Es riecht nach Diesel, gebrannten Mandeln und dem brackigen Wasser der Elbe. Ein tiefes Wummern, das man mehr im Magen spürt als in den Ohren hört, kündigt Großes an. Wenn im Mai der Hamburger Hafen seinen Geburtstag feiert, ist in der Hansestadt nichts mehr so, wie es sonst ist. Wir reden hier nicht von einem kleinen Volksfest mit Bratwurststand und Dosenwerfen. Der Hafengeburtstag ist das größte Hafenfest der Welt. Punkt. Über eine Million Menschen schieben sich an einem einzigen Wochenende an den Landungsbrücken vorbei. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Als Hamburger hat man dazu oft ein gespaltenes Verhältnis. Einerseits ist da dieser Stolz, wenn die prächtigen Windjammer einlaufen und die Stadtkulisse vergolden. Andererseits ist da der absolute Verkehrsinfarkt. Wer sich unvorbereitet in dieses Getümmel stürzt, landet schnell in einer menschelnden Wand aus Regenjacken und Rucksäcken. Doch mit ein wenig Strategie wird aus dem Stress ein beeindruckendes Erlebnis.
Kurz & Kompakt - Wann: Jedes Jahr im Mai rund um den 7.5. (Dauer: meist Freitag bis Sonntag).
- Highlights: Einlaufparade (Fr, ca. 16 Uhr), Schlepperballett (Sa, nachmittags), Feuerwerk (Sa, ca. 22:30 Uhr), Auslaufparade (So, ca. 16 Uhr).
- Bester Ort ohne Gedränge: Südliche Elbseite (Steinwerder) oder der Rüschpark in Finkenwerder.
- Verkehr: Auto stehen lassen! U3 bis St. Pauli oder Baumwall nutzen, Landungsbrücken meiden.
Der Ursprung: Ein Kaiser, ein Brief und viel Legende
Warum Hamburg diesen Aufwand überhaupt betreibt, liegt tief in der Geschichte begraben. Man schreibt das Jahr 1189. Angeblich stellte Kaiser Friedrich Barbarossa am 7. Mai einen Freibrief aus, der den Hamburgern Zollfreiheit auf der Elbe bis zur Nordsee garantierte. Das war der Startschuss für den Aufstieg zur Welthandelsmetropole. Historiker ziehen bei dieser Geschichte gerne mal eine Augenbraue hoch, denn das Originaldokument ist verschollen und spätere Kopien gelten als Fälschungen cleverer Hamburger Kaufleute. Aber egal. Die Hamburger halten sich ungern mit solchen Details auf, wenn es einen Grund zum Feiern gibt. Seit 1977 wird das Fest in der heutigen Form zelebriert, und das Datum Anfang Mai ist im Veranstaltungskalender so fest verankert wie der Michel im Stadtbild.
Programm-Giganten: Einlaufparade und Schlepperballett
Das Wochenende folgt einer strengen Dramaturgie. Am Freitagmittag geht es los. Die große Einlaufparade ist für viele das Highlight schlechthin. Hier zeigt sich alles, was schwimmen kann und Rang und Namen hat. Angeführt wird der Tross meist von einer Fregatte der Marine oder einem anderen Repräsentationsschiff, gefolgt von Großseglern wie der „Alexander von Humboldt II“ oder der polnischen „Dar Młodzieży“. Dazwischen tummeln sich Museumsschiffe, Dampfeisbrecher und moderne Kreuzfahrtriesen, die wie weiße Hochhäuser durchs Wasser gleiten. Wenn die Schiffsführer ihre Typhone betätigen, diese unfassbar lauten Schiffshörner, vibriert die Luft. Das ist Gänsehaut pur, selbst für hartgesottene Küstenbewohner.
Am Samstag folgt dann etwas, das es so wohl nur in Hamburg gibt: das Schlepperballett. Was albern klingt, ist nautische Hochpräzision. Mehrere tausend PS starke Hafenschlepper, die sonst riesige Containerschiffe bugsieren, drehen Pirouetten auf der Elbe. Oft zu Walzermusik. Man muss gesehen haben, wie diese Kraftprotze, die eigentlich reine Arbeitstiere sind, Heck an Heck im Takt schunkeln. Das Wasser spritzt, die Motoren heulen auf, und die Menge johlt. Es ist ein skurriles Schauspiel, technisch aber höchst anspruchsvoll für die Kapitäne.
Der Sonntag markiert mit der Auslaufparade das Ende. Die Schiffe verabschieden sich, wieder mit viel Getröte und Gewinke. Wer nah am Wasser gebaut ist, verdrückt hier vielleicht ein Tränchen, weil die schöne Zeit vorbei ist. Oder man ist einfach froh, dass man am nächsten Tag wieder normal mit der U-Bahn fahren kann.
Die Bunte Meile: Fressbuden bis zum Horizont
An Land erstreckt sich die sogenannte „Bunte Meile“ von der Kehrwiederspitze bis zur Fischauktionshalle. Das sind mehrere Kilometer Budenzauber. Kulinarisch wird hier der Standard geboten: Bratwurst, Schmalzkuchen, Champignons aus der Riesenpfanne und natürlich Fischbrötchen in allen Varianten. Die Qualität schwankt dabei von „exzellent und frisch“ bis zu „Touristenfalle“. Ein kritischer Blick auf die Auslage hilft. Liegt der Matjes schon traurig und grau auf dem Brötchen, geh lieber weiter. Neben dem Essen gibt es zahllose Bühnen mit Live-Musik. Von Shanty-Chören über Cover-Rock bis zu Jazz ist alles dabei. Das Problem an der Bunten Meile ist schlicht die Dichte. An den Haupttagen, besonders Samstagabend vor dem Feuerwerk, bewegt man sich hier im Entenmarsch. Stehenbleiben ist kaum möglich, Umdrehen zwecklos. Du wirst geschoben. Wer Klaustrophobie hat, sollte diesen Bereich zwischen 14 Uhr und 22 Uhr meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Strategisches Zuschauen: Wo du dem Wahnsinn entkommst
Jetzt kommen wir zum entscheidenden Teil. Du willst Schiffe sehen, aber nicht in der Achselhöhle deines Nebenmannes ersticken? Dann vergiss die Landungsbrücken. Vergiss auch den Bereich direkt vor dem Baumwall U-Bahnhof. Das sind die Epizentren des Gedränges.
Eine hervorragende Alternative ist die südliche Elbseite. Fahr mit dem Fahrrad oder (sehr frühzeitig) mit dem Auto durch den Alten Elbtunnel nach Steinwerder. Dort, am Ufer gegenüber den Landungsbrücken, ist zwar auch was los, aber die Atmosphäre ist entspannter. Du hast das Panorama der Stadt als Hintergrund für die Schiffe, was für Fotos ohnehin viel besser aussieht. Der klassische Postkartenblick eben. Einziger Nachteil: Die Gastronomie ist hier drüben spärlich. Pack dir also ein Picknick und ein paar Getränke ein.
Ein weiterer guter Spot ist der Altonaer Balkon. Der liegt erhöht. Du bist zwar weiter weg vom Wasser und hörst das Plätschern nicht, aber du hast einen fantastischen Überblick über den westlichen Teil des Hafens bis hinüber zum Containerterminal. Hier stehen oft Einheimische mit Klappstühlen und Ferngläsern. Das Gedränge ist hier oben deutlich erträglicher als unten an der Elbchaussee.
Wer es ganz clever anstellen will, fährt nach Finkenwerder. Vom Rüschpark aus sieht man die Schiffe, wie sie sich für die Paraden formieren oder gerade erst in den Hafen einlaufen. Hier ist es oft fast idyllisch ruhig im Vergleich zum Kiez. Man sitzt im Gras, trinkt sein mitgebrachtes Bier und sieht die Giganten fast lautlos vorbeiziehen, bevor sie im Trubel der Innenstadt verschwinden.
Das Programm auf dem Wasser: Open Ship
Ein Aspekt, der oft im Partytrubel untergeht, ist die Aktion „Open Ship“. Viele der gastierenden Schiffe, insbesondere die Marineeinheiten und die traditionellen Segler, lassen Besucher an Bord. Du kannst über Planken laufen, die nach Teer riechen, und dir von einem Smutje in der Kombüse erklären lassen, wie man für 50 Mann Erbsensuppe kocht, wenn das Schiff bei Windstärke 8 schaukelt. Spannend ist dabei, dass man oft mit den Besatzungen ins Gespräch kommt. Viele kommen aus der ganzen Welt. Die Warteschlangen können allerdings lang sein. Mein Tipp: Geh am Freitagvormittag oder Sonntagvormittag hin. Während der Paraden selbst sind Besichtigungen meist nicht möglich, da die Schiffe ja fahren.
Logistik und Nerven: Hinkommen und Wegkommen
Kommen wir zur Anreise. Ein Auto in Hafennähe zu parken, ist während des Hafengeburtstags so aussichtsreich wie ein Lottogewinn. Die Parkhäuser sind voll, die Straßen gesperrt und die Polizei schleppt gnadenlos ab. Tu es nicht. Wirklich nicht. Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren in verdichteter Taktung, sind aber trotzdem rappelvoll. Die Station „Landungsbrücken“ (U3 und S-Bahn) wird zeitweise wegen Überfüllung gesperrt oder Züge fahren durch. Weiche aus. Steig am „Baumwall“ aus und lauf ein Stück, oder nutze die Station „St. Pauli“ und komm von oben durch den Park. Das ist oft der schnellere Weg. Auch die Fähren der HADAG sind Teil des HVV, aber während des Festes sind sie eher schwimmende Stehplatz-Sardinenbüchsen als Transportmittel. Eine Rundfahrt zum Spaß? Vergiss es. Nutzung nur, um von A nach B zu kommen, und selbst das dauert ewig.
Das große Feuerwerk: Licht und Schatten
Traditionell am Samstagabend findet das große Feuerwerk statt. Es ist spektakulär, keine Frage. Die Reflexionen auf dem Wasser, die schwarze Silhouette der Kräne, das ist großes Kino. Aber nach dem letzten Knall beginnt der Exodus. Hunderttausende wollen gleichzeitig nach Hause. Die U-Bahnhöfe werden abgeriegelt und blockweise abgefertigt. Man steht gut und gerne eine Stunde, bevor man überhaupt den Bahnsteig sieht. Wenn du das Feuerwerk sehen willst, such dir einen Platz weit abseits, etwa beim Park Fiction oder eben auf der anderen Elbseite, und plane danach noch einen langen Spaziergang oder einen Absacker in einer Kneipe im Portugiesenviertel ein. Wer direkt nach Hause hetzen will, verliert nur Nerven.