Bremen

Der St. Petri Dom: Krypten, Mumien und der Aufstieg über die Dächer der Stadt

Der St. Petri Dom bildet das massive Herzstück der Hansestadt. Hier treffen bizarre Mumienfunde auf einen Weitblick, der bis zum Horizont reicht.

Bremen  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Wer über den Bremer Marktplatz schlendert, kommt am St. Petri Dom schlichtweg nicht vorbei. Er thront dort seit Jahrhunderten, ein massives Gebilde aus Sandstein und Backstein, das irgendwie so wirkt, als hätte es schon immer dort gestanden, noch bevor die ersten Kaufleute ihre Karren über das Kopfsteinpflaster zogen. Der Dom ist kein poliertes Museumsstück. Er atmet Geschichte, und zwar eine, die nach altem Stein, kaltem Weihrauch und ein bisschen moderndem Holz riecht. Wenn du vor dem Hauptportal stehst, merkst du erst, wie winzig du eigentlich bist. Die Fassade mit ihren Türmen wirkt beinahe einschüchternd, besonders wenn der typische Bremer Nieselregen den Stein dunkel verfärbt. Es ist ein Ort, an dem man kurz innehält, bevor man sich ins Innere wagt.

Drinnen empfängt einen erst einmal diese typische Kirchenruhe, die einen sofort dazu bringt, die Stimme zu senken. Der Dom ist eine dreischiffige Hallenkirche, aber das ist nur die trockene architektonische Wahrheit. Viel interessanter ist das Licht, das durch die Fenster fällt und bunte Flecken auf den Boden wirft. Man merkt sofort, dass hier über die Jahrhunderte ständig herumgebastelt wurde. Hier ein bisschen Romanik, da eine ordentliche Portion Gotik und später noch ein paar neugotische Ergänzungen, weil man im 19. Jahrhundert fand, dass der Dom ruhig noch ein bisschen protziger aussehen darf. Das Ergebnis ist ein wunderbares Durcheinander der Stile, das trotzdem wie aus einem Guss wirkt. Man sollte sich Zeit nehmen, einfach mal die Nase in den Wind zu halten und die verschiedenen Kapellen abzuklappern.

Ein echtes Highlight ist die Kanzel. Sie wurde im 17. Jahrhundert von der schwedischen Königin Christina gestiftet. Das Ding ist so detailreich geschnitzt, dass man sich fragt, wie viele Arbeitsstunden da wohl reingeflossen sind. Man sieht biblische Szenen, die fast schon plastisch wirken. Wenn man davor steht, kann man fast die Späne riechen, die damals beim Schnitzen auf den Boden fielen. Es ist dieser Kontrast zwischen der kühlen Schwere des Steins und der Wärme des Holzes, der den Dom so greifbar macht. Man muss kein gläubiger Mensch sein, um von dieser Handwerkskunst beeindruckt zu sein. Es ist eben ein echtes Stück Bremer Identität, das hier im Zentrum steht.

Kurz & Kompakt
  • Öffnungszeiten: Der Dom ist in der Regel täglich für Besucher zugänglich, wobei man die Zeiten für Gottesdienste und Veranstaltungen im Blick behalten sollte, da dann keine Besichtigungen möglich sind.
  • Turmbesteigung: Der Aufstieg ist nur zu bestimmten Zeiten möglich und kostet einen kleinen Betrag, der dem Erhalt des Doms zugutekommt; bei extremem Wetter bleibt der Turm aus Sicherheitsgründen geschlossen.
  • Bleikeller: Dieser befindet sich etwas abseits im Nebengebäude und hat oft eigene saisonale Öffnungszeiten, meist von April bis Oktober.
  • Dom-Museum: Der Eintritt ins Museum ist meist kostenfrei, aber eine kleine Spende wird gern gesehen, um die wertvollen Exponate weiterhin pflegen zu können.

Der Abstieg in die Unterwelt: Die Krypten

Wenn man genug vom Hauptschiff gesehen hat, sollte man unbedingt den Weg nach unten suchen. Der Dom hat nämlich nicht nur eine Krypta, sondern gleich zwei. Das ist schon eine Ansage. Die Westkrypta ist der älteste Teil des Doms, ein Überbleibsel aus dem 11. Jahrhundert. Hier unten ist es spürbar kühler. Die Luft ist dicker, fast ein bisschen schwer. Die Säulen mit ihren einfachen Kapitellen wirken urwüchsig und kraftvoll. Es hat etwas Beruhigendes, in diesem Halbdunkel zu stehen und zu wissen, dass diese Mauern schon Kriege, Brände und Reformationen überdauert haben. Manchmal hört man von oben gedämpft das Orgelspiel, was die Atmosphäre hier unten fast schon unwirklich macht.

In der Ostkrypta geht es ähnlich andächtig zu. Hier steht der bronzene Taufbecken aus dem 13. Jahrhundert. Es wird von reitenden Figuren getragen, was für ein kirchliches Objekt fast schon ein bisschen verwegen aussieht. Man fragt sich unwillkürlich, wer wohl all die Jahrhunderte über in diesem Becken getauft wurde. Die Krypten sind Orte der Stille, weit weg vom Trubel des Marktplatzes, wo die Leute ihre Fischbrötchen essen und Selfies mit dem Roland machen. Hier unten ist man für sich. Es ist ein guter Ort, um den Gedanken freien Lauf zu lassen, bevor man sich dem wohl skurrilsten Teil des Doms widmet, dem Bleikeller.

Der Bleikeller ist so eine Sache für sich. Er befindet sich heute in einem Nebengebäude, aber er gehört untrennbar zum Dom-Erlebnis dazu. Der Name kommt daher, dass hier früher das Blei für die Dachreparaturen gelagert wurde. Zufällig entdeckte man dabei, dass die Luftverhältnisse in diesem Raum Leichen auf natürliche Weise mumifizieren, statt sie verwesen zu lassen. Das klingt erst mal nach Gruselkabinett, und ein bisschen ist es das auch. In offenen Särgen liegen hier Mumien, teils jahrhundertealt. Da ist zum Beispiel ein Dachdecker, der angeblich vom Dom gefallen ist, oder eine Gräfin, die man anhand ihrer Kleidung identifizieren konnte. Die Haut sieht aus wie altes Leder, die Gesichtszüge sind teilweise noch erschreckend gut erkennbar.

Es ist ein seltsames Gefühl, dort unten zu stehen. Man gruselt sich ein bisschen, aber gleichzeitig ist es faszinierend. Die Bremer gehen damit recht pragmatisch um. Es gehört eben dazu. Früher war der Bleikeller eine richtige Jahrmarktsattraktion, heute ist es eher ein Ort des morbiden Interesses. Die Stille im Keller ist eine andere als in der Kirche oben. Sie ist staubiger, endgültiger. Wenn man wieder rauskommt ins Tageslicht, blinzelt man erst mal und ist froh über die frische Bremer Brise, die einem um die Nase weht. Es ist definitiv nichts für schwache Nerven, aber wer Bremen wirklich verstehen will, kommt an diesen kuriosen Bewohnern des Doms nicht vorbei.

Stufen zum Glück: Der Aufstieg über die Dächer

Genug von der Unterwelt, jetzt geht es in die entgegengesetzte Richtung. Der Südturm des Doms ist für Besucher zugänglich, und wer die über 260 Stufen auf sich nimmt, sollte einigermaßen gut zu Fuß sein. Eine Fahrstuhl gibt es hier nicht, man muss sich das Panorama also ehrlich erarbeiten. Die Treppe ist eng, teilweise ausgetreten und die Wände kommen einem manchmal recht nah. Man hört das Keuchen der anderen Aufsteiger und das Echo der eigenen Schritte auf dem Stein. Es riecht nach altem Staub und kaltem Mauerwerk, ein Geruch, den man so schnell nicht vergisst. Aber die Mühe lohnt sich, das kann ich versprechen.

Oben angekommen, öffnet sich der Blick über ganz Bremen. Man steht auf einer schmalen Plattform hinter Gittern und schaut direkt auf den Marktplatz hinunter. Die Leute dort unten sehen aus wie Ameisen, die um das Rathaus und den Roland wuseln. Man erkennt die Gassen der Schnoor-Viertels, das grüne Band der Wallanlagen und natürlich die Weser, die sich wie ein glänzendes Band durch die Stadt zieht. Wenn der Wind ordentlich pfeift, merkt man erst, wie hoch man eigentlich ist. Es ist der perfekte Ort, um die Geografie der Stadt zu verstehen. Man sieht die verschiedenen Viertel, die Kirchtürme der anderen Kirchen und bei gutem Wetter sogar das Weserstadion in der Ferne.

Interessant ist auch der Blick auf das Kirchendach selbst. Man sieht die riesigen Kupferplatten, die im Sonnenlicht glänzen oder bei Regen stumpf wirken. Man bekommt ein Gefühl für die Dimensionen dieses Bauwerks. Es ist eine Sache, den Dom von unten zu betrachten, aber von hier oben wirkt er wie ein riesiges, steinernes Schiff, das mitten in der Stadt vor Anker liegt. Man sollte sich oben ein paar Minuten Zeit nehmen, um die verschiedenen Perspektiven aufzusaugen. Es ist ein schöner Kontrast zum Bleikeller. Nach der Enge und der Dunkelheit der Tiefe nun die Weite und das Licht der Höhe. Das ist es, was den Dombesuch so abwechslungsreich macht.

Der Abstieg ist dann meistens etwas entspannter, auch wenn die Knie vielleicht ein bisschen zittern. Wieder unten angekommen, fühlt man sich fast ein bisschen geerdet. Man hat die Extreme des Gebäudes ausgelotet. Manchmal findet auf dem Domshof gerade ein Markt statt, und der Duft von frischem Brot oder Blumen holt einen sofort wieder zurück in die Gegenwart. Es ist dieser Übergang vom sakralen Ernst zur hanseatischen Gemütlichkeit, der den Reiz dieses Ortes ausmacht. Man stolpert quasi aus der Geschichte direkt in den nächsten Kaffee oder das nächste Bier.

Ein lebendiger Ort mit Ecken und Kanten

Was den St. Petri Dom so besonders macht, ist seine Lebendigkeit. Er ist kein totes Denkmal. Es finden regelmäßig Konzerte statt, die Akustik im Dom ist phänomenal. Wenn die Orgel loslegt, vibriert der ganze Boden, und man spürt die Musik fast mehr, als man sie hört. Die Orgeln im Dom sind sowieso ein Kapitel für sich. Es gibt mehrere davon, und jede hat ihren eigenen Charakter. Es lohnt sich, nach den Terminen für die Mittagsmusik oder Abendkonzerte zu schauen. Es ist eine ganz andere Erfahrung, den Raum mit Musik gefüllt zu sehen, statt nur die Architektur zu bewundern.

Außerdem gibt es noch das Dom-Museum. Das ist so ein Ort, den viele Besucher links liegen lassen, was ein Fehler ist. Hier werden Schätze aus der Geschichte des Doms ausgestellt, unter anderem Funde aus den Gräbern der mittelalterlichen Erzbischöfe. Man sieht Ringe, Stäbe und kostbare Stoffe, die erstaunlich gut erhalten sind. Es gibt einen guten Einblick in das Leben und den Reichtum der damaligen Zeit. Das Museum ist klein, aber fein und bietet die nötigen Hintergrundinfos, um das, was man im Dom gesehen hat, einzuordnen. Man versteht dann besser, warum der Dom so aussieht, wie er aussieht, und welche Rolle er für Bremen gespielt hat.

Ein kleiner Geheimtipp ist der Bibelgarten im Domshof. Er ist von Kreuzgängen umschlossen und ein wunderbarer Rückzugsort, wenn man mal kurz durchatmen will. Hier wachsen Pflanzen, die alle einen Bezug zur Bibel haben. Es ist dort meistens sehr ruhig, man hört nur das Plätschern eines kleinen Brunnens und das ferne Rauschen der Stadt. Es ist ein kleiner, grüner Fleck mitten im Steinmeer, der zum Verweilen einlädt. Man kann sich auf eine der Bänke setzen und einfach mal die Augen schließen. Es ist erstaunlich, wie viel Ruhe man so nah am Zentrum finden kann.

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