Mitten in der Düsseldorfer Altstadt, dort wo die Gassen eng werden und es nach gebrannten Mandeln oder Brauhaus riecht, steht ein Gebäude, das so gar nicht in das Fachwerk-Idyll passen will. Die geschwungene Fassade des K20 aus tiefschwarzem Bornholmer Granit wirkt fast wie eine Festung der Hochkultur. Man spiegelt sich in den polierten Steinen, während gegenüber die Menschen an ihren Getränken nippen. Architektonisch ist das Ding eine Ansage. Das dänische Büro Dissing und Weitling hat hier in den 1980er Jahren etwas geschaffen, das heute noch modern aussieht, ohne angestrengt futuristisch zu wirken. Wenn man davorsteht, merkt man erst, wie massiv dieser Bau eigentlich ist. Der schwarze Stein schluckt das Licht, während drinnen die hellen Säle darauf warten, einen völlig aus dem Alltag zu reißen.
Der Eingangsbereich ist großzügig, fast schon ein bisschen einschüchternd, wenn man zum ersten Mal dort ist. Man hört das Klackern der Absätze auf dem glatten Boden und das gedämpfte Murmeln der Besucher. Es ist dieser typische Museumsgeruch in der Luft, eine Mischung aus Bohnerwachs, Klimaanlage und einer Prise Exklusivität. Die Garderobe ist obligatorisch, denn man will ja die Hände frei haben für das, was kommt. Manchmal fragt man sich, warum Museen immer so eine andächtige Stille verlangen, aber hier im K20 macht das Sinn. Die Kunst braucht Raum zum Atmen und man selbst braucht Ruhe, um die Wucht der Farben zu verdauen.
Kurz & Kompakt - Adresse & Anfahrt: Grabbeplatz 5, 40213 Düsseldorf. Am besten mit der U-Bahn bis "Heinrich-Heine-Allee" fahren, von dort sind es nur ein paar Minuten zu Fuß durch die Altstadt.
- Highlights: Die weltweit bedeutende Paul-Klee-Sammlung, großformatige Werke von Henri Matisse und Schlüsselwerke des Kubismus von Pablo Picasso.
- Kombi-Tipp: Das Ticket gilt oft auch für das K21 (Ständehaus). Zwischen beiden Standorten verkehrt regelmäßig ein kostenloser Shuttle-Bus für Museumsbesucher.
- Öffnungszeiten: Meist Dienstag bis Sonntag von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Jeden ersten Mittwoch im Monat gibt es den "KPMG-Kunstabend" mit freiem Eintritt ab 18:00 Uhr.
Der Schatz des Landes NRW
Die Geschichte der Sammlung ist eigentlich ein Politikum. Alles begann im Jahr 1960 mit dem Ankauf von 88 Werken von Paul Klee durch das Land Nordrhein-Westfalen. Das war damals ein echtes Wagnis und verdammt viel Geld. Man wollte nach dem Krieg ein Zeichen setzen, dass man wieder zum internationalen Kulturbetrieb gehört. Und Junge, das hat geklappt. Heute ist das K20 das Flaggschiff der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Spannend ist dabei, dass man hier nicht einfach nur wahllos Bilder angehäuft hat. Es ist eine Kuratierung mit Hand und Fuß. Man merkt, dass hier Leute am Werk waren, die einen Plan hatten. Es geht um die großen Strömungen: Expressionismus, Kubismus, Surrealismus. Alles, was Rang und Namen hat, ist vertreten.
Wer durch die Räume schlendert, stolpert unweigerlich über Henri Matisse. Seine Scherenschnitte sind so groß, dass man sich fast klein vorkommt. Die Leuchtkraft der Farben ist live einfach etwas ganz anderes als auf einem Poster in einer Studenten-WG. Man steht da und starrt auf diese einfachen Formen, die doch so viel Energie ausstrahlen. Daneben hängen Werke von Piet Mondrian. Diese strengen Linien und Primärfarben wirken fast schon wie eine mathematische Gleichung, die perfekt aufgegangen ist. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Kunst innerhalb weniger Jahrzehnte von der Abbildung der Realität völlig verabschiedet hat. Manchmal erwischt man sich dabei, wie man den Kopf schief legt, um die Struktur der Farbe auf der Leinwand besser zu erkennen.
Wo Picasso und Klee sich gute Nacht sagen
Das Herzstück ist zweifellos die Sammlung von Paul Klee. Es ist die größte ihrer Art in ganz Deutschland. Man muss sich das mal vorstellen: Über 100 Werke sind hier versammelt. Klee war ein Tüftler, ein Poet unter den Malern. Seine Bilder sind oft kleinformatig, fast schon intim. Man muss nah herangehen, um die feinen Details und die fast schon kindliche Neugier in seinem Pinselstrich zu entdecken. Es ist ein krasser Kontrast zu den riesigen Formaten eines Jackson Pollock, der ein paar Säle weiter seine Farbkaskaden über die Leinwand geworfen hat. Bei Klee fühlt man sich wie in einer anderen Welt, leise und nachdenklich. Die Farben sind oft erdig, fast schon wie alte Wandteppiche oder Fundstücke aus einer archäologischen Grabung.
Und dann ist da natürlich Pablo Picasso. Man kommt an ihm nicht vorbei, und das ist auch gut so. Im K20 hängen Werke aus fast allen seinen Schaffensphasen. Besonders beeindruckend ist die Entwicklung, die man hier nachvollziehen kann. Von den zerlegten Körpern des Kubismus bis hin zu den späteren, fast schon groben Werken. Man spürt förmlich das Ego dieses Mannes in jedem Pinselstrich. Es ist eine Präsenz, die den Raum ausfüllt. Interessant ist auch die Gegenüberstellung mit Georges Braque. Die beiden haben den Kubismus quasi im Alleingang erfunden, und im K20 kann man wunderbar vergleichen, wer von den beiden eigentlich der Radikalere war. Meistens gewinnt Picasso in Sachen Aufmerksamkeit, aber Braque hat diese feine Eleganz, die man erst auf den zweiten Blick schätzt.
Surrealismus und die Grenzen der Vernunft
Wenn man die Treppen hochsteigt, landet man oft in der Abteilung für Surrealismus. Das ist der Moment, in dem es im Kopf anfängt zu kribbeln. René Magritte ist hier mit seinen rätselhaften Bildern vertreten. Man kennt diese Motive, den Mann mit der Melone oder die schwebenden Steine, aber vor dem Original zu stehen, ist eine andere Nummer. Die Präzision, mit der er diese unmöglichen Szenen gemalt hat, ist fast schon beängstigend. Es sieht alles so echt aus, obwohl man weiß, dass es kompletter Quatsch ist. Genau das macht den Reiz aus. Man fängt an, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen, was ja eigentlich genau das Ziel dieser Künstler war.
Max Ernst darf natürlich auch nicht fehlen. Als Rheinländer hat er hier quasi Heimspiel. Seine Collagen und Frottagen sind kleine Wunderkammern des Absurden. Man entdeckt immer wieder neue Wesen und Landschaften, die man vorher übersehen hat. Es ist ein bisschen so, als würde man in Wolken nach Formen suchen, nur dass Ernst die Formen bereits festgenagelt hat. In diesen Räumen verweilt man oft länger als geplant, weil man sich in den Details verliert. Die Beleuchtung ist hier meist etwas gedämpfter, was die traumartige Atmosphäre noch verstärkt. Es ist der perfekte Ort, um mal kurz die Welt draußen mit ihrem Verkehrslärm und der Hektik zu vergessen.
Praktisches und Drumherum am Grabbeplatz
Man sollte für einen Besuch im K20 mindestens zwei bis drei Stunden einplanen, wenn man nicht nur durchhetzen will. Es gibt Tage, da ist es angenehm leer, besonders unter der Woche am Vormittag. Am Wochenende kann es schon mal voller werden, wenn die Touristenbusse ihre Ladung abkippen. Ein kleiner Tipp am Rande: Der Museumsshop ist eine echte Fundgrube. Nicht nur der übliche Postkartenkram, sondern wirklich gut kuratierte Bücher und Designartikel. Man findet dort Dinge, die man eigentlich nicht braucht, aber unbedingt haben will. Wer nach der ganzen Kunst Hunger bekommt, hat es nicht weit. Die Altstadt bietet alles von der Currywurst bis zum Sterne-Menü.
Wer noch Puste hat, kann mit dem Shuttle-Bus zum K21 ins Ständehaus fahren. Das Ticket gilt für beide Häuser. Während das K20 die Klassische Moderne feiert, geht es im K21 um zeitgenössische Kunst. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Das K20 ist gesetzt, etabliert und ein bisschen ehrwürdig. Das K21 ist experimentell und manchmal auch ein bisschen anstrengend, aber auf eine gute Art. Man sollte sich diesen Wechsel gönnen, um zu sehen, wohin sich die Kunst nach Picasso und Co. entwickelt hat. Aber ganz ehrlich, das K20 bleibt für viele der Favorit, einfach weil die Dichte an Meisterwerken dort so unglaublich hoch ist. Man kommt raus und hat das Gefühl, die Welt mit ein bisschen anderen Augen zu sehen.
Draußen am Grabbeplatz angekommen, empfängt einen wieder die rheinische Direktheit. Die Leute lachen, die Straßenbahnen quietschen in den Kurven und irgendwo schreit ein Markthändler. Es ist dieser Übergang von der stillen, geordneten Welt der Kunst zurück in das quirlige Düsseldorf, der den Reiz ausmacht. Manchmal setzt man sich einfach auf die Stufen vor dem Museum und schaut dem Treiben zu. Der schwarze Granit im Rücken ist im Sommer angenehm kühl. Man merkt, dass das K20 nicht nur ein Museum ist, sondern ein fester Bestandteil der Stadtidentität. Ohne diesen Kasten würde Düsseldorf ein entscheidendes Stück Seele fehlen, auch wenn er auf den ersten Blick wie ein fremder Meteorit wirkt.
Ein Ort für alle, nicht nur für Experten
Was das K20 so angenehm macht, ist das Fehlen von Elitarismus. Sicher, hier hängen Bilder für Millionen, aber die Atmosphäre ist nicht steif. Man sieht Schulklassen, die auf dem Boden sitzen und skizzieren, ältere Paare, die über die Pinselführung diskutieren, und junge Leute, die einfach nur nach einem coolen Hintergrund für ein Foto suchen. Das Personal ist meistens tiefenentspannt, solange man nicht versucht, die Leinwand anzutatschen. Es ist ein Ort, der zur Auseinandersetzung einlädt. Man muss nicht wissen, was ein "ready-made" ist oder warum der Kubismus die Perspektive revolutioniert hat, um die Bilder zu genießen. Manchmal reicht es einfach, die Farben auf sich wirken zu lassen.
Besonders schön sind die Momente, in denen man ein Werk entdeckt, das man bisher immer ignoriert hat. Vielleicht ist es eine kleine Skulptur in einer Ecke oder ein eher unbekanntes Bild eines berühmten Malers. Diese Entdeckungen machen den Museumsbesuch erst rund. Es ist wie eine Schatzsuche, bei der man am Ende immer gewinnt. Das K20 liefert verlässlich ab. Es ist eine Konstante in einer Stadt, die sich ständig verändert. Egal wie oft man hingeht, man findet immer wieder etwas Neues, weil man sich selbst ja auch verändert und die Bilder jedes Mal anders liest. Das ist wohl das Geheimnis wirklich großer Kunst: Sie altert nicht, sie reift höchstens mit dem Betrachter mit.
Wenn man dann schließlich den Rückweg antritt, vielleicht Richtung Rheinufer, hat man eine Menge zu bequatschen. Die Eindrücke hallen nach. Die Klarheit eines Klee oder die Wildheit eines Pollock begleiten einen noch ein ganzes Stück. Düsseldorf ist eben mehr als nur Mode und Geldbeutel zeigen. Hier am Grabbeplatz wird deutlich, dass das Herz der Stadt auch für die schönen Künste schlägt. Und das Beste ist: Man kann jederzeit wiederkommen, der schwarze Granitblock läuft ja nicht weg. Wer das K20 auslässt, hat Düsseldorf jedenfalls nicht wirklich gesehen, da beißt die Maus keinen Faden ab.