Stuttgart

Steiler Zahn in Stuttgart: Mit der "Zacke" vom Marienplatz hinauf nach Degerloch

Stuttgart ist Kessel. Wer hier von A nach B will, muss oft steil bergauf. Die Zacke erledigt das seit 1884 mit Bravour und einer ordentlichen Portion Nostalgie.

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Zwischenablage

Es ist kurz nach halb acht am Marienplatz. Während unten in der S-Bahn-Station die Menschenmassen in neonbeleuchtete Röhren drängen, herrscht oben an der frischen Luft eine ganz eigene Betriebsamkeit. Hier wartet die Linie 10, von den Einheimischen liebevoll Zacke genannt. Sie ist die einzige Zahnradbahn Deutschlands, die nicht primär Touristen auf einen Alpengipfel karrt, sondern den ganz normalen Wahnsinn des Berufsverkehrs bewältigt. Das Quietschen der Bremsen und das metallische Klicken, wenn die Zahnräder in die Lamellenstange greifen, gehört zum Soundtrack des Viertels. Wer hier einsteigt, tut das meist nicht aus touristischem Interesse, sondern weil er zur Arbeit muss oder die Kinder in den Kindergarten bringt. Es riecht nach feuchtem Asphalt und dem ersten Kaffee aus dem Pappbecher.

Das Besondere an dieser Bahn ist ihre Schlichtheit. Trotz der historischen Wurzeln wirken die gelben Wagen modern und funktional. Stuttgart ist eine Stadt der Kontraste, und die Zacke verkörpert das perfekt. Sie verbindet das quirlige, fast schon mediterrane Flair des Stuttgarter Südens mit dem eher beschaulichen, wohlhabenden Degerloch auf der Filderebene. Dazwischen liegen 150 Meter Höhenunterschied und eine Steigung von bis zu 17,8 Prozent. Das ist so steil, dass man im Stehen unwillkürlich nach den Haltestangen greift, noch bevor der Wagen überhaupt anrollt. Man spürt den Ruck, wenn der Motor anzieht und das Zahnrad die Last des Wagens übernimmt. Es ist ein ehrliches, mechanisches Gefühl, das man in modernen Stadtbahnen oft vermisst.

Kurz & Kompakt
  • Strecke und Takt: Die Linie 10 verkehrt täglich zwischen dem Marienplatz (Süd) und Degerloch (Filder). In den Hauptverkehrszeiten fährt sie alle 15 Minuten, sonst meist im 20-Minuten-Takt. Die Fahrt dauert etwa 10 bis 12 Minuten.
  • Fahrradmitnahme: Einzigartig ist der Vorstellwagen für Fahrräder. Er darf nur für die Bergfahrt vom Marienplatz nach Degerloch genutzt werden. Die Mitnahme ist im regulären VVS-Ticket enthalten, man muss das Rad jedoch selbst verladen.
  • Beste Aussicht: Für das volle Panorama sollte man sich bei der Bergfahrt auf die linke Seite in Fahrtrichtung setzen (bzw. auf die talseitigen Plätze). Die Haltestelle Wielandshöhe bietet den spektakulärsten Blick über die Innenstadt.
  • Tarif: Da die Zacke zum regulären öffentlichen Nahverkehr (VVS) gehört, reichen normale Einzeltickets, Kurzstrecken (je nach Ziel) oder Zeitkarten aus. Es ist kein spezieller Touristenzuschlag erforderlich.

Der Logenplatz für den täglichen Wahnsinn

Spannend ist bei jeder Fahrt die Sitzplatzwahl. Wer Glück hat und früh dran ist, ergattert einen Platz auf der Talseite. Von dort aus öffnet sich das Panorama des Stuttgarter Kessels wie ein aufklappbares Bilderbuch. Während die Bahn langsam die Alte Weinsteige hinaufschnauft, schieben sich die Dächer der Gründerzeithäuser unter einen. Man blickt in Hinterhöfe, in denen Wäsche leint oder jemand gerade verschlafen auf dem Balkon steht. Die Perspektive wechselt im Minutentakt. Erst dominiert der nahe Kirchturm, dann weitet sich der Blick über das gesamte Tal bis hin zum Fernsehturm und den Weinbergen am Neckar. Es ist ein Privileg des Stuttgarter Alltags, diesen Anblick für den Preis eines einfachen Kurzstreckentickets zu bekommen. Da verzeiht man der Bahn auch, dass sie manchmal etwas ruckelt, wenn sie über eine Weiche rumpelt.

Im Berufsverkehr wird es kuschelig. Man teilt sich den knappen Raum mit Handwerkern in Arbeitsmontur, Anzugträgern und Schülern, die noch schnell Vokabeln büffeln. Gespräche werden meist gedämpft geführt, oft übertönt vom sonoren Brummen des Antriebs. Es herrscht diese typische morgendliche Pendler-Atmosphäre: eine Mischung aus kollektiver Müdigkeit und dem festen Willen, pünktlich anzukommen. Dass man dabei an Weinreben vorbeifährt, scheint für die meisten Mitfahrenden völlig normal zu sein. Für einen Außenstehenden hingegen hat es etwas fast schon Surreales, wie sich die Zahnradbahn zwischen edlen Villen und steilen Gärten hindurchschiebt. Manchmal streifen die Zweige der Bäume fast die Fenster. Es ist eng, es ist steil, und es ist verdammt effizient.

Velo-Voodoo und die Logik des Vorstellwagens

Ein echtes Unikum ist der Fahrradwagen. Wer in Stuttgart mit dem Rad unterwegs ist, lernt die Zacke schnell zu lieben. Vor den eigentlichen Triebwagen ist eine flache Lore gespannt, auf die man sein Fahrrad einfach draufschieben kann. Ohne Aufpreis, versteht sich. Das führt dazu, dass an schönen Tagen oder eben im morgendlichen Pendlerstrom eine bunte Mischung aus Mountainbikes, Rennrädern und E-Bikes auf dem Vorstellwagen thront. Das Beladen ist ein eingespieltes Ritual. Man schiebt sein Rad in die Halterung, sichert es kurz und steigt dann in den Wagen dahinter ein. An der Endstation Degerloch wird die ganze Prozedur rückwärts absolviert. Es ist ein wunderbares Beispiel für pragmatische Verkehrsplanung, die schon existierte, bevor das Wort Mobilitätswende überhaupt erfunden wurde.

Besonders kurios wirkt dieses Gespann an der Haltestelle Wielandshöhe. Hier macht die Bahn eine scharfe Kurve, und man sieht aus dem Fenster, wie sich der Fahrradwagen regelrecht in die Steigung stemmt. Überhaupt ist die Wielandshöhe ein Ort zum Innehalten, sofern man nicht gerade Termindruck hat. Direkt an der Haltestelle befindet sich ein bekanntes Restaurant, und der Blick von hier oben ist wohl einer der besten, die man in Stuttgart finden kann. Man sieht das Gewusel am Marienplatz tief unten, das von hier oben winzig und fast schon friedlich wirkt. Es ist dieser Moment, in dem man realisiert, wie kompakt und gleichzeitig zerklüftet diese Stadt eigentlich ist. Die Zacke fungiert hier als vertikaler Bindestrich.

Technik, die den Berg bezwingt

Man muss kein Ingenieur sein, um von der Mechanik der Zacke fasziniert zu sein. Wer sich an der Endstation Degerloch einmal kurz Zeit nimmt und unter den Wagen schaut, sieht das massive Zahnrad, das in die Schiene greift. Das System Riggenbach, nach dem die Bahn funktioniert, ist robust und langlebig. Seit über 140 Jahren bewältigt sie diese Strecke, natürlich mit modernisiertem Wagenmaterial. Die aktuellen Fahrzeuge sind seit den 1980er Jahren im Einsatz und wurden vor einigen Jahren gründlich überholt. Sie versprühen den Charme einer Ära, in der Dinge noch für die Ewigkeit gebaut wurden. Das Interieur ist zweckmäßig, die Sitze sind fest, aber bequem genug für die zehn Minuten Fahrzeit.

Interessant ist das Fahrverhalten bei schlechtem Wetter. Wenn es im Kessel regnet oder im Winter gar schneit, zeigt die Zahnradbahn erst recht, was sie kann. Während die Busse und Autos auf der Neuen Weinsteige ins Rutschen kommen könnten, zieht die Zacke unbeeindruckt ihre Bahn. Das Zahnrad kennt kein Glatteis. Es knackt dann vielleicht etwas lauter, wenn Eis in der Zahnstange bricht, aber die Zuverlässigkeit ist legendär. Für viele Bewohner von Degerloch ist sie die Lebensader zum Stadtzentrum. Ohne sie wäre der Weg hinunter in den Kessel eine logistische Herausforderung oder ein sehr langes Training für die Wadenmuskulatur. Man merkt der Bahn an, dass sie geschätzt wird. Schmierereien oder Vandalismus sieht man hier seltener als in anderen öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt.

Der Abstieg als Alternative

Wenn der Arbeitstag vorbei ist oder man am Wochenende einfach mal den Kopf frei bekommen möchte, bietet sich die Kombination aus Bergfahrt und Fußmarsch an. Man fährt entspannt mit der Zacke hoch nach Degerloch, atmet oben die oft ein paar Grad kühlere und frischere Luft und schlendert dann über die Stäffele wieder hinunter. Stuttgart ist berühmt für seine Treppenanlagen, die hier eben Stäffele heißen. Viele davon zweigen direkt in der Nähe der Zahnradbahnstrecke ab. Man kann also der Bahn beim Abstieg zusehen, wie sie sich wieder ins Tal hinunterarbeitet. Der Weg führt vorbei an Gärten, in denen im Sommer die Rosen blühen und im Herbst die Trauben schwer an den Reben hängen. Es ist ein Spaziergang, der einen vergessen lässt, dass man sich mitten in einer Industriemetropole befindet.

Oft trifft man auf dem Weg nach unten Jogger, die die Steigung als Trainingseinheit nutzen, oder Anwohner, die ihre Einkäufe die Treppen hochschleppen. Es ist eine sehr physische Stadt. Die Zacke nimmt einem diese Körperlichkeit für ein paar Minuten ab und macht den Kessel dadurch erst so richtig bewohnbar. Wer die Bahn nutzt, ist Teil einer langen Tradition. Man sitzt in einem Gefährt, das schon Generationen von Stuttgartern befördert hat. Das gibt der täglichen Fahrt zur Arbeit eine gewisse Erdung. Man ist nicht einfach nur ein Pendler in einem anonymen Zug, sondern Teil eines Stuttgarter Unikums. Das spürt man spätestens dann, wenn der Fahrer an der Endstation kurz aus dem Fenster nickt und man wieder in den Trubel des Marienplatzes eintaucht.

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