München

Zu Fuß durch die Stadt: Warum München eigentlich ein Dorf ist (Distanzen-Check)

Die U-Bahn kannst du getrost ignorieren, denn München macht es Fußgängern fast schon verdächtig einfach. Hier liegen Weltstadt-Flair und dörfliche Gemütlichkeit oft nur wenige Schritte auseinander. Ein Plädoyer für das Laufen in der dichtesten Stadt Deutschlands.

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Zwischenablage

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, München sei ein "Millionendorf". Oft wird dieser Begriff etwas abfällig verwendet, um die vermeintliche Provinzialität der bayerischen Landeshauptstadt zu beschreiben, doch geografisch betrachtet trifft der Nagel den Kopf. Wer in Berlin oder London Distanzen unterschätzt, landet mit schmerzenden Füßen im Nirgendwo. In München passiert dir das kaum. Das historische Zentrum, eingegrenzt durch den Altstadtring, ist überraschend kompakt. Man könnte fast meinen, die Stadtplaner früherer Jahrhunderte hätten bereits an die Schrittzähler moderner Smartphones gedacht. Innerhalb dieses Rings spielt sich ein Großteil dessen ab, was München für Besucher relevant macht, und selbst die angrenzenden Viertel fransen nicht unendlich aus, sondern schmiegen sich eng an den Kern.

Tatsächlich ist die Bevölkerungsdichte hier enorm hoch, was paradoxerweise dazu führt, dass alles näher zusammenrückt. Man läuft sich über den Weg. Wer am Samstagvormittag durch die Innenstadt spaziert, trifft mit hoher Wahrscheinlichkeit jemanden, den er kennt. Oder zumindest jemanden, der so aussieht wie jemand, den man kennen sollte. Diese räumliche Enge schafft eine Atmosphäre, die untypisch für Metropolen dieser Größe ist. Es riecht abwechselnd nach gebrannten Mandeln, Abgasen und dem Parfüm der Vorbeigehenden, alles intensiv und direkt.

Kurz & Kompakt
  • Schuhwerk entscheidet: Münchens Innenstadt ist gepflastert. Historisches Kopfsteinpflaster sieht romantisch aus, ist aber der Feind von hohen Absätzen und dünnen Sohlen. Bequeme Sneaker sind hier keine modische Nachlässigkeit, sondern Notwehr.
  • Zeitmanagement: Google Maps kalkuliert oft konservativ. Da man in München an Ampeln oft lange steht (die Schaltung ist berüchtigt fußgängerunfreundlich), rechne lieber 5 Minuten drauf, wenn du es eilig hast. Ansonsten: Der Weg ist das Ziel.
  • Sicherheit: München gilt als eine der sichersten Großstädte Europas. Selbst nachts kannst du problemlos durch den Englischen Garten oder die Seitenstraßen der Ludwigsvorstadt laufen. Dunkle Ecken gibt es, gefährlich sind sie selten.

Die Ost-West-Achse: Vom Karlstor zum Isartor

Beginnen wir das Experiment am Stachus, offiziell Karlsplatz. Wenn du unter dem Karlstor hindurchgehst, betrittst du die Fußgängerzone. Der Blick reicht scheinbar endlos die Neuhauser Straße hinunter, doch der optische Eindruck täuscht gewaltig. Bis zum Marienplatz sind es gerade einmal 500 bis 600 Meter. Ein strammer Geher schafft das in sechs Minuten, sofern ihm keine Shopping-Touristen im Weg stehen. Realistischer sind fünfzehn Minuten, weil man doch mal stehen bleibt, um die Fassaden der Bürgerhäuser oder die Michaelskirche anzusehen. Interessant ist hierbei die Wahrnehmung: Durch die extreme Dichte an Geschäften und Menschen wirkt die Strecke länger, als sie physisch ist.

Am Marienplatz angekommen, stehst du im neuralgischen Zentrum. Viele steigen hier reflexartig in die S-Bahn, um zum Isartor zu gelangen. Das ist völliger Unsinn. Der Weg durch das "Tal", so heißt die Straße tatsächlich, dauert zu Fuß kaum zehn Minuten. Man spart sich das Treppensteigen in den Untergrund, das Warten am Bahnsteig und die stickige Luft. Stattdessen läufst du am Alten Rathaus vorbei, passierst diverse bayerische Wirtshäuser und stehst fast unvermittelt am Isartor. Vom westlichen Stadttor bis zum östlichen Stadttor hast du Münchens Kern in weniger als einer halben Stunde durchquert. Das ist in Paris nicht einmal der Weg von einer Metro-Station zur nächsten.

Der Abstecher in den Süden: Von Hektik zu Ruhe

Biegen wir am Marienplatz gedanklich mal nach Süden ab. Der Rindermarkt liegt nur einen Steinwurf entfernt. Wirklich, du könntest einen Stein werfen, auch wenn das die Polizei sicher nicht gerne sieht. Von dort fällst du quasi in den Viktualienmarkt. Es gibt keine spürbare Grenze, die Stadt fließt einfach über in diesen riesigen Freiluft-Bauch Münchens. Hier wird die dörfliche Struktur am deutlichsten. Die Stände sind niedrig, man kennt die Verkäufer, und trotz der Touristenmassen wirkt es intim. Man holt sich eine Brezn, setzt sich kurz auf eine Bank und beobachtet das Treiben.

Nur wenige Schritte weiter, am St.-Jakobs-Platz, ändert sich die Akustik schlagartig. Der Lärm des Marktes ebbt ab. Hier stehen die moderne Synagoge und das Stadtmuseum. Es ist ein toter Winkel im positiven Sinne, eine Ruheoase mitten im Sturm. Wenn du von hier aus weiter zum Sendlinger Tor läufst, durch die Sendlinger Straße, merkst du, wie nah alles beieinander liegt. Die Asamkirche, ein barockes Juwel, das so eng in die Häuserzeile gequetscht ist, dass man sie fast übersieht, wirkt wie die Dorfkirche, die halt auch noch Platz finden musste. Die Distanz vom Marienplatz zum Sendlinger Tor beträgt kaum 700 Meter. Warum hier überhaupt eine U-Bahn fährt, erschließt sich eigentlich nur bei strömendem Regen oder schwerem Gepäck.

Maxvorstadt und Schwabing: Das akademische Dorf

Verlassen wir die Altstadt nach Norden. Der Odeonsplatz mit seiner Feldherrnhalle markiert den Übergang. Es wirkt pompös, fast italienisch, und die Ludwigstraße zieht sich als Prachtboulevard in die Länge. Hier täuscht die Perspektive das erste Mal wirklich: Die Ludwigstraße bis zum Siegestor ist tatsächlich ein ganzes Stück zu laufen, etwa ein Kilometer. Aber wer schlau ist, biegt vorher ab. Links rein in die Amalienstraße oder Türkenstraße. Sofort bist du in der Maxvorstadt, dem Universitätsviertel.

Das hier ist ein Kosmos für sich, aber auch hier gilt das Prinzip der kurzen Wege. Von der Pinakothek der Moderne bis zur Universität sind es fünf Minuten. Die Cafés reihen sich dicht an dicht, Studenten sitzen auf dem Gehsteig. Es fühlt sich an wie eine Kleinstadt innerhalb der Großstadt. Man wechselt das Viertel, indem man einfach eine Straße überquert. Der Übergang nach Schwabing ist fließend. Wo genau die Maxvorstadt aufhört und Schwabing anfängt, wissen selbst viele Münchner nicht genau, so organisch ist das verwachsen. Man läuft einfach immer weiter nach Norden, und plötzlich werden die Häuserfassaden etwas jugendstiliger, die Autos eventuell ein bisserl teurer, aber der Maßstab bleibt menschlich.

Grünflächen als Verbindungsstücke

Ein Aspekt, der München so überschaubar macht, ist die Durchgrünung. Der Englische Garten beginnt direkt hinter dem Haus der Kunst, also quasi im Hinterhof der Innenstadt. Du stehst am Odeonsplatz, läufst durch den Hofgarten (wo man übrigens wunderbar Boule spielen oder einfach nur dem Klackern der Kugeln lauschen kann), unterquerst die Straße und stehst vor der Eisbachwelle. Surfer mitten in der Stadt. Das ist kein Marketing-Gag, das ist Alltag. Von dort aus kannst du kilometerweit nach Norden laufen, ohne eine Straße zu kreuzen.

Genauso verhält es sich mit der Isar. Der Fluss ist die Lebensader, an der sich die Stadtteile aufreihen. Vom Deutschen Museum aus kannst du flussabwärts bis zum Friedensengel spazieren. Auf der Karte sieht das nach einer Weltreise aus. In der Realität ist es ein angenehmer Verdauungsspaziergang nach dem Mittagessen. Das Rauschen des Wassers übertönt den Stadtlärm, und der Kies knirscht unter den Sohlen. Man vergisst, dass man sich in einer Millionenstadt befindet, bis man den Kopf hebt und den Landtag oben auf dem Maximilianeum sieht, der majestätisch über allem thront.

Haidhausen: Das Dorf am anderen Ufer

Der Begriff "Dorf" passt nirgendwo besser als in Haidhausen. Früher ein Arbeiterviertel, heute gentrifiziert, aber immer noch mit dem Charme eines französischen Städtchens. Wenn du vom Gasteig (dem Kulturzentrum oben am Isarhochufer) in die Preysingstraße einbiegst, glaubst du, durch eine Zeitmaschine gefallen zu sein. Da stehen noch echte Herbergshäuschen, niedrig, geduckt, mit kleinen Gärten. Das Übelacker-Häusl ist so ein Beispiel. Du bist keine zwanzig Minuten zu Fuß vom Marienplatz entfernt und stehst vor einem Haus, das an das 18. Jahrhundert erinnert, als hier Tagelöhner wohnten.

Die Distanzen in Haidhausen sind lächerlich gering. Vom Weißenburger Platz mit seinem Brunnen bis zum Rosenheimer Platz fällt man quasi einmal um. Überall gibt es kleine Plätze, "Eckerl", wo man sich trifft. Die Pariser Straße macht ihrem Namen alle Ehre. Man sitzt draußen, trinkt Wein, die Autos fahren langsam, weil die Straßen eng sind. Es ist diese bauliche Enge, die Intimität erzeugt. Man braucht hier kein Auto, man braucht eigentlich nicht einmal ein Fahrrad. Schusters Rappen reichen völlig.

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