Düsseldorf

Der Radschläger: Die Geschichte hinter dem Wahrzeichen und der Tradition

Wer in Düsseldorf unterwegs ist, stolpert zwangsläufig über kopfüber turnende Figuren. Hinter der kindlichen Akrobatik steckt mehr als nur ein netter Zeitvertreib. Es ist die DNA einer Stadt, die ihren Stolz gerne mit einer Portion Übermut feiert.

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Zwischenablage

Es klackert rhythmisch, wenn die schweren Reifen der Straßenbahn über die Schienen am Jan-Wellem-Platz rollen. Wer den Blick senkt, sieht ihn zum ersten Mal. Er prangt auf den gusseisernen Kanaldeckeln, er ziert die Souvenirs in den Schaufenstern der Altstadt und er klebt als kleiner Aufkleber an mancher Laterne. Der Radschläger gehört zu Düsseldorf wie das Altbier und der scharfe Senf. Wer hier aufgewachsen ist, lernt das Radschlagen oft noch vor dem fehlerfreien Buchstabieren des Stadtnamens. Es ist kein künstlich erschaffenes Maskottchen aus der Marketing-Retorte eines Tourismusverbands. Vielmehr fühlt sich diese Tradition organisch gewachsen an, ein bisschen unperfekt und gerade deshalb sympathisch.

An der Lambertuskirche wird es ernst mit der Historie. Das monumentale Bronzeportal der Kirche zeigt den Radschläger in einer Dynamik, die fast den Rahmen sprengt. Es riecht nach altem Stein und Weihrauch, während draußen der Wind vom Rhein herüberpfeift. Man muss sich das mal vorstellen: Eine Stadt erhebt eine turnerische Übung zum offiziellen Wahrzeichen. Das ist eigentlich ziemlich lässig. Während andere Metropolen mit grimmigen Löwen oder prunkvollen Adlern protzen, setzt man hier auf ein Kind, das die Welt kurzzeitig aus einer anderen Perspektive betrachtet. Das passt zum rheinischen Naturell, das die Dinge selten so bierernst nimmt, wie man es im Rest der Republik vielleicht vermuten würde.

Besonders präsent wird das Symbol, wenn man Richtung Burgplatz schlendert. Dort steht der Radschlägerbrunnen, ein Entwurf von Hans Kohlschein aus dem Jahr 1954. Die Skulptur wirkt fast ein wenig kantig, modern für die damalige Zeit. Hier treffen sich Touristen und Einheimische. Es ist ein Ort des Übergangs. Man hört das Gelächter aus den umliegenden Brauhäusern und sieht die Kinder, die versuchen, die Pose der Bronzefiguren nachzuahmen. Manche schaffen es mit einer Eleganz, die beeindruckt, andere plumpsen eher unelegant ins Gras. Beides ist völlig in Ordnung. Der Radschläger ist kein Symbol der Perfektion, sondern eines der Lebensfreude.

Kurz & Kompakt
  • Ursprung: Die Tradition geht vermutlich auf die Schlacht von Worringen (1288) zurück, als Kinder vor Freude über den Sieg und die Stadtrechte Räder schlugen.
  • Sportevent: Seit 1937 findet jährlich das Radschlägerturnier statt, bei dem hunderte Kinder um die Wette turnen und Schnelligkeit sowie Technik bewerten lassen.
  • Stadtbild: Das Motiv findet sich überall in Düsseldorf – vom prachtvollen Radschlägerbrunnen am Burgplatz bis hin zu Kanaldeckeln, Souvenirs und dem Kirchenportal von St. Lambertus.
  • Bedeutung: Der Radschläger symbolisiert rheinische Lebensfreude und Unbeschwertheit; er ist ein tief verwurzeltes, "demokratisches" Wahrzeichen für alle Gesellschaftsschichten.

Legendenbildung am Rheinufer

Fragt man drei Düsseldorfer nach dem Ursprung der Tradition, bekommt man mindestens fünf verschiedene Geschichten zu hören. Die Wahrheit ist oft ein zäher Brei aus Fakten und Fiktion. Eine der populärsten Erzählungen führt zurück in das Jahr 1288. Nach der Schlacht von Worringen, in der die Düsseldorfer gemeinsam mit den Kölnern (ein seltener Moment der Einigkeit) gegen den Erzbischof von Köln kämpften, erhielt der Ort die Stadtrechte. Die Kinder sollen vor Freude auf den Straßen Rad geschlagen haben. Ob das historisch verbrieft ist? Wahrscheinlich nicht. Aber es ist eine verdammt gute Geschichte. Sie verbindet den Stolz über die Unabhängigkeit mit der Unbeschwertheit der Jugend. Das klingt nach einem perfekten Gründungsmythos.

Eine andere Variante ist etwas herzzerreißender. Sie besagt, dass bei einer Hochzeitsgesellschaft eines Adligen ein Rad an der Kutsche brach. Ein beherzter Junge soll herbeigeeilt sein, die Speichen mit seinem Körper ersetzt haben und so die Weiterfahrt ermöglicht haben. Das ist natürlich physikalischer Unfug, aber die Vorstellung eines menschlichen Ersatzrads hat einen gewissen Charme. Wieder andere behaupten, es sei schlichtweg eine Methode gewesen, um von wohlhabenden Reisenden ein paar Pfennige zu erbetteln. "Ene Penning för de Radschläger" war lange Zeit ein gängiger Ruf in den Gassen der Altstadt. Das hat etwas fast schon Dickens-artiges, nur eben mit rheinischem Singsang.

Interessant ist dabei, dass sich die Tradition bis heute in einer sehr organisierten Form gehalten hat. Jedes Jahr findet das große Radschlägerturnier statt. Das ist kein kleiner Nachmittag im Park, sondern eine ernstzunehmende Sportveranstaltung mit hunderten Teilnehmern. Schulen trainieren dafür, als ginge es um die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Es ist ein Spektakel aus wirbelnden Beinen und bunten T-Shirts. Der Asphalt brennt unter den flinken Händen. Wer gewinnt, wird in der Lokalzeitung gefeiert. Das ist Brauchtumspflege ohne den muffigen Geruch von alten Vereinskellern. Es ist laut, es ist schnell und es ist verdammt lebendig.

Vom Straßengör zum Designobjekt

In den 1920er Jahren begann die Kommerzialisierung des Motivs, was man heute an jeder Ecke sieht. Damals entwarf der Künstler Willi Hoselmann eine Plakette, die den Grundstein für die heutige grafische Darstellung legte. Er reduzierte die Bewegung auf das Wesentliche. Diese Schlichtheit macht das Symbol so stark. Es funktioniert auf einem Ansteckpin genauso gut wie auf einer riesigen Hauswand. In der Schadowstraße oder auf der Königsallee begegnet man dem Radschläger in einer eher gehobenen Variante. Er prangt auf Schmuckstücken oder teurem Porzellan. Es ist faszinierend zu beobachten, wie eine Geste, die ursprünglich vielleicht aus purer Not oder Übermut entstand, heute als Luxusartikel verkauft wird. Das ist Düsseldorf in einer Nussschale: die Verbindung von harter Arbeit und glitzernder Fassade.

Wenn man durch die Stadt geht, sollte man mal darauf achten, wie unterschiedlich das Motiv interpretiert wird. Es gibt die klassischen, fast schon heraldischen Darstellungen. Dann gibt es die modernen, abstrakten Versionen, die an Graffiti erinnern. In manchen Hinterhöfen der Altstadt findet man kleine, versteckte Fliesen mit dem Radschläger-Motiv. Es wirkt fast so, als würde die Stadt durch diese Zeichen mit einem kommunizieren. Es ist eine Art Geheimsprache, die jeder versteht. Man muss kein Historiker sein, um zu begreifen, dass dieser Junge für Freiheit und Bewegung steht. In einer Stadt, die sich ständig neu erfindet, ist das ein wichtiger Anker.

Manchmal wirkt die Omnipräsenz fast schon ein bisschen drüber. Man kann kaum eine Currywurst essen, ohne dass auf der Serviette ein kleiner Akrobat turnt. Aber das gehört dazu. In Bayern hat man die Lederhose, in Berlin den Bären und hier eben den Jungen, der auf den Händen steht. Es ist ein identitätsstiftendes Merkmal, das über die Generationen hinweg funktioniert. Die Urgroßmutter hat es schon gemacht, der Enkel lernt es gerade auf dem Spielplatz im Rheinpark. Diese Kontinuität ist in einer schnelllebigen Welt wie der heutigen fast schon ein Wunder. Es ist ein unaufgeregtes Festhalten an einer einfachen Idee.

Praktische Tipps für Radschläger-Sucher

Wer den Radschläger in freier Wildbahn erleben will, braucht eigentlich nur offene Augen. Ein guter Startpunkt ist das Rathaus am Marktplatz. Hier zeigt sich die offizielle Seite des Symbols. Aber viel spannender ist die Suche in den Details. Achtet auf die Kanaldeckel! Es gibt Sammler, die extra für diese gusseisernen Kunstwerke nach Düsseldorf reisen. Es klingt verrückt, aber die Vielfalt ist beeindruckend. Ein Spaziergang am Rheinufer bei Sonnenuntergang bietet oft die beste Gelegenheit, echte Radschläger zu sehen. Wenn die Schule aus ist, sieht man oft Gruppen von Kindern, die am Unteren Rheinwerft ihre Runden drehen. Da ist nichts inszeniert für Touristen, das ist einfach Alltag.

Wer ein Souvenir mitnehmen möchte, sollte die Kitsch-Fallen meiden. Es gibt wunderbare kleine Manufakturen in den Seitenstraßen der Carlstadt, die den Radschläger auf handgeschöpftes Papier drucken oder in feines Silber gießen. Das ist meistens schöner als die Plastikfiguren aus den großen Läden. Ein besonders schönes Exemplar findet sich auch am Eingang zum Stadtmuseum. Dort wird die Geschichte der Stadt erzählt, und natürlich spielt der Radschläger eine zentrale Rolle. Es ist ein ruhiger Ort, weit weg vom Trubel der Kö, wo man sich in die Details vertiefen kann. Der Geruch von altem Papier und das gedämpfte Licht schaffen eine Atmosphäre, in der die Legenden fast schon lebendig werden.

Vielleicht probiert man es auch einfach mal selbst aus? Die Wiesen am Rhein sind weich genug für eine unsanfte Landung. Es hat etwas Befreiendes, sich einfach mal um die eigene Achse zu drehen und die Welt kopfüber zu sehen. In diesem Moment versteht man vielleicht am besten, warum die Düsseldorfer so an diesem Symbol hängen. Es ist die Verweigerung vor dem allzu Ernsten. Wer Rad schlägt, kann nicht gleichzeitig verbissen dreinschauen. Das ist eine Lektion, die man aus dieser Stadt mitnehmen kann, ganz ohne Eintrittskarte oder Führung. Es ist ein Stück gelebtes Glück, das auf dem Boden der Tatsachen stattfindet – nur eben kurzzeitig mit den Füßen in der Luft.

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