufer kommen aus der Region und haben oft eine unterhaltsame Geschichte zu ihren Waren parat. Es schadet nicht, ein paar Brocken Sächsisch zu verstehen oder zumindest freundlich zu nicken, wenn man in den hiesigen Dialekt eingewickelt wird. "Nu" ist das universelle Wort für fast alles und öffnet oft Türen.

In Sachen Anreise ist die Deutsche Bahn die stressfreiste Variante. Vom Hauptbahnhof läuft man etwa zehn Minuten die Prager Straße hinunter, was quasi die Aufwärmphase für den Marktbesuch ist. Parkplätze in der Innenstadt sind im Dezember so selten wie Schnee an Heiligabend. Wer mit dem Auto kommt, nutzt am besten die Park-and-Ride-Plätze am Stadtrand und fährt mit der Straßenbahn rein. Die gelben Bahnen der DVB sind zuverlässig und bringen einen fast bis vor die Tür. Wenn man dann abends, nach dem dritten Glühwein, zurück zur Bahn wankt, weiß man, warum man das Auto stehen gelassen hat. Die Lichter der Stadt spiegeln sich in den Pfützen und für einen kurzen Moment fühlt sich Dresden tatsächlich wie ein Wintermärchen an, auch wenn die Realität meist aus Wolle, Schals und kalten Füßen besteht.

Ein wichtiger Aspekt für den Besuch ist die Kleidung. Zwiebelprinzip ist Pflicht. Draußen an den Ständen ist es zugig, aber sobald man eine der beheizten Hütten oder ein angrenzendes Café betritt, kommt man ins Schwitzen. Die Dresdner Luft kann im Winter feucht-kalt sein, eine Kälte, die langsam in die Knochen kriecht. Ein ordentlicher Schal und festes Schuhwerk sind wichtiger als modisches Auftreten. Man sieht hier ohnehin mehr Funktionsjacken als Pelzmäntel, was die unaufgeregte Art der Sachsen widerspiegelt. Am Ende des Tages zählt nicht, wie man aussieht, sondern ob man genug Stollen für die Verwandtschaft im Gepäck hat und ob die Finger wieder aufgetaut sind.

Schreibe einen Kommentar
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.
 
Du 

Bisher keine Kommentare
Entdecke mehr:
Nach oben scrollen