Du stehst also im Franz-Josef-Strauß-Flughafen. Genauer gesagt im Zentralbereich, irgendwo zwischen Terminal 1 und 2. Über dir wölbt sich das riesige Zeltdach des MAC, das bei Regen so herrlich prasselt, und um dich herum wuseln Geschäftsleute mit Rollkoffern und Touristen mit Wanderrucksäcken. Der Flughafen liegt weit draußen. Fast 30 Kilometer Luftlinie sind es bis zum Marienplatz. Das ist eine ordentliche Strecke, für die du Zeit einplanen musst. Wer glaubt, in zwanzig Minuten am Viktualienmarkt zu stehen, der täuscht sich gewaltig. Die Frage ist nun, wie du diese Distanz überbrückst. Taxi ist teuer. Uber kaum günstiger. Bleiben die öffentlichen Verkehrsmittel. Und hier beginnt oft die Verwirrung.
München leistet sich den Luxus von zwei S-Bahn-Linien, die den Flughafen anbinden. Die S1 und die S8. Beide fahren im Zehn-Minuten-Takt versetzt, sodass du theoretisch alle paar Minuten eine Verbindung hast. Dazu gesellt sich der Lufthansa Express Bus als Alternative auf Gummireifen. Auf den ersten Blick wirkt das redundant. Tatsächlich aber bedienen diese Linien völlig unterschiedliche Bedürfnisse und Stadtviertel, bevor sie sich im unterirdischen Nadelöhr der Stammstrecke wieder treffen.
Kurz & Kompakt - Tickets: Für Touristen lohnt sich fast immer das "Airport-City-Day-Ticket" (Zone M-6). Gilt bis 6 Uhr des Folgetages im gesamten Netz für alle Verkehrsmittel.
- S1 (Westen): Fährt über Neufahrn/Moosach. Aufpassen bei der "Zugteilung" in Neufahrn! Immer in den Wagenteil mit Ziel "Flughafen" steigen.
- S8 (Osten): Meist schneller zum Marienplatz und Ostbahnhof. Keine Zugteilung, fährt komplett durch.
- Lufthansa Express Bus: Bequem, mit WLAN, aber stauanfällig auf der A9. Hält nur in Schwabing Nord und am Hauptbahnhof.
Das Ticket-Labyrinth und der blaue Entwerter
Bevor du dich für eine Himmelsrichtung entscheidest, musst du den MVV bezwingen. Der Münchner Verkehrsverbund ist berüchtigt für seine Waben, Ringe und Zonen. Die Automaten stehen massenhaft am Eingang zum S-Bahn-Tunnel. Lass dich nicht von den bunten Plänen einschüchtern. Für die meisten Reisenden gibt es genau eine sinnvolle Lösung. Das Airport-City-Day-Ticket. Es gilt für das gesamte Netz, also Zone M bis 6. Du kannst damit nach Ankunft noch den ganzen Tag U-Bahnen, Trams und Busse in der Stadt nutzen. Alleine lohnt sich das schon, zu zweit oder als Gruppe bis fünf Personen wird es spottbillig im Vergleich zu Einzelfahrkarten.
Ein Detail, das Neuankömmlinge oft übersehen, ist die Entwertung. Kaufst du am Automaten der Deutschen Bahn (die roten Kästen), ist das Ticket oft schon datiert. Holst du es an einem MVV-Automaten (die mit dem blauen „M“), musst du es manchmal noch in die kleinen blauen Kästchen an der Treppe stecken. Ratsch, klack. Erst mit dem Stempelaufdruck ist die Fahrt legal. Schwarzfahren ist in München kein Kavaliersdelikt und die Kontrolleure in Zivil sind humorlos. Wer die 60 Euro Strafe sparen will, stempelt lieber einmal zu viel als zu wenig.
Die S1: Die gemütliche West-Route mit Tücke
Nehmen wir an, du entscheidest dich für die S1. Sie fährt auf den Gleisen Richtung Westen los. Ihr Weg führt über Neufahrn, Oberschleißheim und Moosach. Landschaftlich ist das anfangs eher trist. Flaches Moos, Gewerbegebiete, hier und da ein Feld. Der entscheidende Vorteil der S1 liegt darin, dass sie den Münchner Westen und Norden erschließt. Wer in Moosach in die U-Bahn umsteigen muss oder ein Hotel in der Nähe des Nymphenburger Schlosses hat, ist hier goldrichtig. Die Fahrtzeit zum Hauptbahnhof beträgt etwa 45 Minuten.
Doch Vorsicht ist geboten. Die S1 birgt eine Falle, in die schon unzählige Touristen getappt sind. In der Station Neufahrn wird der Zug geteilt. "Zugteilung" nennt sich das im Bahndeutsch. Der hintere Teil bleibt stehen oder fährt zurück, beziehungsweise wird abgekoppelt, während nur der vordere Teil weiter zum Flughafen fährt, wenn man aus der Stadt kommt. Andersherum, vom Flughafen in die Stadt, werden in Neufahrn oft Wagen aus Freising angekoppelt. Wichtiger ist die Richtung zum Flughafen: Sitzt du im falschen Wagenteil, landest du in der Domstadt Freising statt am Terminal. Achte penibel auf die Anzeigen am Bahnsteig und im Zug selbst. Wenn da steht "Bitte nicht einsteigen" oder "Freising", dann renn in den anderen Zugteil.
Ein weiterer Aspekt der S1 ist die Einfahrt in die Stadt. Sie kommt über Laim und die Donnersbergerbrücke rein. Das bedeutet, du erreichst den Hauptbahnhof, bevor du den Marienplatz erreichst. Hast du eine Unterkunft direkt am Bahnhofsviertel, sparst du dir mit der S1 das Gewühle am Karlsplatz Stachus.
Die S8: Der schnelle Sprinter über den Osten
Die S8 gilt unter Einheimischen oft als die flinkere Variante, wenn das Ziel direkt das Herz der Stadt ist. Sie umrundet den Flughafen südlich und sticht dann über Ismaning und Unterföhring Richtung Ostbahnhof. Die Fahrtzeit zum Marienplatz beträgt knapp 38 Minuten. Das klingt nicht viel schneller als die S1, fühlt sich aber oft rasanter an, weil es weniger Zwischenstopps gibt, die wie Bummelbahn wirken. Zudem fährst du am Besucherpark vorbei, wo historische Flugzeuge auf kleinen Hügeln aufgebockt stehen. Ein netter erster Eindruck.
Wer in Hotels am Leuchtenbergring oder in Haidhausen wohnt, muss die S8 nehmen. Sie fädelt sich am Ostbahnhof in die Stammstrecke ein. Von dort geht es unterirdisch weiter: Rosenheimer Platz, Isartor, Marienplatz. Wenn du also direkt zum Rathaus und Glockenspiel willst, ist die S8 meistens den Tick schneller, da sie die Stadt von der "richtigen" Seite anfährt. Außerdem entfällt hier die nervige Zugteilung. Die S8 fährt immer als ganzer Zug durch. Das entspannt die Nerven, wenn man gerade erst einen Langstreckenflug hinter sich hat und nicht mehr ganz aufnahmefähig ist.
Der Lufthansa Express Bus: Komfort auf der Autobahn
Vielleicht hast du keine Lust auf S-Bahn-Mief und enges Sitzplatzgerangel zur Rush Hour. Dann ist der Lufthansa Express Bus eine Überlegung wert. Er fährt alle 20 Minuten direkt vor den Terminals ab. Du kannst ihn nicht verfehlen. Groß, grau-weiß, meistens steht schon eine Schlange davor. Der Bus kostet ein paar Euro mehr als das Einzelticket der S-Bahn, aber bei Rückfahrkarten gleicht sich das oft an. Das Ticket kaufst du am besten online vorab oder direkt beim Fahrer, wobei Kartenzahlung bevorzugt wird.
Der größte Vorteil ist die Bequemlichkeit. Du gibst deinen Koffer unten ab, setzt dich auf einen gepolsterten Sitz, hast WLAN und oft sogar eine Steckdose. Kein Umsteigen, kein Treppensteigen mit Gepäck. Der Bus nimmt die Autobahn A9. Das ist Segen und Fluch zugleich. Wenn es läuft, bist du in 25 Minuten in Schwabing Nord. Wenn Stau ist, und auf der A9 ist oft Stau, stehst du. Einfach so. Da zieht die S-Bahn dann hämisch grinsend auf der Schiene an dir vorbei.
Ein besonderes Schmankerl bietet der Bus für Fußballfans oder Architekturbegeisterte. Er fährt direkt an der Allianz Arena vorbei. Nachts, wenn das Stadion rot oder weiß leuchtet, ist das ein majestätischer Anblick, den du aus der S-Bahn so nicht hast (dort siehst du sie nur aus weiter Ferne). Der Bus hält zuerst in Schwabing Nord (gut für die Anbindung an die U6 und Studentenstadt) und endet dann am Hauptbahnhof Nord. Er fährt nicht zum Marienplatz oder Ostbahnhof. Wer also tief in den Süden oder Osten der Stadt muss, ist mit der Bahn besser bedient.
Was ist nun der Königsweg?
Es kommt darauf an, wo genau du hinwillst. Pauschal lässt sich sagen: Wer zum Hauptbahnhof will, nimmt, was zuerst kommt. Die S1 braucht 45 Minuten, die S8 etwa 41 Minuten bis zum Hbf. Der Zeitunterschied ist marginal und rechtfertigt keine 10 Minuten Wartezeit am kalten Bahnsteig. Wer zum Marienplatz oder Ostbahnhof will, sollte auf die S8 warten, das spart oft Zeit und Nerven durch den direkteren Weg.
Wer schweres Gepäck hat und in der Nähe des Hauptbahnhofs wohnt, sollte sich den Bus gönnen. Das Verladen der Koffer ist einfach entspannter als das Hieven über die Spalte zwischen Bahnsteig und Zugtür. Zudem ist die Klientel im Bus oft ruhiger. Keine Junggesellenabschiede, die schon um 10 Uhr morgens grölen, keine Schulklassen auf Ausflug.