Bremen

Werdersee: Wo Bremen die Picknickdecke ausrollt und der Alltag baden geht

Bremens Antwort auf den Strandurlaub liegt direkt vor der Haustür. Hier treffen sich Studenten, Familien und rüstige Rentner zum kollektiven Entspannen.

Bremen  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Man muss die Kirche im Dorf lassen: Der Werdersee ist eigentlich gar kein richtiger See. Historisch betrachtet handelt es sich um eine abgedeichte Flutrinne der Weser, die in den 1950er und 60er Jahren umgestaltet wurde, um die Neustadt vor Hochwasser zu schützen. Aber erzähl das mal einem Bremer an einem sonnigen Junitag. Für die Einheimischen ist dieses Gewässer, das sich über mehrere Kilometer parallel zur Weser erstreckt, der heilige Gral der Naherholung. Es riecht nach frisch gemähtem Gras, Sonnencreme und gelegentlich nach der würzigen Abluft der nahen Brauerei, wenn der Wind ungünstig steht. Das Wasser glitzert in einem tiefen, fast moorigen Grün, während die Silhouette des Doms in der Ferne über die Baumwipfel ragt.

Die Anreise gestaltet sich denkbar einfach. Wer mit dem Rad kommt, was in Bremen quasi Gesetz ist, nutzt die Wege über den Deich. Von der Altstadt aus führt der Weg über die Wilhelm-Kaisen-Brücke direkt hinein in das Grün der Neustadtswallanlagen und weiter zum See. Es hat etwas Beruhigendes, wie sich das Stadtgeräusch langsam verliert und durch das Surren von Fahrradketten und das ferne Geschrei von Wasservögeln ersetzt wird. Der Werdersee ist kein Ort für Schickeria oder überkandidelte Beach-Clubs. Hier herrscht eine herrlich unaufgeregte Bodenständigkeit, die typisch für den Norden ist.

Besonders markant ist die Aufteilung des Gebiets. Während der westliche Teil nahe der Werderbrücke oft wuselig und dicht besiedelt ist, wird es Richtung Osten, hin zum Arster Deich, deutlich ruhiger. Dort oben, wo die Stadtgrenze fast schon greifbar scheint, teilen sich nur noch ein paar ambitionierte Jogger und einsame Angler die Uferböschung. Es ist dieser Kontrast, der den Reiz ausmacht. Man kann mitten im Trubel sein oder sich in die Büsche schlagen, um dem Rest der Welt für ein paar Stunden den Buckel runterrutschen zu lassen.

Kurz & Kompakt
  • Anfahrt: Am besten mit dem Fahrrad oder der Straßenbahnlinie 4, 6 oder 8 bis zur Haltestelle „Wilhelm-Kaisen-Brücke“ oder „Kirchweg“ und dann ein paar Minuten zu Fuß Richtung Deich laufen.
  • Ausrüstung: Eine große Picknickdecke, Sonnenschutz und eventuell ein paar Euro für das Eis am Kiosk sind die Grundausstattung. Wer grillen will, sollte einen stabilen Grill mitbringen, der den Rasen nicht versengt.
  • Sicherheit: Nur an den ausgewiesenen Badestellen schwimmen, da die Strömungsverhältnisse am Wehr und in der Nähe der Weser-Übergänge tückisch sein können. Die DLRG-Station ist während der Saison meist besetzt.
  • Kulinarik: Der Gasthof zum Kuhhirten bietet deftige regionale Küche, während die umliegenden Kioske eher auf die schnelle Verpflegung mit Eis und Kaltgetränken spezialisiert sind.

Baden, Grillen und das Gesetz der Picknickdecke

Sobald das Thermometer die 20-Grad-Marke knackt, setzt eine Völkerwanderung ein. Die Liegewiesen am Nordufer sind dann dicht belegt mit bunten Stoffquadraten, die die Reviere der Besucher markieren. Spannend ist dabei, dass es eine ungeschriebene Ordnung gibt. In der Nähe des offiziellen Badestrandes, wo die DLRG über die Sicherheit wacht, tummeln sich vor allem Familien. Das Wasser ist hier flach und der Einstieg sandig, was ideal für kleine Kinder ist, die im seichten Uferbereich herummatschen wollen. Das Wasser fühlt sich oft erstaunlich weich an, was wohl an der geringen Strömung in diesem Bereich liegt.

Ein paar Meter weiter beginnt die Zone der Einweggrills und Bluetooth-Boxen. Hier ist es lauter, bunter und ein bisschen chaotischer. Es duftet nach mariniertem Fleisch und Maiskolben. Dass Grillen am Werdersee erlaubt ist, sorgt für eine ganz eigene Atmosphäre, die fast schon an ein Festival erinnert. Man muss das mögen, diesen Mix aus Reggae-Rhythmen, dem Klacken von Wikinger-Schach-Hölzern und dem Lachen von Gruppen, die ihren Feierabend zelebrieren. Es ist ein echtes Stück Bremer Lebensqualität, das ohne Eintrittsgelder und strenge Kleiderordnung auskommt.

Wer es sportlicher mag, nutzt die asphaltierten Wege, die den See komplett umrunden. Die Runde ist etwa acht bis zehn Kilometer lang, je nachdem, welche Abzweigung man nimmt. Es ist eine der beliebtesten Laufstrecken der Stadt, was Fluch und Segen zugleich ist. Man sollte als Spaziergänger tunlichst darauf achten, den ambitionierten Rennradfahrern nicht vor die Flinte zu laufen. Die Dynamik auf dem Asphalt ist manchmal etwas rau, aber man gewöhnt sich schnell an das ständige „Klingeling“, das als freundliche Warnung durch die Luft schallt. In den Abendstunden, wenn das Licht golden wird und die Schatten länger werden, legen die Inlineskater los und gleiten fast lautlos über den glatten Boden.

Die Vogelinsel und der Blick für das Detail

Mitten im Werdersee liegt eine langgestreckte Insel, die für Menschen absolut tabu ist. Das ist die sogenannte Vogelinsel. Hier haben Graureiher, Kormorane und diverse Entenarten das Sagen. Es ist faszinierend zu beobachten, wie unbeeindruckt die Tiere vom menschlichen Treiben am Ufer sind. Mit einem Fernglas bewaffnet lassen sich hier Szenen beobachten, die man so nah an einer Großstadt kaum vermuten würde. Manchmal sieht man einen Fischreiher, der wie eine Statue am Wasserrand verharrt, bevor er blitzschnell zuschlägt. Diese kleine Wildnis mitten im Gewässer gibt dem Ort eine ökologische Tiefe, die über den reinen Freizeitwert hinausgeht.

Hinter der Vogelinsel weitet sich der See und bietet Platz für Ruderer und Kanuten. Es gibt einen kleinen Bootsverleih, der zwar keine High-End-Yachten im Angebot hat, aber für eine gemütliche Tour über das Wasser völlig ausreicht. Vom Wasser aus wirkt die Perspektive auf die Stadt noch einmal ganz anders. Die Pappeln am Ufer rauschen im Wind und die Geräusche der nahen Hauptverkehrsstraßen werden fast vollständig geschluckt. Man paddelt an den Hausbooten vorbei, die am Übergang zur Kleinen Weser liegen, und bekommt einen kurzen Einblick in eine alternative, wassernahe Lebensweise, die viele Bremer insgeheim beneiden.

Ein echter Geheimtipp für Naturfreunde ist der Schilfgürtel am Südufer. Während die Nordseite eher parkähnlich und gepflegt wirkt, darf es hier etwas wilder zugehen. Im Frühjahr quaken die Frösche so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Es ist ein herrlicher Krach, der einen für einen Moment vergessen lässt, dass man sich in einer Stadt mit über einer halben Million Einwohnern befindet. Man muss hier allerdings mit Mücken rechnen, die besonders in der Dämmerung recht angriffslustig werden können. Ein bisschen Autan im Gepäck schadet also nicht, wenn man den Sonnenuntergang am Südufer genießen will.

Praktische Tipps für den perfekten Tag am Deich

Hunger und Durst sind am Werdersee kein Problem, sofern man sich im westlichen Bereich aufhält. Dort gibt es das „Kuhhirten“-Viertel, eine historische Ecke mit Gastronomie, die schon seit Ewigkeiten existiert. Der Gasthof zum Kuhhirten ist eine Institution. Hier kann man nach einer Umrundung des Sees einkehren und sich ein kühles Bier oder eine Portion Knipp gönnen, diese typisch bremische Grützwurst, die man entweder liebt oder hasst. Es gibt wenig dazwischen. Für den schnellen Hunger zwischendurch finden sich oft mobile Eiswagen oder kleine Kioske in der Nähe der großen Liegewiesen.

Toiletten sind hingegen so ein Thema. Es gibt zwar öffentliche Anlagen, aber die Wege dorthin können lang sein, wenn man sich am falschen Ende des Sees niedergelassen hat. Es empfiehlt sich, die Standorte der festen Toilettenhäuschen vorab kurz zu checken, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden. Sauberkeit wird hier großgeschrieben, aber an besucherstarken Wochenenden stoßen die Kapazitäten auch mal an ihre Grenzen. Apropos Sauberkeit: Die Bremer Stadtreinigung leistet Schwerstarbeit, um die Müllberge nach einem Grillabend zu bändigen. Es gehört zum guten Ton, seinen Abfall wieder mitzunehmen oder in die bereitgestellten Großbehälter zu entsorgen. Nichts ist nerviger als eine Scherbe im Fuß, wenn man barfuß zum Wasser läuft.

Sinnvoll ist es auch, die Windrichtung im Auge zu behalten. Da der See sehr offen liegt, kann es ziehen wie Hechtsuppe. Selbst wenn in den engen Gassen der Neustadt Windstille herrscht, weht auf dem Deich oft eine ordentliche Brise. Eine leichte Jacke im Rucksack ist daher nie verkehrt, besonders wenn man plant, bis zum Abend zu bleiben. Wenn die Sonne hinter den Kirchtürmen der Altstadt versinkt und sich der Himmel violett verfärbt, wird es schlagartig kühl, aber das ist oft der schönste Moment des ganzen Tages. Die Hektik weicht einer friedlichen Stille, und nur noch das ferne Rauschen des Wehrs erinnert daran, dass das Wasser hier in ständiger Bewegung ist.

Ein Ort für alle Jahreszeiten

Man macht einen Fehler, wenn man den Werdersee nur als Sommerziel abstempelt. Im Herbst, wenn der Nebel morgens über dem Wasser steht und die Blätter der Pappeln leuchtend gelb werden, hat das Gebiet eine fast schon melancholische Schönheit. Es ist dann die Zeit der langen Spaziergänge, bei denen man den Kopf mal so richtig freipusten lassen kann. Die Luft ist klar und riecht nach feuchter Erde und Laub. Es sind deutlich weniger Menschen unterwegs, was die Atmosphäre intimer macht. Man begegnet denselben Gesichtern: den passionierten Hundebesitzern, deren Vierbeiner mit Begeisterung in die kalten Fluten springen, und den wettergegerbten Langstreckenläufern.

Im Winter wird es richtig spannend, wenn es knackig kalt wird. In sehr strengen Wintern friert der Werdersee zu. Dann passiert etwas Magisches: Die Bremer holen ihre Schlittschuhe aus dem Keller und der See verwandelt sich in eine riesige Eisbahn. Zwar wird das Eis offiziell selten freigegeben, aber das hält die Massen meist nicht ab, sobald die Schicht dick genug erscheint. Es werden Glühweinbuden am Rand aufgebaut und die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein. Man muss diesen norddeutschen Optimismus bewundern, der selbst bei Minusgraden eine riesige Open-Air-Party veranstaltet. Wenn der See nicht zufriert, bleibt er ein Ort der Ruhe, an dem man wunderbar beobachten kann, wie die Natur Winterschlaf hält.

Mit dem Frühling kehrt das Leben explosionsartig zurück. Die ersten warmen Sonnenstrahlen locken die Krokusse aus dem Deich und die Bremer aus ihren Häusern. Es ist diese ganz spezielle Aufbruchstimmung, wenn man das erste Mal wieder ohne dicke Winterjacke auf einer Bank am Ufer sitzen kann. Die ersten Mutigen wagen sich schon im Mai ins Wasser, auch wenn das Thermometer noch weit von Wohlfühltemperaturen entfernt ist. Aber der Bremer an sich ist nicht zimperlich. Der Werdersee ist eben kein künstliches Erlebnisbad, sondern ein lebendiges Stück Natur, das sich ständig wandelt und gerade deshalb nie langweilig wird. Es ist dieses unaufgeregte „Buten un Binnen“, das diesen Ort so besonders macht.

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