Bremen

Bremer Ratskeller: Dinieren im UNESCO-Welterbe zwischen jahrhundertealten Weinfässern

Der Ratskeller ist das feuchte Gedächtnis der Stadt und ein Ort, an dem Geschichte nicht im Museum stattfindet, sondern im Glas landet. Ein Abstieg in die Katakomben zwischen Prunkfässern und jahrhundertealter Tradition.

Bremen  |  Essen, Trinken & Nachtleben
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Zwischenablage

Wer auf dem Bremer Marktplatz steht und den Blick über die prächtige Weserrenaissance-Fassade des Rathauses schweifen lässt, ahnt vielleicht nicht sofort, dass sich die eigentlichen Schätze tief unter dem Kopfsteinpflaster befinden. Sobald man die schweren Stufen hinabsteigt, verändert sich die Akustik schlagartig. Das Klappern der Straßenbahn verschwindet, und es übernimmt eine kühle, leicht feuchte Stille, die nur vom fernen Klirren von Gläsern unterbrochen wird. Es riecht hier unten eigentümlich nach altem Holz, feuchtem Stein und einer Spur von vergorenem Traubensaft, die sich über Jahrhunderte in die Poren der Mauern gefressen hat. Der Bremer Ratskeller ist kein gewöhnliches Restaurant, sondern ein Labyrinth aus Geschichte, das seit dem Jahr 1405 existiert. Man sitzt hier nicht einfach nur an einem Tisch, man nimmt Platz in einem Denkmal.

Die Dimensionen sind beeindruckend, fast schon einschüchternd. Über 5.000 Quadratmeter erstreckt sich das Kellergewölbe unter dem Rathaus und dem Vorplatz. Früher war der Ratskeller das exklusive Weinlager der Stadtväter. Wer in Bremen mit Wein handeln wollte, kam am Rat nicht vorbei. Das Monopol auf den Ausschank von Weißwein sorgte dafür, dass die Kassen der Hanseaten immer gut gefüllt waren. Spannend ist dabei, dass hier unten früher nicht nur getrunken, sondern auch Politik gemacht wurde. In den "Priölken", diesen kleinen, hölzernen Nischen, die wie Beichtstühle für Genießer wirken, wurden Verträge ausgehandelt, die das Schicksal der Stadt beeinflussten. Man darf sich das Ganze ruhig ein bisschen verraucht und schummrig vorstellen, auch wenn das Rauchverbot heute für bessere Luft sorgt.

Kurz & Kompakt
  • Adresse und Lage: Am Markt, 28195 Bremen. Der Eingang befindet sich direkt an der Nordseite des Rathauses, unweit der Stadtmusikanten.
  • Öffnungszeiten: Täglich von 11:00 bis 24:00 Uhr geöffnet. Die Küche schließt meist gegen 22:00 Uhr, aber für ein Glas Wein bleibt man gerne länger sitzen.
  • Besonderheit UNESCO-Welterbe: Seit 2004 gehört der Ratskeller zusammen mit dem Rathaus und dem Roland zum Weltkulturerbe der Menschheit. Er gilt als die "gute Stube" der Stadt.
  • Weinverkauf: Wer den Geschmack des Kellers mit nach Hause nehmen möchte, kann in der angeschlossenen Vinothek direkt Flaschen aus dem riesigen Sortiment erwerben.

Zwischen Prunkfässern und schlafenden Riesen

Das Herzstück des Kellers ist zweifellos die große Halle mit ihren massiven Holzsäulen und den verzierten Fässern, die entlang der Wände thronen. Diese Fässer sind keine bloße Dekoration, sie sind stumme Zeugen vergangener Epochen. Besonders ins Auge fallen die sogenannten Prunkfässer. Sie sind mit Schnitzereien verziert, die biblische Szenen oder städtische Wappen zeigen. Manchmal bleibt man unwillkürlich stehen, um die Details im schummrigen Licht zu entziffern. Die alten Holzböden knarren hie und da, wenn die Kellner flink an einem vorbeieilen. Es hat etwas Beruhigendes, wie die Zeit hier unten scheinbar langsamer vergeht als oben auf dem Trubel des Marktplatzes. Man fühlt sich ein bisschen wie in einer Zeitkapsel, in der die moderne Welt kurz Pause macht.

Ein besonderer Ort im Labyrinth ist der Rosekeller. Hier lagert der wohl berühmteste Wein Deutschlands, der Rüdesheimer Wein aus dem Jahr 1727. Er wird nicht mehr verkauft, er wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Der Geruch in diesem Bereich ist noch einmal intensiver, schwerer. Es heißt, nur der Kellermeister und der Bürgermeister dürfen diesen Wein probieren, und das auch nur in winzigen Mengen. Als Besucher darf man einen Blick durch das schmiedeeiserne Gitter werfen. Dort liegen sie, die staubbedeckten Flaschen, die eher wie archäologische Fundstücke wirken als wie Getränke. Es ist eine faszinierende Vorstellung, dass in diesem dunklen Loch eine Flüssigkeit überdauert hat, die älter ist als die meisten modernen Nationen. Das ist kein Ort für schnelle Schluckspechte, hier regiert die Ehrfurcht vor dem Alter.

Kulinarik auf hanseatische Art

Natürlich kommt man nicht nur zum Gucken, sondern auch zum Essen. Die Küche im Ratskeller ist so, wie man sie in einem solchen Gemäuer erwartet: bodenständig, hanseatisch und ohne unnötigen Firlefanz. Wer hier ein veganes Superfood-Bowl-Experiment sucht, ist definitiv an der falschen Adresse. Stattdessen dominieren Klassiker wie Knipp, Labskaus oder die Bremer Aalsuppe. Das Labskaus kommt im Ratskeller oft besonders authentisch daher, eine rötliche Masse aus Pökelfleisch und Kartoffeln, die vielleicht optisch keinen Schönheitspreis gewinnt, aber geschmacklich eine Wucht ist. Man muss sich auf diese ehrliche Art der Verpflegung einlassen. Es schmeckt nach Hafen, nach Meer und nach harter Arbeit.

Besonders gemütlich wird es in den Priölken. Diese kleinen Kabuffs bieten Platz für vier bis fünf Personen und haben Türen, die man früher nur schließen durfte, wenn mindestens drei Personen am Tisch saßen. Der Grund war simpel: Man wollte unsittliches Verhalten verhindern. Heute ist das eher eine kuriose Anekdote, aber die Intimität dieser Holzboxen ist geblieben. Es ist der perfekte Ort, um sich bei einer Flasche Wein zu verquatschen und die Welt draußen zu vergessen. Die Kellner im Ratskeller sind übrigens oft Urgesteine. Sie pflegen eine norddeutsche Direktheit, die manchem Süddeutschen vielleicht kurz den Atem stocken lässt, die aber nie unfreundlich gemeint ist. Ein kurzes Kopfnicken, ein effizientes Servieren, das gehört hier zum guten Ton. Man nennt das in Bremen hanseatische Zurückhaltung, auch wenn es manchmal eher wie ein kurzes "Butter bei die Fische" rüberkommt.

Die Magie der Schatzkammer

Wer tiefer in die Materie einsteigen will, sollte sich einer der Weinkellerführungen anschließen. Dabei erfährt man Dinge, die man beim bloßen Abendessen übersehen würde. Zum Beispiel die Geschichte des Bacchus-Kellers. Inmitten riesiger Fässer thront eine hölzerne Figur des Weingottes Bacchus, die fast schon ein wenig schelmisch auf die Gäste herabblickt. Früher war dies der Bereich, in dem es wohl am geselligsten zuging. Die Deckenhöhen variieren im gesamten Kellerkomplex, mal fühlt man sich wie in einer Kathedrale, mal muss man fast den Kopf einziehen. Die Lichtführung ist dabei meisterhaft gelöst: Dezent gesetzte Strahler betonen die Textur der alten Backsteine und lassen die goldenen Inschriften auf den Fässern aufleuchten.

Hinter einer unscheinbaren Tür verbirgt sich die Schatzkammer. Hier lagern die Spitzenweine aus allen deutschen Anbaugebieten. Bremen hat nämlich eine Besonderheit: Im Ratskeller wird ausschließlich deutscher Wein ausgeschenkt und gelagert. Das ist eine Tradition, die man hier eisern verteidigt. Man findet hier Tropfen, die so selten sind, dass Sammler weltweit dafür horrende Summen bieten würden. Wenn der Guide von den verschiedenen Jahrgängen erzählt, spürt man den Stolz auf diese Sammlung. Es ist fast so, als würde man durch eine Bibliothek blättern, nur dass die Bücher hier flüssig sind. Die kühle Luft in diesen Gängen sorgt dafür, dass man auch nach dem zweiten Glas Wein einen klaren Kopf behält, was angesichts der vielen historischen Daten auch nötig ist.

Praktisches für den Kellerbesuch

Ein Besuch im Ratskeller will ein wenig geplant sein, besonders am Wochenende. Da der Ort nicht nur bei Touristen, sondern auch bei den Bremern selbst extrem beliebt ist, ist eine Reservierung fast Pflicht. Wer spontan vorbeischaut, landet oft nur an der Bar oder muss im vorderen, etwas unruhigeren Bereich Platz nehmen. Wenn man wirklich das volle Programm will, sollte man gezielt nach einem Tisch in der großen Halle oder in einem Priölk fragen. Es ist auch ratsam, sich eine dünne Jacke mitzunehmen, selbst wenn draußen im Sommer die Sonne knallt. Die dicken Mauern halten die Temperatur konstant kühl, was anfangs erfrischend ist, nach zwei Stunden Sitzen aber doch in die Glieder kriechen kann.

Preislich bewegt sich der Ratskeller in einem fairen Rahmen, wenn man die historische Kulisse bedenkt. Man zahlt natürlich einen kleinen Aufschlag für das Ambiente, aber es ist weit weg von touristischer Abzocke. Besonders zu empfehlen sind die Weinproben, bei denen man sich quer durch die deutschen Anbaugebiete trinken kann, ohne den Keller verlassen zu müssen. Wer danach wieder ans Tageslicht tritt, blinzelt oft erst einmal verwirrt in die Sonne. Es dauert einen Moment, bis man wieder im 21. Jahrhundert ankommt. Die Geräusche der Stadt wirken plötzlich lauter, die Farben greller. Aber man nimmt ein Gefühl der Beständigkeit mit nach oben. In einer Welt, die sich immer schneller dreht, ist es beruhigend zu wissen, dass da unten unter dem Rathaus alles beim Alten bleibt.

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