Dresden

Vorhang auf! Ein Abend in der Semperoper zwischen Prunk und Akustik-Perfektion

Das Gebäude am Theaterplatz ist weit mehr als eine hübsche Kulisse für Bierwerbung. Wer hier Platz nimmt, spürt die Geschichte in jeder Polsterritze.

Dresden  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Wenn man auf dem Theaterplatz steht und den Blick über die geschwungene Fassade schweifen lässt, vergisst man leicht, dass dieser Bau eigentlich eine dritte Version ist. Gottfried Semper, ein Mann mit einem ziemlichen Dickschädel und enormem Talent, entwarf das erste Königliche Hoftheater, das 1869 abbrannte. Der zweite Anlauf wurde im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt. Dass die Oper heute wieder so prächtig dasteht, grenzt an ein kleines Wunder und ist der Detailverliebtheit der DDR-Restauratoren zu verdanken. Die haben nämlich nicht einfach nur Steine aufeinandergestapelt, sondern jedes Gesims und jede Malerei akribisch rekonstruiert. Es riecht dort drinnen übrigens ganz dezent nach Bohnerwachs und altem Textil, eine Mischung, die sofort klarmacht: Hier wird Kultur gearbeitet.

Interessant ist die Tatsache, dass die Dresdner ihr Opernhaus abgöttisch lieben, egal wie oft es kaputtging. Nach der Flut 2002 stand das Wasser meterhoch im Keller, die Technik war hinüber, aber der Spielbetrieb lief gefühlt schon wieder, bevor die Wände trocken waren. Diese sächsische Hartnäckigkeit klebt förmlich an den Wänden. Wenn du vor dem Portal stehst, schau dir mal die Quadriga oben auf dem Dach an. Dionysos und Ariadne thronen dort in Bronze, gezogen von Panthern. Das wirkt aus der Ferne fast zierlich, ist aber in Wahrheit ein tonnenschweres Statement. Wer reingeht, lässt den Alltag draußen auf dem Pflaster zurück, wo die Straßenkünstler meistens gerade "Yesterday" auf der Geige fiedeln.

Kurz & Kompakt
  • Architektur-Finesse: Die Semperoper ist bereits die dritte Version an dieser Stelle; die heutige Pracht ist eine detailgetreue Rekonstruktion der DDR-Zeit, inklusive täuschend echtem Stuckmarmor.
  • Akustik-Wunder: Dank der mathematisch präzisen Bauweise aus Holz und Putz hört man selbst auf den günstigsten Plätzen im vierten Rang jedes Flüstern von der Bühne glasklar.
  • Gutkaes-Uhr: Die berühmte Fünf-Minuten-Uhr über der Bühne war eine Weltneuheit des 19. Jahrhunderts und verhinderte störende Taschenuhr-Geräusche während der Aufführung.
  • Dresdner Sound: Die Sächsische Staatskapelle zählt zu den ältesten und besten Orchestern der Welt und ist für ihren charakteristischen, warmen und dunklen Klang berühmt.

Marmor aus der Malerrolle

Sobald man die Vorhalle betritt, haut einen der Glanz erst mal um. Aber Vorsicht, hier wird geschummelt, dass sich die Balken biegen, und zwar auf höchstem künstlerischem Niveau. Viele der prachtvollen Marmorsäulen sind gar kein echter Stein. Die Baumeister nutzten eine spezielle Stuckmarmor-Technik. Das ist Gips, der so gekonnt bemalt und poliert wurde, dass er kälter und glatter wirkt als echter Marmor. Wenn man mit dem Fingerknöchel ganz vorsichtig dagegen klopft, hört man den hohlen Unterschied. Diese "schummeligen" Oberflächen waren damals unglaublich teuer und galten als schicker als das Original. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

In den Pausenfoyers wird es dann richtig bunt. Die Deckenmalereien zeigen allegorische Figuren, die meistens irgendwas mit Musik oder Tugend zu tun haben. Man bekommt fast Nackenschmerzen, weil man ständig nach oben starrt. Die Kronleuchter hängen tief genug, um jedes Staubkorn auf den Kristallgläsern zu zählen, aber da ist selten eines zu finden. Die Logenränge sind in einem warmen Rotton gehalten, der zusammen mit dem vielen Gold eine Atmosphäre schafft, die selbst den größten Kulturbanausen kurz ehrfürchtig werden lässt. Es ist dieser typische Geruch von schwerem Samt und Parfümwolken, der in der Luft hängt, sobald sich das Publikum zur ersten Pause Richtung Buffet schiebt.

Die Magie der Fünf-Minuten-Uhr

Ein echtes Unikat ist die digitale Uhr über der Bühne, die eigentlich gar nicht digital ist. Sie stammt von Gutkaes und zeigt die Zeit in Fünf-Minuten-Schritten an. Das war damals revolutionär, damit die Leute während der Vorstellung nicht ständig ihre Taschenuhren aufklappen mussten, was ja ordentlich Krach macht. Das leise Klacken, wenn die Zahlen umspringen, hört man im Parkett zwar nicht, aber die Optik ist legendär. Überhaupt ist das Thema Zeit in der Semperoper so eine Sache. Wenn der Vorhang hochgeht, scheint sie stillzustehen.

Die Akustik im Saal ist kein Zufall, sondern reine Mathematik in Form von Holz und Putz. Es gibt keine toten Winkel, in denen der Ton verhungert. Selbst in der letzten Reihe auf dem vierten Rang, wo die Luft dünner und die Karten billiger sind, versteht man jedes geflüsterte "Ich liebe dich" auf der Bühne. Die Decke ist leicht gewölbt, was den Schall wie eine sanfte Dusche über die Zuschauer verteilt. Manchmal hat man das Gefühl, der Klang käme gar nicht von vorn, sondern würde einen von allen Seiten gleichzeitig umarmen. Das ist der Moment, in dem man vergisst, dass der Sitznachbar gerade vernehmlich mit seiner Programmzeitschrift raschelt.

Hinter den Kulissen und unter den Brettern

Wer mal die Gelegenheit hat, eine Führung mitzumachen, sollte das unbedingt tun, auch wenn man kein Opern-Fan ist. Die Technik unter der Bühne ist ein Labyrinth aus Stahl, Seilen und Motoren. Da werden ganze Bühnenbilder in Sekunden versenkt oder nach oben gewuchtet. Das wirkt wie ein riesiges Uhrwerk. In den Werkstätten in der Nähe, den Semperoper-Werkstätten im Ostragehege, werden die Kulissen gezimmert und gemalt. Da riecht es dann eher nach Leim und frischem Holz statt nach Opernglanz. Es ist dieser krasse Gegensatz zwischen der harten handwerklichen Arbeit hinter den Vorhängen und der perfekten Illusion davor, der den Reiz ausmacht.

Ein kleiner Tipp am Rande: Die Semperoper ist kein Museum, sondern ein lebendiges Theater. Es wird hier fast jeden Abend gespielt, und das Niveau der Sächsischen Staatskapelle ist Weltklasse. Die Musiker sitzen im Graben und spielen so präzise, dass man fast Angst hat, sie könnten Roboter sein. Aber wenn man genau hinsieht, erkennt man das Wippen der Geiger oder das kurze Abwischen der Stirn beim Paukisten. Das macht das Ganze menschlich. Die Kapelle hat einen ganz eigenen, eher dunklen und warmen Klang, den man oft als "Dresdner Sound" bezeichnet. Den kann man nicht beschreiben, den muss man einfach mal in den Ohren vibrieren spüren.

Praktisches für den Abend

Früher war der Dresscode in der Oper Gesetz. Heute ist das entspannter. Klar, im Jogginganzug wird man schief angeschaut, aber eine ordentliche Jeans mit Sakko oder eine saubere Bluse tun es auch. Die Dresdner putzen sich gern heraus, aber sie sind keine Snobs. In der Pause ein Glas Sekt zu trinken, gehört dazu, auch wenn die Preise am Buffet ordentlich gesalzen sind. Wer sparen will, gönnt sich das Getränk vorher in einer der kleinen Kneipen in der Neustadt und spaziert dann über die Augustusbrücke zum Theaterplatz. Der Blick auf die beleuchtete Silhouette der Altstadt ist beim Überqueren der Elbe sowieso unbezahlbar und stimmt perfekt auf den Abend ein.

Karten sind oft Mangelware, besonders bei den beliebten Stücken wie "Die Zauberflöte" oder zur Weihnachtszeit beim "Nussknacker". Da muss man frühzeitig zuschlagen. Manchmal hat man aber an der Abendkasse Glück. Es gibt auch Stehplätze, die für schmale Taler zu haben sind. Man braucht dafür aber gute Waden und Durchhaltevermögen, denn so eine Wagner-Oper kann sich ziehen wie Kaugummi. Aber hey, wer das übersteht, darf sich echter Opernkenner nennen. Es ist dieser Mix aus Hochkultur und bodenständiger sächsischer Gemütlichkeit, der den Besuch so besonders macht. Man fühlt sich ein bisschen wie ein König auf Zeit, ohne dass man dafür eine Krone braucht.

Wenn man nach der Vorstellung aus dem Gebäude tritt, ist der Theaterplatz oft in ein gelbliches Licht getaucht. Die Kälte der Nachtluft beißt ein bisschen in der Nase, während im Kopf noch die letzten Arien nachhallen. Die Straßenbahn quietscht in der Ferne um die Kurve am Postplatz. Man läuft dann meistens noch ein paar Schritte am Elbufer entlang, schaut auf das dunkle Wasser und lässt das Gold und den Prunk langsam im Kopf sacken. Es ist ein erhabenes Gefühl, ein Teil dieser langen Tradition gewesen zu sein, und sei es nur für drei Stunden im bequemen Samtsessel.

Was man nicht unterschätzen darf, ist die Logistik. Wer mit dem Auto kommt, flucht oft über die Parkplatzsuche. Das Parkhaus unter dem Altmarkt ist eine Option, aber die Straßenbahn ist in Dresden eigentlich die bessere Wahl. Die Haltestelle "Theaterplatz" liegt direkt vor der Tür. Man fällt quasi aus der Bahn in den Prunk. Und wer nach der Oper noch Hunger hat, sollte wissen, dass die Altstadt nachts eher schläfrig ist. Für einen ordentlichen Absacker oder einen späten Happen zieht man besser weiter Richtung Neustadt, wo das Leben auch nach Mitternacht noch pulsiert. Dort findet man dann das echte, ungeschminkte Dresden, das einen wunderbaren Kontrast zur perfekten Welt der Semperoper bildet.

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