Berlin

Auge in Auge mit Nofretete: Warum das Neue Museum das schönste Haus der Stadt ist

Vergiss den Hochglanz anderer Museen, denn hier regiert die nackte Geschichte an den Wänden. Zwischen Einschusslöchern und samtigem Beton wartet nicht nur die schönste Frau der Antike auf dich, sondern eine Architektur, die dich sprachlos macht.

Berlin  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Hand aufs Herz. Wenn man vor den Prachtbauten auf der Berliner Museumsinsel steht, wirkt das Neue Museum auf den ersten Blick fast ein wenig struppig. Neben der wuchtigen Alten Nationalgalerie und dem (derzeit verhüllten) Pergamonmuseum sieht die Fassade aus wie ein gut getragenes Kleidungsstück, das man einfach nicht wegwerfen will. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Es ist dieses Unperfekte, was den Kasten so unfassbar anziehend macht. David Chipperfield, der britische Stararchitekt, hat hier nämlich etwas gewagt, was in der Denkmalpflege lange als Sakrileg galt. Er hat die Zerstörung nicht wegretuschiert. Er hat sie konserviert.

Du läufst auf das Gebäude zu und siehst die dunklen Flecken am Sandstein. Das sind keine Verschmutzungen durch Berliner Abgase, sondern Brandspuren aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Säulenfront wirkt stellenweise wie ein gerupftes Huhn, aber mit einer Würde, die man schwer in Worte fassen kann. Als das Haus 2009 nach über siebzig Jahren Dornröschenschlaf als Ruine wiedereröffnet wurde, gab es durchaus kritische Stimmen. Manche Berliner wollten ihren alten Prunk zurück, ganz ohne Risse. Chipperfield aber sagte Nein. Er füllte die Lücken, die Bomben gerissen hatten, mit hellem Sichtbeton und recycelten Ziegeln auf. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich, der so elegant wirkt, als wäre er schon immer so geplant gewesen.

Kurz & Kompakt
  • Das Ticket-System: Ohne Zeitfenster-Buchung ("Time Slot") geht fast nichts. Buche unbedingt einige Tage im Voraus online, um lange Wartezeiten oder Enttäuschungen an der Kasse zu vermeiden.
  • Fotografieren: Grundsätzlich ohne Blitz erlaubt, aber im Nordkuppelsaal bei der Nofretete streng verboten. Die Aufsichten verstehen hier absolut keinen Spaß.
  • Der Goldene Hut: Verpasse auf keinen Fall die Ebene 3. Der Berliner Goldhut ist eines der bedeutendsten Fundstücke der Bronzezeit und fast so beeindruckend wie die ägyptische Königin.

Das Treppenhaus: Ein Aufgang wie ein Donnerschlag

Sobald du durch die Sicherheitsschleuse bist und die breite Treppe in die Haupthalle nimmst, weißt du, warum Architekturkritiker weltweit Schnappatmung bekommen haben. Die Treppenhalle ist der Wahnsinn. Ursprünglich war das hier alles voller Wandgemälde und Stuck, eine typische preußische Leistungsschau des 19. Jahrhunderts. Heute stehst du in einem Raum, der fast sakral wirkt, aber ohne jeden Kitsch. Die Wände sind nackt. Du siehst den roten Ziegel, du siehst Putzreste, die wie abstrakte Gemälde wirken. Es riecht förmlich nach Geschichte, nach Staub und Stein.

Die monumentale Treppe selbst ist ein Neubau aus Betonwerkstein. Sie glänzt hell und glatt, fast wie Marmor, ist aber modernes Material. Wenn du mit der Hand über das Geländer streichst, spürst du die Kühle und die perfekte Verarbeitung. Der Kontrast zwischen diesem geschmeidigen neuen Material und den schrundigen, kaputten Wänden im Hintergrund erzeugt eine Spannung, die man in keinem anderen Museum der Welt findet. Hier wird nichts versteckt. Die Geschichte schreit dich förmlich an. Manchmal vergisst man fast, weiterzugehen, weil der Raum selbst das eigentliche Exponat ist. Es ist still hier, trotz der Touristenmassen. Die Architektur zwingt zur Ruhe. Man flüstert automatisch.

Die Hausherrin wartet im Nordkuppelsaal

Natürlich kommen die meisten wegen ihr. Nofretete. Die Büste der ägyptischen Königin ist der Popstar der Archäologie, die Mona Lisa Berlins. Sie residiert im Nordkuppelsaal im zweiten Obergeschoss, und ihr Auftritt ist perfekt inszeniert. Du wanderst durch die abgedunkelten Räume der Ägyptischen Sammlung, vorbei an Sarkophagen und filigranen Reliefs, und dann siehst du sie am Ende einer langen Sichtachse stehen. Sie steht ganz allein in einer hohen Glasvitrine unter einer Kuppel. Das Licht ist so gesetzt, dass ihre Gesichtszüge fast lebendig wirken.

Wenn du dich ihr näherst, fällt auf, wie klein sie eigentlich ist. Zierlich. Aber diese Farben! Das Blau der Krone, das Ocker der Haut. Es ist fast unheimlich, wie gut der Kalkstein und der Gips die 3.000 Jahre überstanden haben. Du darfst hier nicht fotografieren, und die Wächter passen auf wie Schießhunde. Das nervt im ersten Moment, weil man ja unbedingt das Beweisfoto für Instagram will. Aber eigentlich ist es ein Segen. Statt auf Displays zu starren, schauen die Leute der Königin wirklich ins Gesicht. Man bemerkt das fehlende linke Auge, die feinen Falten am Hals, die der Bildhauer Thutmosis damals eingearbeitet hat. Es ist ein intimer Moment, selbst wenn zwanzig andere Leute mit im Raum stehen.

Mehr als nur Ägypten: Ein Goldhut und Neandertaler

Viele Besucher machen den Fehler, nach Nofretete direkt wieder zum Ausgang zu steuern. Ein fataler Fehler. Das Neue Museum beherbergt nämlich nicht nur die Ägypter, sondern auch das Museum für Vor- und Frühgeschichte. Das klingt erstmal trocken wie Zwieback, ist aber spektakulär präsentiert. Ein absolutes Highlight ist der Berliner Goldhut. Stell dir einen fast einen Meter hohen, kegelförmigen Hut vor, komplett aus dünnem Goldblech getrieben. Er stammt aus der Bronzezeit und diente wahrscheinlich Priestern für rituelle Zwecke und als Kalender. Er leuchtet in seinem dunklen Raum wie eine kleine Sonne. Die Handwerkskunst ist derart fein, dass man sich fragt, wie die Menschen das vor 3.000 Jahren ohne moderne Präzisionswerkzeuge hinbekommen haben.

Einen Stock tiefer wird es noch älter. Hier liegt der Schädel des Neandertalers von Le Moustier. Wenn du davor stehst, blickst du in die tiefen Augenhöhlen eines Verwandten, der vor 40.000 Jahren gelebt hat. Die Kuratoren haben es geschafft, diese alten Knochen und Steine nicht langweilig in Vitrinen zu legen, sondern Geschichten zu erzählen. Man lernt, wie die Menschen in Berlin und Brandenburg lebten, als hier noch Mammuts durch die Tundra stapften. Es gibt prächtige Fibeln, Schwerter und Schmuck aus der Merowingerzeit, die so modern aussehen, dass man sie heute glatt in einer Boutique in Berlin-Mitte verkaufen könnte.

Der Rote Saal und der Tanz mit der Geschichte

Ein Raum, der oft übersehen wird, ist der Rote Saal oder Niobidensaal. Hier hat Chipperfield ebenfalls tief in die Trickkiste gegriffen. Die Wände sind in einem intensiven Pompejanisch-Rot gehalten, das aber nicht frisch gestrichen wirkt, sondern wie eine Erinnerung an die ursprüngliche Farbe. In Kombination mit den grünen Böden und den weißen Skulpturen entsteht ein Farbklang, der fast schon vibriert. Es ist dieser Mut zur Farbe, der das Museum so lebendig macht. Man läuft nicht durch weiße White Cubes, sondern durch Räume mit Charakter.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die begeistern. In einem der Durchgänge im Erdgeschoss hat man die Decke so belassen, wie sie nach dem Krieg aussah. Man sieht die nackten Ziegelgewölbe, in die Tontöpfe eingelassen sind. Diese Töpfe dienten damals dazu, das Gewicht der Decke zu verringern eine geniale Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts, die durch die Zerstörung erst sichtbar wurde. Chipperfield hat das einfach offen gelassen. So lernt man beim Gehen durchs Museum auch gleich noch etwas über preußische Bautechnik. Das ist "Learning by doing" für die Augen.

Praktische Tipps für den Besuch ohne Stress

Da das Neue Museum kein Geheimtipp mehr ist, sondern in jedem Reiseführer ganz oben steht, ist es oft voll. Richtig voll. Wer keine Lust auf Geschiebe hat, sollte sich sein Zeitfenster-Ticket unbedingt vorab online buchen. Spontan hingehen klappt fast nie, oder man steht zwei Stunden in der Schlange im Regen. Die beste Zeit für einen Besuch ist oft der späte Nachmittag unter der Woche. Dann sind die Schulklassen weg und die Bustouren sitzen schon beim Abendessen.

Die Garderobe ist im Untergeschoss und oft etwas chaotisch. Nimm am besten so wenig Gepäck wie möglich mit. Große Rucksäcke sind sowieso verboten, und die Schließfächer sind heiß begehrt. Wenn du eine kleine Tasche hast, die du vorne tragen kannst, ist das oft okay. Ein Audioguide ist im Preis inbegriffen und lohnt sich wirklich, die Sprecher sind gut und labern einen nicht mit Jahreszahlen tot. Wer es noch intensiver mag, bucht eine Führung. Die Guides hier sind oft Archäologen oder Kunsthistoriker, die wirklich Ahnung haben und auch mal eine Anekdote erzählen, die nicht auf den Schildern steht.

Warum du dieses Haus lieben wirst

Am Ende des Rundgangs, wenn die Füße langsam schwer werden, setzt man sich am besten nochmal kurz auf eine der Bänke in der Treppenhalle. Man schaut hoch zu den rohen Wänden und den modernen Betonsäulen. Das Neue Museum ist mehr als nur eine Hülle für alte Töpfe und Statuen. Es ist ein physischer Beweis dafür, dass Geschichte weitergeht. Es zeigt, dass man Narben nicht verstecken muss, um schön zu sein. Das Gebäude hat den Krieg überlebt, die DDR-Zeit als Ruine überdauert und sich dann neu erfunden.

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