München

Hop-on-Hop-off München: Teurer Spaß für Faule oder genialer Überblick?

Die knallbunten Busse gehören zum Stadtbild rund um den Bahnhof wie die Frauenkirche zum Marienplatz. Doch sparst du dir mit dem Ticket wirklich Stress oder verbrennst du am Ende nur deine Urlaubskasse? Wir machen den ehrlichen Check ohne rosarote Brille.

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Zwischenablage

Motivierte Verkäufer in farblich passenden Westen versuchen, Touristen mit Flyern abzufangen. Das wirkt auf den ersten Blick oft hektisch und wenig einladend. Man fragt sich unwillkürlich, ob man sich das antun muss. Aber machen wir uns nichts vor. Wenn die Füße schon vom Anreisetag schmerzen oder man einfach keine Lust hat, sich mit dem Tarifsystem des Münchner Verkehrsverbunds (MVV) auseinanderzusetzen, ist die Verlockung groß. Einfach einsteigen, Kopfhörer auf und sich berieseln lassen. Das ist das Versprechen. Ob es gehalten wird, steht auf einem anderen Blatt.

Die Busse selbst wirken meist modern. Wer Glück hat, erwischt ein neueres Modell mit funktionierender Klimaanlage, was im Münchner Hochsommer, wenn die Stadt im Kessel kocht, Gold wert ist. Wer Pech hat, sitzt in einem älteren Dieselross, das an jeder Ampel vibriert wie ein Rüttelplatte auf der Baustelle. Einheimische meiden diese Ecke der Stadt meist weiträumig, es sei denn, sie müssen verreisen. Für den Besucher aber startet hier oft das München Abenteuer. Und genau hier beginnt auch das erste Problem der Busse, über das in den Hochglanzbroschüren niemand spricht: der Verkehr.

Kurz & Kompakt
  • Kostenfaktor: HoHo-Tickets liegen meist zwischen 25€ und 35€ pro Person/Tag. Eine MVV-Tageskarte kostet einen Bruchteil davon.
  • Zeitbedarf: Für die große Runde ("Grand Circle") solltest du ohne Aussteigen etwa 2,5 Stunden reine Fahrzeit einplanen – mit Stau auch mehr.
  • Spartipp: Die Tram-Linie 19 (Pasing bis Berg am Laim) bietet nachts und tagsüber eine der schönsten Strecken durch die beleuchtete Innenstadt zum normalen Tarif.

Geduldsprobe im Stadtverkehr

München ist eine Autostadt. Das merkt man nirgendwo deutlicher als auf dem Altstadtring. Die Routen der Hop on Hop off Anbieter führen zwangsläufig über die Sonnenstraße, vorbei am Sendlinger Tor und dem Stachus. Zur Rush Hour steht man hier mehr, als man fährt. Das ist die Realität. Wenn der Audi vor dir und der Lieferwagen neben dir den Weg blockieren, hilft auch der beste Audio Guide nicht viel weiter. Manchmal starrt man minutenlang auf dieselbe Hausfassade.

Man muss fairerweise sagen, dass die Fahrer oft Zauberkünstler sind. Wie sie die riesigen Gefährte durch die teils engen Baustellenmanöver zirkeln, verdient Respekt. Aber Zeit ist im Urlaub kostbar. Wer glaubt, mit dem Bus schneller von A nach B zu kommen als mit der U Bahn, der irrt gewaltig. Die U Bahn rauscht unter dem Stau hindurch. Der Bus steckt mittendrin. Daher gilt als erste Faustregel: Nutze diese Busse niemals als reines Transportmittel, um pünktlich irgendwo zu sein. Sie sind eine Aussichtsplattform auf Rädern, kein Taxi. Wenn du das verinnerlicht hast, sinkt das Frustpotenzial erheblich.

Die Mär von der Altstadt

Ein Punkt sorgt bei Touristen immer wieder für lange Gesichter. Auf den Plänen sind Stationen wie "Marienplatz" oder "Hofbräuhaus" dick eingezeichnet. Man steigt ein in der Erwartung, direkt vor dem Glockenspiel abgesetzt zu werden. Pustekuchen. Münchens historischer Kern ist weitgehend Fußgängerzone. Und da kommt auch kein Doppeldecker rein. Die Haltestellen befinden sich am Ring, also an der Peripherie der Altstadt. Vom Ausstieg am Max Joseph Platz oder nahe dem Tal muss man immer noch laufen.

Das ist kein Beinbruch, aber man sollte es wissen. Der Bus umrundet den Kern. Er durchquert ihn nicht. Den besten Blick auf das Rathaus oder die Frauenkirche hast du also nicht vom Oberdeck, sondern wenn du aussteigst und zu Fuß gehst. Der Bus liefert dir quasi nur den Rahmen, das Bild musst du selbst ausmalen. Wer also hofft, die ganze Stadt nur im Sitzen zu erobern, wird spätestens am Marienplatz enttäuscht sein, wenn er merkt, dass er den Turm nur aus der Ferne oder gar nicht sieht.

Wo der Bus seine Stärken ausspielt

Jetzt haben wir genug gemeckert. Es gibt nämlich einen Bereich, wo das Konzept Hop on Hop off in München wirklich brilliert und sein Geld wert sein kann. Das ist die "Grand Circle" Tour oder wie auch immer der jeweilige Anbieter die große Runde nennt. Sobald der Bus den engen Altstadtring verlässt und Richtung Norden steuert, ändert sich das Erlebnis komplett.

Die Fahrt über die Leopoldstraße in Schwabing hat Flair. Hier sind die Straßen breit, die Pappeln säumen den Weg, und man bekommt ein Gefühl für das Münchener Lebensgefühl, das "Dolce Vita" nördlich der Alpen. Von oben in die Cafés zu schauen, wo die Schickeria (oder wer sich dafür hält) am Aperol Spritz nippt, ist durchaus unterhaltsam. Hier rollt der Bus flüssig, und der Wind im offenen Oberdeck ist an heißen Tagen eine Wohltat.

Der eigentliche Trumpf ist aber die Verbindung zum Olympiapark und zum Schloss Nymphenburg. Diese Ziele liegen weit auseinander. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bedeutet das oft: U Bahn, umsteigen in den Bus oder die Tram, warten, laufen. Der Hop on Hop off Bus verbindet diese Punkte direkt. Besonders die Fahrt vor das Schloss Nymphenburg ist majestätisch. Man sieht die riesige Parkanlage auf sich zukommen, ohne sich um Fahrpläne oder Umsteigezeiten kümmern zu müssen. Wer sowohl BMW Welt als auch das Schloss an einem Tag sehen will und dazwischen noch etwas von der Architektur Schwabings mitbekommen möchte, für den ist die große Tour tatsächlich die bequemste Option. Hier fühlt man sich dann doch ein bisschen königlich, wenn man erhaben über dem normalen Verkehr thront.

Audio Guide: Kitsch oder Kultur?

Kopfhörer auf, Welt aus. Die Qualität der Audio Kommentare schwankt gewaltig. Technisch funktioniert es meistens: Man stöpselt die mitgelieferten Einwegkopfhörer ein, wählt Kanal 2 für Deutsch oder Kanal 5 für Japanisch und los gehts. Inhaltlich bewegen wir uns oft auf einem schmalen Grat zwischen Wikipedia Wissen und bayerischer Folklore Folklore.

Da wird dann gerne mal die bayerische Gemütlichkeit beschworen, während man gerade an einem grauen Bürokomplex vorbeifährt. Die Musikuntermalung ist oft Klischee pur. Ein bisschen Blasmusik hier, ein wenig Klassik da. Es ist nett, ja. Aber tiefschürfende historische Analysen darf man nicht erwarten. Manchmal sind die Anekdoten aber durchaus charmant. Wenn erzählt wird, warum der "Drückebergergassl" so heißt oder wer eigentlich dieser König Ludwig I. war, bleibt zumindest ein bisschen was hängen. Für Kinder gibt es oft eigene Kanäle, was für Eltern eine echte Erleichterung sein kann. Wenn der Nachwuchs beschäftigt ist, können Mama und Papa in Ruhe gucken. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Der Preisvergleich: Autsch

Kommen wir zum Elefanten im Raum. Das Ticket für den Bus ist teuer. Ein Tagesticket für einen Erwachsenen kratzt schnell an der 30 Euro Marke, je nach Anbieter und Route oft auch mehr. Vergleichen wir das mit einer Gruppen Tageskarte des MVV für den Innenraum, die einen Bruchteil kostet und bis zu fünf Personen transportiert, wirkt der Bus wie Wucher.

Aber dieser Vergleich hinkt ein wenig. Man zahlt nicht für den Transport. Man zahlt für die Bequemlichkeit, die Kuration und die Aussicht. In der Tram 17 sieht man zwar auch viel, aber man muss wissen, wo man aussteigen muss, und niemand erzählt einem ins Ohr, was man da gerade sieht. Außerdem sind die Trams zu Stoßzeiten so voll, dass man froh ist, überhaupt einen Stehplatz zu ergattern, von Aussicht ganz zu schweigen. Im Touristenbus hat man (meistens) seinen Sitzplatz sicher. Man zahlt also eine Art "Stressfrei Prämie". Ob einem das 25 oder 30 Euro wert ist, muss jeder Geldbeutel selbst entscheiden.

Alternative für Sparfüchse: Die Linie 100 & 19

Wer das Geld lieber in ein oder zwei Maß Bier investieren möchte, für den gibt es eine heimliche Alternative. Die Münchner Verkehrsgesellschaft selbst bewirbt die Buslinie 100 als "Museenlinie". Sie klappert viele wichtige Museen ab und fährt durch schöne Stadtteile wie das Lehel. Gepaart mit der Tram Linie 19, die quer durch die Stadt fährt und am Nationaltheater sowie dem Maximilianeum vorbeikommt, hat man eine Do it yourself Stadtrundfahrt für wenige Euro.

Der Nachteil: Man braucht einen Reiseführer in Buchform oder eine App, um zu wissen, was man sieht. Und man hat keine Garantie auf einen Fensterplatz. Es ist die rauere, authentischere Variante. Man sitzt zwischen Pendlern, Schülern und Grantlern. Wer das "echte" München spüren will, ist hier richtig. Wer aber Urlaub vom Alltag will und sich bedienen lassen möchte, wird die öffentlichen Verkehrsmittel eher als anstrengend empfinden.

Für wen lohnt es sich?

Sind Hop on Hop off Busse in München nun eine Touristenfalle? Nein, das wäre zu hart geurteilt. Sie sind ein Luxusprodukt für Bequemlichkeit. Sie sind ideal für Besucher, die nur einen Tag Zeit haben und einen groben Überblick gewinnen wollen, ohne sich die Hacken abzulaufen. Sie sind perfekt für ältere Reisende oder Familien mit kleinen Kindern, wo lange Fußmärsche oder komplexes Umsteigen im Untergrund für schlechte Laune sorgen würden.

Wer jedoch jung ist, gut zu Fuß und ein bisschen Abenteuergeist mitbringt, der kann sich das Geld sparen. München lässt sich wunderbar erlaufen oder mit dem Fahrrad erkunden. Die Stadt ist flach, die Wege sind kurz. Der Bus isoliert dich ein Stück weit von der Stadt. Du schaust auf München wie auf einen Film. Zu Fuß oder auf dem Rad bist du mitten im Film. Am Ende ist es eine Frage der Einstellung. Willst du konsumieren oder erleben? Beide Varianten haben ihre Berechtigung. Nur glaub bitte nicht, dass du vom Bus aus das Hofbräuhaus von innen siehst. Dafür musst du schon noch selbst aufstehen.

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