Wenn der November sich dem Ende zuneigt, passiert in Frankfurt etwas Merkwürdiges. Die sonst so geschäftigen Banker lockern ihre Krawatten, Touristen aus aller Welt strömen aus dem Hauptbahnhof und Familien aus dem Taunus quetschen sich in die S-Bahnen. Alle haben dasselbe Ziel. Sie wollen zum Römerberg. Der Frankfurter Weihnachtsmarkt gehört zu den ältesten in Deutschland, urkundlich erwähnt wurde er schon im Jahr 1393. Damals ging es weniger um das gemütliche Beisammensein, sondern schlicht darum, sich vor dem harten Winter noch einmal ordentlich mit Fleisch und Vorräten einzudecken. Heute deckt man sich eher mit Kalorien in flüssiger Form ein. Der Markt erstreckt sich von der Hauptwache über den Paulsplatz bis hinunter zum Mainufer. Es ist voll, es ist laut, und trotzdem hat dieser Ort eine Magie, der man sich schwer entziehen kann. Vielleicht liegt es an dem absurden Kontrast. Da funkelt im Hintergrund die Skyline von "Mainhattan", kalt und modern, während unten zwischen den Buden eine fast dörfliche Atmosphäre herrscht. Man steht eng beieinander, man babbelt, man friert gemeinsam.
Kurz & Kompakt - Öffnungszeiten: In der Regel vom Montag vor dem 1. Advent bis zum 22. Dezember. Montags bis samstags 10 bis 21 Uhr, sonntags 11 bis 21 Uhr.
- Spezialität: Unbedingt den "Weißen Glühwein" oder den "Heißen Äppler" probieren – das ist typisch hessisch und oft weniger süß.
- Beste Aussicht: Auf der Galerie der Nikolaikirche am Römerberg gibt es einen kleinen Umgang. Gegen eine geringe Gebühr hat man von dort den perfekten Blick über das Lichtermeer und auf den Baum.
Der Baum der Anstoßes
Sobald du den Römerberg betrittst, siehst du ihn. Er ist nicht zu übersehen. Der Weihnachtsbaum vor dem Römer ist jedes Jahr das Gesprächsthema Nummer eins in der Stadt, noch bevor der erste Tropfen Glühwein ausgeschenkt wurde. Traditionell kommt die Fichte oder Tanne aus Österreich, dem Sauerland oder dem Spessart. Und fast genauso traditionell wird erst einmal gemeckert. Zu krumm sei er, zu wenige Äste habe er, oder er nadele schon beim Aufstellen. Das gehört in Frankfurt einfach dazu. Man nennt das hier "Frankfurter Schnauze", es ist nie böse gemeint, aber man muss eben seine Meinung kundtun. Ist die Kritik erst einmal verhallt und sind die tausenden LED-Lichter eingeschaltet, stehen dann doch alle staunend davor. Mit einer Höhe von meist um die 30 Meter überragt er die meisten Buden deutlich und bildet das optische Zentrum des Marktes. Er dient als Treffpunkt. "Wir treffen uns am Baum" ist der Satz, der im Dezember wohl am häufigsten in Mobiltelefone gesprochen wird. Wenn du Glück hast, findest du deine Freunde auch. Wenn nicht, trinkst du deinen Glühwein eben erst einmal allein und schaust den Touristen zu, wie sie versuchen, den Baum und den Fernsehturm gleichzeitig auf ein Foto zu bekommen.
Lokale Spezialitäten: Bethmännchen und Äppler
Kulinarisch bietet Frankfurt Dinge, die du auf einem Nürnberger oder Dresdner Markt vergeblich suchen wirst. Klar, die Bratwurst gibt es auch hier, aber der Kenner greift zu etwas anderem. Ganz oben auf der Liste stehen die Bethmännchen. Das ist ein kleines Gebäck aus Marzipan, das traditionell mit drei halben Mandeln verziert ist. Die Legende besagt, dass die Familie Bethmann, eine berühmte Frankfurter Bankiersfamilie, dieses Gebäck zu Ehren ihrer vier Söhne erfunden hat. Als einer der Söhne starb, wurde eine Mandel entfernt. Ob das stimmt? Wer weiß das schon genau. Fakt ist, sie schmecken hervorragend, sind aber mächtig süß. Ein oder zwei reichen meistens, um den Zuckerhaushalt für die nächsten Stunden zu stabilisieren.
Wer es herzhafter mag, sollte nach der Frankfurter Rindswurst Ausschau halten. Die Firma Gref-Völsing ist hier die Instanz. Die Wurst ist kräftig gewürzt, hat einen guten Biss und wird meist nur mit einem Stück Brot und Senf serviert. Nichts für schwache Nerven ist der Handkäs, der manchmal warm als Fondue oder im Brot angeboten wird. Der Geruch ist speziell, der Geschmack auch, aber wer Frankfurt verstehen will, muss da durch. Dazu trinkt man keinen normalen Glühwein. Man trinkt "Heißen Äppler". Das ist erhitzter Apfelwein, oft mit Zimt, Zucker und Nelken gewürzt. Vorsicht: Der Alkohol steigt durch die Wärme schneller in den Kopf, als man "Ebbelwoi" sagen kann. Der Geschmack ist säuerlicher und weniger klebrig als der von gewöhnlichem Glühwein aus Trauben. Man liebt es oder man verzieht das Gesicht. Probieren ist Pflicht.
Rosa Weihnacht und versteckte Ecken
Wenn dir das Gedränge auf dem Römerberg zu viel wird, lohnt sich ein kleiner Abstecher zum Friedrich-Stoltze-Platz. Hier findet die "Rosa Weihnacht" statt. Ursprünglich als Treffpunkt für die LGBTQ+-Community gedacht, ist dieser Teilmarkt mittlerweile bei allen beliebt, die es etwas entspannter mögen. Die Bäume sind hier in pinkes und violettes Licht getaucht, die Musik ist oft besser und die Stimmung ausgelassener. Es wirkt weniger touristisch, eher wie ein großes Nachbarschaftsfest. Friedrich Stoltze, der Frankfurter Mundartdichter, dessen Denkmal auf dem Platz steht, hätte an dem bunten Treiben sicher seine Freude gehabt. Hier gibt es oft auch kulinarische Ausreißer, die nicht dem Standard entsprechen, etwa ausgefallene Suppen oder Cocktails.
Ein weiterer Rückzugsort ist das Mainkai. Die Budenreihe zieht sich am Fluss entlang. Hier pfeift der Wind zwar oft etwas kräftiger, dafür hast du einen freien Blick auf den Main und die Museen am anderen Ufer, das Museumsufer. Besonders am Abend, wenn sich die Lichter im dunklen Wasser spiegeln, ist das der vielleicht romantischste Teil des Marktes. Hier findest du auch eher Handwerk als Fressbuden. Töpferwaren, Kerzen, Wollmützen. Natürlich gibt es auch viel Kitsch, das lässt sich nicht vermeiden, aber wer genau hinschaut, findet handgemachte Schätze aus der Region.
Das Frankfurter Stadtgeläut
Ein Ereignis, das du dir im Kalender rot anstreichen solltest, ist das Große Stadtgeläut. Das passiert nicht jeden Tag. Nur an Heiligabend und am Samstag vor dem ersten Advent läuten 50 Glocken von zehn Innenstadtkirchen gleichzeitig. Das klingt nach Lärm, ist aber eine minutiös komponierte Symphonie aus Bronze. Wenn du an diesem Tag auf dem Markt bist, wirst du merken, wie die Menschenmassen plötzlich verstummen. Es ist ein Gänsehaut-Moment, selbst für Atheisten. Der Klangteppich legt sich über die Stadt, hallt von den Fassaden wider und lässt den ganzen Trubel für eine halbe Stunde unwichtig erscheinen. Einheimische pilgern extra dafür in die Stadt, stellen sich mit einem Becher Glühwein auf den Paulsplatz und hören einfach nur zu.
Praktische Überlebenstipps
Der Frankfurter Weihnachtsmarkt ist riesig und er ist voll. Wer unter Platzangst leidet, sollte die Wochenenden meiden, besonders die Abendstunden. Unter der Woche, so gegen 14 Uhr, ist es deutlich entspannter. Dann kannst du auch mal mit den Budenbesitzern ins Gespräch kommen, ohne dass dir jemand von hinten Senf auf die Jacke schmiert. Apropos Jacke: Zieh dich warm an. Zwischen den Häuserschluchten zieht es oft wie Hechtsuppe.
Ein leidiges Thema ist das Pfand. Jeder Stand hat seine eigenen Tassenmotive. Manchmal sind es Stiefel, manchmal bauchige Becher, oft mit Jahreszahl. Viele Besucher nehmen die Tassen als Souvenir mit, was die Händler einkalkuliert haben. Wenn du dein Pfand zurückhaben willst, musst du die Tasse meistens genau dort abgeben, wo du sie gekauft hast, oder zumindest an einem Stand, der zum gleichen Betreiber gehört. Das kann im Gewühl zu einer kleinen Schnitzeljagd werden. Merke dir also gut, wo du deinen ersten "Schoppe" geholt hast.