Stuttgart

Weinwanderung Obertürkheim: Mit dem Viertele in der Hand durch die steilsten Lagen

Wer Steilwände nur aus dem Hochgebirge kennt, hat die Obertürkheimer Weinberge noch nicht gesehen. Hier trifft schweißtreibende Handarbeit auf lässige Weinkultur.

Stuttgart  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Man verlässt die S-Bahn-Station Obertürkheim und steht erst einmal in einer Kulisse, die so gar nicht nach Postkartenidylle aussieht. Industriehallen, Gleisanlagen und der unaufhörliche Puls des Neckartals dominieren das Bild. Doch wer den Blick hebt, sieht sofort, worum es hier eigentlich geht. Wie eine grüne Wand schiebt sich der Kappelberg in den Himmel. Hier wird Weinbau nicht im Vorbeigehen erledigt, sondern im Kampf gegen die Schwerkraft. Die Hänge sind teilweise so steil, dass man sich fragt, wie die Wengerter dort oben überhaupt stehen können, ohne den Halt zu verlieren. Der Boden unter den Füßen besteht oft aus Keuper, einem Gestein, das die Wärme des Tages speichert und nachts wieder an die Reben abgibt. Das riecht man fast, wenn die Sonne auf den dunklen Grund knallt und ein leicht erdiger, staubiger Duft in der Luft liegt.

Der Einstieg in die Wanderung führt meist über schmale Gassen, die sich langsam aus dem Ortskern herauswinden. Es dauert nicht lange, bis der Asphalt unter den Schuhen grober wird. Ab hier regieren die Stäfele. Diese Treppenanlagen sind das Rückgrat der Stuttgarter Weinkultur. Tausende von Sandsteinstufen ziehen sich wie Adern durch die Reben. Spannend ist dabei, dass man hier nicht allein ist. Wanderer mit Rucksäcken treffen auf Einheimische, die nur kurz den Hund lüften, oder auf Weinbauern, die mit ihren Schmalspurschleppern hantieren. Es ist ein Arbeitsplatz, kein Museum. Das Geknatter der Motoren mischt sich mit dem fernen Rauschen der Bundesstraße unten im Tal. Man merkt schnell, dass man in einer Industriestadt wandert, die sich den Luxus einer eigenen Agrarlandschaft direkt vor der Haustür leistet.

Wer den ersten ordentlichen Anstieg hinter sich hat, wird mit einer Aussicht belohnt, die den Puls wieder beruhigt. Der Blick schweift über den Neckar hinweg bis nach Untertürkheim, wo das Mercedes-Benz-Werk wie eine kleine Stadt in der Stadt liegt. In Obertürkheim ist die Welt jedoch eine andere. Hier zählt nicht das Fließband, sondern das Wachstum der Trauben. Die Parzellen sind oft winzig, kleinteilig zerstückelt, was der Landschaft ein fast schon mosaikartiges Aussehen verleiht. Es ist diese Mischung aus harter Maloche in der Steillage und dem Genuss eines kühlen Schlucks, die den Reiz der Gegend ausmacht. Man muss sich das Viertele hier eben erst verdienen, bevor man es am Wegesrand genießt.

Kurz & Kompakt
  • Anreise und Start: Am besten mit der S1 bis zum Bahnhof Obertürkheim fahren. Von dort aus sind die Wanderwege in die Weinberge und Richtung Uhlbach direkt ausgeschildert.
  • Ausrüstung: Festes Schuhwerk ist wegen der vielen Stufen und teilweise rutschigen Weinbergwege Pflicht. Ein Rucksack für Wasser und eventuell eine Vesperpause schadet nie.
  • Beste Zeit: Besonders lohnenswert ist die Wanderung im goldenen Oktober, wenn die Weinlese läuft und die Blätter bunt leuchten, oder an milden Frühlingswochenenden.
  • Einkehr-Tipp: In Uhlbach und Obertürkheim nach den "Besen" Ausschau halten. Diese temporären Weinstuben bieten regionale Spezialitäten und Wein direkt vom Erzeuger zu fairen Preisen.

Die Magie der Stäfele und das Viertele als Treibstoff

Ein Viertele in der Hand ist bei einer Wanderung durch Obertürkheim mehr als nur ein Getränk. Es ist ein Statement. Man gehört dazu, wenn man sich am späten Nachmittag mit einem Glas Trollinger oder Lemberger auf eine Mauer setzt. Die Mauersteine sind oft noch warm von der Mittagssonne, auch wenn der Wind oben auf dem Kamm schon etwas kühler pfeift. Es gibt in diesen Weinbergen keine Schwellenangst. Man rückt zusammen, wenn die Bänke an den Aussichtspunkten voll sind. Ein kleiner Schwatz über die Qualität des Jahrgangs oder die aktuelle Steillage gehört zum guten Ton. Manchmal bekommt man sogar einen Tipp, welcher Wengerter gerade seinen Besen draußen hat, was bedeutet, dass die Weinstube geöffnet ist.

Beim Laufen über die Stäfele sollte man allerdings aufpassen. Die Stufen sind unregelmäßig, oft ausgetreten und nach einem Regenguss spiegelglatt. Wer hier mit dem Viertele in der Hand unterwegs ist, braucht ein gewisses Maß an Gleichgewichtssinn. Es hat fast schon etwas Meditatives, Stufe um Stufe nach oben zu steigen, während der Blick immer wieder an den schweren Trauben hängen bleibt, die im Spätsommer prall und dunkelblau zwischen den Blättern leuchten. Der Geruch von gärendem Most liegt dann schwer in den Gassen, ein süßlicher, fast betörender Duft, der signalisiert, dass die Weinlese, im Dialekt Herbstet genannt, in vollem Gange ist. Dann ist in den Steillagen richtig was los, und man muss den Erntehelfern oft Platz machen, die die schweren Bütten den Hang hinauf oder hinunter wuchten.

Oft unterschätzt man die Anstrengung. Die Höhenmeter läppern sich. Wer denkt, Weinwandern sei nur ein gemütliches Schlendern, wird spätestens am Kappelberg eines Besseren belehrt. Die Waden fangen an zu brennen, und man ist froh über jede kleine Plattform, auf der man kurz stehen bleiben und den Blick schweifen lassen kann. Faszinierend ist die Ruhe, die man trotz der Nähe zur Stadt findet. Wenn der Wind die Geräusche des Tals schluckt, hört man nur noch das Rascheln der Blätter und das ferne Zwitschern einiger Vögel, die in den Hecken am Rand der Weinberge nisten. Diese kurzen Momente der Stille sind kostbar, bevor man sich wieder dem nächsten steilen Abschnitt widmet.

Einkehr zwischen Reben und Fachwerk

Nach ein paar Kilometern und einigen hundert Stufen meldet sich der Hunger. Obertürkheim und das angrenzende Uhlbach sind gesegnet mit Einkehrmöglichkeiten, die weit über die üblichen Wandergaststätten hinausgehen. Besonders die Besenwirtschaften haben es den Leuten hier angetan. Man erkennt sie an dem Reisigbesen, der über der Tür hängt. Es ist eine einfache, ehrliche Form der Gastronomie. Man sitzt an langen Holztischen, oft Schulter an Schulter mit Fremden. Es gibt Schlachtplatte, Maultaschen oder einfach ein deftiges Vesper mit kräftigem Bauernbrot. Die Atmosphäre ist laut, herzlich und manchmal ein bisschen derb. Hier wird nicht fein diniert, hier wird gelebt und getrunken.

In Uhlbach, das man bequem zu Fuß über die Höhenzüge erreichen kann, steht das Weinbaumuseum. Es ist in einer alten Kelter untergebracht, einem beeindruckenden Fachwerkbau, der schon von weitem signalisiert: Hier hat der Wein Tradition. Wer sich für die technische Seite des Weinbaus interessiert, findet dort alte Pressen und Geräte, die zeigen, wie mühsam die Arbeit früher war. Aber seien wir ehrlich, die meisten Wanderer zieht es eher in die Vinothek des Museums. Dort kann man sich durch die Vielfalt der lokalen Weine probieren. Es ist eine gute Gelegenheit, den Unterschied zwischen einem klassischen Trollinger und einem modernen, im Barrique ausgebauten Lemberger herauszuschmecken. Der Wein schmeckt hier einfach anders, wenn man die Reben, aus denen er stammt, gerade erst mit den eigenen Füßen umrundet hat.

Der Rückweg nach Obertürkheim führt oft durch die tiefer gelegenen Gassen, wo die alten Fachwerkhäuser eng beieinander stehen. Es ist ein Kontrastprogramm zu den weiten Ausblicken oben am Berg. Die Schatten in den schmalen Wegen sind kühl und angenehm nach einem langen Tag in der Sonne. Man passiert Toreinfahrten, durch die man einen Blick in die Hinterhöfe werfen kann, wo oft noch alte Fässer lagern oder Traktoren geparkt sind. Es ist eine Welt, die sich ihre Eigenheit bewahrt hat, trotz der Metropole, die sie umschließt. Man spürt den Stolz der Bewohner auf ihre Weinbautradition in jedem gepflegten Vorgarten und jedem liebevoll restaurierten Fenstersims.

Über den Dächern von Stuttgart

Ein besonderer Moment jeder Wanderung in Obertürkheim ist das Erreichen des höchsten Punktes. Wenn man oben auf dem Kamm steht, liegt einem Stuttgart zu Füßen. Die Grabkapelle auf dem Württemberg glänzt in der Ferne weiß in der Sonne, ein Monument der Liebe inmitten des Grüns. Der Blick reicht bei gutem Wetter bis zur Schwäbischen Alb, deren blaue Silhouette sich am Horizont abzeichnet. Es ist dieser Panoramablick, der einen die Anstrengungen der Stäfele vergessen lässt. Man fühlt sich ein bisschen erhaben über dem Trubel der Stadt, der unten im Tal weitergeht, während man hier oben in einer ganz eigenen Zeitrechnung verweilt. Die Zeit scheint in den Weinbergen ohnehin anders zu vergehen, getaktet nach den Jahreszeiten und dem Reifegrad der Trauben, nicht nach dem Terminkalender.

Auf dem Abstieg zurück zum Bahnhof begegnet man oft noch einmal den gleichen Gesichtern wie am Anfang. Man nickt sich zu, ein kurzes Hallo oder ein Grüß Gott, die Erschöpfung steht vielen ins Gesicht geschrieben, aber auch eine gewisse Zufriedenheit. Wer die Obertürkheimer Weinberge durchquert hat, weiß, was er getan hat. Es ist eine Wanderung, die alle Sinne fordert. Das haptische Erlebnis des rauen Sandsteins, der Geschmack des kühlen Weins, die leuchtenden Farben der Blätter im Herbst und das ständige Auf und Ab der Wege. Es ist kein Spaziergang, es ist eine Begegnung mit der Landschaft und der Kultur eines der markantesten Stadtteile Stuttgarts.

Am Ende landet man wieder am S-Bahnhof. Die Geräusche der Züge holen einen zurück in die Realität. Aber im Rucksack klappert vielleicht noch eine Flasche Wein, die man direkt beim Winzer gekauft hat, und in den Knochen spürt man das angenehme Ziehen der vielen Stufen. Es bleibt das Gefühl, eine Welt entdeckt zu haben, die zwar direkt vor der Haustür liegt, aber dennoch eine enorme Distanz zum Alltag schafft. Obertürkheim ist eben mehr als nur ein Halt auf der Schiene, es ist ein vertikales Erlebnis, das man am besten Schluck für Schluck genießt. Wer einmal Blut geleckt hat, kommt ohnehin wieder, vielleicht um eine andere Route zu probieren oder einfach, um zu sehen, wie sich die Farben der Reben im Laufe des Jahres verändern.

Die Weinberge sind ein ständiger Wandel. Im Winter wirken sie fast schon karg und ein wenig trostlos, wenn nur die braunen Rebstöcke aus dem Boden ragen. Doch schon im Frühjahr explodiert das Grün förmlich, und die Arbeit für die Wengerter beginnt von vorn. Jede Jahreszeit hat ihren eigenen Rhythmus, ihren eigenen Wein und ihre eigene Stimmung. Wer Obertürkheim wirklich verstehen will, muss es öfter besuchen, zu verschiedenen Tageszeiten und bei unterschiedlichem Wetter. Nur so erschließt sich einem die wahre Seele dieses Ortes, der so eng mit dem Boden und dem Wein verbunden ist wie kaum ein anderer Teil der Stadt. Es ist eine ehrliche, unaufgeregte Gegend, die keine Inszenierung braucht, weil sie aus sich selbst heraus wirkt.

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