Wenn du am Marienplatz stehst und den Hals verrenkst, siehst du sie oft gar nicht richtig. Die Frauenkirche versteckt sich gern hinter den bürgerlichen Fassaden, obwohl sie eigentlich viel zu groß dafür ist. Erst wenn du direkt davorstehst, auf dem Frauenplatz, erschlägt einen die schiere Masse dieses Bauwerks. Es ist eine Wand aus rotem Backstein. Schlicht, fast schon abweisend und ohne die filigranen Spielereien, die man von anderen gotischen Kathedralen kennt. Das war pure Absicht, oder vielleicht auch einfach bayerische Sparsamkeit. Der Architekt Jörg von Halsbach musste nämlich aufs Geld schauen. Steinmetzarbeiten waren teuer, Ziegel gab es genug. Also wurde geklotzt und nicht gekleckert.
Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: In nur 20 Jahren, von 1468 bis 1488, haben die Münchner diesen Koloss hochgezogen. Das ist für damalige Verhältnisse eine Geschwindigkeit, bei der selbst moderne Bauunternehmen blass werden würden. Vielleicht liegt es daran, dass die Ästhetik hier der Statik folgt. Alles wirkt massiv, für die Ewigkeit gemacht und ein bisschen trotzig. Die Kirche sollte zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat. Und das waren nicht die Kaufleute, sondern die Wittelsbacher Herzöge. Die Frauenkirche ist im Grunde ein riesiges Machtsymbol aus gebranntem Ton.
Kurz & Kompakt - Turmauffahrt: Der Südturm ist geöffnet, aber Achtung, die Tickets gibt es meist nur mit Zeitfenster. Der Eingang ist separat an der Seite, nicht durch das Hauptportal rennen.
- Beste Zeit: Mittags um 12 Uhr zum Läuten. Die Glocken sind gewaltig. Oder früh morgens, wenn das Licht durch die Chorfenster bricht und noch keine Reisegruppen den Teufelstritt belagern.
- Verhalten: Auch wenn es wie ein Museum wirkt, es ist ein aktives Gotteshaus. Männer müssen Mützen abnehmen (wird streng kontrolliert!), und lautes Quatschen kommt wegen des Echos extrem schlecht an.
- Tipp: Wirf einen Blick auf die "Automatenuhr" mit den mechanischen Figuren. Ein kleines technisches Wunderwerk aus dem 16. Jahrhundert.
Der Deal mit dem Gehörnten
Gleich im Eingangsbereich stolperst du fast darüber. Im Boden ist eine schwarze Platte eingelassen, darauf ein Fußabdruck mit einem Sporn an der Ferse. Der legendäre Teufelstritt. Die Geschichte kennt jedes Münchner Kind, aber sie ist einfach zu gut, um sie wegzulassen. Der Teufel, so erzählt man sich, hatte mit dem Baumeister einen Pakt geschlossen. Er würde beim Bau helfen, wenn die Kirche keine Fenster bekäme. Als der Rohbau fertig war, schlich sich der Teufel hinein. Er stand genau an dieser Stelle im Eingangsbereich. Von dort aus sah er nur die massiven weißen Säulen, die die Fenster in den Seitenschiffen verdeckten. Das riesige Chorfenster war damals durch den Hochaltar verstellt.
Der Teufel lachte sich ins Fäustchen. Eine Kirche ohne Licht, was für ein nutzloser dunkler Bunker. Vor lauter Schadenfreude stampfte er fest auf den Boden und hinterließ den Abdruck. Doch als er einen Schritt nach vorne machte, strömte das Licht von allen Seiten herein. Er war ausgetrickst worden. Wütend verwandelte er sich in einen Windstoß und versuchte, die Kirche umzupusten. Hat nicht geklappt. Aber bis heute pfeift ein merkwürdiger Wind um die Türme, selbst wenn es in der restlichen Stadt windstill ist. Wenn einem dort also der Hut vom Kopf fliegt, war es vielleicht der wütende Herr aus der Unterwelt.
Architektur der Täuschung
Bleiben wir kurz bei diesem optischen Trick. Es ist faszinierend, wie der Raum wirkt, wenn man ihn betritt. Die Frauenkirche ist eine Hallenkirche. Das bedeutet, die Seitenschiffe sind fast genauso hoch wie das Mittelschiff. Das erzeugt eine gewaltige Raumwirkung, fast wie in einer antiken Markthalle, nur eben heilig. Die Säulen sind achteckig und schmucklos weiß. Das war nicht immer so. Früher war der Innenraum viel bunter, voller Altäre und Bilder. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg hat man sich für eine nüchterne, fast protestantisch wirkende Schlichtheit entschieden. Manchem gefällt das, andere finden es ein bisschen kühl. Ich persönlich finde, es lenkt den Blick wunderbar nach oben, in das komplexe Sterngewölbe. Das ist nämlich original erhalten geblieben oder meisterhaft rekonstruiert.
Spannend ist dabei, dass der Raum viel größer wirkt, als er von außen aussieht. 22.000 Menschen sollen hier stehend hineinpassen. Das war damals mehr, als München überhaupt Einwohner hatte. Ein frommer Größenwahn, der heute noch beeindruckt. Wenn heute ein Orgelkonzert stattfindet, merkt man erst, wie die Akustik in diesem riesigen Resonanzkörper funktioniert. Der Schall braucht seine Zeit. Predigten müssen hier langsam gesprochen werden, sonst versteht man nur Brei.
Warum eigentlich Zwiebeln?
Die beiden Türme sind das Wahrzeichen schlechthin. Der Nordturm ist 98,57 Meter hoch, der Südturm 98,45 Meter. Man sieht den Unterschied mit bloßem Auge nicht, aber es fuchst den deutschen Ordnungssinn vielleicht ein wenig. Dass da oben diese grünen Welschen Hauben draufsitzen, die eher nach Orient aussehen als nach Bayern, ist einem Modetrend zu verdanken. Eigentlich sollten da spitze gotische Helme drauf, wie beim Kölner Dom. Aber – wer hätte es gedacht – das Geld ging aus. Die Türme standen jahrzehntelang "oben ohne" da, nur mit provisorischen Dächern. Regenwasser drang ein, die Balken faulten.
Erst 1525 setzte man die welschen Hauben drauf. Die Inspiration kam vermutlich aus Jerusalem, vom Felsendom, den man damals für den Tempel Salomos hielt. Oder aus der italienischen Renaissance. Man wollte modern sein. Heute kann sich keiner mehr München ohne diese zwei grünen Köpfe vorstellen. Sie sind so heilig, dass die Münchner 2004 in einem Bürgerentscheid festlegten, dass kein Neubau im Stadtzentrum höher sein darf als die Frauenkirche. Das nennt man wohl architektonischen Respekt. Oder Sturheit. Suchen Sie es sich aus.
Ein Kaisergrab als Mogelpackung
Rechts hinten im Seitenschiff steht ein schwarzes Monstrum aus Marmor und Bronze. Das Kenotaph für Kaiser Ludwig den Bayern. Es sieht aus wie ein riesiges Prunkbett für die Ewigkeit. Ludwig thront oben drauf, umgeben von allegorischen Figuren. Es ist ein Meisterwerk der Spätrenaissance und des frühen Barock. Aber jetzt kommt der Haken an der Sache: Der Kaiser liegt da gar nicht drin. Das Ding ist leer. Ludwig der Bayer ruht ein Stockwerk tiefer in der Fürstengruft, zusammen mit vielen anderen Wittelsbachern. Das Denkmal oben wurde erst viel später gebaut, um die imperiale Bedeutung des Hauses Wittelsbach zu unterstreichen. Man hat quasi ein bisschen angegeben. Trotzdem lohnt es sich, die Bronzefiguren genauer anzusehen. Die Detailliebe bei den Rüstungen und den knienden Rittern ist phänomenal. Es ist dunkel dort in der Ecke, das Licht fällt spärlich, was dem Ganzen eine fast schon gruselige Würde verleiht.
Der Aufstieg zur Aussicht
Lange Zeit war der Südturm wegen Sanierungsarbeiten dicht. Inzwischen kommt man wieder rauf. Und das ist einer der wenigen Momente in alten Kirchen, wo man nicht völlig verschwitzt oben ankommt. Es gibt einen Aufzug. Zumindest für den größten Teil der Strecke. Die letzten Meter muss man über eine enge Wendeltreppe kraxeln. Oben angekommen, steht man in der sogenannten Türmerstube. Hier oben lebte tatsächlich jemand. Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein wachte der Türmer über die Stadt, hielt Ausschau nach Bränden und läutete die Glocken.
Der Ausblick durch die Fenster ist grandios. Du stehst mitten im Zentrum, das Rathaus wirkt von hier oben wie ein Spielzeugmodell. Bei Föhn, diesem speziellen bayerischen Wetterphänomen, rücken die Alpen so nah heran, dass man meint, man könnte die Zugspitze anfassen. Es ist eng da oben, besonders wenn eine Schulklasse mit dabei ist, aber der 360-Grad-Blick entschädigt für alles. Man sieht auch gut die Dachkonstruktion der Kirche von oben. Ein riesiger grüner Rücken, der die Stadt teilt.
Stille Ecken und moderne Wunden
Wer wieder unten ist, sollte sich noch kurz Zeit für die Seitenkapellen nehmen. Viele der Fenster sind neu, entworfen nach dem Krieg. Sie sind oft abstrakt, spielen mit blauem Licht. Es gibt aber auch noch Reste der alten Verglasung, die im Krieg ausgelagert und so gerettet wurden. Der Kontrast zwischen den mittelalterlichen Heiligenbildern und den modernen Glasflächen erzählt viel über die Geschichte dieses Ortes. Die Frauenkirche wurde im Luftkrieg schwer getroffen. Das Dach stürzte ein, das Gewölbe hielt teilweise stand, aber die Ausstattung verbrannte. Dass sie heute wieder so dasteht, ist eine immense Leistung des Wiederaufbaus. Man hat nicht versucht, jeden Kratzer zu vertuschen. An manchen Stellen sieht das Mauerwerk noch vernarbt aus.
Atmosphäre jenseits der Touristenmassen
Wenn man Glück hat und an einem regnerischen Dienstagvormittag kommt, ist es fast leer. Dann hört man das eigene Schrittgeräusch auf den Steinplatten hallen. Es riecht nach kaltem Stein, ein bisschen nach Bohnerwachs und dem abgebrannten Docht von hunderten Opferkerzen. In diesen Momenten verliert der Bau seine Funktion als Sehenswürdigkeit und wird wieder zu dem, was er sein sollte: ein Ort der Einkehr. Man fühlt sich klein zwischen den massiven Pfeilern. Manche finden das bedrückend, andere befreiend. Es ist keine kuschelige Kirche wie die Asamkirche um die Ecke. Die Frauenkirche ist streng. Sie verlangt Respekt. Und wenn dann die Orgel einsetzt, vibriert der Boden ganz leicht unter den Füßen. Ein körperliches Erlebnis, das man nicht auf Instagram posten kann. Man muss einfach da sein.