Es beginnt meistens mit leichter Verwirrung. Du stehst vor den Neukölln Arkaden an der Karl-Marx-Straße, einem Einkaufszentrum, das seinen funktionalen Charme der neunziger Jahre kaum verbergen kann und will. Zwischen Drogeriemärkten und Fast-Food-Ketten suchst du den Weg nach oben. Es ist fast schon ein kleines Ritual in Berlin, dass die besten Orte nicht sofort ins Auge springen, sondern erarbeitet werden wollen. Du nimmst den Fahrstuhl, drückst auf den Knopf für die fünfte Etage und landest auf einem Parkdeck. Grau, funktional, riecht nach Gummiabrieb und Abgasen. Doch dann siehst du die Rampe. Sie führt noch ein Stück höher, ins Freie, und schon beim Hochlaufen merkst du, wie sich die Atmosphäre wandelt. Der Lärm der wuseligen Hauptstraße unten wird zu einem gedämpften Rauschen. Oben angekommen stehst du nicht etwa vor einer polierten Lobby, sondern vor einem charmant zusammengeschusterten Holztor. Willkommen auf dem Klunkerkranich.
Man muss ehrlich sein. Der erste Eindruck ist für Neulinge oft eine Mischung aus Skepsis und Staunen. Es sieht ein wenig so aus, als hätten Pippi Langstrumpf und ein Berliner Bauingenieur gemeinsam eine Hütte gebaut. Überall Holzpaletten, Kübelpflanzen, bunte Wimpel und dazwischen der nackte Beton des Parkhauses. Es ist unfertig. Es ist rau. Und genau deshalb funktioniert es so gut.
Kurz & Kompakt - Adresse & Zugang: Karl-Marx-Straße 66, 12043 Berlin. Zugang über die "Neukölln Arkaden". Mit dem Aufzug (am Eingang bei der Postbank/Bibliothek) in die 5. Etage (P5), dann zu Fuß die Rampe hoch.
- Anfahrt: U-Bahn U7 bis Haltestelle "Rathaus Neukölln". Von dort sind es nur wenige Schritte in das Einkaufszentrum.
- Kosten & Zahlung: Je nach Uhrzeit und Programm fällt ein kleiner Eintritt an (meist zwischen 3 und 8 Euro). Kartenzahlung ist an der Bar möglich, aber etwas Bargeld für den Eintritt oder kleine Stände schadet in Berlin nie.
- Beste Zeit: Unter der Woche gegen 16 oder 17 Uhr, um dem größten Andrang zu entgehen und den besten Platz für den Sonnenuntergang zu sichern.
Ein Garten, der keiner sein sollte
Der Klunkerkranich ist technisch gesehen ein Kulturdachgarten. Das klingt im ersten Moment nach einem bürokratischen Ungetüm, trifft den Kern der Sache aber ziemlich genau. Seit 2013 wird hier oben gewerkelt und gepflanzt. Was als temporäres Projekt begann, hat sich zu einer festen Instanz im Berliner Nacht- und Taglieben entwickelt. Du findest hier keine akkurat geschnittenen englischen Rasenflächen. Stattdessen wachsen Kräuter, Tomaten und wilder Wein in alten Badewannen oder selbst gezimmerten Hochbeeten. Es ist Urban Gardening in seiner pragmatischsten Form. Bienenstöcke gibt es auch. Mitten in Neukölln.
Interessant ist dabei, wie die Macher den Raum nutzen. Die Fläche ist riesig. Es gibt verschiedene Ebenen, Nischen und Podeste. Man kann sich in kleine Gruppen zurückziehen oder an langen Tischen sitzen, die aus alten Kabeltrommeln oder Gerüstbohlen bestehen. Nichts passt wirklich zusammen, aber alles ergibt ein Bild. Es ist dieser typische Berliner "Shabby Chic", der mittlerweile oft kopiert wird, hier aber seine authentischen Wurzeln hat. Manchmal wackelt der Tisch ein bisschen. Manchmal hat man einen Splitter im Finger, wenn man über das Geländer streicht. Das gehört dazu. Es ist eben kein steriles Rooftop einer Hotelkette, wo der Cocktail fünfzehn Euro kostet und der Dresscode kontrolliert wird.
Die Sache mit der Aussicht
Kommen wir zum Elefanten im Raum beziehungsweise auf dem Dach. Die Aussicht. Sie ist der eigentliche Grund, warum sich an warmen Sommerabenden Schlangen bis ins Treppenhaus bilden. Der Blick ist phänomenal und unverstellt. Du schaust über das Häusermeer von Neukölln und Kreuzberg, siehst die schneeweißen Kuppeln am Kottbusser Tor und natürlich den Fernsehturm, der wie eine Nadel in den Himmel sticht. Besonders am späten Nachmittag, wenn die Sonne langsam sinkt, entwickelt der Ort eine fast magische Anziehungskraft. Das Licht wird weich, der Beton strahlt Wärme ab und ganz Berlin scheint in ein goldenes Rosa getaucht zu sein.
Es ist fast schon ein kollektives Erlebnis. Wenn die Sonne den Horizont berührt, verstummen viele Gespräche kurz. Handys werden gezückt. Hunderte Fotos entstehen in der gleichen Sekunde. Man könnte das kitschig finden. Oder man bestellt sich einfach noch ein Bier und genießt, dass man gerade nirgendwo anders sein muss. Der Wind weht hier oben meist etwas frischer als unten in den Straßenschluchten, was an heißen Augusttagen eine echte Erlösung ist. Im Herbst zieht man sich einfach den Schal enger.
Gastronomie ohne Schnickschnack
Wer hier oben Haute Cuisine erwartet, ist falsch gewickelt. Das kulinarische Angebot passt sich der Umgebung an. Es ist bodenständig. Es gibt eine Kantine, die wechselnde Gerichte anbietet, oft Pasta, Pizza oder Salate. Alles solide, nichts weltbewegendes, aber es macht satt und ist bezahlbar. Viel wichtiger ist ohnehin die Bar. Das Bier kommt meist in der Flasche oder im einfachen Glas, die Weinauswahl ist überschaubar, aber okay. Die Preise sind für Berliner Verhältnisse und in Anbetracht der Lage fair. Du holst dir deine Getränke selbst an der Theke. Service am Tisch gibt es draußen in der Regel nicht.
Ein kleines Detail am Rande, das Besucher oft überrascht: Es herrscht Pfand-Disziplin. Jede Flasche, jedes Glas wird mit einer Pfandmarke ausgegeben. Das System sorgt dafür, dass auf dem weitläufigen Gelände kein Glasbruch herumliegt. Wenn du dein Leergut zurückbringst, kriegst du den Chip oder das Geld wieder. Simpel. Manchmal bildet sich an der Bar eine ziemliche Traube, besonders wenn gerade ein DJ ein neues Set beginnt oder die Sonne weg ist und alle gleichzeitig frösteln und nach drinnen wollen.
Drinnen ist das neue Draußen
Der Klunkerkranich besteht nämlich nicht nur aus der riesigen Terrasse. Es gibt auch den Innenbereich, liebevoll "Wohnzimmer" genannt. Hier findet das Leben statt, wenn es regnet oder der Berliner Winter mal wieder sechs Monate dauert. Die Einrichtung ist noch wilder zusammengewürfelt als draußen. Alte Sofas, Teppiche, die schon bessere Zeiten gesehen haben, und eine kleine Bühne. Hier ist der musikalische Herzschlag des Ladens. Das Programm ist so divers wie der Bezirk selbst. Mal legt ein DJ entspannten House auf, mal spielt eine Jazz-Band, mal gibt es experimentelle elektronische Klänge. Es ist selten aggressive Clubmusik, sondern eher ein Soundtrack zum Wippen und Nicken.
Spannend ist auch, dass der Ort nicht nur Party kann. Tagsüber finden oft Flohmärkte statt, bei denen man Second-Hand-Kleidung oder Vinylplatten stöbern kann. Es gibt Workshops zu Themen wie Nachhaltigkeit oder Gärtnern. Sonntags sieht man auch mal Familien mit Kindern, die den Sandkasten (ja, es gibt einen Sandkasten) nutzen, während die Eltern einen Kaffee trinken. Diese Mischung macht den Charme aus. Es ist kein reiner Party-Tempel, sondern ein soziokultureller Raum.
Wann man kommen sollte und wann besser nicht
Timing ist beim Klunkerkranich alles. An einem Freitag- oder Samstagabend im Juli, kurz vor Sonnenuntergang? Da brauchst du Geduld. Die Schlange kann lang sein, und wenn das Deck voll ist, ist Einlassstopp. Türsteher gibt es, aber die achten weniger auf deine Schuhe als darauf, dass oben keine Panik ausbricht. Wer schlau ist, kommt unter der Woche oder am späten Nachmittag. Dann ist die Stimmung entspannter, man findet leichter einen Sitzplatz und muss nicht um jeden Quadratmeter kämpfen. Ein Eintrittsgeld wird oft verlangt, besonders wenn Programm ist oder DJs auflegen. Das sind meist nur ein paar Euro, die direkt in das Kulturprogramm fließen.
Auch der Winter hat seinen Reiz. Viele denken, ein Parkdeck sei nur was für den Sommer. Falsch. Im Dezember gibt es hier oben oft einen der schönsten Weihnachtsmärkte der Stadt. Fernab vom Kitsch großer Plätze gibt es hier handgemachtes Design, Glühwein und Feuerstellen. Der Wind pfeift dann zwar ordentlich um die Ecken, aber der Blick auf das winterliche, graue Berlin, während man die Hände an einer Tasse wärmt, hat eine ganz eigene Melancholie.