Leipzig

Grassi Museum: Ein Streifzug durch drei Weltklasse-Museen unter einem Dach

Leipzigs Johannisplatz beherbergt einen wuchtigen Art-déco-Komplex mit inneren Werten. Drei Museen teilen sich hier den Platz und bieten Stoff für Tage. Wer hier reingeht, sollte Zeit und neugierige Augen mitbringen.

Leipzig  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Wer vor dem Grassi steht, merkt sofort, dass hier nicht gekleckert wurde. Der Gebäudekomplex, der zwischen 1925 und 1929 aus dem Boden gestampft wurde, ist ein echtes Pfund. Man sieht roten Rochlitzer Porphyr, der so typisch für die Gegend ist, und spürt die strenge Symmetrie der Zwanzigerjahre. Es ist kein verspieltes Schloss, sondern eher eine Trutzburg der Kultur. Wenn man durch das Hauptportal tritt, landet man in den begrünten Innenhöfen, die eine fast klösterliche Ruhe ausstrahlen, obwohl der Verkehr draußen auf dem Ring ordentlich lärmt. Die Akustik ändert sich schlagartig. Das Knirschen der Kieselsteine unter den Sohlen ist oft das einzige Geräusch, bevor man in eines der drei Museen abtaucht. Es ist diese Mischung aus Sachlichkeit und kleinen, feinen Details wie den goldenen Verzierungen an den Fenstern, die den Bau so markant macht. Man fühlt sich hier drin irgendwie gut aufgehoben, weit weg vom Leipziger Alltagsstress.

Interessant ist vor allem die Geschichte hinter dem Namen. Franz Dominic Grassi war ein Kaufmann mit italienischen Wurzeln, der der Stadt ein ordentliches Erbe hinterließ. Ohne seine Moneten stünde dieser Prachtbau heute nicht da. Dass das Gebäude den Zweiten Weltkrieg zwar beschädigt, aber im Kern stabil überstanden hat, grenzt an ein Wunder. In der DDR-Zeit wirkte alles etwas grauer, aber nach der Sanierung in den Nullerjahren leuchten die Pfeilerhallen und die Glasfenster wieder in vollem Glanz. Es ist kein Ort zum schnellen Durchrennen. Man bleibt hängen, schaut sich die Deckenhöhen an und wundert sich über die Weitläufigkeit der Gänge. Manchmal riecht es in den Höfen nach frischem Regen auf warmem Stein, was dem Ganzen eine sehr geerdete Note verleiht.

Kurz & Kompakt
  • Adresse & Anfahrt: Johannisplatz 5-11. Am besten mit der Tram (Linien 4, 7, 12, 15) bis Haltestelle "Johannisplatz" fahren, das Gebäude ist nicht zu übersehen.
  • Öffnungszeiten: Meistens Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Montags ist traditionell Ruhetag, da haben die Kuratoren ihre Ruhe.
  • Spartipp: Immer mal nach freien Eintrittstagen schauen. Oft gibt es an bestimmten Tagen im Monat oder zu besonderen Anlässen freien Zugang zu den ständigen Ausstellungen.
  • Zeitplan: Pro Museum sollte man mindestens zwei Stunden einplanen. Wer alle drei an einem Tag macht, braucht danach definitiv ein großes Kaltgetränk und ein Sofa.

Angewandte Kunst: Wenn das Auge mitisst

Das Grassi Museum für Angewandte Kunst ist vermutlich der eleganteste Teil der Dreifaltigkeit. Hier geht es um Design, Handwerk und alles, was den Alltag schöner macht. Die ständige Ausstellung führt einen durch die Epochen, von der Antike bis zur Gegenwart. Man sieht Möbel, die so filigran sind, dass man sich kaum traut, sie scharf anzuschauen. Besonders die Abteilung zum Jugendstil und zum Art déco ist eine Wucht. Leipzig war ja mal eine reiche Messestadt, und das sieht man den Exponaten an. Da stehen Vasen, die in der Sonne schimmern, und Bestecksets, die so ergonomisch geformt sind, dass man sie am liebsten direkt einpacken würde. Es ist kein staubiges Sammelsurium, sondern die Kuratoren haben sich richtig Mühe gegeben, die Objekte ins rechte Licht zu rücken. Man flaniert durch die Räume und stellt fest, wie sich der Geschmack der Menschheit über die Jahrhunderte gewandelt hat.

Spannend wird es, wenn man bei den modernen Stücken ankommt. Da gibt es Plastikstühle aus den Siebzigern, die heute wieder total angesagt sind, und Schmuck, der eher nach abstrakter Skulptur aussieht. Man ertappt sich ständig dabei, wie man die eigene Wohnungseinrichtung im Kopf mit den Museumsstücken vergleicht und dabei meistens den Kürzeren zieht. Ein Highlight sind die drei großen Pfeilerhallen. Dort finden oft Sonderausstellungen oder die Grassimesse statt. Wenn das Licht durch die hohen Fenster fällt, entstehen lange Schatten auf dem Boden, was der ganzen Szenerie etwas Sakrales verleiht. Es ist diese Liebe zum Material, egal ob Holz, Glas oder Porzellan, die einen hier packt. Man lernt, dass ein Löffel eben nicht nur ein Löffel ist, sondern ein Statement.

Völkerkunde: Eine Weltreise ohne Jetlag

Direkt nebenan wechselt die Atmosphäre komplett. Im Museum für Völkerkunde zu Leipzig landet man in fernen Welten. Die Sammlung ist riesig und stammt zum Teil aus einer Zeit, als man in Europa noch eine sehr einseitige Sicht auf den Rest der Welt hatte. Heute wird das Ganze sehr kritisch aufgearbeitet. Man sieht Masken aus Afrika, die einen mit großen Augen anstarren, und Boote aus Ozeanien, die so groß sind, dass man sich fragt, wie die jemals in das Gebäude gekommen sind. Die Beleuchtung ist hier oft etwas gedimmter, was eine geheimnisvolle Stimmung erzeugt. Es duftet manchmal ganz dezent nach altem Holz und Textilien. Man läuft an Ahnenfiguren vorbei und spürt den Respekt, den diese Objekte in ihren Ursprungskulturen genossen haben müssen.

Ein bisschen mulmig kann einem schon werden, wenn man vor den rituellen Gegenständen steht, die für Geisterbeschwörungen genutzt wurden. Aber genau das macht den Reiz aus. Es ist keine sterile Ausstellung, sondern man bekommt ein Gefühl für die Vielfalt menschlichen Lebens. Besonders die Abteilung zu Asien mit ihren feinen Seidenstoffen und den buddhistischen Statuen strahlt eine enorme Ruhe aus. Man erfährt viel über die Handelswege und wie die Leipziger Sammler damals an die Sachen gekommen sind. Dass vieles davon heute unter dem Aspekt der Restitution neu bewertet wird, verschweigt das Museum nicht. Das macht den Besuch zu einer reflektierten Angelegenheit. Es ist nicht nur Schauen, sondern auch Nachdenken über Macht und Geschichte. Wer eine Pause braucht, setzt sich in eine der Nischen und lässt die Farben der mexikanischen Totenmasken auf sich wirken. Das ist wie Urlaub im Kopf, nur ohne das lästige Kofferpacken.

Musikinstrumente: Wo der Ton die Musik macht

Den Abschluss bildet das Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig. Man muss kein Profi am Klavier sein, um hier Spaß zu haben. Schon beim Betreten hört man oft irgendwo ein entferntes Klimpern oder Pfeifen, wenn gerade jemand ein Instrument vorführt oder restauriert. Die Sammlung ist eine der bedeutendsten weltweit. Man sieht hier Klaviere, die so alt sind, dass sie noch wie kleine Tische aussehen, und Trompeten in Formen, die man heute gar nicht mehr kennt. Besonders faszinierend sind die mechanischen Musikautomaten. Wenn die mal angeworfen werden, rattert und spielt es an allen Ecken, dass man sich wie in einer Steampunk-Welt fühlt. Es ist ein richtiges Fest für die Ohren, auch wenn man die meisten Stücke natürlich nicht selbst anfassen darf.

Urig ist die Abteilung mit den sakralen Instrumenten. Da stehen riesige Orgeln und kleine Portative, die früher in Prozessionen getragen wurden. Man lernt, dass Leipzig nicht nur die Stadt von Bach und Mendelssohn ist, sondern auch ein Zentrum des Instrumentenbaus war. Die Kuratoren haben viele Hörstationen eingebaut. Das ist auch nötig, denn man will ja wissen, wie ein Serpent oder eine Glasharmonika eigentlich klingt. Die Antwort: meistens ziemlich schräg, aber faszinierend. Man wandelt durch die Räume und merkt, wie viel technisches Know-how in so einer Geige oder einem Cembalo steckt. Die feinen Intarsien auf den alten Lauten sind Kunstwerke für sich. Am Ende des Rundgangs hat man meistens einen ziemlichen Ohrwurm, auch wenn man gar kein Lied gehört hat, sondern nur die schiere Masse an Klangkörpern gesehen hat. Es ist der perfekte Ort, um mal kurz die Welt um sich herum zu vergessen und nur in Schwingungen zu denken.

Praktisches und Pausenbrot

Wenn man alle drei Museen am Stück sehen will, braucht man Kondition. Die Beine werden schwer, das ist bei der Größe des Komplexes ganz normal. Ein guter Tipp ist das Museumscafé im Innenhof. Dort kann man bei einem Kaffee sitzen und die Architektur auf sich wirken lassen. Der Kuchen ist solide, und die Atmosphäre entspannt. Man trifft dort oft auf Studenten der Uni oder ältere Herrschaften, die seit Jahrzehnten ins Grassi kommen. Es ist ein guter Ort, um die Eindrücke zu sortieren. Wer es lieber etwas grüner mag, läuft ein paar Schritte hinter das Gebäude zum Alten Johannisfriedhof. Das ist einer der schönsten Parks der Stadt, mit alten Grabmälern, die im Efeu versinken. Dort kann man wunderbar durchatmen, bevor man sich wieder ins Leipziger Stadtleben stürzt.

Was die Tickets angeht: Es gibt Kombikarten, die sich lohnen, wenn man wirklich das volle Programm will. Aber man kann auch jedes Museum einzeln besuchen. Meistens reicht eines pro Tag völlig aus, sonst kriegt man einen kulturellen Overkill. Die Schließfächer im Keller sind übrigens kostenlos, man braucht nur eine Euro-Münze als Pfand. Und wer auf Museumsshops steht, wird hier auch fündig. Es gibt keinen Ramsch, sondern meistens wirklich schönes Design oder gute Bücher. Das Grassi ist eben eine Institution, die sich selbst nicht zu ernst nimmt, aber ihren Bildungsauftrag verdammt ernst meint. Man geht raus und fühlt sich ein kleines bisschen schlauer, ohne dass es sich wie Schule angefühlt hat. Es ist halt typisch Leipzig: Ein bisschen großspurig, aber mit sehr viel Herz und Substanz dahinter.

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