Hamburg

Der Michel: Warum der Aufstieg auf St. Michaelis der beste Start für deinen Hamburg-Trip ist

Hamburg kann unten in den Gassen verwirren. Verschaff dir erst den Überblick von oben und der Rest der Stadt ergibt plötzlich Sinn. Der Michel ist dein Startblock.

Hamburg  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Hamburg macht es Besuchern nicht immer leicht. Die Straßen verlaufen krumm, das Wasser taucht an Orten auf, wo man es nicht erwartet, und die Quartiere gehen oft nahtlos ineinander über. Wer unten am Bahnhof oder an den Landungsbrücken steht, verliert schnell die Orientierung. Genau deshalb ist der Weg zur St. Michaelis Kirche, die hier jeder nur kurz Michel nennt, die logischste erste Handlung nach der Ankunft. Es geht dabei weniger um religiöse Ehrerbietung als um geografische Notwendigkeit. Der Turm ist mit seinen 132 Metern Höhe der Zeigefinger dieser Stadt. Er markiert, wo das Zentrum aufhört und der Hafen beginnt. Stehst du davor, fühlst du dich klein. Das ist gut so. Hamburg verlangt ein wenig Demut vor der eigenen Geschichte und den Naturgewalten.

Die Kirche liegt auf einer leichten Anhöhe in der südlichen Neustadt. Schon der Weg dorthin erzählt etwas über den Charakter der Umgebung. Es ist nicht das polierte Hamburg der Binnenalster, sondern ein gewachsenes Viertel. Hier stehen uralte Krameramtsstuben neben funktionalen Nachkriegsbauten. Der rote Backstein dominiert. Wenn du den Kopf in den Nacken legst, siehst du die riesige Turmuhr. Sie ist tatsächlich riesig. Mit acht Metern Durchmesser sind die Zifferblätter die größten in ganz Deutschland. Man vergisst oft, wie wuchtig Barock sein kann, bis man direkt unter diesem Kupferberg steht.

Kurz & Kompakt
  • Höhenmeter: Die Aussichtsplattform liegt auf 106 Metern Höhe; insgesamt ist der Turm gut 132 Meter hoch.
  • Sportfaktor: Wer die Treppe wählt, muss 452 Stufen bewältigen (keine Sorge, der Fahrstuhl ist im Ticketpreis meist inkludiert).
  • Besonderheit: Achte auf die Turmuhr. Mit 8 Metern Durchmesser übertrifft sie sogar die Uhr am Big Ben in London deutlich.
  • Tipp: Kombi-Tickets nutzen. Der Eintritt für Turm und Krypta zusammen ist oft günstiger als zwei Einzeltickets.

Der Aufstieg: Ehrliche Arbeit oder schneller Lift

Es gibt zwei Wege zur Aussichtsplattform auf 106 Metern Höhe. Die meisten Besucher wählen den Fahrstuhl. Das ist verständlich, denn er ist schnell und schont die Knie. Aber du solltest die Treppe nehmen. Zumindest für den Weg nach oben. Der Aufstieg zu Fuß hat eine andere Qualität. Es sind 452 Stufen. Das klingt machbar, zieht sich aber in der Realität. Du läufst anfangs durch ein relativ breites Treppenhaus, das sich nach und nach verengt. Die Luft wird kühler. Es riecht nach altem Stein, nach Staub und ein wenig nach dem Fett der Glockenmechanik.

Spannend ist dabei, dass du beim Treppensteigen das Innenleben des Turms begreifst. Du siehst die massiven Stahlträger, die nach dem verheerenden Brand von 1906 eingezogen wurden. Der Michel ist nämlich, anders als er von außen wirkt, in seiner heutigen Form eine Konstruktion des frühen 20. Jahrhunderts. Er ist ein Wiederaufbau. Man sieht das Skelett des Gebäudes. Durch Gitterroste blickst du tief nach unten oder weit nach oben in das Gebälk. Wer Höhenangst hat, bekommt hier weiche Knie. Aber genau diese körperliche Anstrengung bereitet dich auf das vor, was oben kommt. Du erarbeitest dir die Aussicht. Wenn du schließlich keuchend aus der Tür auf die Plattform trittst, fühlt sich der Wind im Gesicht verdienter an als nach einer sterilen Fahrt im Lift.

Oben angekommen: Hamburg sortieren

Der erste Eindruck auf der Plattform ist fast immer akustisch. Es ist laut. Der Wind pfeift hier oben fast immer, selbst an Sommertagen. Er kommt meistens von Westen, direkt von der Nordsee die Elbe hoch, und trifft ungebremst auf den Turm. Das Geländer ist hoch und sicher, aber der Wind zerrt an Jacken und Haaren. Dann erst kommt der Blick. Und der erklärt dir Hamburg besser als jede Karte auf dem Smartphone.

Schau nach Süden. Dort liegt der Hafen. Von hier oben siehst du, dass die Elbe kein blauer Idyll-Fluss ist, sondern eine graubraune Arbeitsstraße. Du erkennst die Docks von Blohm+Voss, wo Schiffe repariert werden. Die Kräne ragen wie mechanische Giraffen in den Himmel. Weiter hinten siehst du die Köhlbrandbrücke, die sich elegant über den Flussarm spannt. Container werden wie Legosteine gestapelt. Es ist ein industrielles Panorama, rau und faszinierend. Man begreift sofort, wovon diese Stadt lebt. Es geht um Handel. Um Logistik. Um den Austausch von Waren.

Wende dich nach Osten. Da glitzert die Elbphilharmonie. Von unten wirkt sie gigantisch, fast erdrückend. Vom Michel aus gesehen ist sie nur ein Teil des Puzzles. Sie markiert die Spitze der HafenCity, jenem neuen Stadtteil, der noch immer halb Baustelle, halb Luxuswohngebiet ist. Dahinter erstreckt sich die Speicherstadt mit ihren dunklen Ziegeldächern und den grünen Kupferturmspitzen. Du siehst den Kontrast zwischen dem alten Hamburg der Kaufleute und der modernen Architektur. Es wirkt fast so, als hätten zwei verschiedene Architekten an einem Modell gebaut und sich nicht abgesprochen.

Im Norden siehst du den Fernsehturm und die Binnenalster. Hier wird die Stadt grüner, bürgerlicher. Die Dächer der Innenstadt, das Rathaus mit seinem eigenen Turm, die Kirchtürme von St. Petri und St. Jacobi. Von hier oben kannst du deine Route für die nächsten Tage planen. Du siehst, wie nah das Portugiesenviertel eigentlich an den Landungsbrücken liegt. Du erkennst, dass der Weg zur Reeperbahn im Westen nur ein Katzensprung durch den Park ist. Der Michel ist der perfekte Ort, um Maß zu nehmen.

Barock in Weiß und Gold: Das Kirchenschiff

Nach dem Wind auf der Plattform wirkt der Innenraum der Kirche fast unwirklich still. Du solltest dir die Zeit nehmen, auch das Kirchenschiff zu betreten. Es kostet keinen Eintritt, sofern keine Veranstaltung stattfindet. Der Kontrast könnte nicht härter sein. Außen roter Backstein und nordische Strenge, innen explodiert der protestantische Barock. Alles ist weiß und gold. Es ist hell. Es ist weit. 2.500 Menschen finden hier Platz. Das ist keine dunkle, mystische Kathedrale wie der Kölner Dom. Der Michel ist ein Versammlungssaal. Er soll repräsentieren.

Die Geschichte dieses Raumes ist eine Geschichte von Zerstörung und Trotz. Der erste Michel wurde vom Blitz getroffen. Der zweite brannte 1906 komplett aus, weil bei Lötarbeiten am Turm gepfuscht wurde. Die Hamburger haben ihn sofort wieder aufgebaut. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Hauptschiff schwer getroffen. Wieder bauten sie ihn auf. Die Kirche ist für die Einheimischen mehr als ein Gotteshaus. Sie ist der Beweis, dass man sich nicht unterkriegen lässt. Wenn du durch die Bankreihen gehst, achte auf die Details am Taufbecken oder an der Kanzel. Es ist handwerklich perfekt, fast ein wenig zu glatt, aber beeindruckend in seiner Helligkeit.

Der Bauch des Riesen: Die Krypta

Viele Besucher verpassen das Fundament. Dabei ist die Krypta unter dem Michel eine der größten in Europa. Du steigst hinab in ein Gewölbe, das eine ganz andere Atmosphäre atmet als der lichte Kirchenraum darüber. Hier ist es gedrungen. Die Wände sind dick. Hier liegt unter anderem Carl Philipp Emanuel Bach begraben, der berühmte Sohn von Johann Sebastian Bach, der lange in Hamburg wirkte. Während oben die Touristen Selfies machen, herrscht hier unten eine fast bedrückende Ruhe. In diesem Gruftgewölbe wird auch ein Film über die Geschichte der Kirche gezeigt. Manchmal, wenn man Glück hat und nicht zu viele Schulklassen unterwegs sind, kann man hier für einen Moment der Hektik der Großstadt komplett entfliehen. Die Akustik schluckt jedes Geräusch.

Das tägliche Ritual: Der Turmbläser

Ein Detail, das selbst viele Hamburger im Alltag vergessen, ist der Turmbläser. Seit mehr als 300 Jahren gibt es diese Tradition. Werktags um 10 Uhr morgens und abends um 21 Uhr, sonntags nur mittags, bläst ein Trompeter einen Choral in alle vier Himmelsrichtungen. Früher war das ein Signal für die Stadttore. Heute ist es reine Traditionspflege. Wenn du deinen Besuch so timen kannst, dass du zu dieser Zeit oben oder zumindest unten auf dem Vorplatz bist, nimm das mit. Es hat etwas Anachronistisches. Mitten in einer modernen Medienmetropole, zwischen Verkehrslärm und Sirenen, stellt sich da jemand hin und spielt Trompete. Das ist typisch Hamburg. Man hält an Dingen fest, weil sie eben schon immer so waren. Kein Schnickschnack, einfach machen.

Praktische Überlegungen für den Start

Warum also genau hier starten? Weil du dich danach in Hamburg sicherer bewegst. Du hast gesehen, wo das Wasser fließt. Du weißt, wo Norden und Süden ist. Wenn du danach unten an den Landungsbrücken stehst und ein Fischbrötchen isst, weißt du genau, was sich hinter der Häuserzeile im Rücken verbirgt. Der beste Zeitpunkt für den Besuch ist der frühe Vormittag. Um 9 oder 10 Uhr ist das Licht oft klarer, und die großen Reisebusse haben ihre Ladung noch nicht komplett ausgespuckt. Außerdem hast du dann den ganzen Tag noch vor dir.

Vermeide Wochenenden um die Mittagszeit, wenn du keine Lust auf Warteschlangen hast. Und nimm eine Jacke mit. Auch wenn es unten in der Stadt warm und stickig ist, zieht es oben auf 106 Metern fast immer. Das nennt man hier wohl eine steife Brise, auch wenn es für Süddeutsche schon nach Sturm aussieht. Aber genau das gehört dazu. Hamburg ohne Wind ist nur eine Kulisse. Auf dem Michel spürst du die Stadt physisch. Danach bist du wirklich angekommen.

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