Die Tour beginnt dort, wo Bremen am hanseatischsten ist. An der Schlachte, der Uferpromenade in der Altstadt, herrscht vormittags meist noch eine verschlafene Betriebsamkeit. Während die Kellner die Tische für das Mittagsgeschäft rücken, rollen die Reifen über das glatte Kopfsteinpflaster. Es riecht nach altem Holz von den Nachbauten historischer Schiffe und nach dem Frittierfett der ersten Fischbrötchen. Wer hier startet, lässt den Roland und das Rathaus im Rücken und folgt dem Flusslauf nach Nordwesten. Der Weser-Radweg ist hier hervorragend ausgeschildert, aber eigentlich braucht man nur dem Wasser zu folgen. Die Stadt zeigt sich hier von ihrer schicken Seite, doch das ändert sich schnell, sobald man die Stephanibrücke unterquert hat.
Plötzlich wird die Architektur rauer. Die Weserburg, ein Museum für moderne Kunst, thront auf der Teerhof-Insel, während man selbst am rechten Ufer bleibt. Hier ist Bremen kein Postkartenmotiv mehr, sondern ein Arbeitsplatz. Die Wege führen vorbei an alten Speichergebäuden, die heute teils als Büros oder Lofts dienen. Es klappert und scheppert in der Ferne, irgendwo wird immer gebaut oder verladen. Die Strecke ist flach, wie man es im Norden erwartet, was dazu verleitet, ordentlich in die Pedale zu treten. Doch Vorsicht ist geboten, denn der Belag wechselt gerne mal von Asphalt zu etwas holperigeren Plattenwegen. Es ist diese Mischung aus hanseatischem Schick und derber Industriekultur, die den Reiz der ersten Kilometer ausmacht.
Kurz & Kompakt - Streckencharakter: Überwiegend flach, ca. 25 Kilometer lang, gut ausgebaute Wege, aber Vorsicht bei Wind aus Nordwest.
- Highlights am Weg: Die Überseestadt mit moderner Architektur, das Sperrwerk an der Lesum und der historische Museumshafen in Vegesack.
- Verpflegung: Zahlreiche Möglichkeiten in der Bremer City und in Vegesack; dazwischen eher spärlich, daher Wasser und Snacks einpacken.
- Rückreise: Unkompliziert mit der RS1 (NordWestBahn) ab Bahnhof Vegesack zum Bremer Hauptbahnhof, Fahrradmitnahme möglich.
Industriecharme und Weizenfelder
Hinter dem Bremer Westen wandelt sich das Bild drastisch. Wer denkt, eine Stadt wie Bremen bestünde nur aus Häusern, wird hier eines Besseren belehrt. Die Überseestadt liegt nun hinter einem, und der Weg führt hinein in das Hafengebiet. Man radelt an riesigen Silos vorbei, in denen Getreide lagert. Der Geruch von Staub und Malz hängt in der Luft, besonders wenn der Wind ungünstig steht. Hier begegnet man kaum Touristen, dafür umso mehr Lkw-Fahrern und Hafenarbeitern, die in ihrer Mittagspause auf der Kaimauer sitzen. Es ist ein ehrlicher Ort, ungeschönt und laut. Spannend ist dabei, dass der Radweg oft unmittelbar an den Gleisen der Hafenbahn entlangführt. Wenn man Glück hat, rangiert gerade eine Lokomotive tonnenschwere Waggons direkt neben dem Radweg.
Nach ein paar Kilometern weicht der Beton den Deichwiesen. Die Weser macht einen weiten Bogen, und das Gelände öffnet sich. Das ist der Moment, in dem man tief durchatmen kann. Auf der linken Seite fließt die Weser, die hier schon deutlich breiter wirkt als in der Innenstadt. Rechts erstrecken sich weite Polderflächen. Im Sommer zirpen die Grillen so laut, dass man das ferne Rauschen der Stadt fast vergisst. Kühe stehen gelassen auf den Weiden und glotzen die Radfahrer an, während über einem die Möwen kreisen. Der Wind ist hier ein ständiger Begleiter, meistens kommt er natürlich von vorne. Das gehört im Norden dazu, da hilft kein Jammern. Wer hier unterwegs ist, braucht entweder kräftige Waden oder einen vollen Akku im E-Bike. Die Weite ist beeindruckend, fast schon meditativ, wenn man kilometerlang nur das Surren der Kette hört.
Zwischenstopp mit Fähranbindung
Ein kleiner Geheimtipp am Wegesrand ist der Bereich um das Sperrwerk an der Lesum. Bevor man jedoch dort ankommt, passiert man das kleine Örtchen Mittelsbüren. Es wirkt fast so, als wäre die Zeit stehengeblieben, gäbe es nicht das riesige Stahlwerk im Hintergrund. Die Kontraste könnten kaum schärfer sein: Reetgedeckte Häuser direkt neben den gewaltigen Hochöfen von ArcelorMittal. Das ist typisch Bremen. Man hat hier nie versucht, die Industrie zu verstecken. Sie gehört zum Stolz der Stadt. Wer Hunger bekommt, findet im "Blockland" oder in den angrenzenden Marschgebieten oft kleine Hofläden, die Milch oder Äpfel direkt ab Erzeuger verkaufen. Ein kurzer Plausch mit den Einheimischen lohnt sich immer, auch wenn der Bremer an sich eher wortkarg ist. Ein kurzes "Moin" reicht meistens aus, um als dazugehörig akzeptiert zu werden.
An der Lesummündung angekommen, teilt sich die Welt. Man kann entweder direkt weiter Richtung Vegesack fahren oder einen kleinen Schlenker machen. Die Lesum ist ein Nebenfluss der Weser und wirkt an manchen Stellen fast parkähnlich. Hier gibt es viele kleine Segelboote, die sanft im Wasser schaukeln. Die Farben sind hier weicher, viel Grün mischt sich in das Blau des Wassers. Es ist ein guter Ort für eine kurze Rast auf einer der Holzbänke. Man beobachtet die Flut, wie sie das Wasser landeinwärts drückt, oder die Ebbe, die den Schlick freilegt. Dieser Rhythmus der Gezeiten ist in Bremen-Nord überall spürbar. Es riecht nach Algen und feuchtem Sand. Manche sagen, hier fange der echte Norden erst richtig an, wo das Wasser ein bisschen trüber und der Wind ein bisschen salziger ist.
Vegesack: Wo die Walfänger wohnten
Das Ziel der Etappe rückt näher, sobald die ersten Kräne der Lürssen-Werft am Horizont auftauchen. Vegesack ist kein gewöhnlicher Stadtteil. Es war früher eine eigenständige Stadt und hat sich diesen stolzen Charakter bewahrt. Der Weg führt direkt an der Weserpromenade entlang, die hier "Maritime Meile" genannt wird. Es ist ein imposanter Anblick, wenn man auf der einen Seite die riesigen Jachten sieht, die bei Lürssen gebaut werden, und auf der anderen Seite die historischen Segelschiffe im Museumshafen. Besonders die "Schulschiff Deutschland" sticht hervor. Das weiße Dreimastschiff liegt fest vertäut im Wasser und wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Man kann fast das Knarren der Masten hören, wenn man lange genug hinschaut.
In Vegesack angekommen, sollte man das Rad kurz schieben. Die Fußgängerzone und der Bereich um den Utkiek sind belebt. Hier treffen sich die Leute auf ein Fischbrötchen oder ein Kaltgetränk mit Blick auf die Weser. Der Utkiek ist ein historischer Aussichtspunkt, von dem aus man früher die einlaufenden Schiffe beobachtete. Heute schauen die Menschen eher den Fähren zu, die im Minutentakt zwischen Vegesack und Lemwerder hin und her pendeln. Es ist ein buntes Treiben. Die Luft riecht nach gebratenem Fisch und der Abgasfahne der Schiffe. Es hat etwas Beruhigendes, dem Treiben am Wasser zuzusehen. Die Häuser in der ersten Reihe sind oft alte Kapitänshäuser mit aufwendig verzierten Fassaden. Man merkt, dass hier früher Geld mit dem Walfang und dem Handel verdient wurde. Es ist kein schriller Ort, sondern eher einer mit hanseatischer Würde und einer gewissen Gelassenheit.
Der Rückweg oder die Weiterreise
Wer nach der Tour müde Beine hat, muss nicht zwingend den ganzen Weg zurückstrampeln. Die Regio-S-Bahn fährt vom Bahnhof Vegesack in etwa zwanzig Minuten zurück zum Bremer Hauptbahnhof. Das ist die bequeme Variante für alle, die den Wind auf dem Hinweg unterschätzt haben. Fahrräder können in der Regel problemlos mitgenommen werden, sofern man ein entsprechendes Ticket hat. Aber eigentlich lohnt es sich, noch ein bisschen in Vegesack zu verweilen. Vielleicht ein Besuch im KITO, einem alten Packhaus, das heute für Konzerte und Ausstellungen genutzt wird, oder ein Spaziergang durch den Stadtgarten, der sich terrassenförmig am Weserhang hinzieht. Von dort oben hat man einen fantastischen Blick über das gesamte Flusstal.
Für die ganz Harten führt der Weser-Radweg natürlich noch weiter Richtung Bremerhaven und Cuxhaven bis zur Nordsee. Aber diese maritime Etappe von Bremen bis Vegesack ist für sich genommen schon ein komplettes Erlebnis. Sie bietet alles, was Norddeutschland ausmacht: Historie, harte Arbeit im Hafen, weite Natur und ein Ziel, das nach Freiheit schmeckt. Man muss kein Profisportler sein, um diese Strecke zu genießen. Ein simples Rad, wetterfeste Kleidung und ein bisschen Neugier auf das, was hinter der nächsten Flussbiegung kommt, reichen völlig aus. Am Ende des Tages hat man wahrscheinlich ein bisschen Sonnenbrand auf der Nase und Sand in den Schuhen, aber dafür auch den Kopf frei vom Alltagsstress. Und genau darum geht es doch beim Radfahren an der Weser.
Besonders schön ist die Tour übrigens im späten Frühjahr, wenn der Raps auf den Feldern blüht und die ersten Segelboote wieder zu Wasser gelassen werden. Die Farben sind dann besonders intensiv. Aber auch im Herbst, wenn der Nebel über der Weser hängt und die Schiffe ihre Nebelhörner ertönen lassen, hat die Strecke eine ganz eigene, fast schon melancholische Atmosphäre. Man ist hier nie allein, und doch hat man oft das Gefühl, die Weite ganz für sich zu haben. Es ist diese typisch bremische Mischung aus Nähe und Ferne, die einen immer wieder auf diese Route zieht. Wer einmal Blut geleckt hat, kommt garantiert wieder, egal ob mit Gegenwind oder mit einer steifen Brise von hinten.