Du stehst am Meßberg und der Wind pfeift dir um die Ohren. Das ist in Hamburg keine Seltenheit, aber hier fühlt es sich anders an. Der Wind bricht sich an scharfen Kanten, verfängt sich in dunklen Nischen und treibt durch Schluchten aus hart gebranntem Ton. Willkommen im Kontorhausviertel. Wer Hamburg wirklich verstehen will, der muss die Alster links liegen lassen und sich hierher wagen. Seit 2015 trägt das Areal zusammen mit der benachbarten Speicherstadt den Titel UNESCO-Weltkulturerbe. Zu Recht. Doch während die Speicherstadt oft lieblich von Kanälen durchzogen wirkt, ist das Kontorhausviertel strenger. Es ist massiv. Es ist Backstein-Expressionismus in seiner reinsten Form.
Es ist kein Ort für schnelle Selfies, auch wenn die Spitze des Chilehauses eines der beliebtesten Fotomotive der Stadt ist. Es ist ein Ort der Arbeit. Früher wie heute. Hier wurde das Geld gezählt, das im Hafen verdient wurde. Die Atmosphäre ist unter der Woche geschäftig, am Wochenende fast gespenstisch ruhig. Genau diese Stille macht den Reiz aus. Man hört die eigenen Schritte auf dem Pflaster hallen. Die Architektur spricht hier nicht durch Prunk und Gold, sondern durch Form, Wiederholung und das Spiel von Licht und Schatten auf Millionen von Ziegeln.
Kurz & Kompakt- Ort & Anreise: U-Bahn U1 (Station Meßberg). Das Viertel liegt direkt südlich der Mönckebergstraße und grenzt an die Speicherstadt.
- Beste Zeit: Wochentags für das geschäftige Treiben, am Wochenende für Architekturfotografie ohne störende Autos oder Menschenmengen.
- Top-Sehenswürdigkeit: Die "Spitze" des Chilehauses (Ecke Pumpen/Burchardstraße) und die Treppenhäuser (wenn zugänglich).
- Status: Seit 2015 UNESCO-Weltkulturerbe, zusammen mit der Speicherstadt.
Das Flaggschiff: Das Chilehaus
Man kann nicht über dieses Viertel sprechen, ohne beim Chilehaus anzufangen. Es steht da wie ein Ozeanriese, der versehentlich auf dem Trockenen gelandet ist. Der Bauherr Henry B. Sloman war ein Mann, der genau wusste, was er wollte. Er war durch den Handel mit Salpeter aus Chile reich geworden. Stinkreich. Und er wollte ein Denkmal, das diesen Reichtum zeigt, ohne protzig zu wirken. Hanseatische Zurückhaltung, aber bitte in monumentalem Ausmaß.
Der Architekt Fritz Höger lieferte ihm genau das. Zwischen 1922 und 1924 entstand dieser Koloss. Wenn du dich an die östliche Spitze stellst, dort wo die Pumpen und Burchardstraße zusammenlaufen, wirkt das Gebäude fast zweidimensional. Die Spitze ist so scharf, dass man sich daran schneiden könnte. Es ist der berühmteste Bug der Architekturgeschichte. Höger nutzte für die Fassade Klinker, die eigentlich Ausschuss waren. Zweite Wahl. Sie waren zu nah am Feuer gebrannt, verformt, glänzten bläulich-violett und waren unregelmäßig. Genau das machte sie perfekt. Durch diese Unregelmäßigkeit lebt die Wand. Wenn die Sonne rauskommt (was ja ab und zu passieren soll), fängt das ganze Haus an zu schimmern.
Geh unbedingt in den Innenhof. Dort herrscht eine ganz andere Stimmung. Die Fassaden schwingen sanft, die Strenge der Außenseite weicht einer gewissen Eleganz. Und wenn die Türen offen sind: Wirf einen Blick in die Treppenhäuser. Die Treppenaugen, also der Blick von unten ganz nach oben oder umgekehrt, sind spiralförmig angelegt. Das ist pure Geometrie, die einem fast schwindelig macht. Es riecht dort drinnen oft noch nach Bohnenwachs und altem Papier, eine Mischung, die perfekt zur Geschichte passt.
Der Riese nebenan: Der Sprinkenhof
Gleich gegenüber steht der Sprinkenhof. Er ist wuchtiger, weniger elegant als das Chilehaus, aber auf seine eigene Art beeindruckend. Er wirkt wie eine Trutzburg. Hier haben Fritz Höger und die Brüder Hans und Oskar Gerson zusammengearbeitet. Der Sprinkenhof entstand in drei Bauabschnitten und umschließt einen riesigen Innenhof, in den man früher sogar mit Fuhrwerken hineinfahren konnte. Heute parken dort Autos, aber die Dimensionen sind immer noch gewaltig.
Achte beim Sprinkenhof auf die Details in der Fassade. Der Klinker ist hier oft in Mustern verlegt, die wie Webteppiche aussehen. Und überall sind kleine Symbole versteckt. Zahnräder, Anker, Segelschiffe, Hammer. Symbole für Handwerk und Handel. Es lohnt sich, den Kopf in den Nacken zu legen und die Fassade systematisch abzusuchen. Man findet immer wieder etwas Neues. Es ist diese Detailverliebtheit, die den Backstein-Expressionismus so spannend macht. Aus der Ferne wirkt alles wie ein monolithischer Block, aus der Nähe zerfällt es in tausende kleine Kunstwerke. Ein bisschen "Tüdelkram" in Stein, wenn man so will, aber auf hohem künstlerischen Niveau.
Die Geschichte der Gerson-Brüder ist übrigens der tragische Teil dieses Ortes. Während Höger sich später den Nazis andiente (wenn auch mit mäßigem Erfolg, da sein Stil den Machthabern teilweise zu modern war), wurden die Gersons als Juden verfolgt. Hans Gerson starb früh, Oskar Gerson musste emigrieren. Ihr Beitrag zur Hamburger Architektur wurde lange Zeit verschwiegen oder kleingeredet. Wenn du heute vor dem Sprinkenhof stehst, ist das auch ein Denkmal für ihr Können.
Meßberghof und Mohlenhof: Die stille Eleganz
Der Meßberghof, direkt an der U-Bahn-Station, wird oft übersehen. Dabei hat er eine spannende Geschichte. Er sollte eigentlich "Ballinhaus" heißen, nach dem Reeder Albert Ballin. Aber aufgrund antisemitischer Strömungen in den 1920er Jahren entschied man sich dagegen. Erst in jüngerer Zeit erinnert man wieder stärker an Ballin. Der Meßberghof ist flächiger, weniger verspielt als das Chilehaus. Er wirkt fast modern in seiner Schlichtheit. Hier sieht man, dass der Expressionismus nicht immer wild und zackig sein muss, sondern auch ruhig und fließend sein kann.
Ein paar Schritte weiter steht der Mohlenhof. Auch hier wieder: Backstein, wohin das Auge reicht. Aber schau dir den Eingang an. Über der Tür wacht eine Hermes-Skulptur. Der Gott der Kaufleute und der Reisenden. Er trägt den Stab und schaut mit einer Gelassenheit auf die Passanten herab, die man sich im heutigen Berufsverkehr manchmal wünscht. Der Mohlenhof ist ein gutes Beispiel für die sachlichere Phase des Stils, die Ende der 1920er Jahre einsetzte.
Warum eigentlich Backstein?
Vielleicht fragst du dich, warum hier alles so dunkelrot und braun ist. Das hat nicht nur ästhetische Gründe. Hamburg hatte ein Problem. Das Wetter. Putzfassaden sahen im feuchten norddeutschen Klima nach wenigen Jahren schmuddelig aus. Sandstein verwitterte. Der hart gebrannte Klinker hingegen ist fast unverwüstlich. Er nimmt kaum Wasser auf, der Ruß der damaligen Industrie konnte ihm nichts anhaben, und er hält ewig. Fritz Schumacher, der damalige Oberbaudirektor, hatte die Vision, Hamburg ein einheitliches Gesicht zu geben. Ein rotes Gesicht. Er verordnete quasi den Backstein als Baumaterial für öffentliche Bauten und setzte damit Maßstäbe, an die sich auch private Bauherren hielten.
Zudem war das Kontorhausviertel ein Resultat der Cholera-Epidemie von 1892. Das Gebiet war zuvor ein Gängeviertel. Eng, dunkel, hygienisch katastrophal. Nach der Sanierung (was damals Abriss bedeutete) wollte man Platz für den modernen Handel schaffen. Es war die erste reine Bürostadt auf dem europäischen Kontinent. Wohnen war hier nicht mehr vorgesehen, nur noch Arbeiten. Das war damals ein radikales Konzept.