Dresden

Anatomie zum Anfassen: Das Deutsche Hygiene-Museum jenseits der Klischees

Hinter dem Großen Garten wartet eine Reise ins eigene Ich, die alles andere als staubig ist. Hier wird der Mensch zum Exponat und die Wissenschaft zur greifbaren Erfahrung.

Dresden  |  Kultur & Unterhaltung
Lesezeit: ca. 9 Min.
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Zwischenablage

Wenn man vom Pirnaischen Platz aus Richtung Südosten schlendert, taucht hinter den Bäumen ein monumentaler Bau auf, der auf den ersten Blick fast ein bisschen einschüchternd wirkt. Wilhelm Kreis hat das Gebäude Ende der 1920er Jahre entworfen und man spürt heute noch diesen kühlen, sachlichen Geist der Moderne, der damals durch Dresden wehte. Die Fassade ist streng, fast schon abweisend, aber genau dieser Kontrast macht den Reiz aus, sobald man die hohen Stufen zum Portal hinaufsteigt. Drinnen herrscht eine ganz andere Atmosphäre. Es riecht nach frisch gewischtem Steinboden und diesem typischen Museumsduft, der eine Mischung aus Papier und Konzentration ist. Das Licht fällt in breiten Bahnen durch die großen Fensterfronten und lässt die weiten Hallen weniger wie eine Lehranstalt, sondern eher wie ein Labor für das Leben wirken.

Gegründet wurde das Ganze ursprünglich von Karl August Lingner, dem Odol-König. Dass ausgerechnet ein Mundwasser-Fabrikant den Grundstein für eines der meistbesuchten Museen der Stadt legte, ist eine dieser Dresdner Geschichten, die man erst mal sacken lassen muss. Er wollte die Gesundheit unters Volk bringen und zwar so, dass es jeder versteht. Das Museum war von Anfang an als Ort der Aufklärung gedacht, nicht als Elfenbeinturm. Heute ist das Haus längst saniert, die Spuren der DDR-Zeit sind dezent im Hintergrund geblieben, während die moderne Ausstellungsarchitektur das Sagen hat. Man steht in dieser riesigen Vorhalle und merkt sofort, dass hier nicht nur Exponate in Vitrinen verstauben, sondern dass es um Themen geht, die uns alle betreffen, ob wir wollen oder nicht.

Kurz & Kompakt
  • Adresse und Anfahrt: Lingnerplatz 1, 01069 Dresden. Am besten mit den Straßenbahnlinien 1, 2, 4, 10, 12 oder 13 bis Straßburger Platz/Gläserne Manufaktur fahren.
  • Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Montags bleibt die Tür in der Regel zu, außer an Feiertagen.
  • Highlights: Die "Gläserne Frau" in der Dauerausstellung und das interaktive Kinder-Museum "Welt der Sinne" für Familien.
  • Kulinarik: Das hauseigene Restaurant "Museumsküche" bietet gute regionale Gerichte und einen schönen Außenbereich zum Großen Garten hin.

Die Gläserne Frau und der Blick ins Innere

Das Herzstück und wohl auch das bekannteste Gesicht des Hauses ist die Gläserne Frau. Es hat fast etwas rituelles, wie die Besucher um diese Vitrine herumstehen. In den 1930er Jahren war diese Figur eine absolute Weltsensation und auch heute noch, im Zeitalter von hochauflösenden 3D-Scans, behält sie ihre eigentümliche Würde. Die Drähte im Inneren leuchten auf, wenn die verschiedenen Organe erklärt werden, und man erwischt sich dabei, wie man unbewusst die eigene Hand auf den Bauch legt, um die Lage der Leber oder des Magens abzugleichen. Es ist ein bisschen so, als würde man in einen beleuchteten Schaltplan des menschlichen Lebens blicken. Die handwerkliche Präzision dieser Modelle ist schlichtweg irre, wenn man bedenkt, dass hier kein Computer im Spiel war.

Die Dauerausstellung "Abenteuer Mensch" ist in verschiedene Themenbereiche gegliedert, die sich wie ein roter Faden durch den Körper und den Geist ziehen. Es geht um Ernährung, Sexualität, Bewegung und das Altern. Was mir besonders gefällt, ist der Mut zur Lücke. Man wird nicht mit Textwänden erschlagen, sondern darf vieles selbst ausprobieren. An einer Station kann man versuchen, Gerüche zu erraten, was gar nicht so einfach ist, wenn der visuelle Reiz fehlt. Plötzlich riecht alles irgendwie nach Zimt oder altem Leder, nur um am Ende festzustellen, dass es eigentlich Vanille war. Das sorgt oft für Schmunzeln bei den anderen Besuchern, die gerade ähnlich ratlos an den Riechkolben schnuppern. Es ist diese Unmittelbarkeit, die das Museum ausmacht. Man begreift im wahrsten Sinne des Wortes, wie komplex das System Mensch eigentlich gestrickt ist.

Denken, Fühlen und die grauen Zellen

Ein Stockwerk weiter oben geht es dem Gehirn an den Kragen. Die Abteilung "Denken, Fühlen, Lernen" ist mein persönlicher Favorit, weil sie so herrlich abstrakt beginnt und dann sehr konkret wird. Man sieht dort Präparate von Gehirnen, die in Formalin schwimmen, was erst mal einen leichten Schauer über den Rücken jagt. Aber dann wechselt der Fokus auf die Psychologie. Es gibt interaktive Tests zu optischen Täuschungen, die einen schier wahnsinnig machen können. Warum sieht die eine Linie länger aus, obwohl man genau weiß, dass sie identisch ist? Das Hirn spielt uns ständig Streiche und hier bekommt man die Quittung dafür serviert. Die Räume sind hier oft etwas dunkler gehalten, was die Konzentration auf die Lichtinstallationen und Bildschirme fördert.

Interessant ist auch die Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sterben. Das Thema wird hier nicht versteckt, sondern als natürlicher Teil des Lebenszyklus integriert. Das ist manchmal harter Tobak, wird aber so sachlich und gleichzeitig respektvoll präsentiert, dass man nicht deprimiert aus dem Raum geht, sondern eher nachdenklich. Überhaupt ist das Museum ein Ort, an dem viel gemurmelt wird. Die Leute diskutieren vor den Exponaten, zeigen sich Dinge und tauschen Erfahrungen aus. Es ist kein Ort der heiligen Stille, wie man es vielleicht aus der Gemäldegalerie Alte Meister kennt. Hier darf gelacht, gestaunt und manchmal auch ein bisschen gegruselt werden. Besonders bei den alten medizinischen Instrumenten, die eher nach Folterkammer als nach Operationssaal aussehen, ist man heilfroh, im 21. Jahrhundert zu leben.

Sonderausstellungen als gesellschaftliches Barometer

Was das Hygiene-Museum für mich zu einem der spannendsten Orte in Europa macht, sind die wechselnden Sonderausstellungen. Die Kuratoren hier haben ein unglaubliches Händchen dafür, Themen aufzugreifen, die gerade in der Luft liegen. Ob es um Scham, Rassismus, die Zukunft der Arbeit oder künstliche Intelligenz geht, die Herangehensweise ist immer interdisziplinär. Man holt sich Experten aus der Soziologie, der Kunst und der Naturwissenschaft ins Boot. Diese Ausstellungen sind oft sehr mutig gestaltet. Da hängen dann plötzlich zeitgenössische Kunstwerke neben historischen Alltagsgegenständen. Manchmal wirkt das auf den ersten Blick wie ein buntes Sammelsurium, aber wenn man sich darauf einlässt, ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild.

Man sollte für diese Sonderflächen definitiv extra Zeit einplanen. Oft sind sie so umfangreich, dass man nach zwei Stunden eigentlich schon eine Pause im Museumscafé braucht. Das Café ist übrigens auch so ein Punkt. Es liegt im Erdgeschoss und hat eine wunderbare Terrasse zum Park hin. Dort kann man bei einer Limo sitzen und beobachten, wie die Dresdner ihre Runden durch den Großen Garten drehen. Es ist ein perfekter Ort, um die vielen Eindrücke erst mal zu sortieren. Die Preise sind für ein Museumscafé völlig in Ordnung und der Kuchen schmeckt fast wie bei Oma. Man trifft hier eine bunte Mischung aus Studenten der nahen TU, Touristen mit Stadtplan und älteren Herrschaften, die schon seit Jahrzehnten regelmäßig kommen.

Das Kinder-Museum: Eine Welt für kleine Entdecker

Falls man mit Nachwuchs unterwegs ist, kommt man am Kinder-Museum "Welt der Sinne" absolut nicht vorbei. Hier ist die goldene Regel "Anfassen verboten" komplett außer Kraft gesetzt. Es ist laut, es ist wuselig und es macht einen Riesenspaß, auch als Erwachsener zuzuschauen. Die Kinder können dort testen, wie das Auge funktioniert, wie Schallwellen wandern oder wie sich verschiedene Oberflächen anfühlen. Es gibt eine riesige Nase, durch die man durchkrabbeln kann, was natürlich der Renner bei jedem Kind unter zehn Jahren ist. Die Stationen sind so robust gebaut, dass sie auch dem Ansturm ganzer Schulklassen standhalten. Es ist toll zu sehen, wie die Kleinen völlig versunken in Experimente sind und dabei ganz nebenbei etwas über ihren eigenen Körper lernen.

Die Pädagogik dahinter ist klug, weil sie nicht belehrend wirkt. Es geht um die Freude am Entdecken. Oft sieht man Väter, die mit leuchtenden Augen an den Experimenten hängen, während die Kinder schon längst drei Stationen weiter sind. Man merkt dem Museum an, dass es eine lange Tradition in der Wissensvermittlung hat. Es ist nicht dieses künstliche "Wir machen jetzt mal was für Kinder", sondern es ist ein integraler Bestandteil des Konzepts. In den Ferien gibt es oft spezielle Workshops, wo dann gebastelt oder mikroskopiert wird. Wer also Ruhe sucht, sollte diesen Bereich vielleicht eher am späten Nachmittag besuchen, wenn die meisten Familien schon wieder auf dem Heimweg sind.

Praktisches und kleine Fluchten

Ein Besuch im Hygiene-Museum lässt sich wunderbar mit einem Spaziergang im Großen Garten verbinden. Wenn der Kopf voll ist von Anatomie und Philosophie, wirkt das Grün der Parkanlagen wahre Wunder. Man kann vom Museum aus direkt zum Palais oder zur Gläsernen Manufaktur von VW rüberlaufen. Das ist dieser typische Dresdner Mix aus Hochkultur, Wissenschaft und Industriegeschichte auf engstem Raum. Was die Anreise angeht, nimmt man am besten die Straßenbahn bis zum Straßburger Platz oder zum Georg-Arnhold-Bad. Parkplätze sind in der Gegend eher Mangelware oder recht teuer, also ist der ÖPNV definitiv die stressfreiere Variante. Wer gut zu Fuß ist, kann auch vom Neumarkt aus in etwa fünfzehn Minuten rüberlaufen, der Weg führt durch die Parkanlagen und ist wirklich schön.

Noch ein kleiner Tipp am Rande: Der Museumsshop ist eine wahre Fundgrube. Es gibt dort nicht nur die üblichen Postkarten, sondern wirklich originelle Dinge. Von anatomischen Modellen zum Zusammenbauen bis hin zu Fachbüchern, die man sonst überall suchen muss. Ich habe dort mal eine Seife in Form eines Gehirns gekauft, die war der Renner als Mitbringsel. Man merkt, dass die Leute im Shop mit Liebe bei der Sache sind. Insgesamt sollte man für das gesamte Haus mindestens drei bis vier Stunden einplanen, wenn man nicht nur durchhetzen will. Das Hygiene-Museum ist kein Fast-Food-Museum, man muss es langsam genießen. Es ist ein Ort, der einen oft noch Tage später beschäftigt, wenn man im Alltag plötzlich an eine bestimmte Grafik oder ein Experiment zurückdenkt. Es ist eben wirklich ein Abenteuer, dieses Menschsein.

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