Es ist beileibe kein gewöhnlicher Zoo, in den man da stolpert, wenn man die U-Bahn-Station an der Grenze zwischen Lokstedt und Stellingen verlässt. Carl Hagenbeck hatte einen Plan. Der Mann war Tierhändler, Visionär und Geschäftsmann, und als er 1907 seine Pforten öffnete, glich das einer Revolution. Keine Gitter. Das war das Versprechen. Stattdessen Gräben, die so geschickt angelegt waren, dass das menschliche Auge sie kaum wahrnimmt. Man nennt das Panorama-Sicht. Der Löwe scheint direkt neben dem Zebra und dem Besucher zu stehen. Natürlich tut er das nicht, sonst wäre der Ausflug schnell vorbei. Aber diese Illusion, diese gitterlose Freiheit, prägt den Park bis heute. Wer hier durchläuft, atmet Geschichte. Die Wege sind verschlungen, der Boden oft sandig und staubig, und genau das macht den Charme aus.
Man muss wissen, dass Hagenbeck immer noch in Familienbesitz ist. Das ist selten. Das merkt man an der Liebe zum Detail, aber auch an den Eintrittspreisen, die einem durchaus kurz den Atem rauben können. Der Park finanziert sich selbst, ohne staatliche Subventionen. Wenn du also an der Kasse stehst und schluckst: Das Geld fließt direkt in Futter und Gehegepflege.
Kurz & Kompakt - Hinkommen: Am besten mit der U-Bahn Linie U2 bis zur Haltestelle „Hagenbecks Tierpark“. Von der Innenstadt (Hauptbahnhof) dauert das etwa 20 Minuten. Parkplätze sind vorhanden, kosten aber extra und sind an Wochenenden schnell dicht.
- Kostenfalle: Der Eintritt für Zoo und Tropen-Aquarium wird separat berechnet. Das Kombiticket ist zwar günstiger als zwei Einzelkarten, schlägt aber bei einer Familie mächtig ins Kontor. Vorher online Preise checken!
- Beste Zeit: Unter der Woche vormittags. Wer kann, meidet die Schulferien und sonnige Sonntage. Bei leichtem Nieselwetter sind die Tiere oft aktiver und der Park gehört dir fast allein.
Der Rüssel in der Hand
Gleich hinter dem Eingangsbereich wartet das, was Hagenbeck von fast allen anderen modernen Zoos unterscheidet. Die Interaktion. Während anderswo striktes Kontaktverbot herrscht, ist hier das Füttern der Elefanten und Giraffen ausdrücklich erwünscht. Aber, und das ist wichtig: Nur mit dem Futter, das vor Ort verkauft wird. Wer seine mitgebrachten Kekse verfüttert, fliegt raus. Zu Recht. Wenn du dich traust, legst du eine Möhre oder Gurkenscheibe in den feuchten, muskulösen Rüssel eines Asiatischen Elefanten. Die Tiere wissen genau, was kommt. Sie tasten vorsichtig, fast zärtlich die Handfläche ab. Es ist ein glitschiges, aber zutiefst beeindruckendes Erlebnis. Man riecht das Tier, die warme Haut, das Heu.
Für Kinder, die Lütten, ist das oft der Moment, von dem sie noch wochenlang schnacken. Man sollte allerdings aufpassen, dass man nicht zwischen die Fronten gerät, wenn eine Schulklasse gerade versucht, die Aufmerksamkeit der Dickhäuter zu erregen. Es kann laut werden.
Eisige Weiten aus Beton und Wasser
Ein architektonisches Schwergewicht ist das Eismeer. Früher war das eine reine Betonlandschaft, heute ist es ein ausgeklügeltes System aus Wasserbecken, Felsen und Panoramascheiben. Hier leben die Walrosse. Hagenbeck ist der einzige Ort in Deutschland, wo man diese Kolosse sehen kann. Wenn so ein Walross an die Scheibe schwimmt, begreift man erst die Dimensionen. Die Schnurrhaare sind dick wie Spaghettinudeln, die Augen überraschend klein. Sie gleiten unter Wasser mit einer Eleganz dahin, die man ihren massigen Körpern an Land niemals zutrauen würde.
Der Weg führt durch künstliche Höhlen und Stollen. Es tropft von der Decke, die Luft ist kühl. Das ist Absicht. Man soll sich fühlen wie in einer Polarstation. Draußen thronen die Eisbären. Ihr Gehege wurde massiv vergrößert, nachdem Kritik an der alten Haltung laut wurde. Jetzt haben sie Platz, auch wenn man ehrlich sagen muss: Ein Eisbär in Hamburg wird immer ein Kompromiss bleiben. Doch die Anlage bemüht sich redlich um Abwechslung für die Tiere.
Ein Park, der auch ein Garten ist
Was viele Besucher oft übersehen, weil sie nur von Gehege zu Gehege hetzen, ist die Botanik. Hagenbeck ist im Grunde ein riesiges Arboretum. Hier stehen Bäume, die so alt sind wie der Park selbst. Mammutbäume, japanische Ahorne, riesige Rhododendren-Büsche, die im Frühjahr in fast schon kitschigen Farben explodieren. Wer den Blick mal vom Tier löst und ins Grün schweifen lässt, entdeckt eine Oase. Es lohnt sich, einfach mal auf einer der zahlreichen Bänke Platz zu nehmen und die Architektur der Landschaft wirken zu lassen. Carl Hagenbeck wollte, dass die Besucher reisen, ohne Hamburg zu verlassen. Deswegen stehen da japanische Torbögen, eine thailändische Sala und künstliche Felsformationen, die an Gebirge erinnern. Manche Ecken wirken etwas aus der Zeit gefallen, fast patiniert, aber das gehört hier zum guten Ton.
Sogar freilaufende Tiere gibt es. In den Bäumen und auf den Wiesen begegnet man Maras (Pampashasen) und Pfauen. Manchmal steht man unvermittelt einem dieser großen Vögel gegenüber, der dann empört krächzt, wenn man ihm nicht sofort Platz macht. Die Tiere haben hier Vorfahrt, ganz klar.
Das Tropen-Aquarium: Ein anderer Kosmos
Direkt neben dem Haupteingang, aber separat zu bezahlen (und das nicht zu knapp), liegt das Tropen-Aquarium. Wer im Hamburger Schietwetter friert, findet hier Zuflucht. Sobald sich die Schleusentüren öffnen, schlägt einem die feuchte Hitze ins Gesicht. Brille beschlägt sofort. Jacke aus, sonst geht man ein. Der Rundgang startet bei den Lemuren. Die Katta-Äffchen springen frei herum, über den Köpfen der Besucher, manchmal sogar auf dem Geländer direkt neben dir. Sie sind flink und neugierig. Berühren ist verboten, aber sie kommen nah genug, dass man ihren strengen Eigengeruch wahrnimmt.
Der Weg windet sich spiralförmig nach unten, vorbei an Terrarien mit Giftschlangen, die so gut getarnt sind, dass man oft drei Anläufe braucht, um sie zu finden. Das Highlight wartet ganz unten: Das Große Hai-Atoll. Eine riesige, gewölbte Panoramascheibe gibt den Blick frei auf ein Riff, in dem Haie und Rochen ihre Bahnen ziehen. Man kann dort auf Stufen sitzen, wie im Kino, und einfach nur zusehen. Das Licht ist blau und schummrig, die Bewegungen der Fische hypnotisch. Es ist ein Ort der Ruhe, wenn nicht gerade Ferienzeit ist und fünfzig Kinder gleichzeitig „Nemo!“ rufen.
Historische Schatten und moderne Wege
Man darf bei aller Begeisterung nicht verschweigen, dass Hagenbeck auch eine schwierige Vergangenheit hat. Die berühmten „Völkerschauen“, bei denen Menschen aus fremden Kulturen wie Exponate ausgestellt wurden, sind ein dunkles Kapitel der Zoogeschichte. Der Park geht heute damit offener um als früher, aber es bleibt ein mulmiges Gefühl, wenn man an den Stellen steht, wo einst diese Schauen stattfanden. Es ist wichtig, das im Hinterkopf zu haben. Der Zoo ist eben nicht nur Tiergarten, sondern auch ein Spiegel der Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, mit all ihrem Kolonialismus und ihrer Neugier.
Heute bemüht sich Hagenbeck um Arterhaltung und Bildung. Die Zooschule ist legendär in Hamburg. Fast jedes Kind der Hansestadt war schon mal hier, um etwas über Evolution oder Ökologie zu lernen. Dennoch merkt man an manchen Stellen den Sanierungsstau. Beton bröckelt hier und da, manche Zäune wirken etwas rostig. Aber irgendwie passt das. Es ist kein Hochglanz-Disneyland. Es ist ein gewachsener Ort.
Essen und Trinken: Butter bei die Fische
Die Gastronomie im Park ist solide, aber preislich im oberen Segment angesiedelt. Es gibt das klassische Schnitzel, Pommes für die Kinder und Kaffee und Kuchen. Das Restaurant „Flamingo Lodge“ bietet einen schönen Blick auf die Flamingos (wer hätte das gedacht), aber an sonnigen Wochenenden ist es dort brechend voll. Ein echter Tipp ist daher: Picknickkorb packen. Es ist erlaubt, sein eigenes Essen mitzubringen, solange man nicht die Tiere füttert. Es gibt viele Nischen und Wiesen, wo man sich niederlassen kann. Das spart Geld und ist oft gemütlicher als das Gedränge in den Selbstbedienungsrestaurants.