Wer heute über die weitläufigen Rasenflächen des Westfalenparks schlendert, sieht kaum noch, dass dieses Areal einst eine ziemlich wilde Mischung aus Müllkippe, Kleingärten und Industriebrache war. Für die Bundesgartenschau 1959 hat die Stadt Dortmund ordentlich rangeklotzt und ein Gelände geschaffen, das bis heute den Charme der Wirtschaftswunderjahre atmet. Es ist diese spezielle Mischung aus modernem Landschaftspark und den Relikten vergangener Jahrzehnte, die den Park so eigenwillig macht. Man läuft über geschwungene Wege, die fast schon mathematisch präzise angelegt wirken, und stößt plötzlich auf die Architektur der 50er und 60er Jahre, die hier nicht wie ein Fremdkörper, sondern wie ein gut gealterter Zeitzeuge wirkt.
Besonders die nördlichen Bereiche des Parks zeigen, wie man Natur planvoll zähmen kann, ohne ihr die Luft zum Atmen zu nehmen. Hier dominieren weite Sichtachsen. Man merkt schnell, dass dieser Ort nicht einfach nur gewachsen ist, sondern mit einer klaren Vision entworfen wurde. Dass der Park im Schatten des Signal Iduna Parks liegt, stört die Idylle keineswegs. Im Gegenteil, an Spieltagen des BVB hört man bei günstigem Wind das ferne Rauschen und Jubeln aus dem Stadion, während man selbst gerade an einer Pfingstrose schnuppert. Das ist Dortmund in seiner reinsten Form: Harter Fußball und weiche Blütenblätter liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt.
Ein Spaziergang hier ist auch eine Reise durch die Sozialgeschichte des Ruhrgebiets. Früher war der Park der Ort, an dem man sonntags seinen besten Sonntagsstaat ausführte. Heute ist die Atmosphäre deutlich lockerer, fast schon tiefentspannt. Die Leute fläzen sich auf ihre Decken, schleppen Kühlboxen mit und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. Trotzdem hat sich der Park eine gewisse Würde bewahrt. Es gibt keine wilden Grillpartys mit Bergen von Müll, dafür sorgen schon die Eintrittspreise und die aufmerksamen Parkranger. Das sorgt dafür, dass die Anlage auch am späten Nachmittag noch so aussieht, als wäre sie gerade erst frisch gebügelt worden.
Kurz & Kompakt - Anreise: Am entspanntesten mit der U-Bahn-Linie U47 oder U41 bis zur Haltestelle Westfalenpark fahren; Autofahrer nutzen die Parkplätze an der B1 oder am Buschmühlenweg.
- Highlights: Die Auffahrt auf den Florianturm für den 360-Grad-Blick und eine Fahrt mit der nostalgischen Seilbahn quer über das Gelände nicht verpassen.
- Rosarium: Das Deutsche Rosarium beherbergt über 3.000 Sorten; die beste Besuchszeit für die volle Blütenpracht ist von Juni bis August.
- Veranstaltungen: Highlights im Kalender sind das Lichterfest im Sommer und die regelmäßigen Garten- und Trödelmärkte auf den Wiesenflächen.
Der Florian: Dortmunds langer Lulatsch
Man kann den Westfalenpark nicht besuchen, ohne den Florianturm zu erwähnen. Mit seinen stolzen 209 Metern war er bei seiner Eröffnung 1959 kurzzeitig der höchste Turm Deutschlands. Heute ist er vor allem die beste Orientierungshilfe der Stadt. Wenn man sich in der Dortmunder Innenstadt verfahren hat, sucht man einfach den Florian am Horizont und weiß sofort, wo Süden ist. Die Fahrt mit dem Aufzug nach oben dauert nicht lang, aber der Effekt ist jedes Mal wieder beeindruckend. Wenn die Türen aufgehen und man auf die Aussichtsplattform tritt, liegt einem das gesamte Ruhrgebiet zu Füßen.
Bei klarer Sicht reicht der Blick bis weit nach Bochum und Essen, während tief unter einem die Miniaturautos über die B1 kriechen. Die Plattform ist oft windig, was an heißen Sommertagen eine echte Wohltat ist. Man hört das Pfeifen des Windes in den Antennenmasten, ein Geräusch, das fast schon meditativ wirkt. Wer es etwas gemütlicher mag, setzt sich ins Drehrestaurant. Es braucht etwa eine Stunde für eine volle Umdrehung. Das ist genau die richtige Geschwindigkeit, um ein Stück Kuchen zu essen und dabei zuzusehen, wie sich die Perspektive auf die Stadt gaaaanz langsam verschiebt. Manchmal ruckelt es ein winziges bisschen, aber das gehört zum nostalgischen Erlebnis dazu.
Interessant ist die technische Ästhetik des Turms. Er wirkt heute fast wie ein Denkmal des Fortschrittsglaubens jener Zeit. Der Sichtbeton hat über die Jahrzehnte eine Patina angesetzt, die im Abendlicht fast golden schimmern kann. Unten am Fuß des Turms wirkt die Konstruktion massiv und unbezwingbar, oben verjüngt sie sich elegant. Es ist ein echtes Wahrzeichen, das im Gegensatz zu vielen modernen Fernsehtürmen noch eine Seele besitzt. Viele Dortmunder haben eine sehr persönliche Beziehung zum Florian. Man ist hier oben vielleicht zum ersten Mal mit den Großeltern gewesen oder hat den ersten Kuss über den Dächern der Stadt gewagt.
Ein Meer aus Tausenden von Rosen
Das Herzstück für Pflanzenliebhaber ist zweifellos das Deutsche Rosarium. Es ist nicht einfach nur ein Beet mit ein paar Blumen, sondern eine der umfangreichsten Sammlungen weltweit. Über 3.000 verschiedene Rosensorten sind hier über den gesamten Park verteilt. Im Frühsommer, wenn die Hauptblütezeit beginnt, hängt ein schwerer, süßlicher Duft in der Luft, der einen fast benebeln kann. Man geht durch verschiedene Themenbereiche, von historischen Rosen, die schon vor Jahrhunderten in Klostergärten wuchsen, bis hin zu hochmodernen Züchtungen, die fast künstlich perfekt aussehen.
Besonders die Kletterrosen an den Torbögen im Rosarium am Kaiserhain sind ein echter Hingucker. Hier sieht man oft Hobbyfotografen, die geduldig auf das perfekte Licht warten, um die Wassertropfen auf einem Blütenblatt einzufangen. Man muss kein Botaniker sein, um die Vielfalt der Farben zu bewundern. Da gibt es Töne, für die man kaum einen Namen findet: ein verwaschenes Apricot, ein fast schwarzes Dunkelrot oder ein knalliges Pink, das fast in den Augen brennt. Es ist ein wenig wie in einem lebendigen Museum, nur dass man die Exponate anfassen und (vorsichtig) an ihnen riechen darf.
Schön ist auch die Beschilderung. Zu fast jeder Rose gibt es eine kleine Geschichte oder zumindest den Namen der Züchtung. Manche heißen nach berühmten Persönlichkeiten, andere tragen poetische Namen wie "Sommerwind" oder "Abendsonne". Wer sich die Zeit nimmt, die kleinen Täfelchen zu lesen, lernt eine Menge über die Geduld der Züchter. Es dauert oft Jahre, bis eine neue Sorte marktreif ist. Inmitten dieser Blütenpracht stehen immer wieder kleine Bänke, oft etwas versteckt hinter Hecken. Dort kann man sich wunderbar zurückziehen, wenn einem der Trubel auf den Hauptwegen zu viel wird. Man hört dort nur das Summen der Bienen und das Rascheln der Blätter.
Nostalgie pur: Mit der Seilbahn über die Wipfel
Ein echtes Highlight, das man so in kaum einem anderen Stadtpark findet, ist die Seilbahn. Sie ist ein technisches Urgestein aus den 1950ern und sieht auch genau so aus. Die kleinen, bunten Gondeln schaukeln gemächlich über die Köpfe der Spaziergänger hinweg. Es ist keine High-Tech-Bahn, wie man sie aus den Alpen kennt, sondern eine gemütliche Angelegenheit. Die Fahrt führt quer durch den Park und bietet eine völlig neue Perspektive. Man schwebt über die Wasserbecken, sieht die Leute wie Ameisen unter sich und hat dabei immer den Florianturm im Blick.
Manche finden die Fahrt vielleicht ein bisschen gruselig, weil die Gondeln so offen sind, aber genau das macht den Reiz aus. Man spürt die Luftbewegung und hört das leise Rattern der Rollen an den Stützen. Es ist eine sehr entschleunigte Art der Fortbewegung. Wer es noch ein bisschen nostalgischer mag, steigt in die Parkbahn ein. Das ist ein kleiner Zug auf Schienen, der schnaufend seine Runden dreht. Vor allem für Familien mit Kindern ist das eine Pflichtveranstaltung, aber auch Erwachsene nutzen die Bahn gerne, um sich die müden Füße zu sparen, wenn sie vom einen Ende des Parks zum anderen wollen.
Diese Verkehrsmittel verleihen dem Westfalenpark eine fast schon jahrmarktähnliche, aber dennoch stilvolle Atmosphäre. Es ist diese Art von Freizeitvergnügen, die ohne laute Musik und blinkende Lichter auskommt. Man genießt einfach die Bewegung und das Panorama. In einer Welt, die immer schneller wird, wirkt so eine Fahrt mit der 50er-Jahre-Seilbahn wie ein kleiner Anker in der Zeit. Man fühlt sich für ein paar Minuten wie in einem alten Heimatfilm, nur dass die Kulisse echt ist und man danach keine Autogramme geben muss. Es ist einfach herrlich unaufgeregt.
Picknick-Kultur und kulinarische Haltestellen
Essen im Westfalenpark ist eine Wissenschaft für sich. Da sind zum einen die Profis: Familien, die mit Bollerwagen anrücken, in denen nicht nur die Kinder sitzen, sondern auch Klapptische, Sonnenschirme und Kühlboxen von der Größe eines Kleinwagens. Das Retro-Picknick ist hier Volkssport. Man sucht sich ein schattiges Plätzchen unter einer der alten Eichen, breitet die Karodecke aus und packt die selbstgeschmierten Frikadellenbrötchen aus. Es gibt kaum etwas Entspannteres, als dort zu liegen, den Wolken zuzusehen und zwischendurch ein hartgekochtes Ei mit ordentlich Salz zu verdrücken.
Wer keine Lust auf Schleppen hat, findet genug Alternativen. Es gibt diverse Kioske und Cafés, die über das Gelände verstreut sind. Die Qualität variiert, aber eine ehrliche Currywurst mit Pommes bekommt man eigentlich immer. Besonders beliebt ist das Café an den Wasserbecken. Dort kann man auf der Terrasse sitzen und den Enten dabei zusehen, wie sie hoffnungsvoll auf ein paar Krümel warten. Das Wasser plätschert, die Sonne glitzert auf der Oberfläche, und man vergisst ganz schnell, dass man sich eigentlich mitten in einer Großstadt befindet. Die Preise sind für einen Park dieser Größe fair, man wird nicht abgezockt, was im Ruhrpott sowieso nicht gut ankäme.
Ein besonderer Tipp für den späten Nachmittag ist die Gastronomie am Turm oder die kleinen Stände in der Nähe des Spielbogens. Dort herrscht oft ein buntes Treiben. Man trifft auf Jogger, die sich ein verdientes Wasser gönnen, oder auf Eltern, die ihre Kinder mit einem Eis bestechen, damit diese noch eine weitere Stunde durchhalten. Es ist dieses ungezwungene Miteinander, das den Park so sympathisch macht. Niemand rümpft die Nase, wenn man seine eigenen Sachen mitbringt, aber wer sich verwöhnen lassen will, findet eben auch sein Plätzchen. Am Ende des Tages landen sowieso alle bei einem kühlen Bier oder einer Limo und lassen den Tag Revue passieren.
Veranstaltungen: Wenn der Park zur Bühne wird
Der Westfalenpark kann auch laut und bunt. Über das Jahr verteilt finden hier zahlreiche Events statt, die Tausende von Menschen anlocken. Legendär ist das Lichterfest im Spätsommer. Dann wird der gesamte Park mit Tausenden von Lampions, Kerzen und Lichtinstallationen geschmückt. Es sieht dann aus wie in einem Märchenwald. Den krönenden Abschluss bildet meist ein großes Feuerwerk, das über dem Florianturm explodiert. Das Gedränge ist dann zwar groß, aber die Stimmung ist meistens friedlich und fast schon andächtig, wenn alle gleichzeitig in den Nachthimmel starren.
Auch Flohmärkte gibt es hier regelmäßig. Besonders der Gartenflohmarkt ist eine Institution. Da werden Ableger getauscht, alte Gartengeräte verkauft und fachgesimpelt, was das Zeug hält. Man merkt, dass die Leute hier wirklich eine Ahnung von ihrem Hobby haben. Es ist kein typischer Trödelmarkt mit Billigschrott, sondern eher ein Treffpunkt für Gleichgesinnte. Wer auf der Suche nach einer seltenen Staude oder einem handgeschmiedeten Rosenobelisken ist, wird hier meist fündig. Die Atmosphäre ist wuselig, überall wird verhandelt und gelacht, und am Ende schleppen alle glücklich ihre Beute nach Hause.
Für Musikfans gibt es im Sommer oft Konzerte auf der Seebühne. Die Akustik über dem Wasser ist überraschend gut, und das Ambiente ist unschlagbar. Wenn die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwindet und die erste Musik erklingt, hat das schon eine ganz eigene Magie. Man sitzt auf den Grashügeln, die wie ein natürliches Amphitheater wirken, und genießt die Show. Es muss nicht immer das große Popkonzert sein, oft sind es auch kleinere Ensembles oder Jazzbands, die hier auftreten. Der Park bietet für jede Art von Kultur den passenden Rahmen, ohne sich dabei aufzudrängen.
Praktische Tipps für den Parkbesuch
Wer den Westfalenpark besuchen will, sollte sich idealerweise einen ganzen Tag Zeit nehmen. Das Gelände ist so groß, dass man sich schnell verschätzt, wenn man nur mal eben eine Runde drehen will. Ein guter Startpunkt ist der Eingang an der B1 oder am Florian, da man dort auch mit der U-Bahn (U47 oder U41) prima hinkommt. Parkplätze gibt es zwar auch, aber die sind an sonnigen Wochenenden schneller weg, als man gucken kann. Wer mit dem Rad kommt, findet am Rand gute Abstellmöglichkeiten, denn im Park selbst ist das Radfahren verboten, was den Spaziergängern zugutekommt.
Ein wichtiger Hinweis für Sparfüchse: Es gibt verschiedene Ticketoptionen. Wenn man öfter kommen will, lohnt sich eine Jahreskarte extrem schnell. Auch Kombitickets für Turmauffahrt und Parkeintritt machen Sinn. Hunde dürfen übrigens mit, müssen aber an der Leine bleiben. Es gibt genug Tütenspender, sodass der Park sauber bleibt. Wer mit kleinen Kindern unterwegs ist, sollte unbedingt den Robinson-Spielplatz ansteuern. Das ist kein 08/15-Spielplatz, sondern ein richtiges Abenteuerland mit Wasserstellen und Klettermöglichkeiten. Da sind die Kleinen stundenlang beschäftigt, während die Eltern daneben im Gras sitzen können.
Noch ein kleiner Insider-Tipp: Wer Ruhe sucht, sollte den Park mal an einem regnerischen Wochentag besuchen. Dann hat man die Rosenbecken fast für sich allein, der Nebel hängt tief über den Teichen, und die Farben der Pflanzen wirken im diffusen Licht fast noch intensiver. Es hat dann etwas sehr Melancholisches, aber auch Beruhigendes. Der Westfalenpark ist eben nicht nur eine Schönwetter-Location, sondern ein Ort für jede Stimmungslage. Am Ende verlässt man den Park meistens mit dem Gefühl, für ein paar Stunden ganz weit weg gewesen zu sein, obwohl die U-Bahn einen in zehn Minuten wieder zurück zum Hauptbahnhof bringt.