Die BallinStadt ist nicht einfach nur ein Museumsbau, sondern die rekonstruierte "Stadt in der Stadt", die Albert Ballin, der einstige Generaldirektor der HAPAG, einst aus dem Boden stampfen ließ. Es riecht hier zwar heute nicht mehr nach Kohlequalm und dem Angstschweiß Tausender, aber die rekonstruierten Pavillons atmen die Geschichte von über fünf Millionen Menschen, die von hier aus den Sprung über den großen Teich wagten. Dass man heute trockenen Fußes durch diese Hallen spaziert, ist purer Luxus im Vergleich zu den Massenunterkünften von damals.
Man muss sich das mal vorstellen: Hamburg war um die Jahrhundertwende ein logistisches Monster. Albert Ballin erkannte früh, dass man mit den Auswanderern ordentlich Kasse machen konnte, wenn man ihnen eine halbwegs hygienische Unterkunft bot, bevor sie auf die Schiffe verfrachtet wurden. Vorher hausten die Leute oft unter elendigen Bedingungen in der Hamburger Innenstadt, was 1892 schließlich zur katastrophalen Choleraepidemie führte. Die BallinStadt war also keineswegs nur ein Akt der Nächstenliebe, sondern eine knallharte geschäftliche Entscheidung mit dem angenehmen Nebeneffekt, die Seuchengefahr aus der Stadt fernzuhalten. Wer heute das Gelände betritt, merkt sofort, dass die Architektur diese preußische Ordnung widerspiegelt, auch wenn das Grün der Rasenflächen die einstige Enge ein bisschen kaschiert.
Kurz & Kompakt - Anreise-Tipp: Am besten nimmt man die S3 oder S31 bis zur Station "Veddel (BallinStadt)". Von dort sind es nur ein paar Gehminuten. Alternativ ist die Anreise mit der Barkasse ab den Landungsbrücken deutlich atmosphärischer.
- Ahnenforschung: Besucher können vor Ort kostenlos in den digitalisierten Passagierlisten der HAPAG suchen. Wer weiß, ob nicht doch ein entfernter Verwandter mal nach New York abgehauen ist?
- Zeitplanung: Das Gelände ist weitläufiger, als man denkt. Man sollte mindestens 3-4 Stunden mitbringen, um die persönlichen Schicksale und die interaktiven Stationen wirklich würdigen zu können.
Drei Häuser und ein Haufen Schicksale
Die Ausstellung verteilt sich auf drei Häuser, die unterschiedliche Aspekte der Reise beleuchten. Im ersten Haus geht es um die Gründe für den Aufbruch. Warum lässt man alles stehen und liegen und verkauft sein letztes Hemd für eine Passage in der dritten Klasse? Spoiler: Es war selten reine Abenteuerlust. Hunger, religiöse Verfolgung und politische Instabilität trieben die Menschen aus Osteuropa, Russland und dem deutschen Hinterland an die Elbe. Spannend ist dabei, wie individuell die Geschichten aufgearbeitet sind. Man bekommt am Eingang eine Identität zugewiesen, ein reales Schicksal, das man durch die Ausstellung verfolgt. Das ist kein billiger Museumstrick, sondern hilft enorm dabei, nicht in der Masse der anonymen Zahlen den Überblick zu verlieren. Manchmal ist man ein jüdischer Schneider aus Odessa, ein anderes Mal eine junge Magd aus Hinterpommern.
In den rekonstruierten Schlafsälen wird es dann zum ersten Mal richtig beklemmend. Zwar sind die Räume heute sauber und gut gelüftet, aber die Vorstellung, hier mit Dutzenden Fremden auf engstem Raum auszuharren, lässt einen schlucken. Die Betten sind schmal, die Privatsphäre gleich null. Man hört über Lautsprecher leises Gemurmel in verschiedenen Sprachen, Kofferklappern und das ferne Tuten von Dampfern. Das macht was mit einem. Es ist dieser Kontrast zwischen der Hoffnung auf ein besseres Leben und der absoluten Ungewissheit, der in diesen Räumen förmlich in der Luft hängt. Man ertappt sich dabei, wie man die glatten Holzkanten der Etagenbetten berührt und sich fragt, woran der letzte Bewohner wohl gedacht hat, bevor das Licht gelöscht wurde.
Vom Warten, Prüfen und Bangen
Bevor es aufs Schiff ging, kam die Bürokratie. Und die war damals schon kein Zuckerschlecken. Ein großer Teil der Ausstellung widmet sich den medizinischen Untersuchungen. Wer krank war oder Läuse hatte, durfte nicht an Bord. Wer die Augenuntersuchung nicht bestand (Trachom war das Schreckgespenst schlechthin), wurde gnadenlos zurückgewiesen. Man muss sich das Drama ausmalen: Die gesamte Existenz im Heimatdorf wurde verkauft, die Reise bis Hamburg war beschwerlich, und dann scheitert alles an einer Augenentzündung. In den Schaukästen liegen historische Instrumente, die eher nach Folterkammer als nach Arztpraxis aussehen. Es ist ein nüchterner Blick auf die Selektion, die damals Alltag war. Die HAPAG wollte kein Risiko eingehen, denn wer in New York abgewiesen wurde, musste auf Kosten der Reederei zurücktransportiert werden. Da verstand man keinen Spaß.
Kulinarisch war die BallinStadt für viele Auswanderer übrigens ein Quantensprung. Es gab geregelte Mahlzeiten, sogar koscheres Essen für die vielen jüdischen Emigranten wurde angeboten. Das war damals weltweit einmalig und ein riesiger Pluspunkt für den Standort Hamburg. Wenn man heute durch den Bereich der Speisesäle geht, kann man fast den Geruch von billigem Eintopf und frischem Brot erahnen. Die BallinStadt war eben nicht nur ein Wartesaal, sondern ein perfekt geöltes Getriebe einer global agierenden Transportmaschine. Man fühlt sich hier manchmal wie in einem modernen Flughafen-Terminal, nur ohne Duty-Free-Shop und mit deutlich mehr existenzieller Angst im Gepäck.
Die Überfahrt und das große Finale
Haus Nummer zwei bringt einen dann endlich aufs Wasser. Hier wird die Entwicklung der Schifffahrt thematisiert. Von den hölzernen Seglern, auf denen man bei Sturm wochenlang in der eigenen Übelkeit lag, bis hin zu den schwimmenden Palästen der Kaiser-Klasse. Beeindruckend sind die Querschnitte der Schiffe. Während oben die Reichen im Frack Champagner schlürften, vegetierten unten im Zwischendeck die Auswanderer vor sich hin. Die sozialen Unterschiede waren auf dem Ozean noch schärfer gezeichnet als an Land. Besonders die originalgetreuen Nachbauten der Kabinen zeigen den krassen Gegensatz. In der ersten Klasse gab es fließend Wasser und Plüsch, in der dritten Klasse harte Pritschen und den Geruch von Meerwasser und Teer.
Was oft vergessen wird: Die Reise war mit dem Betreten des Schiffes nicht vorbei, sondern fing erst richtig an. Die seekranken Passagiere mussten die Nordsee und den Atlantik überstehen. Die Geräuschkulisse in diesem Teil der Ausstellung ist großartig gemacht. Man hört das Ächzen des Stahls, das Brechen der Wellen und das monotone Stampfen der riesigen Kolbenmaschinen. Es ist laut, es ist unruhig, und es vermittelt einen Hauch von dem Stress, dem die Menschen ausgesetzt waren. Wer schon mal bei Windstärke 8 auf der Elbe schaukelte, bekommt hier eine Ahnung davon, was zwei Wochen auf dem Nordatlantik bedeuteten. Damals gab es eben kein WLAN und kein Bordkino, sondern nur das endlose Grau des Wassers und die Hoffnung, dass die Freiheitsstatue bald am Horizont auftaucht.
Ahnenforschung und die Suche nach den Wurzeln
Der dritte Teil der BallinStadt ist für viele Besucher der eigentliche Höhepunkt, besonders wenn man aus Übersee kommt. In Kooperation mit Ancestry kann man hier in riesigen Datenbanken nach seinen Vorfahren suchen. Es ist schon ein bisschen unheimlich, wenn man einen Namen in den Computer tippt und plötzlich die digitalisierte Passagierliste von 1912 auftaucht. Da steht dann schwarz auf weiß, wie viel Geld der Urgroßvater dabeihatte, welchen Beruf er angab und wer sein Kontaktmann in Amerika war. Man sieht die krakelige Handschrift der Beamten und spürt plötzlich eine Verbindung, die über bloße Geschichtsdaten hinausgeht. Es ist dieser Moment, in dem aus Geschichte Familiengeschichte wird.
Oft sieht man hier Menschen mit Tränen in den Augen vor den Bildschirmen sitzen. Vor allem Amerikaner, die auf "Roots-Tour" durch Europa sind, finden hier das letzte Puzzleteil ihrer Herkunft. Aber auch für uns Einheimische ist es spannend zu sehen, wie mobil die Gesellschaft damals schon war. Die Welt war vernetzt, lange bevor es das Internet gab. Hamburg war die Drehscheibe, der Ort, an dem sich die Schicksale kreuzten. Wenn man nach dem Museumsbesuch wieder draußen auf dem Deich steht und auf die Elbe blickt, sieht man die modernen Containerschiffe mit ganz anderen Augen. Die BallinStadt schafft es, dieses Gefühl der Aufbruchsstimmung und der Melancholie einzufangen, ohne dabei in kitschige Nostalgie abzugleiten. Ein echtes Pfund für jeden, der Hamburg jenseits der Reeperbahn verstehen will.
Praktisches und Drumherum
Ein Ausflug zur BallinStadt lässt sich prima mit einer kleinen Radtour verbinden, wenn man über die Elbbrücken oder durch den Alten Elbtunnel fährt. Man ist zwar auf der "anderen" Seite der Elbe, aber genau das macht den Reiz aus. Hier ist Hamburg noch echt und ungeschminkt. Wer keine Lust auf S-Bahn hat, kann auch mit der Maritimen Barkassenfahrt direkt von den Landungsbrücken zur BallinStadt schippern. Das passt thematisch natürlich wie die Faust aufs Auge, da man den Weg der Auswanderer quasi auf dem Wasserweg nachvollzieht. Man schippert vorbei an den riesigen Kränen des Hafens, was die Dimensionen der Seefahrt noch einmal verdeutlicht.
Kulinarisch sollte man keine Gourmet-Wunder erwarten, aber das museumseigene Restaurant "Nach Amerika" bietet solide Kost an. Es gibt Klassiker, die gut zu einem Tag im Hafen passen. Nach dem Besuch bietet es sich an, noch ein bisschen durch das Viertel Veddel zu spazieren. Es ist ein multikulturelles Viertel mit viel Backsteincharme und kleinen Cafés, das oft unterschätzt wird. Hier sieht man, dass Ein- und Auswanderung immer noch das Gesicht der Stadt prägen. Die BallinStadt ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern ein fortlaufender Prozess, der Hamburg zu dem macht, was es heute ist: ein Tor zur Welt, das manchmal auch ein bisschen klemmt, aber immer offen steht.
Wer alles in Ruhe sehen will, sollte mindestens drei Stunden einplanen. Die Menge an Informationen und persönlichen Geschichten ist enorm. Man kann sich schnell in den Details verlieren, in den alten Koffern, den vergilbten Briefen und den Landkarten, die eine Welt zeigen, die es so nicht mehr gibt. Es ist ein Ort zum Nachdenken, zum Staunen und manchmal auch einfach nur, um dankbar zu sein, dass man heute für eine Reise in die USA nur einen Pass und ein Flugticket braucht, statt seine ganze Existenz auf eine Karte zu setzen. Ein Besuch auf der Veddel ist also nicht nur eine Geschichtsstunde, sondern auch eine Erdung für den eigenen Alltag.