Es ist schon ein kurioser Anblick, wenn man die Wilhelmstraße entlangläuft und plötzlich dieser gigantische, meist blau-weiße Ball zwischen den Häuserschluchten auftaucht. Der Weltballon, oft einfach als Fesselballon bezeichnet, ist keine dieser typischen Touristenfallen, bei denen man viel Geld für Plastiksouvenirs bezahlt, obwohl er genau dort steht, wo der Touristenstrom am dichtesten ist. Unweit des Checkpoint Charlie, wo verkleidete Soldaten für Fotos posieren, bietet dieses Fluggerät eine nüchterne physikalische Realität. Er fliegt nicht wirklich weg. Er hängt fest. Ein Stahlseil, dick wie ein Unterarm, hält das mit Helium gefüllte Ungetüm am Boden, während eine Winde im Kellerschacht Schwerstarbeit leistet.
Man muss sich das Prinzip eher wie einen Fahrstuhl ohne Schacht vorstellen. Es ist kein Heißluftballon, der fauchend Flammen in die Hülle spuckt. Hier herrscht, abgesehen vom Summen der Winde und dem Wind selbst, relative Stille. Das Gas im Inneren, Helium, ist leichter als Luft und will permanent nach oben. Die Winde lässt einfach nur locker. Das klingt simpel. Ist es im Grunde auch, aber wenn man davorsteht und den Kopf in den Nacken legt, wirkt die Konstruktion doch vertrauenerweckend massiv. Manchmal fragt man sich als Berliner, warum man hier eigentlich noch nie oben war, während die Besucher aus Italien und den USA Schlange stehen.
Kurz & Kompakt - Standort und Zugang: Der Ballon startet an der Ecke Zimmerstraße / Wilhelmstraße, in unmittelbarer Nähe zum Checkpoint Charlie und der Topographie des Terrors. Die nächste U-Bahn-Station ist Kochstraße (U6).
- Wetterabhängigkeit: Der Betrieb ist extrem wetterfühlig. Schon bei mäßigem Wind (oft ab Windstärke 4-5) bleibt der Ballon am Boden. Ein vorheriger Anruf oder ein Blick auf die Website kurz vor dem Besuch spart Frust und Zeit.
- Ausrüstung und Kleidung: Da es sich um einen offenen Korb handelt, ist es oben deutlich kühler und windiger als am Boden. Auch im Sommer schadet eine leichte Jacke nicht. Kameras unbedingt mit einem Gurt sichern.
- Höhe und Dauer: Der Aufstieg geht auf maximal 150 Meter. Die reine Flugzeit (oben bleiben) beträgt etwa 15 Minuten, der gesamte Vorgang mit Auf- und Abstieg dauert rund 25 Minuten.
Der Aufstieg beginnt im Magen
Sobald man das Ticket gekauft hat und durch das Drehkreuz ist, wartet man auf den "Boarding"-Moment. Der Korb ist ringförmig angelegt. Das bedeutet, man kann und soll herumlaufen. Es gibt keinen festen Sitzplatz, was gut ist, denn die Aussicht ändert sich mit jeder Drehung des Ballons. Wenn die Winde startet, spürt man das sofort. Es ist kein sanftes Gleiten wie im ICE, sondern ein leichtes Ruckeln, ein Ziehen, das direkt in die Kniekehlen geht. Der Boden unter den Füßen ist ein Gitter, zumindest teilweise, und man sieht, wie der Asphalt und die kleinen bunten Punkte der "Trabi World" immer kleiner werden.
Man merkt schnell, dass man dem Wetter hier oben ausgeliefert ist. Es gibt keine Glasscheibe wie im Fernsehturm am Alexanderplatz. Wenn es im Herbst in Berlin pfeift, dann pfeift es im Korb doppelt so stark. Das Netz, das den Ballon umspannt, singt manchmal leise im Wind. Das gehört dazu. Wer absolute Stabilität sucht, sollte lieber auf den Panoramapunkt am Potsdamer Platz ausweichen, der aus festem Beton und Stahl besteht. Hier im Ballon ist Bewegung Teil des Geschäftsmodells. Er schwankt. Nicht bedrohlich, aber man muss schon mal einen Ausfallschritt machen, um das Gleichgewicht zu halten, wenn eine Böe die Zimmerstraße hinunterfegt.
Die Topographie des Terrors aus der Vogelperspektive
Erreicht der Ballon seine Gipfelhöhe von 150 Metern, stoppt die Winde. Jetzt hat man etwa zehn bis fünfzehn Minuten Zeit, Berlin zu sortieren. Der Blick nach unten ist dabei fast spannender als der Blick in die Ferne. Direkt unter dem Korb liegt das Gelände der "Topographie des Terrors". Von der Straße aus sieht man die Reste der Mauer und die grauen Schotterflächen, aber von hier oben wird die Dimension des ehemaligen Gestapo- und SS-Hauptquartiers erst begreifbar. Man sieht die freigelegten Kellerfundamente wie offene Wunden im Stadtbild. Das Grau der Geschichte kontrastiert hart mit dem Grün der wenigen Bäume und dem Asphalt der Straßen.
Es ist eine seltsame Mischung aus Erhabenheit und Beklemmung, die einen da oben packt. Man schwebt über dem Ort, an dem die schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts geplant wurden, und schaut gleichzeitig hinüber zum Sony Center, dessen Zeltdach wie ein weißer Vulkan aus dem Boden ragt. Dieser Bruch, dieses Nebeneinander von düsterer Historie und modernem Entertainment, ist typisch Berlin. Nirgendwo sieht man das klarer als aus diesem Korb.
Der Fernsehturm kann warten
Oft wird gefragt, ob sich der Ballon lohnt, wenn man doch auf den Fernsehturm kann. Die Antwort ist ein klares Ja, aber aus anderen Gründen. Der Fernsehturm ist mit über 200 Metern Aussichtsplattform höher, keine Frage. Aber dort ist man entrückt, hinter dickem Glas, wie in einem Raumschiff. Im Weltballon hört man die Stadt. Man hört die Sirenen der Polizeiwagen auf der Leipziger Straße. Man hört das Rauschen des Verkehrs. Man riecht die Stadt, sei es der Abgasgeruch oder der Duft von Regen auf heißem Asphalt im Sommer. Es ist eine sinnliche Erfahrung, keine sterile.
Zudem ist die Perspektive anders. Vom Fernsehturm sieht man den Fernsehturm nicht (logisch). Vom Ballon aus hat man die Kugel am Alex perfekt im Blick, wie sie in der Sonne glänzt. Auch das Axel-Springer-Hochhaus, dieser goldene Klotz der Medienmacht, wirkt von hier aus fast greifbar nah. Man kann den Leuten in den oberen Stockwerken fast auf den Schreibtisch schauen. Die Architektur der Plattenbauten entlang der Leipziger Straße entfaltet von hier oben eine ganz eigene, strenge Geometrie, die man vom Boden aus leicht als hässlich abtut, die aber aus der Luft eine gewisse Ordnung besitzt.
Wetterglück und Windlotterie
Ein praktisches Problem gibt es allerdings. Der Ballon ist eine Diva. Er steigt nur auf, wenn der Wind es zulässt. Schon bei mittelstarkem Wind, der unten am Boden kaum die Haare durcheinanderbringt, bleibt der Ballon am Boden. Die Betreiber gehen da kein Risiko ein. Das führt oft zu Enttäuschungen. Man plant den Besuch, steht vor dem Kassenhäuschen und sieht das Schild: "Currently no flights due to wind conditions". Das ist ärgerlich, aber Physik lässt sich nicht bestechen. Es empfiehlt sich daher, nicht lange im Voraus zu buchen, sondern spontan vorbeizuschauen, wenn die Fahnen in der Stadt schlaff herunterhängen.
Die Wartezeiten sind, wenn er denn fliegt, meist kürzer als am Alex. Das Personal ist oft berlinerisch direkt. Da wird nicht lange gefackelt beim Einsteigen. "Rin in die Stube, wir wolln hoch", könnte man hören, auch wenn sie meistens höflich bleiben. Aber der Ton ist rauer, das passt zum offenen Korb und dem Stahlseil.
Lohnt sich der Preis?
Man muss ehrlich sein: Billig ist der Spaß nicht. Für eine Familie ist man schnell fast hundert Euro los für eine Viertelstunde Aussicht. Das ist ein stolzer Preis pro Minute. Man bezahlt hier allerdings nicht nur für den Blick, sondern für das Gefühl des Schwebens. Es ist dieses Kribbeln, wenn der Boden wegsackt, das man im Aufzug nicht hat. Für Fotografen ist der Ballon ein Segen und ein Fluch zugleich. Ein Segen, weil kein Glas spiegelt. Ein Fluch, weil das Schwanken Langzeitbelichtungen unmöglich macht und man die Kamera verdammt gut festhalten sollte.
Am Abend, wenn die Sonne untergeht und die Lichter der Stadt angehen, ist die Fahrt am eindrucksvollsten. Berlin ist keine klassische Schönheit mit einer perfekten Skyline wie Frankfurt oder New York. Berlin ist ein Flickenteppich. Hier ein Kirchturm, da ein Schornstein, dort ein Glaskasten. Im Abendlicht verschwimmen die Bausünden der Nachkriegszeit mit den preußischen Prachtbauten zu einem glühenden Meer. Wenn man dann wieder landet, sanft aufsetzt und aus dem Korb klettert, hat man oft etwas wacklige Beine. Nicht vor Angst, sondern weil der Körper sich kurz an die Schwerelosigkeit gewöhnt hatte. Man ist wieder unten. Im Lärm, im Dreck, im Trubel der Friedrichstraße. Aber für 15 Minuten war man König von Mitte.