Köln

Kölner Dom: 10 Geheimnisse zwischen Turm und Keller, die kaum jemand kennt

Hinter der rußgeschwärzten Fassade verbergen sich Geschichten von Pixeln, preußischem Stahl und einem Fußball-Maskottchen in luftiger Höhe. Hier ist der Dom, wie ihn nicht einmal die Einheimischen im Detail kennen.

Köln  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Wer sich dem Dom nähert, spürt es sofort. Es zieht. Und zwar gewaltig. Die Kölner nehmen das meist schulterzuckend hin, halten ihre Hüte fest und eilen weiter Richtung Hohe Straße. Dabei ist dieses Phänomen kein Zufall, sondern reine Physik, die auf gotische Gigantomanie trifft. Der Dom wirkt wie ein massives Gebirgsmassiv mitten im Flachland, das die Luftströmungen des Rheintals bricht und in die engen Gassen rund um die Domplatte presst. Architekten nennen das Fallwinde. Man könnte fast meinen, der Dom atmet tief ein und pustet die Touristen einmal ordentlich durch, bevor sie eintreten dürfen. Wenn du also unten stehst und dir der Wind fast die Jacke vom Leib reißt, hast du die erste Lektion in Sachen Dom-Architektur bereits am eigenen Leib erfahren.

Drinnen ändert sich die Atmosphäre schlagartig. Der Lärm der Großstadt wird geschluckt, gedämpft durch dicke Mauern und bunte Glasfenster. Es riecht nach kaltem Stein, uraltem Staub und dem Weihrauch der letzten Messe. Aber wir bleiben nicht im Mittelschiff stehen, wo sich die Gruppen mit ihren Audioguides drängeln. Wir schauen dahin, wo es dunkel ist oder wo man den Kopf weit in den Nacken legen muss.

Kurz & Kompakt
  • Turmbesteigung: Der Zugang ist außen auf der rechten Seite (vom Hauptportal gesehen). Es gibt keinen Aufzug. 533 Stufen bedeuten ca. 15 Minuten schweißtreibender Aufstieg. Wasser mitnehmen!
  • Richter-Fenster: Beste Zeit für das Lichtspiel ist um die Mittagszeit, wenn die Sonne im Süden steht und direkt durch die 11.000 Farbquadrate brennt.
  • Domschatzkammer: Der Eingang liegt an der Nordseite des Doms. Hier sieht man den Stab des Heiligen Petrus und monströse Reliquiare, die zeigen, wie unfassbar reich die Kirche im Mittelalter war.
  • Ruhezonen: Während der Gottesdienste ist touristisches Umherlaufen streng verboten. Die "Domschweizer" (das Ordnungspersonal in den roten Roben) verstehen da absolut keinen Spaß.

Der eiserne Dachstuhl

Die meisten Besucher gehen davon aus, dass über den gewaltigen Gewölben dicke Eichenbalken das Dach tragen. Das war der Plan. So hat man das im Mittelalter gemacht. Aber der Kölner Dom ist eine ewige Baustelle, und als man im 19. Jahrhundert endlich beschloss, das Ding fertigzustellen, waren hölzerne Dachstühle als Brandrisiko gefürchtet. Also griffen die preußischen Baumeister zu einer damals hochmodernen Lösung, die von unten niemand sieht. Der gesamte Dachstuhl besteht aus Eisen.

Es ist eine gewaltige Konstruktion, die eher an den Eiffelturm erinnert als an eine Kirche. Wenn man das Glück hat, dort oben zu stehen, wirkt es fast surreal. Über dir spannen sich verstrebte Eisenträger, die bei Sturm leise singen und knacken. Im Sommer dehnt sich das Metall aus, im Winter zieht es sich zusammen. Der Dom lebt und bewegt sich. Dass diese Konstruktion den Zweiten Weltkrieg überstand, während rundherum die Stadt in Schutt und Asche fiel, grenzt an ein Wunder. Oder an preußische Ingenieurskunst. Vermutlich beides.

Gerhard Richters Zufallsgenerator

Im Südquerhaus fällt Licht durch ein Fenster, das so gar nicht zu den Heiligenbildern passen will. Es sieht aus wie ein verpixeltes Fernsehbild aus den 80ern. Das ist das Richter-Fenster. Als es 2007 eingeweiht wurde, gab es in Köln einen ordentlichen Aufschrei. Kardinal Meisner soll getobt haben, das Fenster passe eher in eine Moschee oder ein Gebetshaus als in eine gotische Kathedrale. Die Kölner selbst reagierten pragmatisch. "Et is wie et is", sagten viele und fanden die Farbenpracht bald ganz hübsch.

Spannend ist dabei, dass der Künstler Gerhard Richter hier nicht jedes Quadrat einzeln komponiert hat. Ein Computer, gesteuert durch einen Zufallsgenerator, ordnete die 11.263 Farbquadrate an. Nur an wenigen Stellen griff Richter korrigierend ein, um ungewollte Muster oder Formen zu verhindern. Wenn die Sonne zu einer bestimmten Uhrzeit durch dieses Fenster fällt, taucht sie den steinernen Boden in ein Kaleidoskop aus Farben, das sich mit jeder Minute ändert. Es ist ein Moment von fast digitaler Modernität in einem Raum, der eigentlich der Vergangenheit gehört.

Der Geißbock am Strebewerk

Wenn du gute Augen hast oder ein Fernglas besitzt, schau dir die Wasserspeier und Figuren weit oben an der Fassade genauer an. Die Dombauhütte, also die Werkstatt, die den Dom instand hält, muss ständig verwitterte Steine austauschen. Dabei erlauben sich die Steinmetze seit jeher kleine Freiheiten. Es ist eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht, Zeitgenössisches im Stein zu verewigen. Und was ist in Köln heiliger als die Kirche? Richtig, der 1. FC Köln.

An einer Stelle findet sich tatsächlich Hennes, der Geißbock des Fußballclubs, in Stein gemeißelt. Er blickt stoisch auf die Stadt hinab, weit entfernt vom Jubel im Stadion in Müngersdorf. Es gibt auch Figuren, die Politikern wie John F. Kennedy, Nikita Chruschtschow oder Charles de Gaulle nachempfunden sind. Man muss schon genau wissen, wo man sucht, aber diese Details verraten viel über die kölsche Mentalität. Man nimmt die Dinge ernst, aber nie so ernst, dass kein Platz für ein Augenzwinkern wäre. Selbst am Gotteshaus nicht.

Unter dem Pflaster: Die römische Villa

Der Dom steht nicht einfach auf der Erde. Er steht auf Geschichte. Und zwar auf Schichten von Geschichte. Unter dem heutigen Fußboden befindet sich ein Labyrinth aus Grabungen, das man besichtigen kann. Dort unten ist es kühl und feucht, und man läuft zwischen den Fundamenten der Vorgängerbauten hindurch. Das Überraschende ist, wie weit das zurückreicht. Man stößt auf Reste einer römischen Villa und eines Baptisteriums aus dem 6. Jahrhundert.

Besonders eindrücklich ist ein Stück römischer Fußbodenheizung und Reste von Wandmalereien. Man realisiert dort unten, dass dieser Ort schon seit fast 2000 Jahren ein Zentrum des Lebens und Glaubens in Köln ist. Die gewaltigen Pfeiler des gotischen Doms bohren sich durch diese historischen Schichten hindurch wie Pfähle in die Zeit. Es ist beklemmend eng an manchen Stellen, ganz anders als die Weite oben im Kirchenschiff. Hier unten riecht man förmlich das Alter der Stadt.

Der "Dicke Pitter" und sein Klöppel-Problem

Im Südturm hängt die St. Petersglocke, von den Kölnern liebevoll "Dicker Pitter" genannt. Mit 24.000 Kilogramm ist sie der schwerste freischwingende Bronzekoloss der Welt. Wenn sie läutet, und das tut sie nur an hohen Feiertagen, spürt man die Schwingungen bis in den Magen. Der Ton ist ein tiefes C, das eher gefühlt als gehört wird. Doch die Glocke ist eine Diva. Sie zickte schon beim Guss herum und brauchte mehrere Anläufe.

Noch dramatischer war ein Vorfall im Jahr 2011. Mitten im Läuten riss der Klöppel ab. Ein 800 Kilogramm schweres Stück Stahl krachte auf den Boden der Glockenstube. Wäre das Ding durch den Boden gebrochen, hätte es böse ausgehen können. Zum Glück hielt die Konstruktion. Seitdem hat der Dicke Pitter einen neuen Klöppel, und die Experten der Dombauhütte hören bei jedem Anschlag ganz genau hin. Wenn du am Feiertag in der Nähe bist, achte auf das tiefe Brummen. Das ist der Sound von 24 Tonnen Bronze, die sich gegen die Schwerkraft wehren.

Graffiti aus dem Barock

Graffiti gilt als modernes Phänomen, als Vandalismus der Neuzeit. Weit gefehlt. Wer sich die Mühe macht, die 533 Stufen zur Turmplattform hinaufzusteigen, sollte beim Keuchen ab und zu anhalten und die Wände des Treppenhauses betrachten. In den weichen Sandstein sind unzählige Namen, Jahreszahlen und kleine Zeichnungen geritzt. Manche davon sind Jahrhunderte alt.

Schon im 17. und 18. Jahrhundert wollten sich Besucher hier verewigen. "Ich war hier", auf Latein oder Altdeutsch. Es zeigt, dass der Drang, der Nachwelt zu beweisen, dass man existiert hat, zutiefst menschlich ist. Diese Kritzeleien werden heute nicht entfernt, sondern als historische Zeugnisse bewahrt. Es ist ein Gästebuch aus Stein, geschrieben von Soldaten, Handwerksgesellen und Reisenden, die lange vor uns über dieselben Stufen stolperten.

Das Gero-Kreuz: Anatomie eines Wunders

Viele laufen daran vorbei, weil es im linken Seitenschiff etwas abseits hängt und auf den ersten Blick wie ein normales Kruzifix aussieht. Das Gero-Kreuz ist aber eine Sensation. Es stammt aus dem 10. Jahrhundert. Das macht es zur ältesten erhaltenen Großplastik des gekreuzigten Christus nördlich der Alpen. Aber das ist nur eine Zahl. Schau dir den Körper an.

Anders als bei späteren, idealisierten Darstellungen, sieht man hier einen toten Körper. Der Bauch wölbt sich leicht nach vorne, das Gewicht zieht an den Armen, die Muskeln sind erschlafft. Für die damalige Zeit war diese anatomische Genauigkeit revolutionär, fast schockierend. Einer Legende nach hatte der Riss im Kopf des Holzes durch ein Wunder wieder geschlossen werden sollen. Wahrscheinlicher ist, dass die Künstler damals einfach verdammt gut wussten, wie man Holz und Farbe einsetzt, um die Illusion von Leben und Tod zu erzeugen. Es hat eine Präsenz, der man sich schwer entziehen kann, wenn man einmal davor steht.

Der versteckte Chor und die Chorschranken

Der Binnenchor, dort wo der Schrein der Heiligen Drei Könige steht, ist oft abgesperrt. Aber man kann drumherum gehen. Die Chorschrankenmalereien sind dabei das eigentliche Highlight, das viele übersehen, weil sie nur auf den goldenen Schrein stieren. Diese Malereien gehören zu den ältesten der deutschen Tafelmalerei. Sie zeigen Szenen aus dem Leben von Heiligen und Bischöfen, aber auch skurrile Details.

Interessant ist die Perspektive. Die Figuren wirken oft flach, aber ihre Gesichter sind von einer unglaublichen Individualität. Man hat das Gefühl, hier wurden echte Kölner Bürger des Mittelalters als Modelle genommen. Manche schauen grimmig, andere scheinen über einen Witz zu lachen, den wir nicht mehr verstehen. Es lohnt sich, hier wirklich nahe ranzugehen und die Mimik der Figuren zu studieren, statt nur das Gold des Schreins zu fotografieren.

Die Steine vom Drachenfels

Der Dom ist dunkel. Viele denken, das sei nur der Ruß der Industriezeit oder der Abgase. Das stimmt zum Teil, aber der Stein selbst spielt eine Rolle. Große Teile des Doms sind aus Trachyt gebaut, der vom Drachenfels im Siebengebirge stammt. Dieser Stein ist eigentlich grau-beige, reagiert aber empfindlich auf Umwelteinflüsse. Er bildet eine Gipskruste, die den Schmutz förmlich anzieht und festhält.

Das Problem ist, dass unter dieser schwarzen Kruste der Stein mürbe wird. Wenn man die Kruste einfach abwäscht, zerbröselt oft die Oberfläche. Deshalb ist der Dom oft eher scheckig als einheitlich gefärbt, weil helle, neue Steine neben alten, schwarzen stehen. Die Kölner haben sich an ihren "schwarzen Riesen" gewöhnt. Ein strahlend weißer Dom würde in der Stadt wohl auch für Irritationen sorgen. Er muss ein bisschen düster aussehen, das gehört zum Charakter. Wie ein alter Arbeiter, der die Hände nicht mehr ganz sauber bekommt.

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