Es ist ein seltsames Phänomen in Köln. Der Rhein, dieser mächtige Strom, der sich grau und unaufhaltsam durch die Stadt wälzt, wird von vielen Einheimischen als eine Art psychologische Barriere wahrgenommen. Linksrheinisch liegt das "heilige" Köln mit dem Dom, der Altstadt und dem römischen Erbe. Rechtsrheinisch beginnt die sogenannte "Schäl Sick". Der Ausdruck meint so viel wie die scheele, die falsche Seite. Historisch gesehen rührt das daher, dass die Pferde, die die Treidelschiffe den Fluss hinaufzogen, auf dieser Seite durch Scheuklappen blind gemacht wurden, damit sie nicht vom Wasser abgelenkt wurden. Oder vielleicht auch daher, dass die Römer von ihrem Kastell Divitia aus misstrauisch auf das germanische Ufer schielten. Fakt ist jedoch: Wer in Deutz aus dem Zug steigt, steht nicht im Abseits. Er steht mitten in einem der spannendsten Transformationsprozesse der Domstadt.
Die Ankunft am Bahnhof Köln Messe/Deutz hat ihren ganz eigenen Charme. Es riecht hier oft nach einer Mischung aus Bäckereiabluft und dem metallischen Abrieb der Züge. Der Bahnhof selbst ist ein Durchgangsort, funktional und geschäftig. Doch kaum tritt man hinaus auf den Ottoplatz, ändert sich die Perspektive. Der Blick fällt fast automatisch auf den LVR-Turm, dessen Glasfassade je nach Wetterlage den Himmel oder den Dom spiegelt. Hier beginnt ein Spaziergang, der weniger von Fachwerkromantik geprägt ist, sondern von Brüchen, Weite und einer Prise kölscher Anarchie.
Kurz & Kompakt - Aussichtspunkt Nr. 1: Die Plattform auf dem LVR-Turm (KölnTriangle) kostet 5 Euro Eintritt. Der Zugang erfolgt über den Ottoplatz. Beste Zeit ist kurz vor Sonnenuntergang, wenn die Lichter der Stadt angehen.
- Kult-Gastronomie: Das "Lommerzheim" (Siegesstraße 18). Dienstags ist Ruhetag. Reservierungen sind kaum möglich, man muss Glück haben oder warten. Unbedingt das Kotelett probieren!
- Entspannung: Der Rheinpark ist jederzeit frei zugänglich. Die Claudius Therme bietet Sauna und Thermalbad bis spät in den Abend (täglich bis 24 Uhr).
- Verkehrsanbindung: Bahnhof Köln Messe/Deutz ist mit fast allen S-Bahnen, Regionalzügen und vielen ICEs erreichbar. Zu Fuß über die Hohenzollernbrücke sind es ca. 10 Minuten vom Hauptbahnhof.
Die Tribüne der Stadt: Der Rheinboulevard
Man muss kein Architekturkritiker sein, um den Rheinboulevard zu verstehen. Er ist schlichtweg eine gigantische Freitreppe aus hellem Beton, die sich hunderte Meter am Ufer entlangzieht. Als das Bauwerk vor einigen Jahren eröffnet wurde, unkten viele Kölner über die "Betonwüste". Heute ist es an sonnigen Tagen kaum möglich, hier einen freien Platz zu finden. Der Grund ist simpel. Von nirgendwo sonst hat man diesen Blick. Der Dom thront auf der anderen Seite, dunkel und massiv, davor die bunten Giebel der Altstadt, die wie Spielzeughäuser wirken. Wenn die Sonne am späten Nachmittag hinter den Türmen der Kathedrale versinkt und den Rhein in flüssiges Gold taucht, wird selbst der zynischste Betrachter kurz still.
Es lohnt sich, hier eine Weile zu sitzen. Nicht nur wegen der Aussicht. Das Publikum ist hier so gemischt wie in kaum einem anderen Veedel. Skater üben ihre Tricks auf dem glatten Boden, Touristen versuchen verzweifelt, das perfekte Selfie zu schießen, und Einheimische trinken ihr Wegbier aus dem Kiosk. Manchmal weht der Geruch von Pizza herüber, gemischt mit dem Diesel der vorbeifahrenden Frachtschiffe. Es ist laut, es ist lebendig, und es ist alles andere als steril. Wer den Blick nach rechts wendet, sieht die Hohenzollernbrücke. Tausende Liebesschlösser hängen dort am Geländer und bringen die Gitterkonstruktion auf ein Gewicht, das Statiker regelmäßig nervös macht. Das leise Grollen der Züge, die im Minutentakt über den Fluss rollen, ist der ständige Soundtrack von Deutz. Es hat etwas Beruhigendes.
Zwischen Preußen und Industrie
Deutz ist alt. Älter als viele denken. Die Römer bauten hier das Kastell Divitia, um die Brücke über den Rhein zu sichern. Reste davon sind im historischen Park an der Lanxess Arena zu sehen, auch wenn sie oft übersehen werden. Viel prägender für das heutige Stadtbild war jedoch die Zeit der Industrialisierung und der Preußen. Die Preußen bauten Deutz zur Festung aus, und die Industrie machte es zum Motor der Region. Nikolaus August Otto entwickelte hier den Viertaktmotor. Die Hallen der Deutz AG prägten das Bild jahrzehntelang. Heute sind viele dieser alten Industrieflächen umgewandelt worden. Das "Design Post" in den alten Posthallen ist so ein Beispiel. Außen gelber Backstein und historische Bögen, innen kühles Design und teure Möbel. Dieser Kontrast zieht sich durch den ganzen Stadtteil.
Wenn du vom Rheinufer weggehst und dich in Richtung der Deutzer Freiheit bewegst, ändert sich die Atmosphäre. Die Deutzer Freiheit ist die Einkaufsstraße des Veedels. Hier gibt es keine großen Ketten, sondern eine Mischung aus kleinen Boutiquen, Bäckereien und türkischen Gemüsehändlern. Es ist weniger hektisch als auf der Hohe Straße drüben in der City. Die Menschen hier grüßen sich. Man merkt, dass Deutz trotz seiner Größe dörfliche Strukturen bewahrt hat. Zwischen den Häuserzeilen blitzt immer wieder die Lanxess Arena hervor. Mit ihrem riesigen Henkel, der sich über das Dach spannt, wird sie von den Kölnern liebevoll "Henkelmännchen" genannt. Sie ist ein Fremdkörper und gleichzeitig Wahrzeichen, ein Ufo aus Glas und Stahl inmitten von Wohnhäusern aus der Gründerzeit.
Der Mythos Lommerzheim
Kein Artikel über Deutz darf dieses Thema auslassen. Es wäre schlichtweg fahrlässig. Die Gaststätte Lommerzheim in der Siegesstraße ist nicht einfach nur ein Brauhaus. Sie ist eine Institution, ein Pilgerort für Freunde der deftigen Küche und des gepflegten Kölsch. Hans "Lommi" Lommerzheim führte den Laden jahrzehntelang und weigerte sich standhaft, irgendetwas zu renovieren. Als er starb, war die Trauer groß. Doch das Lokal wurde wiedereröffnet, und zwar genau so, wie es war. Der Putz bröckelt noch immer an manchen Stellen, die Holztische sind abgeschrubbt, und die Atmosphäre ist laut und herzlich.
Wer hier reingeht, sollte keinen Chic erwarten. Man bestellt hier Koteletts. Diese Koteletts sind legendär. Sie sind riesig, faustdick, knusprig gebraten und mit Röstzwiebeln bedeckt. Dazu gibt es einen Kartoffelsalat, der so schmeckt, wie Oma ihn gemacht hätte, wenn Oma eine rheinische Frohnatur mit Hang zu Mayonnaise gewesen wäre. Der Köbes, also der Kellner, ist hier oft ein Unikat. Der Ton ist rau aber herzlich. Wer nicht schnell genug trinkt, bekommt vielleicht einen spöttischen Kommentar. Wer zu schnell trinkt, auch. Das gehört dazu. Es ist einer der wenigen Orte in Köln, wo der Banker neben dem Handwerker sitzt und beide über denselben Witz lachen. Hier spürt man noch das alte, das proletarische Deutz, das stolz auf seine Eigenheiten ist.
Grüne Lunge mit 50er-Jahre-Charme
Nördlich der Hohenzollernbrücke erstreckt sich der Rheinpark. Er ist ein Erbe der Bundesgartenschau von 1957, und das sieht man ihm an. Die Architektur der Parkbauten, die geschwungenen Wege, das Parkcafé mit seiner leichten Nierentisch-Ästhetik, all das atmet den Geist des Wirtschaftswunders. Es ist ein wunderbarer Ort, um durchzuatmen. Man kann hier stundenlang spazieren gehen, ohne das Gefühl zu haben, in einer Großstadt zu sein. Besonders schön ist die Fahrt mit der Kleinbahn, die durch den Park zuckelt. Sie wirkt wie aus der Zeit gefallen und wird von Kindern geliebt, während Erwachsene oft ein nostalgisches Lächeln aufsetzen.
Mitten im Park befindet sich auch die Claudius Therme. Ein Thermalbad, das sein Wasser aus einer staatlich anerkannten Heilquelle bezieht. Wer nach dem langen Marsch über den Rheinboulevard müde Beine hat, ist hier richtig. In den Außenbecken zu liegen, während der Dampf aufsteigt und man in der Ferne die Seilbahn über den Rhein schweben sieht, hat fast schon meditativen Charakter. Apropos Seilbahn: Sie ist das sicherste Verkehrsmittel Kölns, wie gerne betont wird, und verbindet den Rheinpark mit dem Zoo auf der anderen Seite. Die Gondeln schaukeln sanft im Wind, und der Blick von oben in den Fluss hinein ist schwindelerregend schön.
Der Panoramablick von oben
Wer den absoluten Überblick sucht, muss hoch hinaus. Der LVR-Turm, oft auch KölnTriangle genannt, bietet auf seiner Dachterrasse in über 100 Metern Höhe eine 360-Grad-Aussicht, die ihresgleichen sucht. Anders als beim Aufstieg auf den Dom, wo man meist nur Gitter und Stein sieht, hat man hier freie Sicht durch massive Glasscheiben. Der Clou dabei: Auf den Scheiben sind die Umrisse der markanten Gebäude aufgezeichnet, die man in der Ferne sieht. So lernt man ganz nebenbei, wo das Siebengebirge liegt oder wo in Düsseldorf der Rheinturm steht (wenn man ihn denn sehen will). Der Eintrittspreis ist moderat, und der Aufzug saust in wenigen Sekunden nach oben. Oben angekommen pfeift einem oft der Wind um die Ohren. Es ist der perfekte Ort, um die Geografie der Stadt zu begreifen. Man sieht die konzentrischen Ringe der Straßen, die Eisenbahntrassen, die sich wie Adern durch den Körper der Stadt ziehen, und natürlich immer wieder den Rhein, der alles verbindet und trennt zugleich.