Wer über die Düsseldorfer Rheinuferpromenade flaniert, denkt meistens an das nächste Altbier oder den Blick rüber nach Oberkassel. Man spaziert über ein Meisterwerk der Stadtplanung, das den Verkehr der Bundesstraße 1 in den Untergrund verbannt hat. Doch genau dort, in einem kuriosen Zwischenraum zwischen den beiden Tunnelröhren für die Autos, liegt das KIT – Kunst im Tunnel. Es ist ein Ort, der eigentlich gar nicht existieren dürfte. Beim Bau des Rheinufer-Tunnels in den 1990er Jahren blieb dieser elliptische Hohlraum übrig. Er war zu schmal für Autos, aber zum Zuschütten irgendwie zu schade. Dass man hier heute Kunst gucken kann, verdanken wir der Hartnäckigkeit der lokalen Kulturszene und dem Architekten Niklaus Fritschi. Er erkannte das Potenzial dieses Schlauchs aus nacktem Beton.
Der Abstieg beginnt unspektakulär in einem gläsernen Pavillon, der gleichzeitig als Café fungiert. Man tritt ein, und sofort ändert sich die Akustik. Oben peitscht der Wind vom Fluss her, unten schluckt der Beton die Geräusche der Stadt. Wenn du die Treppe hinunterstehst, merkst du schnell, dass dieser Ort eine eigene Atmosphäre atmet. Es riecht ein bisschen nach kühlem Stein und dieser typischen, leicht feuchten Tunnel-Luft, die man sonst nur aus U-Bahn-Stationen kennt. Aber hier ist es sauberer, fast schon steril, wären da nicht die rauen Wände. Der Raum folgt der Kurve des Rheins, er ist rund 140 Meter lang und verjüngt sich an den Enden. Man fühlt sich ein bisschen wie im Bauch eines riesigen Wals, der unter der Stadt gestrandet ist.
Kurz & Kompakt - Adresse: Mannesmannufer 1b, direkt unter der Rheinuferpromenade.
- Öffnungszeiten: Meistens von Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr, aber montags ist traditionell Ruhetag.
- Eintritt: Moderate Preise, oft gibt es Ermäßigungen für Studenten, was bei der Nähe zur Akademie auch Sinn ergibt.
- Tipp: Das Café oben im Pavillon bietet einen der besten Ausblicke auf das Rheinknie, besonders zum Sonnenuntergang.
Zwischen Abgasen und Avantgarde
Spannend ist am KIT vor allem die räumliche Enge, die gleichzeitig eine enorme Weite suggeriert. Die Decken sind niedrig, der Boden fällt leicht ab. Man läuft auf einer schiefen Ebene, was das Gleichgewichtsgefühl dezent herausfordert. Manchmal hört man ein dumpfes Grollen über sich oder an den Seiten. Das sind keine Geister, sondern die Pendler, die in ihren Autos Richtung Neuss oder Duisburg jagen. Diese unmittelbare Nachbarschaft zum profanen Alltag macht den Reiz aus. Während draußen der Feierabendverkehr stockt, betrachtet man drinnen Videoinstallationen oder raumgreifende Skulpturen. Das ist kein klassischer "White Cube", wie man ihn aus den schicken Galerien in Flingern kennt. Das hier ist Industriekultur, die sich ein neues Gewand übergestülpt hat.
Die Ausstellungen im KIT konzentrieren sich fast ausschließlich auf junge Kunst. Hier bekommt der Nachwuchs der berühmten Düsseldorfer Kunstakademie eine Bühne, die man sich erst einmal zutrauen muss. Es ist nämlich verdammt schwer, gegen diese Architektur anzuspielen. Ein kleines Ölgemälde würde hier drin einfach verloren gehen. Die Künstler müssen sich mit dem Raum anlegen. Oft sind es raumgreifende Installationen, die den Tunnel in Beschlag nehmen. Da hängen dann riesige Stoffbahnen von der Decke oder Lichtskulpturen flimmern im Halbdunkel. Es ist ein Experimentierfeld. Nicht alles erschließt sich sofort, manches wirkt sperrig oder fast schon ein bisschen drüber, aber langweilig wird es selten. Manchmal erwischt man sich dabei, wie man mehr auf die Spuren des Schalungsbetons starrt als auf das eigentliche Exponat.
Der Weg ist das Ziel: Flanieren unter Tage
Ein Besuch im KIT lässt sich hervorragend mit einem Spaziergang verbinden, ohne dass man das Gefühl hat, ein steifes Museumsprogramm abzuarbeiten. Man geht einfach rein, lässt sich treiben und kommt am anderen Ende wieder raus – oder man dreht um und nimmt den gleichen Weg zurück, was die Perspektive oft noch einmal komplett verschiebt. Da der Raum so schmal ist, gibt es keine Sackgassen. Man wird förmlich durch die Kunst hindurchgeschoben. Das hat etwas Meditatives. Besonders im Sommer, wenn die Hitze auf dem Asphalt der Promenade steht, ist der Tunnel ein Segen. Die Kühle dort unten ist echt eine Wohltat, fast wie in einem Eiskeller, nur eben mit Kulturanspruch.
Was man unbedingt wissen sollte: Das Licht ist hier unten ein ganz eigenes Thema. Es gibt kaum Tageslicht, außer dem, was durch den Eingangsschacht fällt. Die Kuratoren arbeiten daher viel mit künstlicher Beleuchtung, was die Farben der Werke oft extrem intensiv leuchten lässt. Wenn du Glück hast, erwischt du eine Performance. Dann hallen Stimmen oder Musik durch die Röhre, und das Echo macht die Sache erst so richtig rund. Es ist ein bisschen "jottweedee", also ganz weit weg vom Standard, obwohl man sich mitten im Zentrum der Landeshauptstadt befindet. Man vergisst unter der Erde schnell, ob es draußen gerade regnet oder die Sonne knallt.
Architektur, die sich nicht verbiegen lässt
Man muss den Architekten echt lassen, dass sie hier nicht versucht haben, alles glattzubügeln. Die Wände sind schief, der Boden ist asymmetrisch. Wer mit dem Kinderwagen oder dem Rollstuhl kommt, muss den Lift nehmen, was im KIT aber glücklicherweise gut gelöst ist. Der Kontrast zwischen dem filigranen Glaspavillon oben und der massiven Betonhöhle unten ist so eine typisch Düsseldorfer Geschichte. Oben wird repräsentiert, unten wird gearbeitet oder eben Kunst gemacht. Der Pavillon selbst ist ein kleiner Hingucker, fast schon ein gläserner Kristall, der auf dem dunklen Boden hockt. Dort oben im Café sitzen die Leute, trinken ihren Espresso und ahnen oft gar nicht, dass ein paar Meter unter ihren Füßen gerade die Zukunft der Kunstszene verhandelt wird.
Oft wird das KIT als Geheimtipp verkauft, aber das ist Quatsch – dafür ist es viel zu prominent platziert. Aber es ist ein Ort für Leute, die keine Lust auf die großen Museen wie das K20 oder K21 haben, wo man sich oft erst einmal durch endlose Säle quälen muss. Hier ist man in 45 Minuten durch, wenn man schnell ist. Wer sich Zeit lässt, kann aber stundenlang in den Details versinken. Es ist diese Unmittelbarkeit, die hängen bleibt. Man ist der Kunst so nah, dass man manchmal aufpassen muss, nicht aus Versehen dagegen zu stolpern, weil die Distanz in dem schmalen Gang fehlt. Das ist kein Ort für Ehrfurcht, sondern für Neugier.
Ein Ort für den zweiten Blick
Wenn man wieder ans Tageslicht tritt, blinzelt man erst einmal gegen die Helligkeit an. Der Rhein fließt immer noch träge vorbei, die Touristen schieben sich Richtung Altstadt, und die Welt sieht wieder ganz normal aus. Aber man nimmt dieses Gefühl der Unterwelt mit. Es ist diese spezielle Düsseldorfer Mischung aus High-End-Architektur und rohem Betoncharme. Das KIT zeigt, dass die Stadt ihren Raum nutzt, egal wie unmöglich er auf den ersten Blick erscheint. Es ist ein echtes Stück Stadtgeschichte, verpackt in eine Galerie. Wer sich auf das Abenteuer einlässt, bekommt einen Einblick in das, was die junge Generation der Künstler gerade umtreibt. Und das Beste: Man ist danach direkt wieder an der frischen Luft und kann den Blick über den Fluss schweifen lassen, während im Kopf noch die Bilder aus dem Betonschlauch nachwirken.
Man sollte sich übrigens nicht wundern, wenn man im Tunnel auf Einheimische trifft, die hier einfach nur kurz mal gucken gehen, weil sie gerade sowieso in der Nähe waren. Das KIT gehört zum festen Inventar der Stadt, ohne so steif zu wirken wie andere Institutionen. Es ist ein unkomplizierter Ort. Man braucht kein Kunststudium, um sich hier wohlzufühlen. Es reicht, wenn man ein bisschen Lust auf ungewöhnliche Perspektiven hat. Und wenn man danach im Café oben sitzt, schmeckt das Kaltgetränk gleich doppelt so gut, weil man weiß, was für ein Schätzchen da gerade unter einem liegt. Es ist ein kleiner, feiner Kontrapunkt zum Schickimicki-Image der Königsallee.