Leipzig im Dezember ist ein echtes Wechselbad der Gefühle. Während in der historischen Altstadt der Bär steppt und die Tradition aus jeder Ritze quillt, pflegt der Westen seinen ganz eigenen, herrlich unaufgeregten Winterkult.
Kurz & Kompakt- Timing: Die Innenstadt besucht man am besten wochentags vor 15 Uhr, um den großen Massen zu entgehen; der Felsenkeller wirkt erst nach Sonnenuntergang richtig authentisch durch die vielen Feuerschalen.
- Anreise: Vom Hauptbahnhof gelangt man zu Fuß direkt in die Innenstadt; zum Felsenkeller nutzt man die Straßenbahnlinien 3, 14 oder 15 bis zur gleichnamigen Haltestelle (Fahrzeit ca. 15 Minuten).
- Kulinarik: In der City sind Pulsnitzer Lebkuchen und Leipziger Lerchen ein Muss, während im Felsenkeller der Met und die deftigen Handbrote im Vordergrund stehen.
Der Klassiker im Herzen der Stadt
Wenn der Duft von gerösteten Mandeln durch die Grimmaische Straße zieht und das Glockenspiel vom Alten Rathaus herüberklingt, weiß in Leipzig jeder Bescheid. Es ist wieder so weit. Der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt gehört zu den ältesten und traditionsreichsten in ganz Deutschland. Er ist kein einzelner Platz, sondern ein gewaltiges Geflecht aus verschiedenen Themenbereichen, das sich über den Markt, den Augustusplatz und die umliegenden Gassen erstreckt. Im Zentrum steht das Alte Rathaus, ein Renaissancebau, der bei Flutlicht und leichtem Schneegestöber fast schon unwirklich schön aussieht. Hier stehen die klassischen Holzbuden dicht an dicht, geschmückt mit Tannengrün und Lichterketten, die in der Dunkelheit warmes Licht auf das Kopfsteinpflaster werfen.
Besonders markant ist die über zwölf Meter hohe erzgebirgische Weihnachtspyramide auf dem Marktplatz. Sie ist der Treffpunkt schlechthin. Wer sich hier verabredet, muss allerdings Geduld mitbringen, denn zur blauen Stunde schiebt sich die Masse im Schneckentempo an den Ständen vorbei. Es klirrt, es lacht, und überall dampft der Glühwein aus den typischen Keramiktassen, deren Design jedes Jahr aufs Neue leidenschaftlich diskutiert wird. Die Menschen stehen in Grüppchen zusammen, die Wangen sind gerötet, und man hört das typische sächsische Gemurmel, das hier einfach dazugehört. Es ist voll, ja, aber genau diese Wuseligkeit macht den Reiz aus, wenn man auf Tradition steht.
Ein paar Schritte weiter, auf dem Augustusplatz, wird es moderner und internationaler. Hier steht das Riesenrad, von dem aus man einen fantastischen Blick über die beleuchtete Stadt hat. Das finnische Dorf lockt mit Flammlachs, der über offenem Feuer gart, und echtem Beerenglühwein, der deutlich kräftiger schmeckt als die Standardware am Markt. Es riecht nach Rauch und Wald. Der Kontrast zwischen der strengen Architektur des Opernhauses und der Gewandhausseite auf der einen und den bunten Lichtern der Fahrgeschäfte auf der anderen Seite ist typisch für Leipzig. Hier trifft Hochkultur auf Jahrmarktstimmung, was erstaunlich gut funktioniert.
Alternativer Advent im Felsenkeller
Ganz anders weht der Wind im Westen der Stadt, genauer gesagt im Stadtteil Plagwitz. Hier, wo früher die Schlote rauchten und heute die Kreativszene zu Hause ist, findet im Garten des Felsenkellers ein Weihnachtsmarkt statt, der sich "Naumburger Weihnachtsmarkt" nennt oder oft einfach als "Felsenkeller-Weihnacht" bezeichnet wird. Wer mit der Straßenbahnlinie 3 oder 14 hinfährt und an der Haltestelle Felsenkeller aussteigt, merkt sofort, dass hier ein anderer Vibe herrscht. Statt glitzernder Christbaumkugeln und blinkender LED-Sterne dominieren hier Feuerschalen, rustikales Holz und ein Hauch von Steampunk und Mittelalter.
Der Felsenkeller selbst ist ein prächtiges, etwas in die Jahre gekommenes Ballhaus mit einer beeindruckenden Kuppel. Der Markt davor ist eher klein und überschaubar, was ihn aber ungemein gemütlich macht. Es geht nicht darum, möglichst viele Buden abzuklappern, sondern um die Atmosphäre. Die Händler hier verkaufen oft handgefertigte Waren, Schmuck aus altem Besteck, Ledergürtel oder handgeschöpfte Seifen. Es wirkt weniger kommerziell, fast schon familiär. Wenn die Dunkelheit einbricht, sorgen die lodernden Flammen in den Eisenkörben für ein Lichtspiel an den hohen Backsteinmauern. Es ist eine Ecke zum Versacken, wie man in Leipzig sagt.
Kulinarisch geht es hier deftiger und experimenteller zu. Statt der klassischen Bratwurst findet man oft vegetarische Alternativen, Kräuterfladen aus dem Holzofen oder Met, der stilecht in Tonbechern serviert wird. Der Geruch ist schwerer, erdiger, geprägt von verbranntem Buchenholz. Man trifft hier eher das lokale Viertelpublikum, Leute mit Strickmützen und Lastenrädern, die nach der Arbeit noch schnell auf einen Absacker vorbeischauen. Es gibt keine dröhnende Beschallung mit Last Christmas, stattdessen hört man oft handgemachte Musik oder einfach nur das Knistern des Feuers. Wer dem Trubel der Innenstadt entfliehen will, ist hier genau richtig aufgehoben.
Zwischen Kunsthandwerk und Kommerz
Der Reiz Leipzigs liegt darin, dass beide Märkte ihre Daseinsberechtigung haben und man sie wunderbar an einem Tag kombinieren kann. Der Markt am Rathaus punktet durch seine schiere Größe und das Angebot an erzgebirgischer Volkskunst. Wer echte Schwibbögen, Räuchermännchen oder handgeschnitzte Pyramiden sucht, kommt an den Fachgeschäften und Ständen in der Innenstadt nicht vorbei. Das ist Handwerk mit Brief und Siegel, oft teuer, aber eben authentisch. Es ist faszinierend zu beobachten, mit welcher Präzision diese kleinen Holzfiguren gefertigt sind. Man kann stundenlang vor den Vitrinen stehen und immer neue Details entdecken.
Im Felsenkeller hingegen ist das Kunsthandwerk eher alternativ angehaucht. Da findet man vielleicht keine klassischen Engel, dafür aber Upcycling-Produkte oder Kunstwerke von lokalen Illustratoren. Es ist ein Ort für Individualisten. Spannend ist dabei die architektonische Einbettung. In der City hat man die prunkvolle Renaissance und den Barock, in Plagwitz die Industriearchitektur der Gründerzeit. Beides ist auf seine Art beeindruckend. Während man am Rathaus die Geschichte der Handelsstadt spürt, atmet der Felsenkeller den Geist des Aufbruchs und der Umnutzung alter Industrieflächen.
Ein kleiner Geheimtipp für die Innenstadt ist übrigens der historische Weihnachtsmarkt "Alt-Leipzig" auf dem Naschmarkt, direkt hinter dem Alten Rathaus. Dort geht es wesentlich ruhiger zu als auf dem großen Marktplatz. Es gibt keine elektrische Beleuchtung, sondern nur Kerzen und Gaslaternen. Die Handwerker dort arbeiten oft mit historischen Werkzeugen, und der Duft von frisch gebackenem Brot aus dem Lehmbackofen ist einfach unschlagbar. Es ist quasi das Bindeglied zwischen der großen Masse und der alternativen Nische im Westen. Hier kann man kurz durchatmen, bevor man sich wieder in das Getümmel der Fußgängerzone stürzt.
Praktisches für den Winterbummel
Wer beide Welten erleben will, sollte sich strategisch klug bewegen. Ein Besuch des zentralen Marktes empfiehlt sich eher unter der Woche am Vormittag oder frühen Nachmittag. Dann ist es zwar immer noch belebt, aber man bekommt wenigstens ohne langes Anstehen einen Glühwein und kann in Ruhe die Auslagen der Händler betrachten. Samstags hingegen wird es oft so eng, dass das Vorankommen zur Geduldsprobe wird. Der Felsenkeller entfaltet seine volle Pracht erst, wenn es richtig dunkel ist und die Feuer so richtig schön leuchten. Ein perfekter Plan wäre also: Erst die Pflicht in der City, dann die Kür in Plagwitz.
Was die Verpflegung angeht, sollte man in der Innenstadt unbedingt die "Leipziger Lerche" probieren, auch wenn sie kein typisches Weihnachtsmarktprodukt ist, passt das Mürbeteiggebäck mit Marzipan hervorragend in die kalte Jahreszeit. Auf dem Markt findet man auch oft Pulsnitzer Lebkuchen, die um Längen besser schmecken als die Industrieware aus dem Supermarkt. Im Westen sollte man eher auf die flüssige Nahrung setzen oder sich durch die herzhaften Angebote probieren. Die Preise sind auf beiden Märkten in den letzten Jahren gestiegen, das ist kein Geheimnis. Eine Tasse Glühwein plus Pfand schlägt ordentlich zu Buche, aber man gönnt sich ja sonst nichts.
Kleidungstechnisch ist in Leipzig Zwiebellook angesagt. Der Wind, der durch die Straßenschluchten der Innenstadt pfeift, kann tückisch sein. Besonders auf dem Augustusplatz zieht es oft ordentlich. Im Felsenkeller hingegen steht man oft nah am Feuer, da wird es von vorne heiß und von hinten bleibt es kalt. Festes Schuhwerk ist Pflicht, denn das Kopfsteinpflaster kann bei Frost spiegelglatt werden. Wer den ganzen Tag unterwegs ist, wird die Wärme der Leipziger Passagen zu schätzen wissen. Mädler-Passage oder Specks Hof bieten nicht nur luxuriöse Schaufenster, sondern sind auch architektonische Meisterwerke, die man quasi im Vorbeigehen mitnehmen kann, wenn man zwischen den Märkten pendelt.