Dortmund

Der Phoenix-See: Wie aus einem Stahlwerk das "St. Tropez von Hörde" wurde

Wo einst flüssiger Stahl floss, schaukeln heute weiße Segelboote im Wind. Der Phoenix-See hat das Gesicht von Dortmund-Hörde radikal verändert. Ein Spaziergang zwischen Industriegeschichte und Luxusvillen zeigt, wie Strukturwandel wirklich aussieht.

Dortmund  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Wer heute am Nordufer des Phoenix-Sees steht und den Blick über das glitzernde Wasser schweifen lässt, braucht eine ordentliche Portion Vorstellungskraft. Bis zum Jahr 2001 dröhnten hier die Maschinen der Hermannshütte. Es roch nach Schwefel, Ruß und harter Arbeit. Wo jetzt Jogger ihre Runden drehen und Menschen in Designer-Sonnenbrillen ihren Espresso schlürfen, stand eines der traditionsreichsten Stahlwerke des Ruhrgebiets. Es ist ein bizarrer Kontrast, wenn man bedenkt, dass unter der Wasseroberfläche tonnenweise Erdreich bewegt wurde, um die Altlasten einer ganzen Industrieepoche zu versiegeln. Der See ist künstlich, das ist kein Geheimnis, aber er hat sich in erstaunlich kurzer Zeit zu einem echten Ökosystem und einem sozialen Brennpunkt im positiven Sinne entwickelt.

Die Entscheidung, das stillgelegte Werksgelände zu fluten, galt damals als mutig, fast schon größenwahnsinnig. Man wollte weg vom Image der grauen Maus und hin zu einer modernen Freizeitmetropole. Dass dabei ein ganzer Stadtteil wie Hörde umgekrempelt wurde, sorgte nicht nur für Begeisterung. Die alten Hörder, die noch den Staub der Hütte auf den Fensterbänken hatten, rieben sich verwundert die Augen, als plötzlich Immobilienpreise aufgerufen wurden, die eher nach Düsseldorf oder Hamburg klangen. Es ist diese Reibung zwischen dem alten Arbeiterviertel und der neuen schicken Welt, die den Reiz des Ortes ausmacht. Manchmal wirkt es fast so, als hätten sich zwei Welten verabredet, die sich eigentlich gar nicht grün sind, nun aber doch ganz passabel nebeneinander herleben.

Kurz & Kompakt
  • Beste Zeit: Unter der Woche am späten Nachmittag, wenn das Licht weich wird und der Feierabendverkehr am See einkehrt. Dann ist es nicht so überlaufen wie am Sonntag.
  • Aussichtspunkt: Der Hügel am Südufer bietet die beste Perspektive für Fotos. Von hier aus sieht man die Skyline von Dortmund hinter dem See aufsteigen.
  • Fläche und Dimension: Der See erstreckt sich über ca. 24 Hektar, was etwa 33 Fußballfeldern entspricht. Er ist rund 1,2 Kilometer lang und bis zu 320 Meter breit.
  • Historie: Bis 2001 befand sich hier das Stahlwerk Hermannshütte. Die Flutung begann im Oktober 2010 und dauerte fast ein Jahr, bis der geplante Wasserstand erreicht war.
  • Funktion: Neben der Freizeitnutzung dient das Becken als Hochwasserschutz für die Emscher, die in einem separaten Bett nördlich am See vorbeigeführt wird.
  • Anfahrt: Mit der U-Bahn-Linie U41 bis zur Haltestelle "Dortmund Hörde Bahnhof" fahren, von dort sind es etwa 5-10 Minuten Fußweg bis zum Hafenbecken.

Architektur zwischen Glasfassade und Denkmalpflege

Ein Spaziergang um das Becken dauert etwa eine Stunde, wenn man stramm marschiert. Doch wer will das schon? Es gibt zu viel zu gucken. Die Bebauung am Nordufer ist ein Sammelsurium moderner Architektur. Viel Glas, viel Anthrazit, flache Dächer. Manche Kritiker nennen es seelenlos, andere finden es zeitgemäß und schick. Auffällig ist, dass hier kaum ein Haus dem anderen gleicht, obwohl alle demselben ästhetischen Kanon folgen. Es ist die Wohngegend der Besserverdiener, das sieht man an den Autos in den Auffahrten und den akkurat gestutzten Hecken. Manchmal weht ein Hauch von Sterilität über die Promenaden, besonders wenn der Wind das Wasser gegen die Kaimauern peitscht und die Cafés noch leer sind.

Interessant wird es, wenn man den Blick weg vom Wasser hin zu den Relikten der Vergangenheit lenkt. Die alte Thomas-Birne, ein riesiger Stahlbehälter, steht wie ein Mahnmal am Ufer. Sie ist knallrot und erinnert daran, dass hier früher nicht gechillt, sondern geschuftet wurde. Solche Denkmäler sind wichtig für die Seele des Reviers. Sie verhindern, dass der Phoenix-See zu einer beliebigen Kulisse verkommt. Wer genau hinschaut, entdeckt überall kleine Details, die auf die Geschichte hinweisen. Sogar die Wegeführung orientiert sich teilweise an alten Gleistrassen. Es ist dieser Mix aus "Schöner Wohnen" und "Industriebrache", der den Ort so fotogen macht. Wenn die Sonne tief steht und sich die Kräne in der Ferne schwarz gegen den orangenen Himmel abheben, hat das eine ganz eigene, fast schon melancholische Schönheit.

Das maritime Flair mitten im Pott

Dortmund und Segeln? Das klang früher wie eine Fangfrage. Doch am Phoenix-See ist das heute Alltag. Es gibt einen kleinen Yachthafen, in dem Boote liegen, die man eher an der Ostsee vermuten würde. Es ist herrlich unaufgeregt zuzusehen, wie die Hobbykapitäne ihre Segel setzen. Große Motoryachten sucht man vergeblich, was auch gut so ist, denn der See ist ökologisch sensibel. Er dient nicht nur der Belustigung, sondern ist auch ein Regenrückhaltebecken für die Emscher. Das Wasser ist erstaunlich klar, was man an heißen Tagen besonders gut beobachten kann. Baden ist allerdings streng verboten, was immer wieder für Diskussionen sorgt. Die Ordnungshüter sind da ziemlich rigoros, also lass die Badehose lieber im Rucksack.

An den Wochenenden mutiert der See zur Pilgerstätte. Da kommen sie alle: Familien mit Kinderwagen, Skater, die über den glatten Asphalt gleiten, und natürlich die unvermeidlichen Poser, die ihre glänzenden Karossen im Schritttempo über die Zufahrtsstraßen bewegen. Es ist ein sehen und gesehen werden. Wenn man sich auf eine der vielen Bänke setzt, kann man herrlich Leute beobachten. Da vermischt sich der kernige Ruhrpott-Dialekt mit dem Hochdeutsch der Zugezogenen. Manchmal schnappt man ein "Ker, wat is dat schön hier" auf, während ein paar Meter weiter über Aktienkurse debattiert wird. Dieser soziale Schmelztiegel funktioniert erstaunlich gut, auch wenn die Gentrifizierung in den angrenzenden Straßen von Hörde deutlich spürbar ist.

Gastronomie: Vom Nobel-Italiener bis zur Pommesbude

Wer Hunger bekommt, hat die Qual der Wahl. Die Gastromeile am Hafen bietet alles, was das Herz begehrt. Es gibt stylische Restaurants mit Blick aufs Wasser, wo man exzellente Pasta oder frischen Fisch essen kann. Die Preise sind moderat bis gehoben, eben angepasst an das Klientel. Aber keine Sorge, man findet auch die klassische Currywurst, ohne die ein Ausflug in Dortmund quasi ungültig wäre. Es hat was, mit einer Schale Pommes am Kai zu sitzen und den Enten zuzuschauen, wie sie um die Brotkrumen zanken. Der Geruch von gebratenem Fleisch mischt sich mit der frischen Brise vom See, ein Duftcocktail, der typisch für das moderne Ruhrgebiet ist.

Besonders abends verwandelt sich das Viertel. Wenn die Lichter der Häuser im Wasser reflektieren, bekommt der See eine fast schon mondäne Atmosphäre. Das ist der Moment, in dem der Vergleich mit St. Tropez bemüht wird. Klar, das ist ein bisschen dick aufgetragen, aber ein Fünkchen Wahrheit steckt drin. In den Bars wird gelacht, die Gläser klirren, und die Stimmung ist gelöst. Es ist ein Ort, an dem man den Alltag für ein paar Stunden vergessen kann. Man merkt den Leuten an, dass sie stolz auf dieses Projekt sind. Es ist ein Stück Lebensqualität, das sich die Stadt hart erarbeitet hat. Wer es lieber ruhiger mag, sollte unter der Woche kommen, wenn der Trubel nachlässt und der See wieder den Anwohnern und den Wasservögeln gehört.

Natur und Ökologie: Ein künstliches Paradies

Man darf nicht vergessen, dass der See ein technisches Bauwerk ist. Die Emscher, die früher als die "Kloake des Reviers" verschrien war, fließt heute in einem renaturierten Bett direkt am See vorbei. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Natur den Raum zurückholt. Libellen schwirren über das Schilf, und an den flacheren Uferzonen haben sich seltene Vögel niedergelassen. Der Phoenix-See ist ein Musterbeispiel dafür, wie man Technik und Ökologie versöhnen kann. Die Bepflanzung wurde sorgfältig ausgewählt, um einen natürlichen Übergang zur Umgebung zu schaffen. Es grünt und blüht, wo früher Schlacke und Schutt lagen.

Für Sportbegeisterte ist das Gelände ein Segen. Die Wege sind breit und gut ausgebaut. Es gibt kaum Steigungen, was die Umrundung auch für weniger Trainierte angenehm macht. Spannend ist dabei, dass man immer wieder auf Infotafeln stößt, die die Geschichte der Hütte erklären. Man lernt quasi im Vorbeigehen, wie hier früher geschwitzt wurde. Es ist kein steriler Park, sondern ein lebendiger Raum. Wer Lust auf ein bisschen mehr Bewegung hat, kann den Aufstieg zur Kulturinsel Phoenix West wagen. Von dort oben hat man einen fantastischen Panoramablick über das gesamte Areal bis hin zum Florianturm und dem Westfalenstadion. In diesen Momenten spürt man die Weite und die Energie dieser Stadt am deutlichsten.

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