Wenn die Sonne über der Weser langsam tiefer sinkt und das Licht diesen speziellen, goldenen Schimmer auf die Backsteinfassade der Kunsthalle wirft, beginnt am Osterdeich eine ganz eigene Zeitrechnung. Die Breminale ist kein Festival, das man konsumiert, sondern eines, in das man hineinstolpert. Seit 1987 besetzt dieses Event das schmale Grün zwischen der Straße und dem Flussufer. Es ist eng hier. Manchmal so eng, dass man gar nicht anders kann, als mit dem Nachbarn ins Gespräch zu kommen, während man versucht, sein Kaltgetränk unfallfrei durch die Menge zu balancieren. Das Gelände zieht sich wie ein langer Schlauch am Wasser entlang, unterbrochen von bunten Zelten, Holzhütten und provisorischen Bühnen.
Der Geruchssinn bekommt hier ordentlich zu tun. Es mischt sich das Aroma von frisch gezapftem Haake-Beck mit dem Duft von veganem Curry, während irgendwo im Hintergrund der Schlick der Weser bei Ebbe seine ganz eigene, herbe Note beisteuert. Man läuft über plattgetretenes Gras, das sich nach zwei Tagen meistens in feinen Staub oder, bei typischem Bremer Schietwetter, in eine rutschige Matschlandschaft verwandelt. Genau das macht den Charme aus. Es ist nichts geleckt oder durchgestylt. Die Bretterbuden sehen oft so aus, als hätten sie schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel, und die Technik in den Zelten brummt manchmal verdächtig, bevor die Band den ersten Akkord anstimmt.
Besonders markant ist die Aufteilung. Oben auf dem Deich schieben sich die Massen an den Fressbuden vorbei, während unten auf der Wiese das eigentliche kulturelle Herz schlägt. Wer hier zum ersten Mal ist, wird von der Vielfalt erschlagen. Man kann vor einer Bühne stehen und brachialem Punk lauschen, nur um fünfzig Meter weiter in eine Silent Disco zu geraten oder einer Lesung über maritime Lyrik beizuwohnen. Es ist ein herrliches Durcheinander, das ohne Eintrittskarten und Zäune auskommt. Diese Offenheit sorgt dafür, dass das Publikum so gemischt ist wie nirgendwo sonst in der Stadt. Da sitzt der Professor neben dem Punkschüler im Gras, und beide teilen sich vielleicht gerade ein Stück Pizza, weil einer von beiden kein Kleingeld mehr hat.
Kurz & Kompakt - Termin: Die Breminale findet jährlich im Sommer statt, meist im Juli über fünf Tage von Mittwoch bis Sonntag.
- Eintritt: Das gesamte Festival ist kostenlos, was es zu einem der größten barrierefreien Kulturevents der Region macht.
- Anreise: Unbedingt das Fahrrad oder den ÖPNV (Linien 2, 3 oder 4 bis Sielwall/Domsheide) nutzen; Parkplätze für PKW sind im Viertel praktisch nicht vorhanden.
- Verpflegung: Eine riesige Auswahl an Ständen bietet alles von Bio-Food bis hin zu klassischen Kirmes-Snacks; das Mitbringen eigener Getränke ist auf dem öffentlichen Gelände erlaubt, aber Support der Gastros vor Ort erhält das Festival.
Der Sound der Wiese: Musik abseits des Mainstreams
Musikalisch gesehen ist die Breminale eine Wundertüte. Wer hier die großen Chartstürmer erwartet, hat das Konzept nicht verstanden. Klar, ab und zu verirrt sich mal ein bekannterer Name auf die größeren Bühnen, aber der wahre Luxus liegt in der Entdeckung. Oft sind es lokale Bands aus dem Viertel oder dem Umland, die hier ihre große Chance nutzen. Es wird experimentiert. Mal scheppert es gewaltig, mal wird es melancholisch. In den Zelten wie dem Bariton oder dem Flut-Zelt herrscht oft eine Hitze, die einen fast erschlägt, aber die Atmosphäre ist so dicht, dass man das Schwitzen vergisst. Man steht Schulter an Schulter, der Bass vibriert im Brustkorb, und draußen hört man leise das Tuckern der vorbeifahrenden Binnenschiffe.
Spannend ist dabei die Tatsache, dass sich das Programm oft erst kurz vorher so richtig konkretisiert. Man lässt sich treiben. Ein fester Zeitplan ist meistens sowieso hinfällig, weil man auf dem Weg von A nach B an drei anderen Dingen hängenbleibt. Vielleicht ist es die Akrobatikgruppe, die spontan zwischen zwei Bäumen turnt, oder ein Singer-Songwriter, der nur mit einer Akustikgitarre bewaffnet auf einer umgedrehten Getränkekiste spielt. Diese kleinen Momente sind es, die hängenbleiben. Es ist dieses Gefühl von Freiheit, das man in der heutigen, durchgetakteten Eventkultur nur noch selten findet. Man zahlt keinen Eintritt, also ist auch die Erwartungshaltung eine andere. Man ist gnädiger mit den Künstlern, man lässt sich auf Experimente ein, die man für dreißig Euro Eintritt vielleicht ignoriert hätte.
Oftmals hört man den Sound schon von weitem, wenn man sich aus der Richtung Sielwall nähert. Die Bässe mischen sich mit dem Stimmengewirr von Tausenden Menschen. Es ist laut, es ist wuselig, aber es ist niemals aggressiv. Die Bremer sind ein entspanntes Völkchen, solange man ihnen ihr Bier lässt und sie nicht zu sehr schubst. Selbst wenn es regnet, was in Bremen ja nun wirklich keine Seltenheit ist, bleiben die Leute. Dann werden eben die Friesennerze rausgeholt und man tanzt im Schlamm weiter. Das gehört dazu, wie die Butter aufs Brot. Ein echtes Highlight ist oft das Programm für Kinder am Nachmittag. Da wird gebastelt, gematscht und gelacht, bevor abends die Stimmung eher ins Partylastige kippt.
Kulinarische Eskapaden und die Kunst des Verweilens
Wer auf der Breminale hungrig bleibt, ist selbst schuld. Das Angebot an den Ständen ist so vielfältig, dass die Entscheidung schwerfällt. Natürlich gibt es die Klassiker: Bratwurst, Pommes, Pizza. Aber dazwischen finden sich immer wieder kleine Schätze. Vielleicht ein Stand mit afrikanischen Spezialitäten oder handgemachte Pasta aus der Region. Es schmeckt nach Sommer und ein bisschen nach Fett, aber genau das braucht man, wenn man stundenlang auf den Beinen ist. Das Schöne ist, dass viele Anbieter aus der Bremer Gastronomieszene kommen. Man kennt sich, man grüßt sich, und oft gibt es noch einen kleinen Schnack gratis dazu.
Getrunken wird vorzugsweise lokal. Ein kühles Blondes gehört für viele einfach dazu, aber auch die Weinstände haben regen Zulauf. Man setzt sich mit seinem Glas auf die Deichschräge, lässt die Beine baumeln und beobachtet das Treiben. Von hier oben hat man den besten Überblick. Man sieht die Lichterketten, die sich zwischen den Zelten spannen, und das Glitzern der Weser. Es hat fast etwas Meditatives, trotz der Lautstärke. Man schaut den Ruderern zu, die manchmal fast ungläubig am Ufer vorbeiziehen, während dort oben zehntausend Menschen feiern. Es ist ein Kontrastprogramm, das typisch für Bremen ist: Die Bodenständigkeit des Flusses trifft auf die Quirligkeit der Kultur.
Ein kleiner Geheimtipp für die Pausen zwischendurch ist der hintere Bereich des Geländes, Richtung Weserstadion. Dort wird es meistens ein wenig ruhiger. Die Musik ist nur noch als fernes Echo wahrnehmbar, und man kann für einen Moment durchatmen. Hier treffen sich die Leute, die dem Trubel kurz entfliehen wollen, um Kraft für die nächste Runde zu sammeln. Manchmal findet man dort auch kleinere Kunstinstallationen oder versteckte Sitzgelegenheiten aus alten Europaletten. Es ist dieses Improvisierte, das der Breminale ihre Seele verleiht. Nichts wirkt wie vom Reißbrett entworfen, alles scheint organisch gewachsen zu sein.
Logistik und Überlebenstipps für den Deichbesuch
Wer plant, mit dem Auto anzureisen, hat eigentlich schon verloren. Die Parksituation rund um den Osterdeich ist während der Breminale eine Katastrophe, die man sich besser erspart. Das Viertel ist ohnehin schon eng bebaut, und während des Festivals werden viele Straßen komplett gesperrt oder sind hoffnungslos verstopft. Die beste Wahl ist das Fahrrad oder die Straßenbahn. Die Linien 2 und 3 spucken einen fast direkt am Geschehen aus, wobei man sich auf volle Waggons einstellen sollte. Die Bremer kommen sowieso mit dem Rad, das sie dann irgendwo in riesigen Knäueln an Zäune ketten. Es ist ein Wunder, dass am Ende jeder sein eigenes Gefährt wiederfindet.
In Sachen Kleidung gilt das Zwiebelprinzip. Tagsüber kann es am Deich ordentlich heiß werden, da die Sonne ungehindert auf die Wiesen knallt. Schattenplätze sind rar gesät und meistens schon besetzt. Sobald die Sonne aber weg ist, kriecht die Feuchtigkeit vom Fluss hoch. Dann wird es empfindlich kühl. Ein leichter Pulli oder eine Jacke im Rucksack schaden definitiv nicht. Und noch ein Wort zum Schuhwerk: Weiße Sneaker sind eine schlechte Idee. Entweder man versinkt im Staub oder im Schlamm. Festes, bequemes Schuhwerk ist die einzige logische Konsequenz, wenn man den ganzen Tag über das hügelige Gelände wandert.
Bezahlt wird an den meisten Ständen mittlerweile auch digital, aber ein bisschen Bargeld in der Tasche zu haben, ist in Bremen nie verkehrt. Manchmal streikt die Technik, oder der kleine Stand mit den handgemachten Armbändern nimmt eben nur Münzen. Wer klug ist, bringt sich eine eigene Wasserflasche mit, die man an den Trinkwasserstationen auffüllen kann. Das spart Geld und schont die Umwelt, was bei einem Festival dieser Größe ein immer wichtigeres Thema wird. Die Müllvermeidung klappt mal besser, mal schlechter, aber die Organisatoren geben sich sichtlich Mühe, das Gelände sauber zu halten. Trotzdem ist es Ehrensache, seinen eigenen Kram wieder mitzunehmen oder ordnungsgemäß zu entsorgen.