Wer Berlin wirklich verstehen will, muss manchmal raus aus dem Ringbahn-Bereich und rein in den Wald. Der Teufelsberg im Grunewald ist so ein Ort, der sich nicht sofort erschließt. Man fällt nicht aus der U-Bahn direkt vor die Tür. Du musst laufen. Vom S-Bahnhof Heerstraße oder Grunewald zieht sich der Weg, erst über Asphalt, dann über sandige Waldwege, stetig bergauf. Es riecht nach Kiefernnadeln und feuchter Erde, besonders nach einem Regen. Radfahrer quälen sich die Steigung hoch, Spaziergänger schnaufen. Es ist immerhin die zweithöchste Erhebung der Stadt, auch wenn "Berg" für süddeutsche Verhältnisse vielleicht übertrieben klingt. Aber für Berliner Waden reicht es allemal.
Schon von unten blitzen sie durch die Baumwipfel: die weißen Kuppeln. Sie sehen aus wie überdimensionale Golfbälle, die ein Riese im Wald vergessen hat. Je näher du kommst, desto klarer wird der Zustand. Die weiße Hülle ist zerfetzt, Stahlgerippe ragen heraus. Es hat etwas Postapokalyptisches. Hier oben pfeift der Wind fast immer ein bisschen schärfer als unten in der Stadt. Das Areal ist umzäunt, der Zutritt ist geregelt. Wildes Überklettern der Zäune war früher Volkssport, heute gibt es einen offiziellen Eingang und Sicherheitsdienst. Das nimmt dem Ganzen vielleicht den allerletzten Kick des Verbotenen, schont aber die Nerven und die Hosenböden.
Kurz & Kompakt - Anreise: S-Bahn bis "Heerstraße" oder "Grunewald". Von dort etwa 30 bis 45 Minuten Fußweg durch den Wald. Parkplätze direkt am Gelände sind Mangelware und der Weg ist für Autos gesperrt.
- Ausrüstung: Festes Schuhwerk ist Pflicht. In den Ruinen ist es oft zugig und kühler als in der Stadt, also Jacke nicht vergessen. Taschenlampe für dunkle Treppenhäuser empfohlen.
- Zugang: Das Gelände ist privatwirtschaftlich betrieben und kostenpflichtig. Es gibt keine festen Öffnungszeiten wie im Museum, meist ist ab dem späten Vormittag bis Sonnenuntergang geöffnet. Bargeld dabei zu haben schadet nie.
- Fotografie: Für private Zwecke erlaubt und ein Paradies für Motive. Professionelle Shootings oder Drohnenflüge bedürfen meist einer gesonderten Genehmigung.
Auf den Trümmern einer Stadt
Was vielen Besuchern gar nicht bewusst ist, während sie ihren Blick über den grünen Grunewald schweifen lassen: Sie stehen eigentlich auf Schutt. Der Teufelsberg ist kein Werk der Natur, sondern ein Resultat des Krieges. Nach 1945 wusste niemand, wohin mit den Ruinen Berlins. Also karrte man den Schutt hierher. Rund 26 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt türmen sich unter deinen Füßen auf. Das entspricht etwa 400.000 zerbombten Häusern. Man läuft also buchstäblich auf der geschredderten Vergangenheit der Stadt.
Noch tiefer drunter liegt ein dunkles Kapitel der Nazi-Architektur. Albert Speer hatte hier den Rohbau der "Wehrtechnischen Fakultät" errichten lassen. Ein monströses Projekt, das nie fertig wurde. Die Alliierten versuchten nach dem Krieg, den Bunker zu sprengen, aber der Beton war zu massiv. Also entschied man sich pragmatisch: Einfach alles zuschütten. So wuchs der Berg. Im Winter rodeln hier Familien, im Sommer picknicken Studenten. Dass sie dabei auf den Resten der Reichshauptstadt sitzen, ist ein Gedanke, der einem erst bei genauerem Hinsehen kommt. Es ist typisch Berlin. Geschichte wird nicht museal konserviert, sondern einfach überbaut oder benutzt.
Big Brother im Grunewald
Die eigentliche Faszination der Anlage beginnt aber mit dem Kalten Krieg. Die Amerikaner merkten schnell, dass dieser künstliche Hügel topografisch Gold wert war. Er ragte aus der norddeutschen Tiefebene heraus wie ein Leuchtturm. Perfekt, um weit in den Osten hinein zu horchen. Die NSA und britische Dienste richteten sich hier oben häuslich ein. Die "Field Station Berlin" entstand. Was heute wie eine surreale Filmkulisse wirkt, war damals Hochsicherheitszone. Ohne die höchste Sicherheitsfreigabe kam hier niemand rein.
Rund um die Uhr drehten sich die Antennen in den Kuppeln. Man hörte den Funkverkehr des Warschauer Paktes ab, fing Telefongespräche auf, analysierte Signale. Es wird erzählt, dass die Technik so sensibel war, dass man theoretisch hätte hören können, wenn ein russischer General auf der Toilette spülte. Ob das stimmt oder Seemannsgarn ist, spielt kaum eine Rolle. Die Atmosphäre der Paranoia und der totalen Überwachung hängt noch immer in den verrosteten Stahlträgern. In den fensterlosen Räumen arbeiteten hunderte Menschen im Schichtbetrieb. Es gab kein Tageslicht, nur das Flimmern der Bildschirme und das Rauschen in den Kopfhörern. Wenn du heute durch die leeren Etagen läufst, kannst du diese beklemmende Enge fast noch spüren, auch wenn jetzt der Wind durch die fehlenden Fenster pfeift.
Investoren-Träume und David Lynch
Nach dem Fall der Mauer zogen die Spione ab. Was blieb, war die Hülle. Und dann begann eine Phase, die man nur als absurdes Theater bezeichnen kann. Das Gelände wechselte die Besitzer, Pläne wurden geschmiedet und wieder verworfen. Mal sollten Luxuswohnungen entstehen, mal ein Hotel. Die skurrilste Episode lieferte der Regisseur David Lynch. Er wollte auf dem Teufelsberg eine "Friedensuniversität" bauen, basierend auf den Lehren der Transzendentalen Meditation. Man stelle sich vor: Yogaflieger auf dem Abhörberg. Das Fundament wurde sogar gesegnet, aber gebaut wurde nie.
Stattdessen holte sich die Natur das Gelände zurück. Vandalen zerschlugen, was noch heil war. Kupferdiebe rissen Kabel aus den Wänden. Es brannte mehrfach. Doch genau dieser Verfall machte den Ort für eine ganz andere Klientel attraktiv. Urban Explorer, Fotografen und vor allem Streetart-Künstler entdeckten die Betonwände als Leinwand. Heute ist der Teufelsberg eine der größten Graffiti-Galerien Europas. Kaum ein Quadratzentimeter, der nicht besprüht ist. Die Kunstwerke wechseln ständig. Was du heute siehst, ist morgen vielleicht schon übermalt. Das macht den Ort lebendig, trotz der Ruinenstimmung.
Der Klang der zerrissenen Segel
Wenn du ganz nach oben steigst, in die höchste Radarkuppel, erwartet dich ein akustisches Phänomen. Der Hall in der Kuppel ist gewaltig. Jedes Wort, jeder Schritt wird zigfach verstärkt und zurückgeworfen. Manchmal stehen Musiker dort oben und nutzen den Effekt, manchmal singen Besucher einfach nur, um sich selbst zu hören. Aber fast noch eindrucksvoller ist das Geräusch des Windes. Die Außenhaut der Kuppeln besteht aus einem festen Segeltuch-Material, das über die Jahre zerfetzt ist.
Bei starkem Wind schlagen diese Fetzen gegen das Stahlgerüst. Es klingt wie Peitschenhiebe oder wie das Segelschlagen auf einem Geisterschiff. Wumm. Wumm. Ein Rhythmus, der durch Mark und Bein geht. Zusammen mit dem Ausblick über den grünen Teppich des Grunewalds, hinüber zum Funkturm und dem Fernsehturm am Alexanderplatz, entsteht eine Stimmung, die man schwer in Worte fassen kann. Es ist friedlich und bedrohlich zugleich. Man fühlt sich weit weg von der hektischen Stadt und ist doch mittendrin in ihrer Geschichte.
Praktische Realität statt Romantik
Seien wir ehrlich: Der Besuch ist nicht mehr das wilde Abenteuer von vor zwanzig Jahren. Es gibt Kassenhäuschen und Souvenirshops. Der Eintrittspreis ist für Berliner Verhältnisse mittlerweile recht happig. Mancher Einheimische schüttelt darüber den Kopf und murmelt was von "Ausverkauf". Aber die Instandhaltung und Sicherung der Wege kostet Geld, und ohne diese Maßnahmen wäre das Gelände wohl längst komplett gesperrt. Man zahlt also quasi für die legale Sicherheit, nicht durch morsche Böden zu brechen.
Du solltest feste Schuhe anziehen. Flip-Flops sind hier oben eine dämliche Idee. Überall liegt Schutt, Glas und Metall. Es ist staubig. Im Herbst und Winter zieht es in den zugigen Ruinen wie Hechtsuppe, da hilft nur der Zwiebellook. Eine Taschenlampe kann nicht schaden, auch wenn das Smartphone meistens reicht. Die dunklen Treppenhäuser haben ihre Tücken. Führungen werden angeboten und lohnen sich oft, weil die Guides Anekdoten kennen, die auf keiner Infotafel stehen. Manche waren früher selbst hier stationiert oder kennen die Graffiti-Szene persönlich.