Es riecht nach Malz, nach Bratenfett und nach jahrhundertealtem Holz, das schon unzählige Biere aufgesogen hat. Wenn du ein Münchner Wirtshaus betrittst, betrittst du kein normales Restaurant. Es ist eher ein erweitertes Wohnzimmer, ein Ort der sozialen Gleichmachung. Hier sitzt der Bankdirektor neben dem Handwerker, und beide starren auf das gleiche Ziel: einen Teller mit dampfendem Fleisch und glänzenden Kartoffelknödeln. Der Schweinsbraten ist in dieser Stadt nicht bloß ein Gericht. Er ist ein Grundnahrungsmittel, fast schon eine Religion, die mit Messer und Gabel praktiziert wird. Wir schauen uns an, wo diese Religion am besten ausgeübt wird.
Die Qualität eines Wirtshauses steht und fällt oft mit der Sauce. Sie muss dunkel sein, fast schwarz, aber niemals verbrannt schmecken. Sie braucht eine leichte Bindung, darf aber keinesfalls an Pudding erinnern. Und das Fleisch? Zart muss es sein, klar. Aber die Kruste, das sogenannte Kracherl, ist die Währung, in der hier bezahlt wird. Wenn sie nicht kracht, hat der Koch verloren.
Kurz & Kompakt - Platzwahl: Warte nicht darauf, platziert zu werden. Wenn an einem großen Tisch noch Platz ist, frag höflich "Ist da noch frei?" und setz dich dazu. Das ist ausdrücklich erwünscht.
- Bestellung: Wenn du "ein Bier" bestellst, bekommst du ein Helles (meist 0,5 Liter oder eine Maß). Weißbier musst du explizit nennen.
- Trinkgeld: In München rundet man großzügig auf. Bei 36,50 Euro sagt man "Mach 40" oder mindestens "39". Kleingeld auf dem Tisch liegen zu lassen, ist eher unüblich.
Rund um den Dom: Wo Tradition noch lebt
Viele meiden die Innenstadt. Zu voll, zu laut, zu viele Selfiesticks. Das ist verständlich, aber ein Fehler, wenn man hungrig ist. Denn mittendrin versteckt sich der Augustiner Klosterwirt direkt an der Frauenkirche. Natürlich ist es hier laut. Teller klappern, Kellner rufen Bestellungen durch den Raum, und der Pegel der Gespräche ist hoch. Aber genau das macht den Charme aus. Der Schweinsbraten hier kommt meist von der Schulter, ist saftig und wird mit einer Biersauce serviert, die eine feine Kümmelnote hat. Du bekommst hier das Bier aus dem Holzfass, was dem Ganzen eine weichere Kohlensäure verleiht. Manchmal muss man ein wenig warten oder sich zu Fremden an den Tisch quetschen. Aber genau das nennt man hier Gemütlichkeit.
Nur ein paar Gehminuten entfernt, im Tal, steht das Weisse Bräuhaus. Das ist nichts für Zartbesaitete. Hier herrscht noch der raue Ton der alten Münchner Kellner, die mancherorts als unfreundlich missverstanden werden, aber eigentlich nur herzlich direkt sind. Das Weisse Bräuhaus ist berühmt für seine "Kronfleischküche", also Gerichte mit Innereien. Aber der Schweinsbraten ist eine Bank. Er kommt oft vom Wammerl, also dem Bauch, und hat dadurch einen höheren Fettanteil, der den Geschmack transportiert. Wer hier isst, sollte Weißbier mögen, denn das ist die Spezialität des Hauses. Die Atmosphäre ist dunkel, holzgetäfelt und im besten Sinne altmodisch.
Das Glockenbachviertel: Rustikal trifft intellektuell
Südlich der Altstadt verändert sich das Publikum. Im Glockenbachviertel, wo es sonst eher hippe Bars und teure Cafés gibt, hält sich wacker das Wirtshaus Fraunhofer. Es ist eine Institution. Schon beim Eintreten merkst du den Unterschied. Das Licht ist schummriger, die Wände erzählen Geschichte. Hier trafen sich früher Künstler und Revolutionäre. Heute ist das Publikum gemischt. Der Schweinsbraten im Fraunhofer hat einen fast schon legendären Ruf. Er ist klassisch, ohne Schnörkel, aber handwerklich perfekt. Dazu gibt es einen Krautsalat, der genau die richtige Balance zwischen Süße und Säure hat. Interessant ist hier auch die Kombination aus Wirtshaus und angrenzendem Theater, was dem Ganzen eine kulturelle Note verleiht.
Nicht weit davon entfernt liegt das Rumpler. Es wirkt etwas aufgeräumter, vielleicht ein wenig feiner als die ganz alten Kaschemmen, aber es hat Seele. Die Küche legt hier viel Wert auf die Herkunft der Produkte. Der Braten schmeckt hier irgendwie "sonntagsmäßiger", ein wenig eleganter abgeschmeckt. Es ist der ideale Ort, wenn du es etwas ruhiger magst und nicht gegen den Lärmpegel einer Bahnhofshalle anschreien willst. Die Holzvertäfelung wirkt gepflegt, und das Personal nimmt sich oft einen Moment länger Zeit für eine Beratung.
Haidhausen und die Au: Wo die Münchner unter sich sind
Wenn du die Isar überquerst, landest du in der Au. Hier steht das Wirtshaus in der Au. Es ist groß, es ist beliebt, und es ist bekannt für seine Knödel. Die Knödel hier sind riesig und fluffig, fast wie kleine Wolken aus Kartoffelteig. Der Schweinsbraten wird hier oft in riesigen Portionen serviert, die kaum zu schaffen sind. Aber man kann sich den Rest einpacken lassen. Das Ambiente ist eine Mischung aus modernem Wirtshausstil und traditionellen Elementen. Am Wochenende ist eine Reservierung absolut Pflicht, sonst hast du keine Chance auf einen Platz.
Weiter östlich, in Haidhausen, findest du den Klinglwirt. Das ist ein spannender Kontrast. Hier wird konsequent auf Bio Qualität gesetzt. Das Fleisch kommt von Herrmannsdorfer, einem der besten Erzeuger im Umland. Man schmeckt das. Das Fleisch hat eine festere Struktur, einen intensiveren Eigengeschmack. Es ist kein billiges Mastfleisch, das beim Braten zusammenschrumpft. Der Klinglwirt beweist, dass bayerische Küche auch nachhaltig und bewusst sein kann, ohne den hedonistischen Faktor zu verlieren. Die Einrichtung ist schlicht, fast skandinavisch nüchtern, aber mit bayerischen Akzenten.
Ein echter Klassiker in dieser Gegend ist der Hofbräukeller am Wiener Platz. Im Sommer sitzt man hier unter uralten Kastanien im Biergarten, aber auch drinnen in der Gaststube ist es urgemütlich. Der Braten ist solide, ehrlich und kommt ohne Experimente aus. Es ist der Ort, wo Familien hingehen, wo Kinder zwischen den Tischen laufen und wo der Sonntagmittag noch heilig ist.
Der Norden und Westen: Deftige Nachbarschaftsliebe
Fahren wir Richtung Maxvorstadt. Dort thront der Görreshof. Wenn du wissen willst, wie ein Wirtshaus klingt, geh hierhin. Es ist laut, es ist eng, und es ist fantastisch. Der Görreshof ist bekannt für seine riesigen Schnitzel, aber der Schweinsbraten steht dem in nichts nach. Die Kruste ist hier oft besonders dick und kross. Man hat das Gefühl, hier essen vor allem Studenten, Professoren und alteingesessene Münchner, die keine Lust auf die Schickeria haben. Die Preise sind für Münchner Verhältnisse fair, und die Portionen sind definitiv nichts für den kleinen Hunger.
In Neuhausen wartet der Großwirt auf dich. Er liegt strategisch gut an einer Ecke und ist der Inbegriff einer Stadtteilwirtschaft. Hier kennt der Wirt seine Gäste oft beim Namen. Die Sauce zum Braten ist hier besonders sämig, fast schon glänzend wie Lack. Man munkelt, dass hier besonders viel Zeit in den Fond investiert wird. Die Atmosphäre ist unaufgeregt. Du kannst hier in Jeans und T Shirt sitzen oder im Anzug kommen, es interessiert niemanden. Hauptsache, es schmeckt.
Giesing: Der junge Wilde
Zum Schluss ein Abstecher nach Obergiesing. Dort oben auf dem Berg sitzt das Giesinger Bräu. Es ist anders als die anderen. Es ist eine junge Brauerei, die sich in den letzten Jahren einen Kultstatus erarbeitet hat. Das Wirtshaus, das "Bräustüberl", ist modern, aber bodenständig. Hier gibt es oft auch mal craft beer Variationen zum Essen. Der Schweinsbraten ist exzellent, das Fleisch stammt aus der Region. Das Publikum ist jünger, alternativer, vielleicht ein bisschen lauter auf eine andere Art. Es ist der Beweis, dass Wirtshauskultur nicht verstaubt sein muss, sondern sich weiterentwickeln kann, ohne ihre Wurzeln zu kappen.