Frankfurt a.M.

Vom Mehlstaub zum Scheinwerferlicht: Kultur in Frankfurts Brotfabrik

In einer alten Großbäckerei wird heute keine Hefe mehr angesetzt, sondern ein Kulturprogramm gebacken, das ordentlich Biss hat. Hier trifft Weltmusik auf Industriehistorie.

Frankfurt a.M.  |  Kultur & Unterhaltung
Lesezeit: ca. 6 Min.
Kommentare
Teilen
Facebook
Pocket
E-Mail
0
Kommentare
Facebook
Pocket
E-Mail
Zwischenablage

Wer am U-Bahnhof Industriehof aussteigt, dem weht erst einmal der herbe Wind purer Funktionalität um die Nase. Beton, breite Straßen, Zweckarchitektur der Nachkriegszeit. Doch genau hier muss man hin, wenn man das echte, das ungeschminkte Frankfurt sucht. Nur wenige Schritte von der hektischen Kreuzung entfernt, in der Bachmannstraße, duckt sich ein Gebäude aus rotem Backstein in den Schatten der Bäume. Es wirkt fast ein wenig trotzig gegenüber den modernen Glasfassaden der Umgebung. Hier steht die Brotfabrik.

Früher ratterten hier die Knetmaschinen, und der Geruch von frisch gebackenem Brot hing schwer in der Luft. Zwei Bäckereien produzierten hier im Schichtbetrieb Teigwaren für die wachsende Stadt. Das ist lange her. Seit 1981 weht hier ein anderer Wind. Eine Gruppe engagierter Leute hat damals beschlossen, dass dieser Ort zu schade für den Abriss oder Leerstand ist. Es war die Zeit, in der man Dinge einfach selbst in die Hand nahm, ohne auf den Segen der Hochkultur zu warten. Aus der Industriebrache wurde eines der wichtigsten selbstverwalteten Kulturzentren im Rhein-Main-Gebiet. Man merkt das bis heute. Der Putz ist nicht überall perfekt, und das ist auch gut so. Es riecht nicht nach sterilem Museum, sondern nach Arbeit, nach Geschichte und nach unzähligen durchtanzten Nächten.

Du betrittst den Innenhof und fühlst dich sofort wohl. Es hat etwas Dörfliches, obwohl wir uns mitten in einem Gewerbegebiet befinden. Im Sommer sitzen die Leute draußen, Stimmen wirren durcheinander, Gläser klirren. Es ist dieser spezielle Vibe, den man in den aufpolierten Ecken der Innenstadt oft vergeblich sucht. Hier geht es nicht ums Sehen und Gesehenwerden. Hier geht es um die Sache.

Kurz & Kompakt
  • Hinkommen: Am besten mit der U6 oder U7 bis zur Haltestelle "Industriehof / Neue Börse". Von dort sind es nur ca. 3 Minuten zu Fuß die Bachmannstraße entlang. Parkplätze sind abends rar, Öffis sind die schlauere Wahl.
  • Essen & Trinken: Das Restaurant "KP-21" (oft noch als Mélange bekannt) ist direkt im Gebäude. Reservierung an Konzertabenden dringend empfohlen. Im Sommer ist der Innenhof ein Traum.
  • Programm-Tipp: Wer offen für Neues ist, besucht die Reihe "Weltmusik in der Brotfabrik". Hier treten oft Künstler auf, die in ihrer Heimat Superstars sind, hier aber noch als Geheimtipp gelten.
  • Umgebung: Perfekt kombinierbar mit einem Spaziergang im Niddapark oder einem Abstecher zum Brentanobad im Sommer (Frankfurts größtes Freibad).

Weltmusik ohne Ethno-Kitsch

Musikalisch lässt sich die Brotfabrik schwer in eine Schublade stecken, und genau das macht den Reiz aus. Wenn du auf den Spielplan schaust, findest du eine Mischung, die auf den ersten Blick wild wirkt, aber bei genauerem Hinhören absolut Sinn ergibt. Ein Schwerpunkt liegt eindeutig auf dem, was man gemeinhin als Weltmusik bezeichnet. Aber Vorsicht, hier wird nicht das Klischee vom trommelnden Exoten bedient. Die Booker der Brotfabrik haben ein Händchen für Qualität. Da steht dann eine Fado-Sängerin aus Lissabon auf der Bühne, die den Saal in melancholisches Schweigen hüllt, und am nächsten Tag bringt eine Brass-Band vom Balkan den Putz von der Decke.

Der große Saal ist das Herzstück. Mit seiner Kapazität ist er groß genug, um bekannten Namen eine Bühne zu bieten, aber klein genug, dass der Schweiß der Musiker fast bis in die erste Reihe spritzt. Die Akustik ist erstaunlich gut für einen Raum, der ursprünglich für Mehlsäcke konzipiert war. Hohe Decken, industrielle Trägerkonstruktionen. Es hallt nicht unangenehm, der Sound ist meist trocken und direkt. Wer Jazz mag, kommt hier ebenfalls auf seine Kosten. Aber auch hier gilt: Eher der avantgardistische, der moderne Jazz findet hier statt, weniger der angestaubte Swing für den Sonntagsbrunch.

Besonders spannend sind die Abende, an denen lokale Bands auftreten. Die Frankfurter Szene ist lebendiger, als viele Außenstehende glauben, und die Brotfabrik ist oft das Wohnzimmer für diese Künstler. Man kennt sich, man grüßt sich mit einem simplen "Gude", und nach dem Konzert steht der Bassist oft noch am Tresen und trinkt ein Bier mit dem Publikum. Diese Nahbarkeit ist keine Masche. Das ist hier einfach so.

Theater, das aneckt

Neben der Musik spielt die darstellende Kunst eine massive Rolle. Das Programm ist oft mutig. Hier wird kein gefälliges Boulevardtheater gespielt, bei dem man sich entspannt zurücklehnen kann, um den Kopf auszuschalten. Oft sind es freie Gruppen, die hier gastieren, oder satirische Programme, die den Finger tief in die Wunden der Gesellschaft legen. Kabarett hat in der Brotfabrik Tradition. Wer feinen Humor mit politischer Schärfe mag, sollte den Kalender im Auge behalten.

Es gibt in der Halle auch eine zweite, kleinere Bühne. Das Studio. Hier ist alles noch intimer. Experimentelle Stücke, Lesungen oder Newcomer-Konzerte finden hier statt. Man sitzt auf einfachen Stühlen, die Luft wird schnell warm, die Konzentration ist greifbar. Es erinnert ein wenig an die Kellerclubs von früher, nur eben über der Erde. Oft geht man mit mehr Fragen raus, als man reingekommen ist. Das ist durchaus beabsichtigt. Kunst soll hier nicht nur dekorieren, sie soll anregen.

Kulinarik zwischen den Takten

Ein leerer Magen ist kein guter Zuhörer. Das wissen auch die Macher der Brotfabrik. Angeschlossen an den Kulturbetrieb ist das Restaurant "Mélange". Der Name ist Programm. Die Küche ist so vielfältig wie das Bühnenprogramm. Es ist keine reine Konzertgastronomie, wo man schnell eine Brezel auf die Hand bekommt. Man kann hier richtig essen. Und zwar gut. Die Karte wechselt, aber der Einschlag ist oft mediterran oder international inspiriert. Es lohnt sich, früh genug zu kommen, um vor dem Konzert noch einen Tisch zu ergattern.

Die Atmosphäre im Restaurant spiegelt den Rest des Hauses wider. Alte Holztische, zusammengewürfeltes Mobiliar, warmes Licht. An den Wänden hängen oft wechselnde Ausstellungen lokaler Künstler oder Fotografen. Man kommt schnell ins Gespräch mit dem Tischnachbarn. "Was guckst du dir heute an?", ist der klassische Eisbrecher. Nicht selten sitzt man nach dem Essen noch lange da, obwohl das Konzert im Saal nebenan schon fast beginnt. Der Service ist in der Regel flott und herzlich, auch wenn es an vollen Abenden mal etwas chaotisch zugehen kann. Aber hey, wir sind in einer alten Fabrik, nicht im Grand Hotel.

Hausen und der Industriehof: Ein Spaziergang der Gegensätze

Wer den Besuch in der Brotfabrik plant, sollte ein bisschen mehr Zeit mitbringen und die Umgebung erkunden. Der Stadtteil Hausen ist ein kurioses Pflaster. Auf der einen Seite der Industriehof, ein Relikt der Nachkriegsplanung, das heute teilweise unter Denkmalschutz steht. Die Architektur ist brutal, kantig und auf eine seltsame Art faszinierend. Wenn die Sonne tief steht und lange Schatten über den Beton wirft, hat das durchaus fotografischen Reiz.

Nur ein paar Meter weiter ändert sich das Bild komplett. Die Nidda fließt praktisch hinter dem Haus vorbei. Der Niddapark ist die grüne Lunge im Frankfurter Norden. Vor dem Konzert noch eine Runde am Flussufer drehen, den Enten zusehen oder einfach ins Grüne starren – das erdet ungemein. Der Kontrast könnte härter nicht sein: Hier das Rauschen der Bäume und das Plätschern des Wassers, dort der Bass, der durch die Backsteinmauern wummert. Diese Dualität macht den Standort so speziell. Man ist in der Stadt, und doch irgendwie draußen.

Schreibe einen Kommentar
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.
 
Du 

Bisher keine Kommentare
Entdecke mehr:
Nach oben scrollen