Berlin

Die "Späti"-Kultur: Warum das Wegbier zum Berliner guten Ton gehört

Wenn die Supermärkte ihre Türen verriegeln, erwacht in Berlin ein anderes Leben unter dem Surren der Neonröhren. Ein kühles Bier in der Hand und der Asphalt unter den Sohlen sind hier keine Notlösung, sondern gelebte Freiheit. Willkommen in der Welt der Spätis, wo der Kiez niemals wirklich schläft.

Berlin  |  Essen, Trinken & Nachtleben
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Zwischenablage

Es ist kurz nach 22 Uhr an einem Dienstag. In München werden die Gehwege hochgeklappt, in Zürich erlischt die Straßenbeleuchtung in den Wohngebieten fast metaphorisch, doch in Berlin beginnt jetzt erst die eigentliche Rushhour der Gemütlichkeit. Man läuft durch die Straßen von Neukölln oder Friedrichshain, vorbei an dunklen Schaufenstern von Bäckereien und Apotheken, bis plötzlich ein warmes, oft grelles Licht den Gehweg flutet. Bunte Leuchtreklamen versprechen "Open", "24h" oder schlicht "Bier". Das ist der Späti. Der Spätkauf. Eine Institution, die sich jeder rationalen Einzelhandelslogik widersetzt und genau deshalb so unverzichtbar für das soziale Gefüge dieser Stadt geworden ist.

Ein Späti ist technisch gesehen ein Kiosk. Aber wer dieses Wort benutzt, verrät sich sofort als Außenstehender. Ein Kiosk verkauft Zeitungen und Kaugummi am Bahnhof. Ein Späti hingegen ist die Speisekammer, der Beichtstuhl und der Dorfbrunnen des Kiezes in einem. Er ist die Rettung, wenn am Sonntag die Milch für den Kaffee fehlt, und er ist die erste Anlaufstelle, wenn der Abend noch zu jung ist, um nach Hause zu gehen, aber das Portemonnaie zu leer für eine Bar.

Die Einrichtung folgt dabei meist einer pragmatischen Ästhetik des Überflusses. Regale, die bis unter die Decke mit Weinflaschen, Chipsdosen, Tabakbeuteln und Schokolade gefüllt sind, bilden enge Gassen. Der Boden ist oft mit Linoleum ausgelegt, das schon bessere Jahrzehnte gesehen hat, und irgendwo im Hintergrund läuft ein Fernseher mit türkischen Nachrichten oder einem Fußballspiel. Es riecht nach einer Mischung aus kaltem Rauch, Reinigungsmittel und bedrucktem Papier. Genau dieser Geruch bedeutet für viele Berliner Heimat.

Kurz & Kompakt
  • Öffnungszeiten: Die meisten Spätis öffnen gegen Mittag und schließen erst tief in der Nacht (oft 2 bis 4 Uhr morgens), manche haben rund um die Uhr ("24h") geöffnet. Sonntags ist die Lage rechtlich kompliziert, aber viele Läden sind dennoch "offen".
  • Das "Wegbier": Das Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit ist in Berlin legal und gesellschaftlich akzeptiert (außer in wenigen Verbotszonen und im öffentlichen Nahverkehr).
  • Pfand gehört daneben: Leere Pfandflaschen wirft man in Berlin nicht in den Mülleimer! Stell sie gut sichtbar unter oder neben den Mülleimer, damit Flaschensammler leicht drankommen.

Das Phänomen Wegbier

Zentraler Bestandteil dieser Kultur ist das sogenannte Wegbier. In vielen Teilen der Welt, besonders in den USA oder Großbritannien, würde das öffentliche Trinken von Alkohol zu Bußgeldern oder verächtlichen Blicken führen. In Berlin gehört es zum guten Ton. Man trifft sich nicht direkt in der Bar. Man trifft sich am U-Bahnhof, geht zum nächsten Späti, kauft sich ein "Sterni" (Sternburg Export) oder ein Berliner Kindl und spaziert dann erst los. Der Weg ist hier tatsächlich das Ziel, oder zumindest ein sehr angenehmer Teil davon.

Dabei hat das Wegbier, manchmal liebevoll "Fußpils" genannt, eine soziale Funktion. Es entschleunigt. Wer eine offene Flasche in der Hand hält, rennt nicht. Man schlendert. Es bricht das Eis, wenn man in einer Gruppe unterwegs ist. Das helle Klirren, wenn zwei Flaschenhälse aneinanderstoßen, ist der inoffizielle Soundtrack der Berliner Nacht. Niemand schaut einen schief an, wenn man im Anzug oder im Abendkleid mit einer Flasche in der Hand in die Ringbahn steigt. Es ist der kleinste gemeinsame Nenner einer Stadt, die ansonsten oft durch soziale Unterschiede geprägt ist.

Interessant ist hierbei die Preispolitik. Das Wegbier ist demokratisch. Für unter einen Euro bekommt man oft schon eine Flasche, Pfand inklusive. Natürlich gibt es inzwischen auch in den Spätis das Phänomen der Gentrifizierung. Neben dem klassischen Pils stehen heute oft Pale Ales aus kleinen Mikrobrauereien, die so viel kosten wie eine ganze Mahlzeit in einer Kantine. Doch das Rückgrat des Umsatzes bleibt das einfache, ehrliche Bier, das man im Vorbeigehen mitnimmt.

Cornern: Wenn der Gehweg zum Wohnzimmer wird

Ein Begriff, der untrennbar mit der Späti-Kultur verbunden ist, lautet "Cornern". Er beschreibt das Herumstehen oder Sitzen an Straßenecken, meist in direkter Nähe zu einem Späti. Besonders im Sommer, wenn die Berliner Altbauwohnungen die Hitze des Tages speichern wie ein Backofen, verlagert sich das Leben nach draußen. Vor den populären Spätis, etwa am Schlesischen Tor oder in der Weserstraße, stehen einfache Bierbänke. Oft reichen die Sitzplätze nicht aus, also setzt man sich auf den Bordstein, auf Stromkästen oder lehnt an Hauswänden.

Hier mischen sich die Milieus auf eine Weise, die keine Stadtplanung erzwingen könnte. Der Student diskutiert mit dem Bauarbeiter, Touristen versuchen, das Pfandsystem zu verstehen, und Ur-Berliner schimpfen liebevoll über die Veränderungen im Viertel. Der Späti-Betreiber kennt seine Pappenheimer. Er weiß, wer anschreiben lassen darf und wer besser Vorkasse leistet. Manche dieser Verkäufer sind schweigsame Beobachter, andere sind die besten Geschichtenerzähler der Stadt.

Die Atmosphäre beim Cornern ist eigenwillig friedlich. Obwohl Alkohol fließt und Menschenmassen auf engem Raum zusammenkommen, gibt es selten Aggressionen. Vielleicht liegt es daran, dass der öffentliche Raum hier von allen gleichermaßen beansprucht wird. Es gibt keinen Türsteher, keinen Dresscode und keinen Konsumzwang, abgesehen von dem Getränk, das man sich gerade gekauft hat.

Der Kampf um den Sonntag

Doch die Idylle trügt manchmal. Die Existenz der Spätis ist ein ständiges Ringen mit der Bürokratie. Besonders der Sonntag ist ein Zankapfel. Laut Berliner Ladenschlussgesetz dürften viele Spätis sonntags eigentlich nur Reisebedarf verkaufen oder müssten ganz geschlossen bleiben, sofern sie nicht als Gaststätte lizenziert sind oder an Bahnhöfen liegen. Die Realität sieht oft anders aus. Viele öffnen trotzdem, manche kleben die Fenster mit Papier ab, um den Anschein eines geschlossenen Ladens zu wahren, während drinnen der Verkauf weitergeht. Andere deklarieren sich kreativ um.

Es gab Phasen, in denen das Ordnungsamt streng durchgriff. Bußgelder hagelte es, Existenzen standen auf dem Spiel. Die Berliner reagierten mit Unverständnis. Für sie ist der Späti am Sonntag essenziell. Wo sonst bekommt man die vergessene Butter oder das Katerfrühstück? Die Politik hat das Problem erkannt, aber eine wirklich rechtssichere Lösung, die alle zufriedenstellt, bleibt oft ein juristisches Flickwerk. Dieser Zustand der Hallegalität passt allerdings auch irgendwie zu Berlin. Man arrangiert sich. Man drückt ein Auge zu. Leben und leben lassen.

Mehr als nur Alkohol

Wer den Späti nur auf Bier reduziert, tut ihm Unrecht. Das Sortiment ist eine Wunderkammer des urbanen Bedarfs. Man findet hier Grillkohle im Dezember, Wasserpistolen im Februar und Socken rund um die Uhr. Manche Spätis haben sich spezialisiert. Es gibt Läden mit einer Auswahl an internationalen Softdrinks, die jeden Importeur neidisch machen würde. Andere fungieren als inoffizielle Paketannahmestelle für die gesamte Nachbarschaft, sehr zum Leidwesen der oft genervten Verkäufer, die sich durch Berge von Kartons wühlen müssen.

Ein wichtiger Aspekt ist auch die soziale Kontrolle. Ein beleuchteter, offener Späti in einer dunklen Straße gibt ein Gefühl von Sicherheit. Da ist jemand. Da ist Licht. Man ist nicht allein. Für viele alleinstehende ältere Menschen ist der tägliche Gang zum Späti, um die Zeitung zu holen, der wichtigste soziale Kontakt des Tages. Ein kurzes Gespräch über das Wetter, ein Nicken, man kennt sich. Diese menschliche Komponente wird in Debatten über Lärmschutz und Verkaufszeiten gerne übersehen.

Der Späti-Knigge

Wer als Besucher in diese Welt eintauchen will, sollte ein paar ungeschriebene Gesetze beachten. Erstens: Das Leergut. Pfandflaschen gehören nicht in den Müll. In Berlin stellt man die leere Flasche "drunter". Das heißt, man platziert sie vorsichtig unter oder neben den öffentlichen Mülleimer, damit Pfandsammler sie mitnehmen können, ohne im Abfall wühlen zu müssen. Es ist eine kleine Geste der Solidarität.

Zweitens: Die Lautstärke. Auch wenn man sich auf der Straße wie im eigenen Wohnzimmer fühlt, wohnen direkt darüber Menschen, die vielleicht am nächsten Morgen arbeiten müssen. Cornern ja, Grölen nein. Wer das respektiert, wird selten Probleme bekommen.

Drittens: Geduld. Die Schlange im Späti kann lang sein, besonders am Freitagabend. Wer jetzt drängelt oder mit großen Geldscheinen wedelt, macht sich unbeliebt. Kleingeld wird gerne gesehen. Und ein freundliches "Schönen Abend noch" beim Rausgehen ist keine Pflicht, aber es unterscheidet den Touristen vom Berliner.

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