Leipzig

Hauptbahnhof Leipzig: Shoppen und Staunen im größten Kopfbahnhof Europas

Dieser Bahnhof ist kein bloßer Durchgangsort, sondern das pulsierende Wohnzimmer der Stadt. Wer hier ankommt, hat die erste Sehenswürdigkeit Leipzigs bereits unter den Füßen.

Leipzig  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Wer mit dem ICE aus Richtung Berlin oder München in Leipzig einfährt, rollt nicht einfach nur in einen Bahnhof. Er gleitet in eine architektonische Ansage hinein. Die Dimensionen der Querbahnsteighalle sind so gewaltig, dass man sich beim ersten Aussteigen unweigerlich wie eine Ameise vorkommt. 298 Meter misst die Front dieses Gebäudes. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines gigantischen Prestigeprojekts aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Damals leistete man sich den Luxus, zwei getrennte Bahnhofshälften zu bauen, weil die Preußischen Staatseisenbahnen und die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen partout nicht unter einer gemeinsamen Verwaltung firmieren wollten. Diese historische Sturheit spiegelt sich heute noch in der Symmetrie des Gebäudes wider. Es gibt zwei identische Treppenaufgänge, zwei Empfangshallen und eine strikte Trennung, die erst viel später architektonisch aufgebrochen wurde.

Man riecht hier drinnen eine Mischung aus frisch gebackenen Brezeln, dem metallischen Abrieb der Bremsen und dem typischen, leicht kühlen Steingeruch der riesigen Hallen. Besonders am frühen Morgen, wenn die Sonne durch die hohen Fensterfronten bricht und die Staubkörner in den Lichtkegeln tanzen, entwickelt der Ort eine fast sakrale Atmosphäre. Die Akustik ist ein Kapitel für sich. Das ferne Rollen der Kofferrollen auf dem Steinboden vermischt sich mit den gedämpften Durchsagen, die hier oben unter dem hohen Dach weniger blechern klingen als in modernen Glas-Beton-Konstruktionen. Es ist ein Ort, der Beständigkeit atmet, selbst wenn draußen die Welt immer schneller zu werden scheint.

Kurz & Kompakt
  • Größe und Rekorde: Mit einer Grundfläche von über 80.000 Quadratmetern gilt der Leipziger Hauptbahnhof als der flächenmäßig größte Kopfbahnhof Europas und verfügt über 21 Bahnsteiggleise unter einer gewaltigen Hallenkonstruktion.
  • Einkaufen ohne Pause: Die "Promenaden" bieten auf drei Etagen rund 140 Fachgeschäfte und Gastronomiebetriebe, die aufgrund der Lage im Bahnhof auch an Sonn- und Feiertagen regulär geöffnet haben.
  • Historisches Gleis 24: Am östlichen Ende des Querbahnsteigs befindet sich ein frei zugängliches Freilichtmuseum mit historischen Lokomotiven, darunter Legenden wie die Schnellzuglok 01 0509-8.
  • Architektonisches Kuriosum: Wegen der früheren Teilung zwischen preußischer und sächsischer Bahnverwaltung ist das gesamte Gebäude fast exakt symmetrisch aufgebaut, inklusive zweier identischer Prunkhallen an den Kopfseiten.

Die Verwandlung zur Konsummeile

In den 1990er Jahren stand der Bahnhof vor einer Zerreißprobe. Er war marode, die Rußschicht der Jahrzehnte klebte an den Wänden und die Nutzung war für die neuen Anforderungen des Schienenverkehrs nicht mehr zeitgemäß. Anstatt den Bau einfach nur zu flicken, entschied man sich für eine Radikalkur. Der Boden unter dem Querbahnsteig wurde förmlich ausgehöhlt. Wo früher dunkle Versorgungswege waren, erstrecken sich heute drei Etagen mit Geschäften. Die sogenannten "Promenaden Hauptbahnhof" sind seither das kommerzielle Herzstück. Es ist schon ein kurioser Anblick, wenn man sieht, wie Leute mit vollgepackten Einkaufstüten zwischen Pendlern hindurchhasten, die hektisch auf ihre Uhren starren. Hier kauft man nicht nur schnell eine Zeitung oder ein belegtes Brötchen, hier geht man gezielt shoppen.

Spannend ist dabei die Tatsache, dass der Bahnhof für viele Leipziger das einzige Einkaufszentrum ist, das auch sonntags funktioniert. Während in der restlichen Innenstadt die Bordsteine hochgeklappt werden, herrscht hier am siebten Tag der Woche Hochbetrieb. Das lockt natürlich ein buntes Publikum an. Vom Studenten, dem am Sonntagabend die Milch für den Kaffee ausgegangen ist, bis hin zum Touristen, der noch ein Last-Minute-Mitbringsel in Form von Leipziger Lerchen sucht. Man muss diesen Trubel mögen, denn leise ist es in den Promenaden selten. Es herrscht ein ständiges Grundrauschen aus Musikfetzen der Läden und dem Gemurmel von Tausenden Menschen.

Historische Relikte und technisches Erbe

Trotz der Modernisierung ist der Bahnhof kein steriles Einkaufszentrum geworden. Man stolpert an vielen Ecken über die Geschichte, wenn man die Augen offen hält. Ein besonderes Schmankerl ist das Gleis 24. Dort oben, am Rand des Bahnsteigbereichs, stehen historische Schienenfahrzeuge, die man sich aus nächster Nähe anschauen kann. Es wirkt fast so, als hätten die alten Dampf- und Elektrolokomotiven dort einfach nur eine Pause eingelegt und würden gleich wieder losdampfen. Besonders die massive Dampflok der Baureihe 52 beeindruckt durch ihre schiere mechanische Präsenz. Hier riecht es tatsächlich noch nach Öl und Eisen, ein herber Kontrast zum Parfümduft der Drogeriemärkte zwei Etagen tiefer.

Wer sich für Architektur interessiert, sollte unbedingt den Blick nach oben richten. Die Stahlkonstruktion der Bahnsteighallen ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Jede der sechs Hallen überspannt mehrere Gleise und sorgt für dieses Gefühl von Weite, das man in modernen Tiefbahnhöfen so schmerzlich vermisst. Manchmal kann man beobachten, wie Tauben in den obersten Verstrebungen nisten und ungerührt vom Lärm der Züge ihr Dasein fristen. Ein kleiner Tipp am Rande: In der westlichen Bahnhofshalle befindet sich der ehemalige Speisesaal der ersten Klasse. Heute ist dort eine Buchhandlung untergebracht. Die Stuckdecken und die prachtvolle Holzvertäfelung sind erhalten geblieben, was das Schmökern in Reiseführern zu einem fast herrschaftlichen Vergnügen macht. Es ist ein Ort, an dem man für einen Moment vergessen kann, dass man eigentlich nur auf den Anschlusszug nach Dresden wartet.

Ein Knotenpunkt der kurzen Wege

Die logistische Leistung dieses Bahnhofs wird oft unterschätzt. Als Kopfbahnhof zwingt er die Züge zum Anhalten und Umkehren, was für den schnellen Fernverkehr eigentlich ein Nachteil ist. Doch für die Stadt Leipzig ist das ein Segen. Man fällt quasi aus dem Zug direkt in die Fußgängerzone. Keine endlosen Tunnelgänge, keine komplizierten Rolltreppenlabyrinthe, um ans Tageslicht zu kommen. Man läuft einfach geradeaus über den Querbahnsteig, tritt durch eines der großen Portale und steht mitten auf dem Ring, gegenüber der Nikolaistraße, die einen direkt zum Marktplatz führt. Das ist urbaner Komfort in Reinform.

Unter dem Bahnhof hat sich jedoch ein zweites Leben entwickelt. Mit dem Bau des City-Tunnels wurde Leipzig schienentechnisch quasi "geöffnet". Die S-Bahnen rauschen nun tief unter den alten Fundamenten hindurch und verbinden den Norden mit dem Süden der Stadt. Der Abstieg zu den S-Bahn-Gleisen wirkt wie der Eintritt in eine andere Welt. Dort dominieren Sichtbeton und modernes Lichtdesign. Es ist der krasse Gegenpol zur wilhelminischen Pracht oben. Manchmal wirkt dieser Wechsel der Epochen innerhalb weniger Meter fast surreal. Eben noch stand man vor einer Lokomotive aus dem Jahr 1940, eine Minute später wartet man in einer futuristischen Betonröhre auf die Bahn zum Bayerischen Bahnhof.

Der Bahnhof als sozialer Mikrokosmos

Ein Bahnhof dieser Größe ist natürlich immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. In Leipzig sieht man das besonders deutlich. An den Stehtischen der Imbissbuden treffen Geschäftsleute im Anzug auf Menschen, die vom Leben offensichtlich härter angefasst wurden. Es gibt die "Stammgäste", die jeden Tag hier sind, und die flüchtigen Besucher, die nur für fünf Minuten bleiben. Es ist ein kommen und gehen, ein ewiges Fließen. Wer sich die Zeit nimmt, sich einfach mal für eine halbe Stunde auf eine der Bänke am Querbahnsteig zu setzen, bekommt ein kostenloses Theaterstück geboten. Man sieht rührende Abschiedsszenen, hektische Streitereien über verpasste Anschlüsse und die tiefe Erleichterung von Heimkehrern.

Interessant ist die sächsische Gemütlichkeit, die trotz der Hektik immer wieder durchblitzt. Die Angestellten in den Bäckereien haben oft einen lockeren Spruch auf den Lippen, der den Berliner oder Hamburger vielleicht kurz irritiert, aber den Charme der Region ausmacht. "Nu klar, das machen wir", hört man hier öfter als ein förmliches "Gern geschehen". Diese Bodenständigkeit erdet das monumentale Gebäude und nimmt ihm die strenge Autorität. Es ist eben kein Museum, sondern eine lebendige Maschine, die niemals schläft. Selbst nachts, wenn die großen Züge seltener werden, putzen die Reinigungskolonnen den Boden auf Hochglanz, und das Licht der Neonreklamen spiegelt sich in den glatten Fliesen.

Praktische Tipps für den Aufenthalt

Wenn du ein bisschen Zeit im Gepäck hast, solltest du nicht nur durch die Ladenstraßen hetzen. Es gibt im Bahnhof versteckte Ecken, die kaum jemand beachtet. Zum Beispiel die kleinen Ausstellungen zur Geschichte des Baus, die oft in den Übergangsbereichen zu finden sind. Wer Hunger hat, sollte die üblichen Ketten links liegen lassen und nach regionalen Spezialitäten Ausschau halten. Es gibt Stände, die echte Thüringer Rostbratwürste verkaufen, deren Duft sich manchmal bis hoch in die Wartebereiche zieht. Ein kleiner Fauxpas wäre es übrigens, den Bahnhof als "Zentralbahnhof" zu bezeichnen. Für die Leipziger ist es schlicht der "Hauptbahnhof" oder liebevoll der "Hbf".

Für Fotografen bietet das Gebäude Motive ohne Ende. Die Symmetrie der Hallen ist fast schon hypnotisch. Am besten fotografiert man von der Empore im ersten Stock des Querbahnsteigs. Von dort aus hat man den perfekten Überblick über das Gewusel und die beeindruckende Dachkonstruktion. Im Winter, wenn der Weihnachtsmarkt direkt vor der Tür auf dem Vorplatz gastiert, erstrahlt der Bahnhof in einem ganz besonderen Licht. Die Reflexionen der Lichterketten in den großen Fensterscheiben geben dem Sandstein einen warmen, fast goldenen Schimmer. Es ist dann der perfekte Ort, um sich kurz aufzuwärmen, bevor man sich wieder ins Getümmel der Innenstadt stürzt. Man merkt schnell: Dieser Bahnhof ist nicht nur ein Ort zum Abfahren, sondern einer zum Ankommen.

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