Bremen

Backstein-Wahnsinn: Warum die Böttcherstraße mehr als nur eine Gasse ist

Hundert Meter pure Eigenwilligkeit. In der Böttcherstraße trifft Backstein-Expressionismus auf hanseatischen Eigensinn. Wer hier durchläuft, begreift, dass Bremen viel mehr als nur Stadtmusikanten kann.

Bremen  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Wer vom Marktplatz aus unter dem goldenen Lichtbringer hindurchtaucht, verlässt die klassische Hanse-Gemütlichkeit und landet in einer Welt, die so eigentlich gar nicht existieren dürfte. Die Böttcherstraße ist kein gewachsener Stadtteil, sondern ein bewusst inszeniertes Gesamtkunstwerk. Ursprünglich hausten hier die Fassmacher, die namensgebenden Böttcher, in baufälligen Buden. Dass aus dieser eher schmuddeligen Ecke eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Deutschlands wurde, verdankt Bremen dem Kaffeekaufmann Ludwig Roselius. Der Erfinder des koffeinfreien Kaffees hatte nicht nur viel Geld, sondern auch eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie norddeutsche Identität auszusehen hat. Man merkt beim Gehen sofort, dass hier jeder Stein mit Absicht gesetzt wurde.

Es riecht in der Gasse oft nach gerösteten Mandeln und süßen Bonbons, was einen merkwürdigen Kontrast zu der eher strengen, fast schon düsteren Architektur bildet. Die Fassaden aus rotem Backstein wirken massiv, fast ein bisschen abweisend, wären da nicht die unzähligen Details. Überall finden sich kleine Skulpturen, schräge Winkel und Muster im Mauerwerk, die das Auge ständig beschäftigen. Es ist kein Ort zum schnellen Durchrennen. Man muss den Kopf in den Nacken legen, um die Feinheiten der Architektur zu erfassen. Die Straße ist eng, was an grauen Tagen eine fast höhlenartige Atmosphäre erzeugt, während das Gold des Lichtbringers am Eingang bei Sonnenschein fast schon unangenehm blendet.

Kurz & Kompakt
  • Bauzeit: Die Straße wurde zwischen 1922 und 1931 fast vollständig neu gestaltet.
  • Architektur: Einzigartiges Beispiel für den Backstein-Expressionismus, maßgeblich geprägt durch Bernhard Hoetger.
  • Highlights: Das Haus des Glockenspiels mit Meißner Porzellanglocken und das Paula-Modersohn-Becker-Museum sind die kulturellen Ankerpunkte.
  • Erlebnis: Ideal für Fans von Kunsthandwerk, Architektur und regionaler Geschichte, am besten abseits der Stoßzeiten genießen.

Bernhard Hoetger und die steinerne Vision

Ohne Bernhard Hoetger wäre die Böttcherstraße wohl nur eine hübsche Einkaufsmeile geblieben. Der Bildhauer und Architekt war ein enger Freund von Roselius und brachte den Geist des Expressionismus in die Stadt. Sein Stil ist kantig, manchmal fast schon grotesk. Das merkt man besonders am Paula-Modersohn-Becker-Haus. Es war das weltweit erste Museum, das einer Malerin gewidmet wurde. Die organischen Formen des Gebäudes erinnern eher an eine Skulptur als an ein klassisches Haus. Die Treppenhäuser im Inneren sind eng und verwinkelt, fast so, als wollte Hoetger die Besucher absichtlich ein bisschen verwirren. Es knarrt hier und da, die Akustik ist dumpf, und man fühlt sich wie in einer anderen Zeitkapsel gefangen.

Spannend ist dabei, dass diese Architektur zur Zeit ihrer Entstehung zwischen 1922 und 1931 extrem umstritten war. Die Nationalsozialisten konnten mit diesem „entarteten“ Backstein-Expressionismus rein gar nichts anfangen. Dass die Straße den Krieg einigermaßen überstanden hat, ist fast ein Wunder. Wenn man vor dem Robinson-Crusoe-Haus steht, das die Geschichte des berühmten Schiffbrüchigen erzählt, spürt man diesen Drang zur Weltläufigkeit, den Roselius so sehr liebte. Die geschnitzten Holztafeln im Inneren des Hauses wirken fast ein wenig naiv, aber sie passen perfekt in das Gesamtkonzept dieser utopischen Straße. Manchmal wirkt das Ganze wie ein begehbares Bilderbuch, das man erst beim zweiten oder dritten Mal richtig lesen kann.

Glockenspiel und hanseatische Gelassenheit

Ein absoluter Touristenmagnet, um den man kaum herumkommt, ist das Glockenspiel zwischen dem Haus des Glockenspiels und dem Roselius-Haus. Dreimal täglich, im Sommer öfter, drehen sich hier die hölzernen Tafeln mit den Bildnissen berühmter Ozeanbezwinger, während dreißig Glocken aus Meißner Porzellan eine Melodie klimpern. Es ist ein bisschen kitschig, ja, aber auch irgendwie rührend. Die Leute bleiben stehen, halten ihre Handys hoch und schweigen für einen Moment. Das helle Klirren des Porzellans bricht die Schwere des Backsteins auf eine angenehme Weise. Man sollte sich aber nicht nur auf die Musik konzentrieren, sondern auch mal einen Blick in die kleinen Hinterhöfe werfen. Dort ist es oft erstaunlich ruhig, weit weg vom Trubel der Ausflugsgruppen.

In den Höfen findet man Werkstätten, in denen Gold- und Silberschmiede arbeiten oder Glas geblasen wird. Es ist kein billiger Souvenir-Quatsch, der hier verkauft wird, sondern echtes Handwerk. Das hat natürlich seinen Preis, aber allein das Zuschauen lohnt sich. Wenn man Glück hat, erwischt man einen der Handwerker bei einer kurzen Pause und bekommt vielleicht eine kleine Anekdote über die Tücken der alten Bausubstanz zu hören. Denn so ein Gesamtkunstwerk aus den 1920er Jahren braucht ständige Pflege. Der salzige Wind von der Weser und der Bremer Regen setzen dem weichen Backstein ordentlich zu. Es bröckelt immer irgendwo ein bisschen, was der Straße aber auch einen gewissen Charme verleiht. Es ist eben kein gelecktes Museum, sondern ein Ort, der benutzt wird.

Zwischen Kommerz und Kultur

Natürlich ist die Böttcherstraße heute auch ein wirtschaftlicher Faktor. Es gibt gehobene Gastronomie und exklusive Läden. Aber man hat nie das Gefühl, in einer sterilen Shoppingmall gelandet zu sein. Das liegt vor allem an der räumlichen Enge und der Vielfalt der Perspektiven. Man kann hier wunderbar einen „Kaffee HAG“ trinken, um dem Schöpfer der Straße die Ehre zu erweisen, auch wenn die Marke heute woanders produziert wird. Die Atmosphäre in den Restaurants ist oft gediegen, fast schon ein bisschen hanseatisch-steif, aber das gehört hier einfach dazu. Man setzt sich hin, beobachtet die Passanten und lässt die Architektur auf sich wirken. Besonders abends, wenn die Tagestouristen weg sind und die Laternen die roten Steine in ein warmes, fast schon mystisches Licht tauchen, entfaltet die Gasse ihre wahre Magie.

Umgangssprachlich sagen viele Bremer, die Böttcherstraße sei ihre „Gute Stube“. Das trifft es eigentlich ganz gut. Es ist ein Ort, den man seinen Gästen zeigt, auf den man stolz ist, auch wenn man selbst vielleicht nur selten dort einkauft. Es ist diese Mischung aus hanseatischem Kaufmannstum und künstlerischer Rebellion, die diese hundert Meter so einzigartig macht. Man spürt den Geist von Paula Modersohn-Becker, die hier zwar nie gewohnt, aber deren Kunst hier eine Heimat gefunden hat. Ihre Bilder, die oft so erdig und echt wirken, passen hervorragend zu der groben Struktur des Backsteins. Wer sich für Kunst interessiert, sollte für das Museum unbedingt Zeit einplanen. Es ist nicht groß, aber die Wirkung der Räume ist gewaltig.

Praktische Tipps für den Bummel

Am besten nähert man sich der Straße vom Marktplatz aus. Wenn man durch das Schütting-Portal kommt, liegt der Eingang quasi direkt vor der Nase. Man sollte sich nicht von den Menschenmassen abschrecken lassen, die meistens nur bis zum Glockenspiel laufen. Wer weitergeht, Richtung Weser, entdeckt noch viele kleinere Details. Dort, wo die Straße auf die Martinistraße trifft, wird es moderner, aber der Übergang ist fließend. Ein kleiner Tipp für den Hunger zwischendurch: Die Bremer Bonbon-Manufaktur direkt in der Gasse. Man kann dabei zusehen, wie die bunten Massen auf dem warmen Tisch geknetet werden. Es riecht dort so intensiv nach Zucker und Frucht, dass einem fast schwindelig wird, aber die frisch gemachten Bonbons sind jede Sünde wert.

Wer es etwas ruhiger mag, sollte die frühen Morgenstunden nutzen. Wenn die Geschäfte noch zu sind und nur die Lieferwagen der Gastronomie durch die Gasse poltern, wirkt die Architektur noch viel monumentaler. Man hört das Echo der eigenen Schritte auf dem Kopfsteinpflaster, was fast schon ein bisschen unheimlich sein kann. Dann sieht man erst richtig, wie meisterhaft die verschiedenen Backsteinverbände gemauert sind. Da gibt es Zickzack-Muster, vorspringende Steine und kunstvolle Rundbögen. Es ist ein Lehrstück in Sachen Materialkunde. Dass Roselius hierfür Unmengen an Geld ausgegeben hat, sieht man an jeder Ecke. Er wollte etwas Bleibendes schaffen, und das ist ihm zweifellos gelungen.

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