Berlin

Drachenberg bei Sonnenuntergang: Das beste Panorama für Picknick-Fans

Hier draußen gibt es ordentlich Wind um die Nase, wildes Gras unter der Decke und Berlin liegt dir wortwörtlich zu Füßen. Ein ehrlicher Berg für alle, die für einen guten Ausblick auch mal ins Schwitzen kommen wollen.

Berlin  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Es brennt ein wenig in den Waden, das gehört dazu. Wer den Drachenberg bezwingen will, muss erst einmal arbeiten, denn Aufzüge oder Rolltreppen sucht man hier vergebens. Vom S-Bahnhof Heerstraße kommend, führt der Weg zunächst harmlos durch den Wald, vorbei an knorrigen Kiefern und sandigem märkischen Boden, bevor sich die Topografie spürbar ändert. Man steht vor der Wahl: Nimmt man den geschlängelten, asphaltierten Weg, den sich auch Radfahrer und Skater hinaufquälen, oder wählt man die Treppe? Die meisten entscheiden sich für die Treppe. Es sind an die 280 Stufen, grob geschätzt, mal mehr, mal weniger stolperig, die direkt durch das Gehölz nach oben führen. Oben angekommen, auf rund 99 Metern über dem Meeresspiegel, pfeift der Wind oft deutlich kräftiger als unten im Tal. Der Atem geht kurz schneller, nicht nur wegen der Anstrengung, sondern weil sich der Wald plötzlich lichtet und eine Weite freigibt, die man in der eng bebauten Innenstadt so oft vermisst.

Der Drachenberg ist der kleine, kahlköpfige Bruder des Teufelsbergs. Während nebenan auf dem Teufelsberg die verfallenen Abhöranlagen der Amerikaner mit ihren weißen Kuppeln wie riesige Golfbälle in den Himmel ragen und Touristen Eintritt zahlen, bleibt der Drachenberg frei zugänglich. Er ist rau, er ist offen, und er verlangt keinen Cent, nur ein wenig physischen Einsatz. Das Plateau selbst ist weitläufig, eine Art riesige Kuppe ohne Bäume, nur mit Gras und Heide bewachsen. Genau das macht ihn so perfekt für den Rundumblick. Man fühlt sich hier oben seltsam entrückt, fast so, als wäre man gar nicht mehr in einer Millionenmetropole, sondern irgendwo an der Küste, wo der Wind das Sagen hat.

Kurz & Kompakt
  • Hinkommen: S-Bahn S3 oder S9 bis Bahnhof Heerstraße. Von dort ca. 20-25 Minuten Fußweg. Alternativ Bus M49 oder 218 bis "Haltestelle Teufelsberg" (der Fußweg ist aber ähnlich lang).
  • Ausrüstung: Picknickdecke, Proviant (kein Verkauf vor Ort!), Mülltüte (Mülleimer sind oft voll), Windjacke und festes Schuhwerk.
  • Beste Zeit: Eine Stunde vor Sonnenuntergang für das "Goldene Licht" und um noch einen guten Platz auf der Westseite zu ergattern.

Das Panorama: Berlin im Breitbildformat

Wenn du dich einmal um die eigene Achse drehst, hast du alles gesehen, was Berlin ausmacht, aber aus einer Perspektive, die Distanz schafft. Im Osten schiebt sich der Fernsehturm wie eine Nadel aus dem Häusermeer, davor das riesige Olympiastadion, dessen Dachkonstruktion von hier oben fast filigran wirkt. Man sieht das Kraftwerk Reuter West, das dampfend in den Himmel ragt, und weiter südlich den Funkturm, den "Langen Lulatsch", der besonders im Abendlicht zu glühen scheint. Der Blick reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus ins Havelland. Es ist diese Mischung aus Industrie, Urbanität und unendlichem Grün, die den Reiz ausmacht. Anders als auf Aussichtsplattformen in Mitte stehst du hier nicht im Gewühl. Du stehst drüber.

Spannend ist dabei, dass der Berg eigentlich gar kein echter Berg ist. Er ist ein Geschichtszeugnis unter unseren Schuhsohlen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden hier Millionen Kubikmeter Trümmerschutt aus dem zerstörten Berlin aufgeschüttet. Man picknickt also streng genommen auf den Resten des alten Berlins. Die Natur hat sich diesen Schuttberg längst zurückgeholt, aber die künstliche Form der Erhebung bleibt sichtbar. Es gibt keine schroffen Felsen, sondern sanfte, von Menschenhand geformte Hänge, die im Winter, wenn denn mal Schnee liegt, zur wohl rasantesten Rodelbahn der Stadt werden.

Warum er Drachenberg heißt

Der Name ist Programm. Fast immer sieht man bunte Punkte am Himmel tanzen. Die Thermik und der fast stetige Westwind machen das Plateau zum Hotspot für Drachenflieger. Hier oben treffen sich Profis, die ihre Lenkdrachen mit einer Präzision steuern, dass einem schwindelig wird, und Familien, deren einfache Plastikdrachen oft schon nach zwei Minuten im Gebüsch landen. Das Surren der Schnüre, wenn sie durch die Luft schneiden, ist das dominierende Geräusch hier oben, oft untermalt von den Rufen der Piloten. Manchmal sieht man auch Gleitschirmflieger, die ihre Schirme für kurze Hopser in den Wind stellen. Man muss ein wenig aufpassen, wo man hintritt und wo man sich hinsetzt, um nicht in eine Leine zu geraten. Aber dieses bunte Treiben sorgt für eine lebendige, fast kindliche Atmosphäre, die man an anderen "coolen" Orten der Stadt oft vergeblich sucht.

Picknick-Strategie für Fortgeschrittene

Kommen wir zum Wesentlichen: dem Essen. Anders als im Mauerpark oder auf dem Tempelhofer Feld gibt es hier oben keine Spätis, keine fliegenden Händler mit kaltem Bier und erst recht keine Currywurstbude. Du musst alles, wirklich alles, selbst hochschleppen. Das ist der Preis für die Exklusivität. Ein Rucksack ist Pflicht, die Jutebeutel schneiden auf der Treppe nur unnötig in die Finger. Wer clever ist, packt nicht nur Wein, Käse und Baguette ein, sondern auch eine feste Unterlage. Das Gras ist oft struppig, und der Boden kann nach einem Regenschauer noch lange feucht bleiben. Außerdem ist der Untergrund teilweise sandig und staubig.

Noch wichtiger ist die Kleidung. Selbst wenn es unten in der Stadt drückend heiß ist und der Asphalt flimmert, kann es hier oben frisch werden, sobald die Sonne weg ist. Der Wind kühlt aus. Ein Pullover oder eine leichte Windjacke sollten also immer im Gepäck sein, sonst endet der romantische Abend mit Zähneklappern statt mit Händchenhalten. Die besten Plätze für den Sonnenuntergang befinden sich am westlichen Rand des Plateaus. Von dort schaut man direkt der sinkenden Sonne entgegen, die oft spektakulär hinter den Hügeln der Döberitzer Heide verschwindet. Das Licht bricht sich dann in den weißen Kuppeln der Abhörstation auf dem Nachbarberg – ein fast surreales Fotomotiv, das so wohl nur Berlin bieten kann.

Die tierischen Nachbarn

Ein Wort der Warnung, das man ernst nehmen sollte, auch wenn es lustig klingt: Wildschweine. Der Grunewald ist ihr Wohnzimmer, und wir sind nur zu Besuch. Besonders in der Dämmerung trauen sich die Schwarzkittel aus dem Dickicht. Meistens interessieren sie sich nicht für die Menschen, sondern für das, was diese in den Mülleimern zurücklassen. Es kann durchaus passieren, dass es im Gebüsch neben der Treppe raschelt und grunzt. Keine Panik. In der Regel sind die Tiere an Menschen gewöhnt und friedlich, solange man Abstand hält und sie nicht füttert oder bedrängt. Wer seinen Müll ordentlich wieder mitnimmt (was ohnehin Ehrensache sein sollte), bietet weniger Anreiz für nächtliche Besuche auf der Picknickdecke. Auch Füchse sieht man hier oben gelegentlich, wie sie neugierig schauen, ob von der Stulle vielleicht eine Ecke abgefallen ist.

Wenn es dunkel wird

Sobald die Sonne weg ist, leert sich das Plateau relativ zügig. Das ist eigentlich die schönste Zeit. Die Lichter der Stadt gehen an, das Olympiastadion beginnt zu leuchten, und der Fernsehturm blinkt seinen Rhythmus in die Nacht. Es wird stiller. Das Surren der Drachen verstummt. Jetzt hat man den Berg fast für sich allein. Der Abstieg im Dunkeln erfordert allerdings Trittsicherheit. Die Treppen sind unbeleuchtet, und die Wurzeln auf den Waldwegen werden zu unsichtbaren Stolperfallen. Die Taschenlampe des Smartphones reicht meistens aus, aber man sollte den Akku im Blick behalten und nicht alles für Instagram-Stories verballern. Wer den asphaltierten Weg nach unten nimmt, ist auf der sichereren Seite, auch wenn der Umweg etwas länger dauert.

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