Dresden

Dresdens schönster Logenplatz: Ein Espresso auf der Brühlschen Terrasse

Wo einst August der Starke flanierte, klappern heute die Espressotassen. Ein Spaziergang über die Brühlsche Terrasse ist das Pflichtprogramm für jeden Dresden-Besuch.

Dresden  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Wer das erste Mal über die breite Freitreppe am Schlossplatz nach oben steigt, versteht sofort, warum dieser Ort als Balkon Europas bezeichnet wird. Man steht hier etwa zehn Meter über dem Elbniveau auf den Resten der alten Stadtfestung. Früher war das alles streng militärisches Sperrgebiet. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Anlage für die Öffentlichkeit freigegeben. Der Boden unter den Füßen besteht aus massivem Sandstein, der im Sommer die Hitze speichert und am Abend wieder abgibt. Es riecht oft nach einer Mischung aus feuchtem Stein von der nahen Elbe und dem Duft von frisch gemähtem Gras von den Elbwiesen gegenüber. Interessant ist dabei die Tatsache, dass Graf von Brühl diesen Ort im 18. Jahrhundert quasi als seinen privaten Garten nutzte. Er ließ sich hier Palais und Galerien bauen, während das gemeine Volk unten am Flussufer im Schlamm stand. Heute teilt man sich den Platz mit Touristen aus aller Welt, Straßenmusikanten und Einheimischen, die hier ihren Feierabend verbringen.

Ein Spaziergang führt vorbei an der Sekundogenitur, einem Gebäude mit auffällig grünem Dach, das heute ein Restaurant beherbergt. Man merkt schnell, dass die Architektur hier nicht einfach nur Kulisse ist. Jedes Haus erzählt von Zerstörung und Wiederaufbau. Wenn man genau hinsieht, erkennt man an den Fassaden die unterschiedlichen Farbtöne des Sandsteins. Die dunklen Stellen sind oft noch original, während die helleren Steine aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stammen. Das wirkt manchmal wie ein riesiges, steinernes Patchwork. Es klappert ständig irgendwo. Sei es das Geschirr der Cafés oder das metallische Geräusch der Schaufelraddampfer, die unten am Kai anlegen. Die Dampfer der Sächsischen Dampfschiffahrt sind ohnehin ein Kapitel für sich. Wenn eine der Sirenen dröhnt, vibriert die Luft auf der Terrasse ganz leicht. Das gehört hier einfach zum guten Ton.

Kurz & Kompakt
  • Beste Zeit: Früh morgens zum Sonnenaufgang oder zur blauen Stunde am Abend, wenn das Licht den Sandstein golden färbt.
  • Kulinarik: Ein Espresso auf der Terrasse ist Pflicht, für deftiges Essen lohnt sich jedoch der Abstecher in die angrenzende Münzgasse.
  • Versteckte Ecke: Die Kanonenhof-Gärten am östlichen Ende bieten oft eine ruhige Nische abseits der großen Besucherströme.
  • Untergrund: Der Einstieg zur Festung Dresden befindet sich unter dem Georg-Treu-Platz und zeigt die massive Basis des Boulevards.

Der perfekte Ort für einen Espresso

Man kann natürlich einfach nur drüberlaufen, aber eigentlich ist die Brühlsche Terrasse zum Sitzen da. Es gibt zahlreiche Bänke, doch die wahre Kunst des Flanierens vollendet sich in einem der Cafés. Ein Espresso auf dem Balkon Europas ist kein schnelles Getränk zwischendurch. Es ist eine Zeremonie. Man setzt sich hin, rückt den Stuhl so zurecht, dass man die Carolabrücke im Blick hat, und wartet darauf, dass das Treiben um einen herum langsamer wird. Die Preise sind hier oben etwas höher als in der Neustadt, aber man bezahlt eben die Aussicht mit. Das ist okay. In der prallen Sonne glänzt der Kaffee in der kleinen Tasse fast schwarz. Man beobachtet die Leute. Da sind die Brautpaare, die sich vor der Kulisse der Kunstakademie ablichten lassen, und die Skizzenzeichner, die versuchen, die Kuppel der Frauenkirche einzufangen. Diese Kuppel, die von den Dresdnern liebevoll Zitronenpresse genannt wird, thront mächtig über dem Albertinum.

Besonders am späten Nachmittag, wenn das Licht flacher wird, verändert sich die Stimmung. Der Sandstein leuchtet dann fast golden. Das ist der Moment, in dem man den zweiten Espresso bestellt oder vielleicht schon zu einem Glas Meißner Wein übergeht. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass dieser Ort eine ganz eigene Akustik hat. Die Stimmen der Menschen vermischen sich mit dem Rauschen des Verkehrs auf den Brücken und dem fernen Läuten der Kirchenglocken. Manchmal weht ein kühler Wind vom Fluss herauf, der einen daran erinnert, dass man auf einer alten Wehranlage steht. Unter den eigenen Füßen befinden sich die Kasematten, dunkle Gewölbe der Festung Dresden, in denen es sogar im Hochsommer empfindlich kühl ist. Dieser Kontrast zwischen der lichten, eleganten Terrasse oben und dem düsteren Militärbauwerk unten macht den Reiz aus. Man wandelt wortwörtlich auf der Geschichte der Stadt herum.

Architektur, die den Hals verdreht

Wer den Blick von der Elbe wegwendet, sieht Gebäude, die so prunkvoll sind, dass man fast Nackenschmerzen bekommt. Da ist das Ständehaus, ein wuchtiger Bau, der heute das Oberlandesgericht beherbergt. Gleich daneben ragt die Kunstakademie auf. Ihre gläserne Kuppel mit dem goldenen Engel an der Spitze ist eines der markantesten Wahrzeichen der Stadtsilhouette. Wenn die Sonne genau richtig steht, blitzt der Engel so hell auf, dass man weggucken muss. In den Hallen unter der Kuppel studieren noch heute angehende Künstler. Manchmal sieht man sie mit ihren Mappen über die Terrasse huschen. Das gibt dem Ganzen eine lebendige, fast studentische Note, die einen Kontrast zur sonst eher gediegenen Atmosphäre bildet. Es ist kein Freilichtmuseum, sondern ein Ort, der genutzt wird. Man setzt sich auf die Mauer, die Beine baumeln über dem Abgrund, und liest ein Buch oder starrt einfach nur Löcher in die Luft.

Ein Stück weiter in Richtung Osten gelangt man zum Albertinum. Früher war das mal ein Zeughaus für Waffen, heute ist es ein Museum für Moderne Kunst. Der Bau wirkt von außen fast schon abweisend massiv, aber innen ist er lichtdurchflutet. Zwischen der Kunstakademie und dem Albertinum liegt der Brühlsche Garten. Hier ist es meistens etwas ruhiger als auf dem restlichen Boulevard. Ein paar alte Bäume spenden Schatten, und es gibt Brunnen, deren Plätschern die Umgebungsgeräusche schluckt. Man findet hier auch das Denkmal für Johann Friedrich Böttger. Er war derjenige, der zusammen mit Tschirnhaus das europäische Porzellan erfand. Angeblich soll er in den Laboren unter der Terrasse experimentiert haben. Die Geschichte besagt, dass er eigentlich Gold machen sollte, aber am Ende kam eben das Weiße Gold, das Porzellan, dabei heraus. Auch nicht schlecht für die Stadtkasse.

Alltag auf der Terrasse: Zwischen Kitsch und Kunst

Man muss ehrlich sein: Die Brühlsche Terrasse ist kein Geheimtipp. Hier schieben sich an manchen Tagen ganze Heerscharen von Reisegruppen entlang. Man hört einen bunten Mix aus Sprachen. Japanisch, Englisch, Sächsisch. Letzteres ist besonders charmant, wenn ein älteres Ehepaar lautstark darüber diskutiert, ob der Kuchen im Café nun hausgemacht ist oder nicht. Um den Massen zu entkommen, lohnt es sich, ganz früh am Morgen hierherzukommen. Wenn der Nebel noch über der Elbe hängt und die Statuen an der Freitreppe noch im Schatten liegen, hat der Ort etwas Magisches. Man hat die Terrasse fast für sich allein, nur ein paar Jogger ziehen ihre Kreise. In diesen Momenten spürt man die Weite des Elbtals am intensivsten. Die Elbe macht hier einen weiten Bogen, und man kann bis zum Blauen Wunder schauen, der berühmten Stahlbrücke in Loschwitz.

Was man unbedingt machen sollte, ist ein Blick hinter die Fassaden. An der Terrasse befinden sich kleine Treppenabgänge, die in die Unterwelt führen. Wer keine Lust auf barocken Pomp hat, findet in der Festung Dresden eine völlig andere Welt. Dort ist es feucht, es riecht nach Erde und altem Stein. Es ist eine Art Zeitkapsel. Aber sobald man wieder oben ans Licht tritt, empfängt einen die Leichtigkeit des Barock. Diese Ambivalenz ist typisch für Dresden. Man feiert die Schönheit, vergisst aber nie ganz, wie fragil sie ist. Die Terrasse selbst wurde nach der Zerstörung 1945 mühsam wieder hergerichtet. Wenn man das weiß, schmeckt der Espresso gleich noch ein bisschen besser, weil man die Beständigkeit dieses Ortes zu schätzen weiß. Man sitzt dort, rührt im Milchschaum und lässt die Zeit einfach verstreichen. Das ist vermutlich die beste Art, Dresden zu verstehen.

Ein kleiner Tipp am Rande: Wer Hunger hat, sollte nicht unbedingt das erstbeste Restaurant direkt auf der Terrasse wählen, wenn er sparen will. Ein paar Schritte weiter in die Münzgasse hinein finden sich viele kleine Lokale, die oft uriger sind. Aber für den Kaffee oder ein kühles Getränk gibt es keinen besseren Platz als direkt an der Brüstung. Manchmal kommen Straßenkünstler vorbei, die Seifenblasen machen, die so groß wie Medizinbälle sind. Wenn diese bunten Dinger über die Terrasse schweben und vor der Kulisse der Hofkirche zerplatzen, hat das fast etwas Kitschiges. Aber in Dresden darf es auch mal ein bisschen mehr sein. Man gewöhnt sich schnell an diesen visuellen Überfluss. Es ist wie ein permanentes Fest für die Augen, bei dem man selbst nur Gast ist, aber sich trotzdem willkommen fühlt.

Gegen Abend füllen sich die Bänke wieder. Die Leute kommen aus den Büros, Touristen kehren von ihren Ausflügen in die Sächsische Schweiz zurück. Man hört das Lachen von Jugendlichen, das Klacken von Absätzen auf dem Pflaster und das ferne Rauschen der Stadt. Die Beleuchtung der Gebäude geht an und taucht alles in ein warmes, gelbliches Licht. Die Silhouette der Stadt, das berühmte Canaletto-Blick-Panorama, wird nun erst richtig deutlich. Man schaut hinüber zur Neustadt, wo die Lichter des Japanischen Palais funkeln. Es ist dieser spezielle Dresden-Vibe, eine Mischung aus Stolz auf die eigene Geschichte und einer sehr entspannten, fast schon südländischen Lebensart. Wer hier oben gestanden hat, der weiß, warum die Stadt so geliebt wird. Es ist eben mehr als nur Steine. Es ist ein Gefühl von Freiheit auf einer Fläche von wenigen hundert Metern Länge.

Zum Schluss noch ein Hinweis für alle Fotofreunde. Die besten Bilder macht man nicht mittags, wenn die Sonne alles flachbügelt. Man sollte die blaue Stunde abwarten. Wenn der Himmel tiefblau wird und die Lampen der Augustusbrücke im Wasser reflektieren, entstehen diese Postkartenmotive fast von selbst. Man muss kein Profi sein, um hier ein gutes Foto zu schießen. Die Kulisse macht die Arbeit für einen. Und während die Kamera klickt, kann man schon den nächsten Espresso planen oder sich einfach freuen, dass man genau in diesem Moment hier oben steht und nicht irgendwo anders in der Schlange. Die Brühlsche Terrasse ist und bleibt das Herzstück Dresdens, ein Ort zum Atmen und zum Schauen. Wer das verpasst, hat Dresden nicht gesehen. So einfach ist das.

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