Dortmund assoziiert man oft mit der Skyline des U-Turms, dem gelben Leuchten des Stadions oder der gläsernen Architektur rund um den Phoenix-See. Doch es gibt einen Ort, der so gar nicht in das Bild einer modernen Metropole passt. Die Bolmke ist kein akkurat gestutzter Stadtpark mit Zierrasen und Blumenbeeten. Vielmehr handelt es sich um ein echtes Stück Stadtwald, das sich südlich der Rheinlanddamm-Achse erstreckt. Wer hier den ersten Schritt auf die unbefestigten Wege wagt, merkt schnell, dass der Boden bei feuchtem Wetter ordentlich matschig werden kann. Der Geruch von feuchter Erde und moderndem Laub steigt einem in die Nase, während das ferne Rauschen der Autobahn langsam in den Hintergrund tritt. Es ist diese Mischung aus Erreichbarkeit und totaler Abgeschiedenheit, die diesen Ort so besonders macht.
Geologisch gesehen liegt die Bolmke in einer Talmulde der Emscher. Das beeinflusst das Kleinklima massiv. Während oben in der Stadt im Sommer die Hitze zwischen den Häuserwänden steht, weht hier unten oft ein kühlerer Luftzug. Es ist fast so, als würde man eine andere Klimazone betreten. Die Vegetation ist dicht und stellenweise fast schon dschungelartig. Man findet hier riesige Farne, die einem bis zur Hüfte reichen, und alte Buchen, deren Kronen so eng zusammenstehen, dass selbst an sonnigen Tagen nur wenig Licht auf den Waldboden fällt. Wer hier spazieren geht, braucht kein High-End-Equipment, aber feste Schuhe sind definitiv eine gute Idee. Es gibt keine asphaltierten Alleen, sondern Trampelpfade, die sich kreuz und quer durch das Gelände ziehen. Verirren kann man sich zwar kaum, da der Wald durch Straßen und Bahnschienen begrenzt wird, aber man bekommt schnell das Gefühl, weit weg von jeglicher Zivilisation zu sein.
Kurz & Kompakt - Anfahrt: Mit der U42, U45 oder U46 bis Westfalenhallen. Von dort sind es etwa 10 Minuten Fußweg südlich Richtung Stadion. Parkplätze gibt es an der Strobelallee, sofern kein Spieltag ist.
- Ausrüstung: Definitiv feste Schuhe, die dreckig werden dürfen. Nach Regen sind viele Wege extrem matschig. Mückenschutz im Sommer ist ratsam, da die Emscher-Nähe viele Insekten anlockt.
- Highlights: Die uralten Buchenbestände im Kerngebiet und der Blick auf die Stadionpylone durch das Geäst. Im Frühjahr die Teppiche aus Buschwindröschen bewundern.
- Regeln: Das Gebiet ist ein Naturschutzgebiet. Hunde müssen an die Leine, und die Wege sollten nicht verlassen werden, um die seltene Fauna wie den Feuersalamander zu schützen.
Ein Refugium für die heimische Fauna
Auffällig ist in der Bolmke vor allem die Ruhe, die nur durch das Hämmern der Spechte unterbrochen wird. Es ist kein Geheimnis, dass hier mehrere Arten zu Hause sind, vom Grünspecht bis zum eher seltenen Schwarzspecht. Wenn man sich einen Moment Zeit nimmt und einfach nur auf einem umgefallenen Baumstamm sitzen bleibt, sieht man mit etwas Glück auch Rehe, die völlig unbeeindruckt von der Nähe zur Großstadt durch das Unterholz streifen. Es ist schon ein kurioser Anblick, wenn man durch die Zweige hindurch im Winter die Silhouette des Signal Iduna Parks sieht, während direkt vor einem ein Hase im Gebüsch verschwindet. Die Tiere haben sich an die menschliche Nachbarschaft gewöhnt, bleiben aber meistens auf Distanz.
Besonders im Frühjahr verwandelt sich der Waldboden in ein weißes Meer aus Buschwindröschen. Das sieht nicht nur schick aus, sondern riecht auch ganz eigentümlich nach Aufbruch und frischem Grün. Wer ein Auge für Details hat, entdeckt an den feuchten Stellen des Waldes auch Feuersalamander. Diese kleinen, schwarz-gelben Kerle lieben die Tümpel und Gräben, die sich nach Regenfällen überall bilden. Es ist ein echtes Kontrastprogramm zum grauen Beton der Nordstadt oder dem polierten Image von Phönix-West. Hier darf die Natur einfach mal machen, was sie will. Totholz bleibt liegen, Pilze überwuchern alte Stämme und das Wasser sucht sich seinen eigenen Weg durch das Gelände. Das wirkt manchmal ein bisschen unordentlich, ist aber genau der Grund, warum die Bolmke so authentisch rüberkommt.
Praktische Tipps für den Waldgang
Der Zugang zum Wald ist denkbar einfach, was Fluch und Segen zugleich ist. Am besten parkt man in der Nähe des Stadions oder nutzt die U-Bahn bis zur Haltestelle Westfalenhallen. Von dort aus sind es nur wenige Gehminuten, bis man im Grünen steht. Am Wochenende teilen sich Jogger, Hundebesitzer und Familien die Wege. Da kann es schon mal eng werden, besonders auf den Hauptrouten. Wer es lieber einsam mag, sollte unter der Woche kommen oder die frühen Morgenstunden nutzen, wenn der Nebel noch über den feuchten Wiesen hängt. Das hat dann fast schon etwas Mystisches. Ein kleiner Geheimtipp ist der südliche Teil des Waldes, wo die Wege noch schmaler und die Steigungen etwas knackiger werden. Da trifft man meistens nur noch die Hardcore-Gassigänger, die vor keinem Schlammloch zurückweichen.
Verpflegungstechnisch sieht es mitten im Wald eher mau aus, was aber auch gut so ist. Es gibt keine Kioske oder hippen Cafés, die die Ruhe stören könnten. Wer Hunger bekommt, muss zurück Richtung Kreuzviertel oder die Gastronomie rund um die Strobelallee nutzen. Ein kleiner Rucksack mit einer Wasserflasche und vielleicht einem Apfel reicht vollkommen aus. Wichtig ist eigentlich nur, dass man seinen Müll wieder mitnimmt. Es ist leider ein verbreitetes Phänomen, dass Leute ihren Kram einfach fallen lassen, was in einem Naturschutzgebiet wie diesem besonders bitter ist. Die Bolmke ist nämlich ein ausgewiesenes FFH-Gebiet, also ein europäisches Schutzgebiet für Flora und Fauna. Das bedeutet, dass man auf den Wegen bleiben sollte, auch wenn das Dickicht links und rechts noch so verlockend aussieht.
Die Bolmke im Wandel der Jahreszeiten
Jede Saison hat in diesem Stadtwald ihren ganz eigenen Charme. Im Herbst leuchten die Buchen in allen Schattierungen von Gold bis Rostbraun. Dann raschelt das Laub bei jedem Schritt so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Es ist die beste Zeit für Fotografen, da das tiefe Sonnenlicht durch die ausdünnenden Kronen bricht und lange Schatten wirft. Im Winter hingegen, wenn Schnee liegt, wirkt der Wald wie schockgefrostet. Alles wird ganz leise, fast schon watteweich. Da die Bolmke in einer Senke liegt, hält sich der Reif hier oft länger als oben auf dem Hügel an der B1. Man kommt sich vor wie in einer anderen Welt, während nur ein paar hundert Meter weiter der Berufsverkehr durch die Stadt rollt. Das ist dieser typische Dortmund-Vibe: Man hat das Urbane direkt neben der totalen Stille.
Wenn es im Sommer so richtig knallt und das Thermometer die 30-Grad-Marke knackt, ist die Bolmke der einzige Ort, an dem man es noch aushalten kann. Das dichte Blätterdach funktioniert wie eine natürliche Klimaanlage. Es ist dort unten immer gefühlt fünf Grad kühler als in der City. Der Boden speichert die Feuchtigkeit der Emscher-Auen, was für eine angenehme Luftfeuchtigkeit sorgt. Man spaziert durch kühle Luftschneisen und lässt den Stress der Stadt einfach hinter sich. Kurios ist auch die Geräuschkulisse an Spieltagen des BVB. Wenn das Stadion bebt, hört man das in der Bolmke als ein dumpfes Grollen, wie ein fernes Gewitter. Man weiß genau, was oben passiert, sitzt aber selbst ganz entspannt im Grünen und beobachtet eine Schnecke, die über einen Farn kriecht. Dieser Kontrast ist einfach unschlagbar.
Geschichte und Geschichten am Wegesrand
Man vergisst leicht, dass dieser Wald nicht schon immer nur zur Erholung diente. Früher wurde hier im kleinen Stil Bergbau betrieben, was man heute noch an manchen Bodenunebenheiten erkennen kann, wenn man genau hinschaut. Es gibt Stellen, da wirkt das Gelände fast schon ein bisschen hügelig, was nicht allein auf die natürliche Erosion zurückzuführen ist. Diese kleinen Spuren der Vergangenheit verleihen dem Ort eine zusätzliche Ebene. Man wandelt auf geschichtsträchtigem Boden, auch wenn man eigentlich nur zum Abschalten hier ist. Spannend ist dabei, dass sich die Natur alles zurückgeholt hat. Wo früher vielleicht mal eine kleine Grube war, wächst heute ein dichter Teppich aus Moos und Efeu.
Für die Dortmunder ist die Bolmke mehr als nur ein Wald. Sie ist ein Stück Heimat, das sich hartnäckig gegen die Zersiedelung gewehrt hat. Während drumherum immer mehr Fläche versiegelt wurde, blieb dieses Stückchen Wildnis erhalten. Es ist ein Ort für echte Kerle beim Crosslauf genauso wie für die Oma, die seit fünfzig Jahren täglich ihre Runde dreht. Man grüßt sich hier meistens kurz mit einem Kopfnicken oder einem knappen "Tach", wie es im Revier eben üblich ist. Man macht kein großes Aufhebens um den Wald, man nutzt ihn einfach. Es ist diese unaufgeregte Art, die den Besuch so angenehm macht. Kein Schickimicki, kein künstliches Event-Gelände, sondern einfach nur Wald.