Dortmund

Kokerei Hansa: Wo die Zeit in den riesigen Maschinenhallen stehen blieb

Hier brummte einst der Bär. In der Kokerei Hansa in Dortmund-Huckarde schlägt das Herz des Reviers im Takt alter Förderbänder. Heute ist die Anlage ein begehbares Denkmal, das zwischen Stillstand und wilder Natur balanciert.

Dortmund  |  Aktivitäten & Erlebnisse
Lesezeit: ca. 7 Min.
Kommentare
Teilen
Facebook
Pocket
E-Mail
0
Kommentare
Facebook
Pocket
E-Mail
Zwischenablage

Wer vor dem Haupteingang der Kokerei Hansa steht, fühlt sich erst einmal ziemlich klein. Das liegt an diesen massiven Backsteinfassaden, die so typisch für die Industriearchitektur der 1920er Jahre sind. Man nennt das oft die „Kathedralen der Arbeit“, und das passt hier wie die Faust aufs Auge. Die Anlage in Huckarde war früher ein wichtiger Teil des Verbundsystems zwischen Zeche und Hütte. Hier wurde die Kohle der umliegenden Zechen zu Koks gebacken, der dann direkt rüber zur Westfalenhütte wanderte. Heute riecht es hier nicht mehr nach Schwefel und Teer, sondern eher nach feuchtem Beton und ein bisschen nach Waldmeister, der sich zwischen den Gleisen breitmacht.

Die Kokerei ist kein Museum im klassischen Sinne, wo alles hinter Glasvitrinen verstaubt. Vieles wirkt so, als hätten die Arbeiter gestern erst ihre Schicht beendet und nur kurz die Kaffeetasse abgestellt. Wenn man über das Gelände schlendert, knirscht der Rost unter den Sohlen. Die Dimensionen sind gewaltig. Man muss den Kopf weit in den Nacken legen, um die Spitze der Gastürme oder die riesigen Batterien der Koksöfen zu sehen. Es ist dieses Zusammenspiel aus roter Ziegelwand und dem silbrigen Grau der Rohrleitungen, das den Ort so fotogen macht. Fotografen sieht man hier ständig, wie sie versuchen, das perfekte Lichtspiel in den Trichterwagen einzufangen.

Interessant ist vor allem die Kompressorenhalle. Dort stehen die Maschinen in Reih und Glied, blitzblank geputzt, als würden sie gleich wieder losrattern. Die Böden sind mit prächtigen Fliesen ausgelegt, fast wie in einem herrschaftlichen Badezimmer. Damals hat man eben noch mit Stil gebaut, selbst wenn es nur darum ging, Gas zu verdichten. Es ist leise in der Halle, nur ab und zu hört man das Gurren der Tauben, die oben im Gebälk nisten. Manchmal zieht ein Luftzug durch die offenen Fenster und lässt die alten Schilder leise klappern. Da läuft einem schon mal ein kleiner Schauer über den Rücken, wenn man sich vorstellt, wie ohrenbetäubend der Lärm hier früher gewesen sein muss.

Kurz & Kompakt
  • Adresse und Anfahrt: Die Kokerei Hansa liegt an der Emscherallee 11 in Dortmund-Huckarde; am besten mit der U47 bis Haltestelle "Huckarde Bushof" oder mit dem Rad über den Emscher-Weg anreisen.
  • Highlights: Die historische Kompressorenhalle mit den riesigen Gasmaschinen und der Erlebnispfad "Natur und Technik", der über Treppen und Brücken quer durch die Anlage führt.
  • Ausrüstung: Unbedingt festes, geschlossenes Schuhwerk tragen; das Gelände ist weitläufig und teilweise uneben, zudem sollte man wetterfeste Kleidung dabeihaben.
  • Fotografie: Die Anlage ist ein Hotspot für Lost-Place-Fotografen; die besten Motive findet man zur "Goldenen Stunde", wenn das Licht flach durch die Stahlkonstruktionen fällt.

Der Pfad der Kohle und die Natur

Man sollte unbedingt den sogenannten Erlebnispfad nehmen. Der führt einen hoch hinauf. Treppensteigen gehört hier zum Pflichtprogramm, und wer Höhenangst hat, muss vielleicht mal kurz tief durchatmen. Aber der Blick von oben über das Gelände ist jede Schweißperle wert. Man sieht das Gewirr aus Rohren und Förderbändern von oben und kapiert erst dann so richtig, wie komplex diese Fabrik eigentlich war. Überall an den Seiten krallt sich das Grün fest. Birken wachsen aus Dachrinnen, und Moose überziehen die Eisenbahnschienen. Die Natur holt sich das Ding hier Stück für Stück zurück, was dem Ganzen eine fast schon melancholische Note gibt.

Besonders urig ist der Bereich der Koksofenbatterien. Das sind lange Reihen von schmalen Kammern, in denen die Kohle bei über tausend Grad gegart wurde. Heute sind die Ofentüren stumm. Wenn man nah herangeht, spürt man die Kühle des Steins, der früher mal glühend heiß war. In den Ritzen nisten heute Insekten, und manchmal sieht man eine Eidechse über den warmen Asphalt flitzen. Es ist dieser Kontrast zwischen der harten, schweren Industrie und der sanften Rückeroberung durch die Pflanzenwelt, der die Kokerei Hansa so besonders macht. Man nennt das hier im Pott Industrienatur, und Hansa ist dafür das Paradebeispiel schlechthin.

Ein kleiner Geheimtipp ist der hintere Teil des Geländes, wo die alten Löschtürme stehen. Dort wurde der glühende Koks mit riesigen Wassermengen abgelöscht, was gewaltige Dampfwolken in den Himmel schickte. Heute stehen die Türme da wie hohle Zahnstümpfe. Die Akustik im Inneren ist fantastisch. Wenn man dort steht und leise spricht, hallt die Stimme auf eine ganz eigentümliche Weise wider. Es ist ein bisschen unheimlich, aber auch verdammt faszinierend. Man sollte sich Zeit lassen und nicht einfach nur durchhetzen. Die Kokerei erschließt sich einem erst so richtig, wenn man mal für fünf Minuten auf einer rostigen Bank sitzt und einfach nur schaut.

Alltag zwischen Schichtwechsel und Stillstand

Es ist schon ein Ding, wie sich die Zeiten ändern. Früher haben hier Tausende von Männern geschuftet, geschwitzt und geflucht. Heute kommen Familien mit Kinderwagen und Pärchen mit Kameras vorbei. Trotzdem ist der Geist der Arbeit noch überall spürbar. An den Wänden hängen noch alte Arbeitsanweisungen oder vergilbte Kalenderblätter aus den 90er Jahren, als die Öfen endgültig ausgingen. Es wirkt alles so authentisch, weil man eben nicht alles glattpoliert hat. Der Dreck der Jahrzehnte gehört hier dazu. Wenn man über die Gitterroste läuft und unter den Füßen zehn Meter Nichts sieht, bekommt man eine vage Ahnung davon, was für ein Knochenjob das gewesen sein muss.

Man kann die Kokerei auf eigene Faust erkunden, was super ist, wenn man seine Ruhe haben will. Aber eine Führung lohnt sich trotzdem meistens. Die ehemaligen Koker, die hier oft noch als Guides arbeiten, erzählen Dinger, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Da erfährt man dann, wie man sich gegenseitig Streiche gespielt hat oder wo man sich mal für ein kurzes Päuschen versteckt hat. Diese Geschichten erwecken den kalten Stahl erst so richtig zum Leben. Es ist eben mehr als nur eine Ansammlung von Schrott und Steinen. Es ist ein Stück Lebensgeschichte der Stadt Dortmund. Man merkt den Leuten hier an, dass sie stolz auf ihre Maloche sind, auch wenn die Fabrik jetzt ein Denkmal ist.

Was man nicht unterschätzen sollte, ist das Schuhwerk. Wer hier mit Flip-Flops oder schicken Lederschuhen auftaucht, wird keine Freude haben. Der Boden ist uneben, oft staubig und nach Regen auch mal matschig. Festes Schuhwerk ist hier absolute Pflicht. Und man sollte sich darauf einstellen, dass man danach vielleicht ein bisschen Schmiere an der Hose hat, wenn man irgendwo drangestoßen ist. Aber das gehört zum echten Ruhrgebiets-Feeling einfach dazu. Wer sauber bleiben will, muss ins Museum für Kunst und Kulturgeschichte gehen, hier wird man eben ein bisschen dreckig.

Industriekultur zum Anfassen und Mitnehmen

Spannend ist zudem, dass die Kokerei Hansa kein isolierter Ort ist. Sie liegt mitten im Stadtteil Huckarde und ist gut an das Radwegenetz angebunden. Viele Leute kommen mit dem Fahrrad über den Emscher-Weg hierher. Das bietet sich total an, weil man so die grüne Seite des Reviers direkt miterlebt. Man radelt durch Parks und Wäldchen und plötzlich ragen die Schornsteine der Kokerei vor einem auf. Ein echtes Kontrastprogramm. Auf dem Gelände gibt es auch immer wieder Veranstaltungen. Manchmal finden Konzerte in den Hallen statt, oder es gibt spezielle Lichtinstallationen bei der Nacht der Industriekultur. Dann leuchtet der Stahl in Blau, Rot und Grün, was die Szenerie fast schon magisch wirken lässt.

Wenn der Hunger kommt, sollte man sich umschauen. Direkt auf dem Gelände gibt es oft kleine Möglichkeiten, sich einen Kaffee oder eine Limo zu holen, aber für die richtige Verpflegung lohnt sich ein Abstecher in die Umgebung. Ein ehrliches Stück Kuchen oder eine Currywurst findet man im nahen Huckarde eigentlich immer. Das Viertel ist bodenständig, so wie die Kokerei selbst. Man trifft hier keine Hipster, die ihren Matcha Latte schlürfen, sondern echte Dortmunder Originale. Das macht den Charme aus. Man fühlt sich hier nicht wie ein Tourist, sondern eher wie ein Gast, der mal eben einen Blick in die Hinterhöfe der Geschichte werfen darf.

Schreibe einen Kommentar
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.
 
Du 

Bisher keine Kommentare
Entdecke mehr:
Nach oben scrollen