Es ist schon eine Besonderheit, wie sich dieses Waldgebiet durch das Stadtgebiet zieht. Der Leipziger Auwald gehört zu den größten erhaltenen Auwaldbeständen in Mitteleuropa. Man muss sich das wie einen riesigen, grünen Keil vorstellen, der die Stadt von Nord nach Süd teilt. Wer auf der Karte nachschaut, sieht ein verzweigtes System aus Flüssen und Gräben, das wie ein Aderlass wirkt. Die Weiße Elster, die Pleiße und die Luppe sind hier die Taktgeber. Das Wasser bestimmt hier alles. Früher fluteten diese Flüsse regelmäßig das Land, was den Boden so extrem fruchtbar gemacht hat. Heute ist das Ganze durch Wehre und Kanäle etwas gezähmter, aber der Charakter eines Dschungels ist geblieben. Wenn man im Sommer unter den riesigen Kronen der Eschen und Eichen steht, sinkt die Temperatur gefühlt sofort um fünf Grad. Das Blätterdach ist stellenweise so dicht, dass kaum ein Sonnenstrahl den Boden erreicht. Es ist ein Ort der Schattenspieler. Überall knackt es im Unterholz, und das permanente Gezwitscher der Vögel bildet eine Klangkulisse, die man in dieser Intensität mitten in einer Halbmillionenstadt nicht erwarten würde. Besonders markant ist der südliche Teil des Waldes. Hier wirkt alles noch ein Stück urwüchsiger als im Norden, wo die Parkanlagen des Rosentals sanft in den Wald übergehen.
Kurz & Kompakt - Anreise: Am besten mit der Straßenbahn Linie 9 bis zur Haltestelle "Wildpark" fahren oder mit dem Rad vom Stadthafen aus starten.
- Ausrüstung: Mückenspray im Sommer ist Pflicht, ebenso wie festes Schuhwerk wegen der oft schlammigen Wege.
- Highlight: Der Wackelturm im Rosental bietet eine fantastische Aussicht über das gesamte Waldgebiet bis zur Skyline.
- Beste Reisezeit: April für die Bärlauchblüte oder der goldene Oktober, wenn sich die alten Eichen bunt verfärben.
Frühlingserwachen und der Duft von Sachsen
Wer Leipzig im April oder Mai besucht, kommt am Bärlauch nicht vorbei. Das Zeug wächst hier nicht nur vereinzelt, es bedeckt den gesamten Waldboden wie ein gigantischer, grüner Teppich. Der Geruch ist so intensiv, dass man ihn schon Kilometer weit riecht, bevor man überhaupt den ersten Baum erreicht hat. Die Einheimischen pilgern dann mit Stoffbeuteln bewaffnet in den Wald, um sich die Grundlage für Pesto oder Suppe zu sichern. Aber Vorsicht ist geboten, denn wer hier zu viel erntet oder gar gewerblich pflückt, bekommt Ärger mit den Rangern. Der Naturschutz wird hier ernst genommen. Zwischen den grünen Blättern blühen die Buschwindröschen in Weiß und Gelb, was einen tollen Kontrast zum dunklen Waldboden bildet. Es ist die Zeit, in der der Auwald am lebendigsten wirkt. Man hört das Hämmern der Spechte fast an jeder Ecke. Wenn man Glück hat, sieht man sogar den Mittelspecht, der hier eines seiner wichtigsten Rückzugsgebiete in Deutschland hat. Es lohnt sich, einfach mal stehen zu bleiben und den Blick nach oben zu richten. Die alten Eichen sind oft mehrere hundert Jahre alt. Sie haben Kriege, Stadtbrände und den Braunkohleboom überdauert. Diese Bäume sind die eigentlichen Bewohner der Stadt, wir sind nur die Gäste, die zwischendurch mal durchlaufen.
Wasserwege und Paddelvergnügen
Man kann den Auwald natürlich zu Fuß erkunden, aber die Perspektive vom Wasser aus ist eine völlig andere. Leipzig hat ein Kanalsystem, das die Innenstadt direkt mit dem Wald verbindet. Man setzt das Boot im Stadthafen ein, paddelt ein Stück den Elstermühlgraben entlang und findet sich plötzlich zwischen steilen Uferböschungen und überhängenden Weiden wieder. Das Wasser ist hier oft spiegelglatt. Spannend ist dabei, dass man die Stadtgeräusche innerhalb von fünf Minuten komplett verliert. Plötzlich hört man nur noch das Eintauchen des Paddels und das Rascheln der Libellen. Der Eisvogel ist hier kein Mythos, sondern ein regelmäßiger Begleiter. Mit etwas Geduld sieht man den kleinen, blauen Blitz über die Wasseroberfläche schießen. Ein Highlight für jeden Paddler ist die Durchquerung des sogenannten Connewitzer Wehrs. Dahinter wird die Pleiße schmaler und kurviger. Man muss aufpassen, nicht in eines der vielen im Wasser liegenden Bäume zu steuern. Totholz wird hier bewusst liegengelassen, weil es Lebensraum für Fische und Insekten bietet. Es sieht manchmal etwas unordentlich aus, aber genau das macht den Charme aus. Es ist eben kein englischer Garten, sondern ein lebendiges Ökosystem. Wer kein eigenes Boot hat, kann sich an zahlreichen Verleihstationen im Leipziger Westen oder Süden etwas Passendes mieten. Ein kleiner Tipp am Rande: Am Wochenende kann es auf den Hauptwasserwegen recht voll werden, da schieben sich dann die Leihboote in Kolonnen durch die Kanäle. Unter der Woche hat man die Stille fast für sich allein.
Das Rosental: Wo der Wald zum Park wird
Im nördlichen Teil des Auwaldes liegt das Rosental. Das ist so etwas wie das Wohnzimmer der Leipziger. Hier mischen sich weite Wiesen mit dichten Baumgruppen. Es ist der Ort, an dem die Leute grillen, Federball spielen oder einfach nur in der Sonne liegen. Aber das Rosental hat eine Besonderheit, die es weltweit wohl kaum ein zweites Mal gibt: das sogenannte Fenster zum Zoo. Man spaziert ganz normal am Waldrand entlang und blickt plötzlich durch einen Graben direkt auf die Giraffen- und Zebra-Anlage des Leipziger Zoos. Es ist ein kostenloser Logenplatz für Tierbeobachtungen. Wenn der Wind günstig steht, hört man das Brüllen der Löwen bis tief in den Wald hinein. Das sorgt für eine surreale Atmosphäre, als wäre man irgendwo in der Savanne gelandet und nicht im sächsischen Tiefland. In der Mitte des Rosentals steht der sogenannte Wackelturm. Das ist eine Eisenkonstruktion, die ihren Namen nicht ohne Grund trägt. Wer nach oben steigt, spürt bei jedem Schritt ein leichtes Schwanken. Oben angekommen, wird man aber mit einem Blick belohnt, der die gesamte Dimension des Auwaldes verdeutlicht. Man sieht nur grünes Meer, aus dem hier und da die Kirchtürme der Stadt oder das Völkerschlachtdenkmal herausragen. Hier oben merkt man erst, wie massiv dieser Wald eigentlich ist. Er wirkt von oben wie ein Schutzwall gegen den Beton der Großstadt.
Flora, Fauna und der Kampf gegen die Trockenheit
So robust der Auwald auch wirkt, er ist ein empfindliches Gebilde. In den letzten Jahren haben die trockenen Sommer den Bäumen ordentlich zugesetzt. Man sieht es an den Kronen der Eschen, die oft schon früh im Jahr ihre Blätter verlieren. Das Eschentriebsterben ist hier ein großes Thema. Die Forstverwaltung versucht gegenzusteuern, indem sie widerstandsfähigere Arten pflanzt, aber das Gesicht des Waldes wandelt sich langsam. Ein weiteres Problem ist das fehlende Wasser. Da die Flüsse reguliert sind, fehlen die natürlichen Überschwemmungen, die der Wald eigentlich braucht, um gesund zu bleiben. Dennoch findet man hier seltene Pflanzenarten, die man sonst nur aus alten Botanikbüchern kennt. Die Wilde Weinrebe zum Beispiel klettert hier an den Stämmen empor und erinnert an tropische Lianen. Es gibt Stellen im südlichen Auwald, da ist das Unterholz so dicht, dass man kaum einen Pfad erkennt. Dort leben auch die Wildschweine, die sich tagsüber meistens gut verstecken, aber nachts bis in die Vorgärten der angrenzenden Stadtteile vordringen. Wer morgens ganz früh unterwegs ist, hat gute Chancen, Rehe auf den Lichtungen zu beobachten. Die Tiere haben sich an die Nähe der Menschen gewöhnt, bleiben aber trotzdem auf Distanz. Es ist dieses Miteinander von Stadt und Natur, das Leipzig so lebenswert macht. Man kann morgens in einer hippen Kaffeebar sitzen und eine Stunde später durch ein Naturschutzgebiet stapfen, in dem man keiner Menschenseele begegnet.
Praktische Tipps für die Expedition
Wer den Auwald wirklich erleben will, sollte sich feste Schuhe anziehen. Die Wege können nach einem Regenschauer extrem matschig sein, und der Lehmboden im Leipziger Becken klebt wie Kleister an den Sohlen. Ein Muss im Sommer ist Mückenschutz. Da es hier so viele stehende Gewässer und Gräben gibt, sind die kleinen Blutsauger in Scharen unterwegs. Wer ungeschützt loszieht, kehrt als Streuselkuchen zurück. Besonders aggressiv sind sie in der Nähe des Cospudener Sees im Süden, wo der Wald in die Bergbaufolgelandschaft übergeht. Apropos Cospudener See: Eine Fahrradtour vom Zentrum durch den Auwald bis zum See ist der Klassiker für jeden Leipzig-Besuch. Die Strecke führt fast ausschließlich durch den Wald und ist auch für ungeübte Radfahrer leicht zu bewältigen. Man folgt einfach dem Lauf der Pleiße und landet schließlich am "Cossi", wie die Einheimischen sagen. Dort kann man den Staub des Waldes im klaren Wasser abwaschen. Unterwegs gibt es immer wieder kleine Einkehrmöglichkeiten wie das "Wildpark-Gaststätte" oder Kioske an den Brücken, wo man eine Fassbrause oder ein sächsisches Bier trinken kann. Wer es ruhiger mag, sucht sich einen der vielen versteckten Picknickplätze abseits der Hauptwege. Aber bitte alles wieder mitnehmen, was man mitgebracht hat, denn die Leipziger verstehen bei Müll im Wald überhaupt keinen Spaß.
Der Wildpark: Natur zum Anfassen
Mitten im südlichen Auwald liegt der Wildpark. Das Beste daran ist: Der Eintritt ist frei. Hier kann man heimische Tierarten wie Rotwild, Damwild und Mufflons beobachten. Das Gelände ist weitläufig und die Gehege sind so angelegt, dass man nicht das Gefühl hat, in einem Zoo zu sein. Besonders bei Kindern beliebt sind die Wildschweine. Die Biester sind unglaublich neugierig und kommen oft direkt an den Zaun, in der Hoffnung auf eine Eichel oder ein Stück Apfel. Aber bitte nur füttern, wenn es ausdrücklich erlaubt ist. Ein besonderes Highlight ist das Gehege der Fischotter. Wenn man zur richtigen Zeit da ist, kann man die flinken Schwimmer bei ihren akrobatischen Einlagen im Wasser beobachten. Der Wildpark ist auch ein guter Ausgangspunkt für längere Wanderungen tiefer in den Wald hinein. Von hier aus führen Pfade zum Elsterflutbett oder in Richtung Markkleeberg. Man sollte sich Zeit nehmen und nicht hetzen. Der Auwald ist kein Ort für Rekorde, sondern ein Ort zum Entschleunigen. Es reicht oft schon, sich auf eine umgestürzte Eiche zu setzen und zuzuhören, wie der Wind durch die Blätter rauscht. Das ist die wahre Qualität dieses Ortes. Er bietet einen Rückzugsort, den man in anderen Metropolen lange suchen muss. In Leipzig gehört er einfach zum Alltag dazu, und das ist ein Privileg, das man bei jedem Besuch neu schätzen lernt.