Düsseldorf

Der Landtag NRW: Warum der Landtag in Düsseldorf mehr als nur eine Glaskuppel ist

Kein rechtwinkeliger Kasten, sondern eine Ode an die Kurve. Direkt am Rhein wird in Düsseldorf Politik gemacht, während draußen die Spaziergänger flanieren. Ein Haus, das Transparenz nicht nur verspricht, sondern baulich erzwingt.

Düsseldorf  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Wer am Düsseldorfer Rheinufer entlangschlendert, stolpert unweigerlich über diesen Bau, der so gar nicht in das typische Schema von Behördenarchitektur passen will. Während viele Parlamente in Europa auf schwere Säulen und antike Strenge setzen, kommt der Landtag von Nordrhein-Westfalen am Rheinknie fast schon spielerisch daher. Es riecht hier oft nach einer Mischung aus Flusswasser und gebrannten Mandeln vom nahen Kirmesplatz, wenn der Wind ungünstig steht. Das Gebäude wurde 1988 fertiggestellt und war damals eine kleine Sensation, weil es das erste Mal in der Bundesrepublik war, dass ein Parlament komplett neu für diesen Zweck entworfen wurde. Man entschied sich gegen Ecken und Kanten.

Die Architekten Eller, Maier, Walter und Partner hatten eine Vision, die heute aktueller denn je wirkt. Sie wollten ein offenes Haus. Wenn man davor steht, bemerkt man schnell, dass Kreise und Kreissegmente das gesamte Bild bestimmen. Das ist kein Zufall oder modischer Schnickschnack der späten Achtziger. Es soll die Gleichberechtigung der Abgeordneten symbolisieren. Im Kreis gibt es kein Oben und Unten, kein Vorne und Hinten im klassischen Sinne. Zumindest theoretisch. In der Praxis müssen die Damen und Herren Politiker natürlich trotzdem schauen, wo sie bleiben, aber die Architektur nimmt den hierarchischen Druck aus dem Kessel. Manchmal wirkt das Gebäude aus der Vogelperspektive wie ein Zahnradgetriebe, das direkt in die Parklandschaft am Strom gesetzt wurde.

Kurz & Kompakt
  • Adresse: Platz des Landtags 1, 40221 Düsseldorf. Erreichbar mit den Linien 706, 708 und 709.
  • Besucherzentrum: Geöffnet für Einzelbesucher meist an Wochenenden von 11 bis 16 Uhr, Anmeldung über die Website wird dringend empfohlen.
  • Architektur-Fakt: Der Bau besteht aus exakt 111.000 Kubikmetern umbautem Raum und wurde auf 2.500 Betonpfählen im rheinischen Grund verankert.

Ein Haus ohne dunkle Ecken

Innen setzt sich das fort, was man von außen erahnt. Es ist hell, es ist weit und man verläuft sich anfangs grandios. Wer hier als Besucher reingeht, wird erst einmal durch die Sicherheitsschleuse geschleust, was in Zeiten wie diesen leider nicht anders geht. Aber danach öffnet sich die Bürgerhalle. Das ist so etwas wie das Wohnzimmer der Landespolitik. Hier wird nicht nur über Gesetze diskutiert, sondern hier finden Ausstellungen statt, Konzerte oder einfach nur das tägliche Gewusel. Es ist laut, es hallt ein wenig und man hört das Klackern von Absätzen auf dem Steinboden. Spannend ist dabei, dass man als Bürger nicht das Gefühl hat, in einer Trutzburg zu stehen. Die Fensterfronten sind riesig. Man sieht die Schiffe auf dem Rhein vorbeiziehen, während drinnen vielleicht gerade über das neue Schulgesetz gestritten wird. Das hat was Bodenständiges.

Der Plenarsaal selbst ist das Herzstück. Auch hier wieder: die Kreisform. Die Abgeordneten sitzen in einem weiten Rund. Das sorgt für eine ganz eigene Akustik. Man kann den anderen meistens direkt in die Augen schauen, was die Debattenkultur theoretisch fördert. Wenn es hitzig wird, fliegen hier die Worte tief, aber der Raum fängt das durch seine Offenheit gut ab. Man merkt dem Bau sein Alter an manchen Stellen an, die Materialwahl ist typisch für die Bauzeit, aber das Konzept der Transparenz funktioniert immer noch tadellos. Es gibt keine abgeschotteten Hinterzimmer im klassischen Sinne, zumindest sind sie architektonisch nicht vorgesehen. Alles wirkt wie aus einem Guss, auch wenn die Teppichböden vielleicht mal ein Update vertragen könnten.

Der Paternoster und andere Kuriositäten

Ein echtes Highlight, das man in modernen Gebäuden fast gar nicht mehr findet, ist der Paternoster. Ja, im Landtag NRW rattert er noch. Diese Aufzüge, die niemals anhalten und bei denen man im richtigen Moment rein- und rausspringen muss, sind ein Relikt, das hier liebevoll gehegt wird. Es hat fast etwas Meditatives, den Holzkabinen beim Vorbeifahren zuzusehen. Für die Mitarbeiter ist es Alltag, für Besucher oft ein Grund zum Staunen. Man munkelt, dass hier so manches schnelle Gespräch zwischen zwei Etagen geführt wird, das im Sitzungssaal so nicht möglich gewesen wäre. Es ist dieser kleine Schuss Nostalgie in einem ansonsten sehr zweckorientierten Funktionsbau.

Wenn man durch die Gänge streift, fallen einem die vielen Kunstwerke auf. Das Land NRW hat hier ordentlich investiert, um nicht nur Aktenordnern Platz zu bieten. Manchmal stolpert man über Skulpturen oder großformatige Bilder, die in den weiten Fluren fast ein bisschen verloren wirken. Aber genau das macht den Reiz aus. Es ist kein steriles Amt. Es ist ein Ort, der lebt. Da liegt mal ein vergessenes Manuskript auf einer Bank, dort eilt ein Referent mit fliegendem Schlips zum nächsten Ausschuss. Es duftet in der Nähe der Kantine nach typischer Großküche, was den Laden irgendwie menschlich macht. Politik ist hier eben auch nur ein Job, der irgendwo zwischen Kaffeeautomat und Rednerpult stattfindet.

Ankommen und Mitmachen

Wie kommt man nun rein in die gute Stube? Der Landtag liegt am Ende der Rheinuferpromenade, direkt neben dem Rheinturm. Man kann das eigentlich nicht verfehlen. Wer nicht nur von außen gucken will, sollte sich für eine Führung anmelden. Das ist kostenlos und lohnt sich wirklich. Es gibt spezielle Programme für Einzelbesucher, meistens an den Wochenenden, wenn der Betrieb ruht. Unter der Woche ist es für Gruppen reserviert. Man bekommt dann Plätze auf der Zuschauertribüne und kann live erleben, wie Demokratie in der Praxis aussieht. Manchmal ist es sterbenslangweilig, wenn stundenlang über Details gefeilscht wird, aber manchmal knallt es auch richtig. Das ist dann das Salz in der Suppe.

Interessant ist auch das Besucherzentrum. Da wird heutzutage viel mit Multimedia gearbeitet, was vor allem für Schulklassen super ist. Man kann dort spielerisch erfahren, was so ein Abgeordneter eigentlich den ganzen Tag treibt, außer in Kameras zu lächeln. Es wird viel Wert darauf gelegt, die Schwellenangst abzubauen. Der Landtag möchte eben kein Elfenbeinturm sein. Draußen auf der Wiese vor dem Gebäude sitzen im Sommer die Düsseldorfer, picknicken oder spielen Frisbee. Diese räumliche Nähe zwischen dem Volk und seinen Vertretern ist in dieser Form selten. In Berlin ist alles viel weitläufiger und abgeschirmter. In Düsseldorf stolpert der Ministerpräsident theoretisch über die Picknickdecke, wenn er aus dem falschen Ausgang kommt.

Ein politisches Biotop am Strom

Die Lage des Landtags ist strategisch brillant gewählt. Er bildet den Abschluss des Regierungsviertels. In Laufweite befinden sich diverse Ministerien und die Staatskanzlei im Stadttor, einem anderen architektonischen Brocken, der über dem Tunnel der Rheinuferstraße thront. Das gesamte Areal wurde auf dem Gelände eines ehemaligen Hafens errichtet. Wo früher Kräne standen und Säcke geschleppt wurden, wird heute das Land verwaltet. Das gibt dem Ganzen eine gewisse Dynamik. Man spürt den Wandel der Stadt. Düsseldorf hat sich hier zum Rhein hin geöffnet und den Landtag als Ankerpunkt gesetzt. Wenn abends die Sonne untergeht und sich die Lichter des Rheinturms im Glas des Parlaments spiegeln, hat das fast schon eine romantische Note, die man der Politik gar nicht zutraut.

Man sollte sich Zeit nehmen, das Gebäude einmal komplett zu umrunden. Nur so versteht man das Spiel mit den Kurven. Von der Rheinseite aus wirkt es fast wie eine Festung der Moderne, von der Stadtseite aus eher wie ein einladendes Forum. Es ist diese Ambivalenz, die den Bau so spannend macht. Er passt zu Düsseldorf: ein bisschen schick, ein bisschen eigensinnig, aber immer mit Blick auf den Fluss. Wer nach dem Besuch eine Pause braucht, setzt sich einfach auf die Kasematten direkt am Ufer und trinkt ein Altbier. Man kann dann darüber philosophieren, ob die runden Räume wirklich zu runderen Entscheidungen führen. Ein schöner Gedanke ist es allemal.

Praktische Tipps für den Landtagsbesuch

Wer plant, das Hohe Haus zu besuchen, sollte ein paar Dinge beachten. Sicherheit wird hier großgeschrieben, also den Personalausweis nicht vergessen. Messer, Scheren oder sonstige spitze Gegenstände lässt man am besten gleich im Hotel, sonst gibt es Stress am Einlass. Taschen werden kontrolliert, wie am Flughafen. Das dauert manchmal ein bisschen, besonders wenn gerade eine große Reisegruppe vor einem steht. Geduld ist also eine Tugend, die man hier schon vor dem Plenarsaal üben kann. Im Inneren ist das Fotografieren für den privaten Gebrauch meistens erlaubt, aber man sollte vorher kurz fragen, besonders wenn Sitzungen laufen. Blitzen ist tabu, das versteht sich von selbst.

Parken am Landtag ist eine Katastrophe, das kann man sich abschminken. Die Tiefgaragen in der Nähe sind teuer und oft voll. Am besten kommt man mit der Straßenbahn. Die Haltestelle Landtag/Knie liegt quasi direkt vor der Tür. Oder man verbindet den Besuch mit einem langen Spaziergang vom Burgplatz aus immer am Rhein entlang. Das ist die schönste Anreise. Man sieht das Gebäude dann langsam aus dem Boden wachsen, während der Rheinturm daneben in den Himmel ragt. Ein kleiner Tipp am Rande: Nach dem Besuch lohnt sich ein Abstecher in den Medienhafen, der direkt anschließt. Dort gibt es noch mehr schräge Architektur zu sehen, unter anderem die berühmten Gehry-Bauten. Da wirken die Rundungen des Landtags fast schon wieder konservativ.

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